Dokumentiert:
Impulsreferat von Felix Genn: Umgang mit den Umbrüchen unserer Zeit
Bistum. Bischof Felix Genn hat am 3. Juni 1997 ein Impulsreferat zum Thema "Was der Geist den Gemeinden sagt" auf der Bistums-Dechantenkonferenz in der Katholischen Akademie Trier gehalten; damals war er noch Regens am Studienhaus St. Lambert in Burg Lantershofen. – kirchensite.de dokumentiert auf Grund aktueller Aussagen von Bischof Genn die schriftliche Fassung des Vortrags.
"Spiritualität" als Thema in einer Situation des Umbruchs, angesichts der Finanzkrise, im Blick auf Orientierungsrahmen für die Stellenbesetzung, in der Diskussion um Strukturpläne für die Jahre nach 2000 – klingt das nicht in höchstem Maß ideologieverdächtig? Angesichts bedrückender Zahlen, angesichts von mehr Fragen als Antworten, angesichts von Spannungen, Ängsten, Resignationen und Aggressionen – soll da jetzt die Spiritualität her? Und muss sich dazu nicht ein Referent überfordert fühlen, wenn ihm als Thema gestellt ist: "...was der Geist den Gemeinden sagt" – Umgang mit Umbrüchen aus dem Geist Jesu Christi?
Es ist völlig klar, dass niemand heute erwartet, wie ein Prophet oder gar ein Guru die Lösung aus der Tasche hervorzuzaubern. Wohl aber kann der Eindruck entstehen: wenn eine Bistumsleitung sich nichts mehr einfallen lässt, hebt sie Spiritualität auf den Schild, und zwar im Sinn eines Appells, mehr zu beten, frömmer zu sein und die Dinge des Alltags nicht so wichtig zu nehmen. Vielleicht denkt auch manch einer, es sollte zu Einschränkung und Sparsamkeit als moralischen Werten ermahnt werden, als ob die Diskussion über die finanzielle Situation spirituell und moralisch abgespolstert werden müsse. Dies sei hier erwähnt, weil im Hintergrund mancher Kontroversen eine Auffassung von Spiritualität steht, die Spiritualität als einen Sektor der Wirklichkeit bezeichnet: Sie sei Frömmigkeit, sie beschäftige sich mit den Weisen des Betens, sie sei ein Teil der Moral, vielleicht sogar der wichtigste.
Pater Georg Mühlenbrock hingegen, ein Altmeister christlicher und priesterlicher Spiritualität, hat diesen erst in der Neuzeit aufkommenden Begriff einmal auf die Formel gebracht: "Spiritualität ist gläubiger Umgang mit der Wirklichkeit".
Das aber bedeutet: Spiritualität will die Dinge nicht zudecken, sondern offen ansprechen. Sie hebt nicht von der Wirklichkeit ab, sondern verlangt gläubigen Umgang mit der Wirklichkeit, aber eben mit der Wirklichkeit. Anders ausgedrückt: Der Glaube ist das Vorzeichen vor der Klammer aller Wirklichkeit.
1. Wahrnehmen der Realität
Gläubiger Umgang mit der Wirklichkeit heißt, sie im ursprünglichen Sinn des Wortes wahrzunehmen: eine Situation als wahr nehmen, als wahr annehmen, sie anschauen, ohne sie direkt zu bewerten, zu interpretieren, herunterzuspielen oder zu deuten. Hinzuschauen auf das, was ist; freilich im Bewusstsein, dass all meine Wahrnehmung von einer Unschärferelation bestimmt wird. Das heißt: Ich bin zugleich Zuschauer und Mitspieler. Aber auch diese Unschärfe gehört zu meiner Wirklichkeit, so dass ich nur im Zusammenschauen und im Zusammentragen der verschiedenen Aspekte überhaupt erst einigermaßen wirklichkeitsgemäß wahrnehmen kann: eine geistliche Aufgabe, ohne die jeder zweite oder dritte Schritt überflüssig ist.
Heinz Schürmann hat in "Zehn Thesen zur Diskussion über die Situation der Kirche" festgestellt: "Die heutige Krise der Kirche in der modernen Welt dürfte die größte seit zweitausend Jahren sein".(1) In der Tat: Vielleicht war noch nie ein Umbruch in der Kirchengeschichte von einem solch säkularen Ausmaß wie der unsrige. Daran vorbeizusehen, wäre geradezu ungeistlich. Die Frage ist allerdings, wie wir damit umgehen; und das ist der nächste Schritt.
Im Blick auf die Realitäten gehört es aber auch zur Wahrheit, die Wirklichkeit in den Blick zu nehmen, die die Ur-Kunde unseres Glaubens darstellt. Ohne einen Blick auf die Heilige Schrift ist Urteilen und Handeln für pastorale Mitarbeiter und als Kirche in unserer Zeit nicht möglich. Schärfer ausgedrückt: Soll das Geld uns bestimmen? Soll das Geld unsere Planungen und Überlegungen so treiben, dass im Jahr 2005 Kirche ganz anders aussieht? Oder treibt uns Gottes Geist? Aber was sind seine Lösungen? Sind nur solche Lösungen vom Geist gewirkt, die uns im Augenblick einfallen, die technischer und organisatorischer Natur sind, die Pläne entwickeln, Verwaltungsrichtlinien formulieren können? Blicken wir auf Managementlehren, oder hören wir auf den Geist Gottes? Ich sage: "Schärfer formuliert" – das kann immer nur im Sinn holzschnittartiger Überspitzungen geschehen.
Sind die Lösungen die, die uns unmittelbar einfallen und die wir seit Jahren diskutieren? Ist der Geist blockiert, weil die Kirche das Frauenpriestertum nicht zulässt und den Zölibat nicht aufhebt? Müssen wir wirklich einfach anfangen und es von uns aus machen, bis die Institution Amtskirche nachkommt? Ist das geistlich? Warum geht es denn nicht weiter? Nur weil einzelne noch schwach sind und die unterdrücken, die sich als Starke im Glauben wissen? Wer ist stark, wer ist schwach? Ist das so ohne weiteres zu sagen? Es ist schwierig, zu hören, was der Geist den Gemeinden sagt.
Zu hören, was der Geist den Gemeinden sagt, kann nicht geschehen, wenn wir uns nicht von der Heiligen Schrift her die Fähigkeit zurückgeben lassen, aus der Bezeugung des Auferstandenen, aus dem Blick auf den lebendigen Gott, der in Jesus Christus uns bis zur Vollendung der Welt nahe ist, also durch die Führung seines Geistes zu erkennen, worauf es heute ankommt.
Mit anderen Worten: Indem wir von der Ur-Kunde unseres Glaubens hören, stellen wir unseren Jetzt-Punkt in einen größeren Horizont und erweitern uns selbst, lösen uns von der Fixierung auf den wahrlich nicht leichten Augenblick unserer gegenwärtigen Weltstunde und sensibilisieren uns dafür, unterscheiden zu lernen, um entscheiden zu können. Nur kleine Streiflichter können hier angedeutet werden. Inneres Movens der folgenden Ausführungen ist die persönliche Frage, die ich mir bei der Lektüre der Apostelgeschichte oft gestellt habe: Was bedeuten die Bemerkungen, der Heilige Geist habe eine bestimmte Reiseroute der Apostel nicht erlaubt, oder sogar verwehrt? Wie soll man sich das vorstellen? Ähnliches lässt sich mit einem Beispiel aus der Gegenwart veranschaulichen. Johannes XXIII. hat einmal erzählt, er habe eine innere Gewissheit erlangt, das Konzil einzuberufen. Es sei ihm klar geworden: "Sume Concilium, coge Concilium".(2)
Wie findet ein Mensch zu einer solchen inneren Gewissheit, ohne dass gleich an Auditionen und visionäre Ereignisse gedacht werden muss? Werfen wir zunächst einmal einen Blick in die Schrift und die Tradition der Kirche.
2. Blick auf Schrift und Tradition
2.1. Erfahrungen aus der Apostelgeschichte
Beim Anschauen der Apostelgeschichte waren die Anregungen von Carlo Maria Martini in seiner geistlichen Deutung dieses Buches eine besonders wertvolle Hilfe.(3) Die Tatsache, dass der dritte Evangelist die Geschichte des Lebens Jesu mit den Taten der Apostel weiterschreibt, ist für eine spirituelle Betrachtung von Wirklichkeit bereits bedeutsam. Lukas bekennt mit seinem Doppelwerk, dass alle menschliche Situation auch nach Tod und Auferstehung Jesu Christi, wie sie sich in der Jünger-Gemeinde abspielt, geprägt ist von der Führung durch den Heiligen Geist, dass Kirchengeschichte immer unter dem Augen-Blick des Wirkens Gottes selbst steht, dass Gott sowohl in Jesus von Nazareth als auch in seiner Kirche durch den Heiligen Geist handelt, mögen die Verhältnisse noch so kompliziert, noch so konfliktträchtig, noch so spannungsgeladen, ja, geradezu von Schuld und "Ungeist" geprägt sein. Wahrscheinlich ist diese lukanische Schrift in einer hellenistischen Umwelt entstanden, bei Gemeinden, die von Jerusalem, vom Ursprungsort des Christentums, weit entfernt sind. Dies ist nicht nur geographisch gemeint; denn diese Entfernung betrifft vor allem die innere Bindung an die Herkunft aus dem Judentum.
Diese hellenistisch geprägten Gemeinden leben in der Sorge, ob sie mit der inneren Distanz zum Ursprung aus dem Judentum wirklich auf dem richtigen Weg sind. Sie stehen unter der Frage, ob ihre Weise, als Christen zu leben, die Jesus gemäßere, oder ob ihr Weg sektiererisch und abspaltend ist. So können wir die Spannungen, Zweifeln und Hoffnungen verstehen, von denen die Apostelgeschichte erzählt. Sie berichtet Knotenpunkte des Übergangs von der innerjüdischen Mission zur Heidenmission.
Einige Stichworte sollen den inneren Gehalt dieses Werkes systematisch zusammenfassen:
2.1.1 Die Kirche hat einen klaren Auftrag und ein Ziel
Jesus gibt ihr bei der Himmelfahrt die Sendung, in der Kraft des Heiligen Geistes seine Zeugen zu sein in Jerusalem über Judäa und Samarien bis zu den Grenzen der Erde (vgl. Apg 1,8). Dieses Ziel wird gerade in Bedrägnissen einzelner, wie Stephanus und Paulus zum Beispiel, klar formuliert: In seiner letzten Stunde sagt Stephanus, als er Jesus zur Rechten des Vaters sieht, er sehe den Menschensohn zur Rechten Gottes (Apg 7,55-56). Lukas macht einen Unterschied in der Formulierung: Jesus sitzt zur Rechten des Vaters, Stephanus aber sagt, er sehe den Menschensohn zur Rechten Gottes. Das bedeutet: Er sieht Jesus als den, der zusammen mit seinen Heiligen kommt. Das ist der Menschensohn. Das ist zugleich der Herr der Kirche. Oder anders gesagt: Das ist der Entwurf von Kirche, wie Gott ihn gewollt hat, und diesen Entwurf trägt Stephanus im Herzen. Über seine augenblickliche Situation hinaus sieht er, dass das Werk Gottes, das die Kirche verkörpert, seinen Platz zur Rechten des Vaters hat.
Paulus sitzt in Rom – und dies ist der Schluss der Apostelgeschichte – in einer Mietwohnung, als Gefangener (angesichts der heutigen römischen Basiliken muss man sich das Wort von der Mietwohnung ein wenig auf der Zunge zergehen lassen!). Er empfängt alle, die zu ihm kommen. Obwohl er in Fesseln ist, heißt das letzte Wort der Apostelgeschichte: "Er verkündete das Reich Gottes und lehrte das über den Herrn Jesus Christus mit allem Freimut ungehindert" (Apg 28,31). In seiner bedrängenden Situation ist ihm das Ziel klar: "das" von Jesus Christus zu verkünden und darin das Reich Gottes.
2.1.2 Kirche erlebt ihren Abstand von ihrer Sendung
Trotz dieses Ziels und trotz des klaren Auftrags des Herrn gibt es in der Kirche des Anfangs bemerkenswerte Verspätungen. Nach dem Pfingstereignis bleibt man einfach in Jerusalem sitzen, die Apostel bewegen sich buchstäblich nicht von der Stelle. Selbst als die Verfolgung nach der Steinigung des Stephanus ausbricht, muss man es zu einem späteren Zeitpunkt die Apostel nach Samarien holen. Man könnte mit Martini von einem Narzißmus der Jerusalemer Gemeinde sprechen.(4) Aber genau das ist die Situation: Sollen Heiden in die Kirche aufgenommen werden? Nachdem Petrus den Kornelius getauft hatte, erfährt er bei seiner Rückkehr nach Jerusalem Unverständnis und Misstrauen (vgl. Apg 11,2-3). In Antiochien verkündet man zunächst nur das Wort den Juden. Man bleibt unter sich (vgl. Apg 11,19). Und wie oft ist schon der Konflikt zwischen Petrus und Paulus in Antiochia bedacht worden, von dem Paulus im Galaterbrief berichtet (vgl. Gal 2,11-14)!
2.1.3 Es gibt geradezu "Ungeist" in der Gemeinde
Vieles ließe sich auflisten: Berechnungen, zum Beispiel das Verhalten des Hananias und der Saphira (5,1-11), das Murren der Hellenisten gegen die Hebräer bei der täglichen Versorgung der Witwen (vgl. 6,1), der Neid gegen den Konvertiten Paulus (9,26) – manche meinen, dass die Bemerkung über den Frieden, den die Kirche hat, auch ironisch gemeint sein könnte: Als der Konvertit Paulus von Jerusalem nach Tharsus gebracht ist, hat die Kirche in ganz Judäa, Galiläa und Samarien Frieden (vgl. Apg 9,31)! Oder denken wir an persönliche Differenzen zwischen den Missionaren Barnabas und Paulus um Johannes Markus. Schließlich kommt es zur Trennung zwischen denen, die ursprünglich so eng verbunden waren (vgl. Apg 15,36-41). Am treffendsten ist wohl die Erfahrung des "Ungeistes" in der Geschichte von Hananias und Saphira zum Ausdruck gebracht: "Warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst?" (5,3).
2.1.4 Der Geist führt und hilft unterscheiden
In dieser Situation wird Kirche erlebt, aber nicht nur im "Ungeist", im Abstand, in der Verzögerung, sondern unter der Führung des Heiligen Geistes. Er ist es, der Petrus darauf hinstößt, auch den Heiden Kornelius in die Kirche aufzunehmen. Er ist es, der durch die Großherzigkeit des Barnabas die Gemeinde dazu bereitet, den verdächtigen Saulus als Bruder anzuerkennen. Er ist es, der neben den vielen handelnden Personen die eigentlich handelnde Person ist. Er hilft zur Unterscheidung. Im Gebet wird Petrus klar, was das Ziel der Kirche ist, dass er hinaus muss zu den Heiden, und dass er es sich nicht in der Mittagsstunde auf dem Dach wohlergehen lassen kann. Der Geist wählt die Missionare aus, wie es heißt: "Als sie zu Ehren des Herrn Gottesdienst feierten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Wählt mir Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie mir berufen habe" (13,2).
Er ist es sogar, der die Reiseroute bestimmt: "Weil ihnen aber vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort in der Provinz Asiens zu verkünden, reisten sie durch Phrygien und das galatische Land. Sie zogen an Mysien entlang und versuchten, Bithynien zu erreichen; doch auch das erlaubte ihnen der Geist Jesu nicht" (16,6-7). Und Frucht dieses Verwehrens ist die Missionierung Europas. Selbst Paulus, der schon einen weiten Geist hatte, muss noch durch ein Traumgesicht dahin geführt werden. Er sieht den Mazedonier, der ihn bittet, herüberzukommen und ihnen zu helfen (vgl. 16,9).
Dieser Geist führt in den Spannungen zusammen, so dass schließlich in der heftigen Auseinandersetzung auf dem sogenannten Apostelkonzil in Jerusalem die Formel lauten kann: "Es erschien nämlich dem Heiligen Geist und uns" (15,28) – und dann folgen die Beschlüsse dieser Versammlung.
2.1.5 Führung im Heiligen Geist als "Überstieg"
Die Führung durch den Heiligen Geist ist keineswegs konfliktfrei. Als Paulus von den Ältesten der Gemeinde von Ephesus in Milet Abschied nimmt, sagt er, er ziehe nach Jerusalem "gebunden im Geist" (20,22). In Zypern warnen ihn die Jünger "auf eine Eingebung des Geistes hin", nach Jerusalem zu gehen (21,4). Spricht hier Geist gegen Geist? Spricht einmal der Geist und dann wieder der "Ungeist"?
Paulus redet sich nicht heraus, er setzt auch keine Kommission ein, er schleicht sich auch nicht heimlich davon. Vielmehr greift er das Anliegen der Gemeinde auf, er sieht das Gute, das aus ihren Worten spricht. Gleichzeitig erklärt er seine Bereitschaft, sich für Jesus fesseln zu lassen und zu sterben. Er erkennt die Liebe und das rechte Anliegen seiner Mitchristen als eine Frucht des Geistes an, sieht aber in seiner Bereitschaft zum Martyrium keineswegs den "Ungeist" am Werk. So lässt die Gemeinde ihn ziehen mit der Bemerkung: "Der Wille des Herrn geschehe" (21,14). Das heißt also: Es wird um eine Entscheidung im Geiste gerungen, und das je Eigene wird noch einmal "überstiegen" in das, was der Herr plant, und das kann dann auch offenbleiben; aber es lässt weitergehen.
2.1.6 Kirche erfährt immer auch Leiden
Die Kirche der Apostelgeschichte ist eine Kirche, in der es in der Nachfolge des Gekreuzigten und Auferstandenen Leiden gibt. Wir brauchen nur noch einmal auf Stephanus zurückzugreifen und an Paulus in seiner Gefangenschaft zu denken. Am treffendsten haben die Missionare es selbst ausgedrückt mit den Worten: "Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen" (14,22).
Wiederholen wir nochmals die Momente, die für unsere Betrachtung aus der Perspektive der Apostelgeschichte bedeutungsvoll erscheinen:
- Die Kirche hat einen klaren Auftrag und ein Ziel
- Kirche erlebt ihren Abstand von ihrer Sendung
- Es gibt geradezu "Ungeist" in der Gemeinde
- Der Geist führt und hilft unterscheiden
- Führung im Heiligen Geist als "Überstieg"
- Kirche erfährt immer auch Leiden
2.2 Erkenntnisse aus der Offenbarung des Johannes
Das Motto dieses Artikels ist der Geheimen Offenbarung des Johannes, speziell den sieben Sendschreiben entnommen. Einige Hinweise aus der Lektüre dieser neutestamentlichen Schrift mögen den Gedankengang vertiefen. In ihr sind Gemeinden in Kleinasien angesprochen. Ihre Realität ist von Verfolgung und Bedrängnis geprägt. Diese Bedrängnis steht in Spannung zu ihrem Glauben – auch das gehört zu ihrer Wirklichkeit. So kann dieses letzte Buch der Bibel unter der Fragestellung gelesen werden: Warum greift der liturgisch so hochgepriesene Christus in der Situation der Gemeinden nicht ein? Die Realität des Leidens und die Realität, dass dieses Leiden in Spannung zur Glaubenswirklichkeit steht, sind charakteristisch für die Ausführungen der "Offenbarung". In gewaltigen Bildern werden die Bedrängnisse beschrieben. Dabei wird jede der sieben Gemeinden je individuell und persönlich in ihrer besonderen Situation angeschaut. So ist eben Ephesus eine eher konventionelle Gemeinde, die in einer erdrückenden heidnischen Umwelt des Kultes der Artemis lebt, anders anzusprechen als Sardes, die gewissermaßen eine schlafende Gemeinde darstellt, weil sie die Stadt des Krösus ist, in der ein bedeutender Wollhandel betrieben wurde und die sich deshalb durch besonders großen Wohlstand auszeichnet. Philadelphia, eine entschieden-selige Gemeinde – der Name sagt schon sehr viel –, eine kleine aus Sklaven und Kleinhändlern besehende Gemeinde, die allerdings von den Juden sehr bedrängt wird, befindet sich in einer anderen Situation als Laodizea, die wahrhaftig nicht nur die letzte Gemeinde in der Abfolge der Sendschreiben, sondern in der Tat die letzte Gemeinde ist. Sie verdient offensichtlich kein Lob, weil sie sich als reich ansieht – und das gilt nicht nur für ihre heidnische Umwelt, sondern auch für die Christengemeinde. Ihr muss gesagt werden, dass gerade sie elend und erbärmlich ist, arm, blind und nackt, obwohl in ihr eine bedeutende Textilindustrie blüht, das Bankwesen stark ist und Ärzteschulen großes Ansehen genießen. Aber eben deshalb muss sie aufgefordert werden, vom Herrn her Gold zu kaufen, damit sie reich wird, vom Herrn her sich weiße Kleider anzuschaffen, damit sie nicht nackt dasteht, und vom Herrn sich Salbe für die Augen geben zu lassen, damit sie sehen kann.
Der Blick auf die Realität der jeweiligen Gemeinde ist zugleich ein Blick auf ihre Not wie auf ihren Abstand von der Botschaft. Die Bedrängnis, die Macht des Bösen wird von außen wie von innen her gesehen. Kein Buch der Bibel hat in einer solch massiven Weise die Realität des Bösen dargestellt: Die Faszination durch die Zahl – das Tier trägt die Nummer 666 (Offb 13,18), das Staunen vor dem, was das Tier alles vermag: Es hat zunächst eine tödliche Wunde, die aber geheilt wird, und die ganze Erde sieht dem Tier staunend nach (13,3), schließlich das Bild vom Drachen, der der Frau – Kirche nachstellt.
In der Bedrängnis dieser Gemeinden findet man den Grundzug der Apokalyptik, alles von Gott zu erwarten und doch nicht aus der Verantwortung entlassen zu werden, im christlichen Gewand: Die wahre Situation der Christen besteht darin, dass die Drangsal nicht das Letzte und Entscheidende ist, weil hinter ihr eine antigöttliche Macht steht, die Christus besiegt hat. Indem die Apokalypse wahrhaftig die eigentlichen Mächte enthüllt, kann sie die Gemeinde bewahren, sich von Gott und Christus loszusagen; denn ihm gehört die Macht: "Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist jeweils den Gemeinden sagt" (Offb 2,7.11.17.29;3,6.13.22). Er weist sie hin in ihrem augenblicklichen Jetzt auf den größeren Horizont, auf Christus, der freilich als Lamm nur deshalb das Buch mit den Sieben Siegeln öffnen und die Welträtsel lösen kann, weil er noch am Thron der erhabenen Herrlichkeit aussieht wie geschlachtet und eine Wunde trägt (5,1-6). Ihm gehört die Braut, die neue Stadt, das neue Jerusalem, die Gemeinschaft der Heiligen, die Kirche. Seine Urteile sind schließlich wahr und gerecht (19,2). Sich ihm zuzuwenden, bedeutet Umkehr in diesen Horizont und damit in den eigenen Auftrag und die eigene Sendung. Es ist die Umkehr zu dem, der einlädt, der an der Tür steht und anklopft, damit man ihm öffne und er eintreten und Mahl halten kann.
Zwei unterschiedliche Kirchensituationen in hellenistischen Gemeinden zu unterschiedlichen Zeiten, verbunden durch das eine: das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, dass Christus es ist, der die Gemeinden, die Kirche, in seiner Rechten hält und inmitten der sieben Goldenen Leuchter – Bild für die Kirche – einhergeht (Offb 1,13.16;2,1), geprägt von der Verheißung: "Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt" (Offb 1,17-18). Es ist derselbe Herr, der dem Paulus der Apostelgeschichte in Korinth in seiner depressiven Situation sagt: "Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht. Denn ich bin mit dir, niemand wird dir etwas antun. Viel Volk nämlich gehört mir in dieser Stadt" (Apg 18,9-10). (5)
2.3 Ein Beispiel aus der Kirchengeschichte
Die Überlegungen sollen mit einem Hinweis auf den heiligen Ignatius von Loyola abgerundet werden. Dieses Beispiel ist nicht willkürlich gewählt. Selbstverständlich könnte man auf viele kirchengeschichtliche Epochen eingehen, könnte man schauen, wie der heilige Alfons, die heilige Teresa von Avila, wie Hildegard von Bingen oder Benedikt von Nursia auf die Fragen ihrer Zeit geantwortet haben.
Ignatius lebte zu Beginn der Neuzeit; für sie ist es charakteristisch, aus dem Ordo des Mittelalters auszubrechen und die Eigenständigkeit des Subjekts zu betonen: "Ich denke, also bin ich." "Wie finde ich einen gnädigen Gott?" Das Ich blieb nicht mehr eingebunden in einen großen Zusammenhang, sondern verlangte danach, seinen eigenen Weg zu suchen, für sich selbst zu stehen. Ignatius griff vor allem diese Siutation auf. Ihm geht es in der Tat darum, was der einzelne – wozu sonst die geistlichen Übungen der Exerzitien? - das findet, was für sein Leben vom Herrn her gewollt ist. So soll der Beter zu Beginn jeder Betrachtung erbitten, was er begehrt: "Ich bitte darum, was ich begehre." (Id quod volo – ist ein wichtiges Wort der ignatianischen Exerzitien.) Aber dieses Ich steht letzten Endes nicht für sich allein, sondern es fügt sich ein in den Heilsplan Gottes, der durch die Kirche sichtbar wird.
Dies ist an der Biographie des Heiligen selbst abzulesen. Er hat für sich eine Entdeckung gemacht, dem Willen des Herrn zu folgen, und er stellt sich auf diesem Weg für den Dienst des Herrn der Kirche zur Verfügung. Nicht auf eigene Faust geht er mit seinen Gefährten ins Heilige Land – das sah er als seine eigentliche Berufung an –, sondern er unterstellt sich dem Willen des Papstes, in dem er den Stellvertreter Christi sieht.
Im Jahr 1538 gründet er die Gesellschaft Jesu, zu einer Zeit, da die Kirche eine wahrhaft marode Gestalt hat. Vier Wochen, nachdem Papst Paul III. die Gründungsurkunde der Societas Jesu unterzeichnet hat, wird im Vatikan in einem rauschenden Fest die Hochzeit des Enkels Pauls III., Ottavio, mit Margaretha von Österreich gefeiert. Für Ignatius ist der Blick auf das Jetzt nicht das letztlich Entscheidende, sondern er stellt es in den größeren Horizont der Sendung der Kirche. In sein Exerzitienbuch nimmt er Regeln auf, die er Jahre vorher formuliert und denen er den Titel gegeben hat: "Regeln, um das wahre Fühlen zu erlangen, das wir in der diensttuenden Kirche haben sollen" (EB 352-370).(6) Zunächst stellt er zehn Regeln auf, was alles zu loben ist. Kirche ist für ihn die Gemeinschaft derer, die sich freuen können über die Gabe Gottes, die ihnen in Christus durch seinen Geist zuteil wurde. Deshalb war für ihn nicht das Tadeln das Erste, sondern das Loben. Provokant! Wahrscheinlich würden wir eher zehn Regeln aufstellen, was zu tadeln wäre, weil es in der Kirche so aussieht, wie es manchmal aussieht, und wir vom Heiligen Geist etwas anderes erwarten.
Aber Ignatius war geprägt von der Überzeugung: "dass zwischen Christus, unserem Herrn, und der Kirche der gleiche Geist waltet, der uns zum Heil unserer Seelen leitet und lenkt, weil durch denselben Geist unseres Herrn, der uns die Zehn Gebote erließ, auch unsere heilige Mutter, die Kirche, gelenkt und regiert wird" (365). Er war davon überzeugt, dass es der eine Geist ist, der den einzelnen lenkt, der die Heilsgeschichte führt, der die Kirche leitet. Dabei war er sich bewusst, dass das Spannung beinhaltete. Aber für ihn sind Christus und Geist nicht zu trennen.
Indem er sich aber vom Heiligen Geist, der uns und die Kirche leitet und lenkt, führen lässt, kommt es ganz selbstverständlich immer wieder zu Spannungen, zwischen ihm und dem Papst, zwischen ihm und seinen Mitbrüdern sowie zwischen den Mitbrüdern untereinander, Spannungen freilich, die deshalb fruchtbar gemacht werden und nicht in einen zerstörerischen Konflikt und in Spaltung ausarten, weil man sich immer wieder auf den Herrn zurückbesinnt und das je Eigene noch einmal überstiegen wird im Sinn der Apostelgeschichte: dass einzig der Wille des Herrn geschieht.
Die Beratungen, die die ersten Jesuiten für die nähere Ausgestaltung der Gemeinschaft geführt haben, sind in den letzten Jahrzehnten als eine fruchtbare Quelle entdeckt worden, wie auch heute noch Entscheidungsfindung geistlich in Gemeinschaft geschehen kann, nämlich:
- weil die Wirklichkeit angeschaut wird, wie sie ist;
- weil ein klares Ziel im Ja für die Kirche und die jeweilige Sendung vor Augen steht;
- weil die Wirklichkeit, wie sie ist, in den größeren Horizont dieses Ziels der Kirche, der Verkündigung des Reiches Gottes, gestellt und von ihm überstiegen wird;
- weil der Respekt vor der Führung des Heiligen Geistes, der die Kirche und jeden einzelnen zum Heil der Seelen lenkt, ganz ernst genommen wird.
Grundlegend bleibt vom Exerzitienbuch her für eine solche geistliche Entscheidungsfindung in Gemeinschaft der Satz: "Dass jeder gute Christ mehr bereit sein muss, eine Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verdammen" (EB 22).
3. Konkretionen in unserem Heute
Nach diesem längeren Ausblick in Texte der Heiligen Schrift und auf ein Beispiel aus der Kirchengeschichte möchte ich wieder in unsere Gegenwart zurückkommen. Unsere Pastoral – schon das Wort sagt genug – ist geistliches Tun. Unter der Führung des Heiligen Geistes sollen die Priester, wie sie bei ihrer Weihe erklären, gewissenhaft die Herde Christi leiten. Unter der Führung des Heiligen Geistes leiten – da kann Pastoral nur ein geistliches Tun sein. Sie ist geistliches Tun, weil Glaube und Verkündigung des Reiches Gottes der Inhalt priesterlichen Wirkens ist. Deshalb kann der Gedanke, dass gerade in unserer bedrängenden Situation die Führung durch den Heiligen Geist das Entscheidende ist, doch wohl nicht etwas Fremdes sein. Im Gegenteil: Genau das ist die Hilfe, die wir brauchen.
Carlo Martini sagt es so: "Das Handeln gemäß dem Evangelium ist Frucht einer inneren Entscheidung, die im Licht einer Unterscheidung getroffen wird, welche von einer inneren Tröstung als Frucht einer Schriftbetrachtung ausgeht. Ich bete nicht, um dann besser zu handeln. Ich bete – und erkenne dann im Gebet, wie ich am besten handeln kann; ich erfahre es, ich vergleiche die verschiedenen Handlungsweisen".(7)
Um dies auf unsere Situation zu konkretisieren: Nicht das Geld, nicht der Personalmangel, auch nicht ein Struktur- und Stellenbesetzungsplan, auch nicht eine Verwaltungsrichtlinie in Form eines Orientierungsrahmens sind letzten Endes das Maßgebende, auch wenn sie im Heiligen Geist formuliert worden sind, sondern dieser Geist und die Bereitschaft, in ihm alles zu "übersteigen" in das, was der Wille des Herrn ist. Es kann sein, dass wir dann Angst bekommen, weil wir nämlich zunächst einmal mit leeren Händen dastehen, weil uns plötzlich alle Pläne, alle Programme, alle Analysen aus der Hand genommen werden können. Oder rechnen unsere Programme, unsere Analysen, unsere System- und Handlungstheorien wirklich mit Gottes Geist und auch mit dem Widerstand, der sich in unseren Herzen gegen diesen Geist regt?
Gerade wegen des Bösen, das es bei uns in vielfältiger Weise genauso wie in der Apostelgeschichte gibt, gerade wegen der Tatsache, dass das Böse unser Herz erfüllen kann, ist es wichtig, zur Unterscheidung zu kommen. Wahrheit unseres Lebens, Wahrheit unserer Situation kann nie unabhängig von Christus erkannt werden. So kann der Widerstand gegen den Geist zum Beispiel darin bestehen, dass wir unsere Mittel als die besten ansehen und deshalb dem Heiligen Geist bereits die Tür zugeschlagen wurde. Unser Widerstand kann auch darin bestehen, dass wir in Pessimismus, in Verzagtheit und Selbstzerfleischung die Situation betrachten und angehen. Nur wenn wir uns vom Geist führen lassen, so dass er uns das eine verwehren und das andere erlauben darf und indem wir im Geist das Ganze ins Gespräch bringen, finden wir in der Unterscheidung zur Entscheidung.
Freilich gehört zum Wahrnehmen der Situation auch, wahrzunehmen, welches Ziel wir wirklich vor Augen haben. Marc Twain hat einmal gesagt: "Als wir das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen."(8) Ist das bei uns etwa auch so? Welches Ziel haben wir? Wie sehe ich die Kirche? Welche Gefühle bringe ich ihr und ihrem Weg durch die Geschichte entgegen? Ist mein Gefühl für die Kirche von der Freude über die Gabe Gottes, die mir in ihr zuteil wurde, bestimmt, oder von dem Misstrauen gegenüber all dem Schlechten, das ich in ihr finde, oder von der Resignation, vielleicht doch letztlich einer verlorenen Sache zu dienen? Wie sehe ich meine Sendung, die ja ganz eng mit dem Ziel der Kirche zusammenhängt? Hänge ich einer Idee an, oder bin ich je neu geistlich zum Aufbruch bereit?
Bei Martini klingt das so: "Wer das Ziel im Blick behält, der gewinnt mehr und mehr Klarheit über die Wege, die dorthin führen. Trotz der täglichen Misserfolge, traurigen Erlebnisse, Mühen, Kritiken, trotz aller Angriffe und Schwierigkeiten wird er unterscheiden können, was diesem Ziel entspricht und was nicht; er wird erkennen, in welcher Weise er selbst an diesem Ziel teil hat."(9)
Haben wir noch den Raum, trotz all unseres Müde-Seins einzuatmen, was der Geist uns zu sagen hat? Haben wir den Raum, in dem unsere eigene Erbärmlichkeit auf das Erbarmen Gottes treffen kann? Haben wir noch die Fähigkeit, auf das zu schauen, was uns geschenkt ist, um uns unserer Sendung und dem Ziel, dem göttlichen Entwurf der Kirche, überhaupt zu stellen?
In der Apostelgeschichte ist in prägnanter Kürze das zusammengefasst. Es heißt dort: "Die Kirche also in ganz Judäa und Galiläa und Samarien hatte nun Frieden. Sie war im Aufbau und im Aufbruch in der Furcht des Herrn und wurde zahlreicher durch die Tröstung des Heiligen Geistes" (9,31). "Im Aufbau und im Aufbruch"(10): das jeweilige Werk eines Aufbaus immer noch einmal in den Aufbruch zu geben auf das hin, was der Plan Gottes will, dann ist die Tröstung des Heiligen Geistes möglich.
Wahrnehmen der Situation – Schauen auf das Ziel der Kirche und damit das Hineinstellen meiner Situation in den großen Horizont seines Werks – das Wahrnehmen der Abstände zur Botschaft und des Besetztseins vom "Ungeist" – Bereitschaft zur Führung im Heiligen Geist: Sicher erkennen wir dann, was der Geist den Gemeinden sagt. Aber das alles kann nur geschehen, indem wir kooperieren, indem wir gemeinsam überlegen, indem wir – jeder gebunden im Geist, um das paulinische Wort aufzugreifen – zusammentragen, austauschen und in der Bereitschaft bleiben, es noch einmal "übersteigen" zu lassen von ihm, vom Willen des Herrn.
Die ignatianisch-jesuitische Tradition kennt die Deliberatio communitaria.(11) Den vielen Methoden der Gesprächsführung soll damit nicht eine weitere hinzugefügt und diese nicht als die entscheidende angesehen werden. Nicht jede Pastoralkonferenz und jede Sitzung eines Pfarrverbandsrates muss nach dieser Deliberatio communitaria vorgehen. Sie ist als solche nicht einfach eine Methode im Sinn eines Programms oder einer Fertigkeit. Sie ist aber eine Hilfe, vom Unterscheiden zum Entscheiden zu kommen. Nehmen wir ein Beispiel: Es könnte sein, dass in einem Pfarrverband die Herausforderung zur Sprache kommt, die Medard Kehl so formulierte: "Die Herausforderung, von einer flächendeckenden Gemeindepastoral zu den Knotenpunkten des Lebens zu finden."(12) Was soll dann geschehen? Dies ist eine geistliche Frage. Ist das vielleicht nur eine Idee, die mich jetzt fasziniert, oder ist es unsere Situation? Und wenn dann jemand in einem solchen Pfarrverband zu der Überzeugung käme: Wenn das unser Ziel ist, kann in der einen oder anderen Kirche keine Liturgie mehr gefeiert werden. Das ist doch schlimm. Das ist in der Tat schlimm. Aber ist es so schlimm? Hier könnte eine solche Deliberatio communitaria durchaus eine Hilfe sein.
Ignatius kennt zwei Formen: Das Problem wird vorgegeben, und es wird zunächst einfach darüber gesprochen; so verläuft die erste.
Es gibt aber auch noch eine andere Weise: Das Problem wird zunächst einmal klarer in eine Frage gefasst. Jeder geht betend damit um. Man kommt zusammen und hört einander an. Man diskutiert nicht. Man geht wieder auseinander und lässt nachklingen, wie ich selbst auf die einzelnen Personen und auf die Lösungsvorschläge reagiere. Ich lerne dabei, die inneren Regungen auf äußere Gegebenheiten und Entscheidungsalternativen zu unterscheiden. Ich lerne, mir die emotionale Freiheit gegenüber den Personen zu bewahren, weil ich auf das gemeinsame Ziel, nämlich auf den Glauben an das Wirken des Geistes Gottes schaue. So finde ich durch Unterscheidung zur Entscheidung. Das Gebet ist nicht einfach eine Einführung in die Konferenz als ein Tagesordnungspunkt, sondern der Raum, in dem ich auf die Realität wie auf das Ziel schaue, der Raum, in dem ich meiner eigenen Affekte inne werde, die ich sowohl gegenüber der Sache als auch gegenüber den sie nennenden Personen habe.
Ich jedenfalls kann es mir nicht anders vorstellen, als dass die Apostel und Missionare gebetet haben und dann als Frucht des Gebets sagen konnten: Der Geist verwehrte es, der Geist erlaubte es uns, der Geist sagt, man solle diese Personen auswählen.
Ich möchte meine Überlegungen hier lieber abbrechen als abrunden, und tue es fromm, indem ich auf einen Vers aus der Vesper vom Fronleichnamsfest zurückgreife:
"Qui pacem ponit fines ecclesiae, Frumenti adipe satiat nos Dominus". - "Der den Grenzen der Kirche Frieden setzt, er sättige uns mit der Fülle des Weizens, er, der Herr."
Ich sehe in diesem Vers Begrenzung in der Entgrenzung, man könnte auch sagen: Entgrenzung in Begrenzung: Er, der Herr, kann der Kirche und ihren Grenzen Frieden verschaffen, aber kann auch die Begrenzung in die Entgrenzung auflösen, weil er uns mit dem Reichtum seiner Gnade zu sättigen vermag, so dass wir tatsächlich für unsere gegenwärtige Weltstunde mit der Apokalypse bekennen können: Seine Urteile, auch für unser Heute, sind wahr und gerecht.
Anmerkungen:
(1) H. Schürmann, Zehn Thesen – Diskussion über die Situation der Kirche, in: Christ in der Gegenwart 49 (1997) 12.
(2) Den Hinweis entnehme ich C. M. Martini, Von seinem Geist getrieben – Dynamische Gemeinde nach der Apostelgeschichte. Freiburg ²1985, 79.
(3) Vgl. zur bibliographischen Angabe Anm. 2.
(4) Ebd. 71-73.
(5) Manche Hinweise verdanke ich E. Schick, Die Apokalypse (Geistliche Schriftlesung 23). Düsseldorf 1971.
(6) Zu den Regeln zwei sehr informative Aufsätze:
- W. Löser, Die Regeln des Ignatius von Loyola zur kirchlichen Gesinnung – ihre historische Aussage und ihre aktuelle Bedeutung, in: GuL 57 (1984) 341-352.
- J. G. Gerhartz, "Sentire cum ecclesia". Kirchliche Gesinnung im Geist der Regeln des hl. Ignatius, in: GuL 67 (1994) 15-28.
(7) Martini, a.a.O. 21.
(8) Der Trierer Generalvikar Rössel hatte dieses Wort von Marc Twain in seiner Eröffnungsansprache zur Dechantenkonferenz zitiert. Die Quelle ist mir unbekannt und war für mich nicht auffindbar.
(9) Martini, a.a.O. 36.
(10) Vgl. F. Genn (Hrsg.), Aufbau und Aufbruch – Kirche auf dem Weg zum Jahr 2000. Trier 1997.
(11) Viele Hilfen zur Deliberatio communitaria finden sich in den Heften 56 und 57 der "Korrespondenz zur Spiritualität der Exerzitien" unter dem Titel "Als Gemeinschaft den Willen Gottes suchen", 40. Jahrgang 1990, zu beziehen durch: Sekretariat der GCL, Sterngasse 3, 86150 Augsburg.
(12) Generalvikar Rössel hat die Bemerkung aus einem Vortrag von Medard Kehl SJ zitiert, den dieser vor den deutschen Generalvikaren gehalten hat.
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