Dokumentiert:
Erklärung zum Erntedankfest am 3. Oktober 2010
Bistum. Das Bistum Münster sowie die Diözesen Essen und Paderborn, die Evangelische Kirche von Westfalen, die Lippische Landeskirche und der Westfälische-Lippische Landwirtschaftsverband haben eine gemeinsame Erklärung zum Erntedankfest am Sonntag (03.10.2010) veröffentlicht. Für das Bistum Münster wurde der Text von Bischof Felix Genn unterzeichnet. - kirchensite.de dokumentiert die Erklärung:
Die Feier des Erntedankfestes ist nicht nur für Bauernfamilien ein Höhepunkt im Ablauf eines Jahres. Nach 12 Monaten harter Arbeit, nach Saat, Pflege und Ernte, nach manchem Rückschlag ist es wichtig, Bilanz zu ziehen und den Blick nach vorn zu richten. Die Liturgie der Kirchen, unser gemeinsames Singen und Beten, erinnern uns jedes Jahr daran. Neben Dankbarkeit gibt es auf unseren Höfen und in vielen Berufen Sorgen und Hoffnung. Wir sagen Gott Dank dafür, dass wir trotz des lange Zeit sehr trockenen Sommers wieder ein Jahr mit Saat und Ernte erlebt haben und in unseren Breiten von Naturkatastrophen und weitgehend auch von Missernten verschont geblieben sind. Wir bitten darum, dass die Erlöse und die Futtervorräte für unser Vieh ausreichen. Zugleich vertrauen und hoffen wir auch im kommenden Jahr auf eine gute Ernte. Wir wissen, dass wir eine gute Ernte nicht nur uns selbst verdanken – denn:
"Gott, der Samen gibt für die Aussaat und Brot zur Nahrung, wird auch euch das Saatgut geben und die Saat aufgehen lassen; er wird die Früchte eurer Gerechtigkeit wachsen lassen."2 Kor 9,10
Darum ist Erntedank für uns auch Mahnung und Auftrag. Sichere Erträge, gesunde und preiswerte Nahrungsmittel für alle Menschen sind nicht selbstverständlich. Obwohl unsere Erde alle ernähren könnte, leiden weltweit über eine Milliarde Menschen unter Hunger und Unternährung, Erntedank erinnert uns an unsere Verantwortung für eine gerechte Verteilung der Güter dieser Erde.
Die Bedeutung der Landwirtschaft für die Lösung der größten Herausforderungen unserer Zeit wird steigen: In den Bereichen Welternährung, Energieversorgung und Klimawandel können wir nicht wachsam und aktiv genug sein.
Auch in Zukunft wird die Landwirtschaft vor allem Nahrungsmittel produzieren und dafür sorgen, dass sich die Menschen mit gesunden und frischen Produkten - bestenfalls aus der Region - versorgen können. Besonders in Westfalen-Lippe erzeugen unsere Bauernfamilien Futtermittel auch für die Nutztiere, um Nachfrage nach Fleisch und Milch vor der eigenen Haustür und zunehmend auch im Ausland zu fairen Preisen zu bedienen. Sie schafft Arbeitsplätze in unseren ländlichen und stadtnahen Gebieten, sichert Wertschöpfung, Wohlstand und lebendige Gemeinwesen weit über die eigentliche Landwirtschaft hinaus. Ohne die Pflege der gewachsenen Kulturlandschaften durch Generationen von Bauernfamilien hätte unsere Heimat nicht den Erholungswert, den Einheimische wie Touristen so sehr an ihr schätzen.
Vielerorts prägt immer noch der landwirtschaftliche Rhythmus des Jahres das Leben in Kirchen und Gemeinden. Dieser Rhythmus tut Menschen und Gottes ganzer Schöpfung gut und sollte nicht verloren gehen. Er gibt Halt und Orientierung.
Die bäuerliche Lebenswelt ist heute geprägt durch einen starken sozialen und ökonomischen Wandel. Landwirtschaft, wie wir sie in Westfalen-Lippe erleben, ist die Folge der in Brüssel, Berlin und Düsseldorf gesetzten politischen Rahmenbedingungen, des sozialen Wandels und der daraus folgenden wirtschaftlichen Zwänge. Noch vor wenigen Jahren bestimmten Gemischtbetriebe das Bild unserer Landwirtschaft. Heute spezialisieren sich die Betriebe und wachsen, um der nachwachsenden Generation eine Perspektive bieten zu können.
Sozial und ökologisch stellt sich zunehmend die Frage nach den Hofgrößen in der Landwirtschaft. Einige Betriebe wachsen in Größenordnungen, die nicht nur den Rahmen des bisher Vertrauten sprengen, sondern auch die Frage aufkommen lassen, ob dadurch die bewährte landwirtschaftliche Wirtschaftsstruktur gefährdet wird. Wo wenige Betriebe stark wachsen, verlieren unter Umständen viele andere Höfe ihre Möglichkeiten sich zu entwickeln. Landwirtschaft, Politik und Gesellschaft stehen hier vor schwierigen Herausforderungen. Wo liegen die Grenzen einzelbetrieblichen Wachstums? Welche Maßnahmen sind zu ergreifen, wenn sich Fehlentwicklungen zeigen? Welche Formen der Landwirtschaft wollen wir in Zukunft, und wie wollen wir sie steuern?
Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Gesellschaft an die Landwirtschaft weiter. Besonders im Kampf gegen den Klimawandel werden zu Recht auf die Beiträge der Landwirtschaft große Hoffnungen gesetzt. Hier bieten sich für viele Bauernfamilien neue Perspektiven. Beispielsweise wird die Erzeugung erneuerbarer Energien immer häufiger zu einem wichtigen betrieblichen Standbein. Dies führt jedoch auch zu Spannungen innerhalb der Landwirtschaft. Tierhalter und Betreiber von Biogasanlagen stehen in einem harten Wettbewerb um knappe Flächen. Wichtig ist, dass die Förderung erneuerbarer Energien verlässlich ist und sich mit sonstigen Zielen einer nachhaltigen Landnutzung verknüpfen lässt.
Die heimische Landwirtschaft ist ein lebendiger Teil unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Bauern und Bäuerinnen haben einen besonderen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung. Die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen durch die Landwirtschaft wird von der Gesellschaft zu Recht als selbstverständlich vorausgesetzt. Bauernfamilien wissen um ihre spezielle Verantwortung und erwarten im Gegenzug Verständnis und Unterstützung für ihre besondere Situation. Das Erntedankfest ist Anlass dafür, dass Landwirte, Verbraucher, Politiker und Interessenvertreter diesen gemeinsamen Auftrag in den Blick nehmen. Doch darüber hinaus erinnert es uns jedes Jahr neu daran, dass wir Verantwortung tragen – als Konsumentinnen und Konsumenten und als Landwirtinnen und Landwirte - und dass unser Dank für die Gaben, die wir hier in Westfalen und Lippe reich erhalten haben, Gott dem Schöpfer gilt.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
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