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Seite: Aktuelles  >  Vortrag von Bischof Genn bei der Tagung für die neu ernannten Bischöfe in Rom
11.02.2012
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Dokumentiert:

Vortrag von Bischof Genn bei der Tagung für die neu ernannten Bischöfe in Rom

Rom. Auf Einladung des Präfekten der Bischofskongregation, Kardinal Giovanni Battista Re, hielt Bischof Felix Genn am Mittwoch (16.09.2009) in Rom vor neu ernannten und geweihten Bischöfen einen Vortrag. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seines Vortrags.

Verehrte, liebe Mitbrüder, zunächst möchte ich Sie herzlich grüßen und meiner Freude Ausdruck geben, bei Ihnen zu sein und mit Ihnen über ein zentrales Thema unseres priesterlichen und bischöflichen Dienstes nachzudenken. Ich danke seiner Eminenz, dem Herrn Präfekten Kardinal Re, für die Einladung und das darin ausgesprochene Vertrauen, mir diesen Vortrag zu übertragen.

I. Einführung: Konziliare und Nachkonziliare Texte

"Bist Du bereit, für das Heil des Volkes unablässig zum allmächtigen Gott zu beten und das Hohepriesterliche Amt untadelig auszuüben?",  so haben wir bei unserer Weihe zum Bischof versprochen. Das Thema, das mir vorgelegt ist, knüpft unmittelbar an dieses Versprechen an.

Was sollte der Bischof anderes sein als ein Mann des Gebetes und des geistlichen Lebens? Ich habe mit Ihnen über eine Selbstverständlichkeit nachzudenken. Würde man den Mann auf der Straße fragen, was zum Amt eines Bischofs gehört, wäre die Antwort klar: Zu den vielen Aufgaben, die ein Bischof zu tun hat, gehört auf jeden Fall, dass er betet. Im Weihegebet zur Konsekration heißt es: "Unermüdlich erflehe er Dein Erbarmen." Das Gebet gehört zum Leben des Bischofs, ja, es ist zentral. Der Bischof ist ein Mann des Gebetes und des geistlichen Lebens.

Schaut man auf die verschiedenen Dienste und Aufgaben, die er auszuführen hat, so sieht man: Ein Großteil seiner Verpflichtungen besteht im Gebet: In der Feier der heiligen Messe, im Stundengebet der Kirche, in den Feiern der Sakramente, vor allem der Firmung und der heiligen Weihen, in der Konsekration von Altären und Kirchen. Der Bischof ist es, der der Liturgie in seiner Kathedrale vorsteht, vor allem an den Hochfesten. Ausdrücklich betont der Codex (can. 388), dass der Bischof an bestimmten Tagen die Messe für das ihm anvertraute Volk applizieren muss. "Häufig" soll er in der Kathedralkirche oder einer anderen Kirche seines Bistums besonders an gebotenen Feiertagen und bei anderen feierlichen Gelegenheiten die Feier der heiligen Eucharistie leiten (can. 389).

Mit diesen Verpflichtungen knüpft die Kirche an das Versprechen an, dass jeder Priester vor der heiligen Weihe gibt, wenn er gelobt, bereit zu sein, "zusammen mit dem Bischof im Gebet, das uns aufgetragen ist, Gottes Erbarmen für die anvertraute Gemeinde zu erflehen." Ähnliches gilt für die Weihe zum Diakon; denn das Versprechen lautet bei diesem Anlass: "Bist Du bereit, aus dem Geist der Innerlichkeit zu leben, ein Mann des Gebetes zu werden und in diesem Geist das Stundengebet als Deinen Dienst zusammen mit dem Volk Gottes und für dieses Volk, ja für die ganze Welt, treu zu verrichten?"

Liebe Mitbrüder, ich möchte diesen Dienst des Gebetes zusammengefasst sehen in dem Weiheversprechen bei der Priesterweihe, sich "Christus, dem Herrn, von Tag zu Tag enger zu verbinden und so zum Heil der Menschen für Gott zu leben." Ich habe auf diese Texte verwiesen, weil in der Formulierung unseres Themas "Der Bischof – Mann des Gebetes" auch die andere Dimension eingeschlossen ist: Im Gebet äußert sich am stärksten, dass jemand ein Mensch des geistlichen Lebens ist, um so zum Heil der Menschen für Gott zu leben.

Erlauben Sie mir zunächst, etwas trocken auf verschiedene Dokumente des Konzils und der Nachkonzilszeit hinzuweisen: So heißt es im Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche, dass sie "Führer zur Vollkommenheit" sind (CD 15). Sie haben die Aufgabe, "die Heiligkeit der Kleriker, Ordensleute und Laien nach der Berufung eines jeden zu fördern. Dabei seien sie sich freilich bewusst, dass sie gehalten sind, das Beispiel der Heiligkeit in Liebe, Demut und Einfachheit des Lebens zu geben. Die ihnen anvertrauten Kirchen sollen sie so heiligen, dass in ihnen der Sinn für die ganze Kirche Christi voll aufleuchtet" (ebd.). Deshalb werden sie aufgefordert, "dem Gebet und dem Dienst am Wort zu obliegen und sich darum zu bemühen, dass alle, die Ihrer Sorge anvertraut sind, in einmütigem Gebet verharren" (ebd.). Der Konzilstext schließt hier an Apg 6, 4 an. Zum geistlichen Leben der Bischöfe gehört also das Gebet und der Dienst am Wort. Ja, der Dienst am Wort ist durchdrungen vom Dienst des Gebetes und gründet darin. Die Menschen zur Heiligkeit zu führen, kann nur in einem geistlichen Leben geschehen, und dies wiederum kann nur durch das Gebet  grundgelegt werden. Übrigens: die Menschen zur Heiligkeit zu führen – das ist das erklärte Ziel für das neue Jahrtausend, wie Papst Johannes Paul II. in seinem Schreiben (NMI 30; 31) betont.

Das Gebet, das geistliche Leben, das Bemühen, den Menschen zur Vollkommenheit zu führen, ist eine selbstverständliche Aufgabe, die zum Auftrag des bischöflichen Amtes gehört. Man könnte nun leicht den Eindruck gewinnen: Wie der Bischof andere Funktionen auszuführen hat, so muss er eben auch beten und um ein tugendhaftes Leben bemüht sein. Man könnte auch denken: Dass ein Bischof betet, ist so selbstverständlich und braucht  keine eigene Begründung und längere Ausführung. Vielleicht ist das der Grund, warum das Konzil weder in LG noch in CD ausdrücklich über das Gebetsleben und das geistliche Leben, die Spiritualität des Bischofs, spricht. Ganz anders klingt das nachsynodale Apostolische Schreiben "Pastores Gregis" von Papst Johannes Paul II., das er im Anschluss an die 10. Bischofssynode im Jahre 2001 herausgegeben hat. Diese Synode hatte sich mit dem Thema beschäftigt "Der Bischof – Diener des Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt".  Sie hat die konziliaren Texte vertieft und unter dem Blickpunkt der Hoffnung als einer theologischen Tugend das Hirtenamt des Bischofs in die Gegenwart hineingestellt. Bevor sich Johannes Paul II. den einzelnen Ämtern des Bischofs widmet und sie mit den aktuellen Herausforderungen verbindet, denkt er über das Mysterium und den Dienst des Bischofs nach, formuliert er das trinitarische Fundament dieses Amtes und seinen kollegialen und missionarischen Charakter. Im zweiten Kapitel stellt er sehr eindringlich und ausführlich das geistliche Leben des Bischofs dar. Dies ist gewissermaßen die Grundlage zu allen Aufgaben, Funktionen, Diensten und Ämtern, die der Bischof auszufüllen hat. Leitmotiv  für das geistliche Leben des Bischofs und damit auch für sein Gebet ist die Einsetzung der zwölf Apostel, wie Markus sie beschreibt: Christus setzt die zwölf Apostel ein, "damit sie mit ihm seien" (Mk 3, 14). Das Direktorium über den Hirtendienst der Bischöfe, das die Kongregation für die Bischöfe 2004 herausgegeben hat, geht einen ähnlichen Weg. Bereits im dritten Kapitel stellt es vor jeder einzelnen Aufgabe, die der Bischof auszufüllen hat, die Spiritualität und Fortbildung des Bischofs dar. Interessant ist, dass Spiritualität und Fortbildung des Bischofs in einem Atemzug gelesen werden. Das Direktorium will also ausdrücklich sagen: Jegliche Fortbildung des Bischofs, sei sie menschlicher, intellektueller oder pastoraler Art, gründet letztlich in der geistlichen Bildung. Diese aber wiederum hat ihren Ursprung im Herrn selber. Er ist die Quelle der Spiritualität. Jegliche Bildung des Bischofs ist, wie das Direktorium sagt, "ausgerichtet auf eine immer tiefere Kenntnis des Antlitzes Christi und auf eine Lebensgemeinschaft mit dem Guten Hirten" (53). Damit verbinden sich das Leben aus der Taufgnade und das Leben aus dem Hirtendienst und fordern beständige Umkehr, um immer inniger teilzuhaben an der Gesinnung und Haltung Jesu Christi (51). Weil der Bischof durch die Weihe Christus, dem Haupt und Hirten gleichförmig wurde, ist Jesus Christus selbst die Quelle der Spiritualität des Bischofs.

 Das Direktorium weist hin auf eine Ansprache von Papst Paul VI., dass Christus selbst als der Gute Hirte "sein menschliches und göttliches Antlitz, sein Abbild, seine Vollmacht und seine Tugend dem Bischof eingeprägt hat" (33). Es geht also hier nicht um eine subjektive Heiligkeit, sondern darum, dass die eigene Heiligung des Bischofs zugleich auch objektiv widerspiegelt, was er vom Herrn her empfangen hat. Deshalb ist alles Tugendstreben, alles Bemühen, mit ihm zu sein, letzten Endes Antwort auf  die große Gabe, in diese Lebensgemeinschaft und in diesen Apostolischen Dienst mit dem Herrn eingefügt zu sein. Deshalb ist auch bischöfliche Spiritualität immer kirchliche Spiritualität, ja, marianische
Spiritualität. Dieses geistliche Leben kann nur fruchtbar sein, wenn es in Intimität mit dem Herrn durch das Gebet, durch die Feier der Eucharistie und das Stundengebet gepflegt wird. Selbstverständlich hat es seine Konsequenzen in einem tugendhaften Leben, in Glaube, Hoffnung, in der Liebe des Hirten, in Klugheit und Demut, in Gehorsam und Keuschheit, in Armut und Gehorsam.

Im Einzelnen können Sie diese Ausführungen alle im Direktorium für die Bischöfe nachmeditieren. Mir kommt es hier auf den gesamten Zusammenhang an, der sich sowohl im nachsynodalen Schreiben, als auch im Direktorium findet: Es geht um den Vorrang des Seins vor jeder Funktion, um den Vorrang der Gnade, um eine innere Seelen- und Willensgemeinschaft mit dem Herrn. Das möchte ich nun vertiefen.

II. Der Bischof als Mann des Gebetes und des geistlichen Lebens in der Nachfolge Christi

Im Blick auf die kirchlichen Texte der letzten 40 Jahre hat sich gezeigt: So selbstverständlich die Aussage ist, dass der Bischof Mann des Gebetes und geistlichen Lebens sein soll, so sehr berührt es zugleich die Tiefe seines Wesens und seines sakramentalen Amtes im Kern. Er ist von seinem Wesen her so tief mit dem Apostel und Bischof Jesus Christus, dem Hirten unserer Seelen (Hebr 3, 1; 1 Petr 2, 25) verbunden, dass er nur aus dieser Intimität mit ihm seine einzelnen Aufgaben erfüllen kann - so selbstverständlich, so notwendig, so wesentlich. Ohne ein Mann des Gebetes zu sein, ohne ein geistliches Leben zu führen, kann der Bischof nicht sein, was er ist. Gebet ist nicht eine Pflicht, sondern ein Sein. Andernfalls wird die Form schal und leer.

Ich erachte es als ein Geschenk für die Kirche, dass das tiefe Anliegen des Konzils, zu einer inneren Erneuerung der Kirche beizutragen, durch die beiden nachkonziliaren Texte Pastores Gregis  und das Direktorium fortgesetzt wird. Diese Vertiefung konzentriert den Dienst des Bischofs um jene Quelle und jenen Ursprung, aus dem das Apostolische Amt kommt, nämlich mit dem Herrn zu sein, und gründet es mit dem Herrn zusammen in den trinitarischen Zusammenhang. Für Johannes Paul II. hat das Bischofsamt ein trinitarisches Fundament (PG 7), weil die christologische Dimensionin in die trinitarische hineinführt, da das Leben Christi selbst trinitarisch ist (vgl. ebd.). Insofern verknüpfen sich diese Aussagen mit dem ersten Kapitel von Lumen Gentium, das das Geheimnis der Kirche trinitarisch verankert, ihre Sendung hineinstellt in die Sendung, die vom Vater ausgeht und sich in die Sendung des Sohnes und des Heiligen Geistes hinein verdichtet. Die dogmatische Aussage, dass der Bischof in der Nachfolge der Apostel den Hirtenauftrag des Auferstandenen und seine Sendung so fortsetzt, dass derjenige, der den Bischof hört, Christus selbst hört, dass derjenige, der den Bischof aufnimmt, Christus aufnimmt und in ihm, den, den er gesandt hat (vgl. Mt 10, 40 u. a.) wird in der Dimension des Gebetes und des geistlichen Lebens existentiell, aber zugleich am tiefsten und theologisch gefasst. Der Bischof kann gar nichts anderes sein als Mann des Gebetes und des geistlichen Lebens.

Die objektive Heiligkeit, die er durch das Sakrament empfangen hat, fordert per se die subjektive Heiligkeit. Das ist kein Druck. Das ist Gnade. Wer das innerlich wirklich aufnimmt, der freut sich, ständig in der Gegenwart des Herrn leben zu können, ja, er möchte sie auch immer wieder neu pflegen. Die Konkretion mag manchmal mühevoll sein, aber sie ergibt sich auch von selbst. Sie gehört zu seinem Wesen. So steht er in der Nachfolge Christi. Er muss sich nicht Tugenden aneignen, um dem, was er durch die Weihe geworden ist, auch die richtige Fassung zu geben. Er kann nämlich nicht aus dem herausfallen, was es heißt, ausgewählt zu sein, um mit Ihm zu sein.

Sie wissen, dass der Evangelist Markus im dritten Kapitel seines Evangeliums ausdrücklich das Mit-Ihm-Sein vor die Sendung setzt. Er macht die Zwölf, damit sie mit Ihm seien, und damit Er sie sende. Deshalb ist das Gebet zunächst einmal Staunen und Dankbarkeit für die große Gnade, in diese Intimität mit dem Herrn aufgenommen zu sein. Es ist zugleich ein demütiger Akt, weil hier wahrhaftig gilt, was der Apostel Paulus sagt: "Was hast du, das du nicht empfangen hast?"  (1 Kor 4, 7), und weil Paulus davon spricht, dass er es geradezu  als einen Zwang empfindet, das Evangelium zu verkünden (vgl. 1 Kor 9, 16). Er kann aber zugleich davon sprechen, wie sehr genau dieser Auftrag sogar sein Lohn ist, das Evangelium unentgeltlich zu verkünden und auf irgendein Recht zu verzichten, Lohn dafür zu empfangen (vgl. ebd. 16 - 18). In diesem Sein gründet alles, was der Apostel und in seiner Nachfolge der Bischof tut, die einzelnen Aufgaben und Dienste, vor allem der Dienst der Verkündigung, die Feier der Sakramente, die Sorge um die Gemeinden, der Dienst an der Einheit: Aus Ihm, durch Ihn und mit Ihm ist alles, damit der Vater verherrlicht wird, und damit die Menschen das Heil finden.

Alles Mühen um ein geistliches Leben in seiner konkreten Form und in einem tugendhaften Streben will nichts anderes sein, als dem, was man bereits ist, zu entsprechen. Deshalb bedeutet Vollkommenheit für einen Bischof und Priester (analog auch für jeden Getauften): Die Heiligkeit, die durch die Gnade der Taufe, durch die Intimität der Aufnahme in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott in Jesus Christus geschenkt wurde, zum Leuchten zu bringen. Jede Umkehr in einem solchen Leben ist nicht bloß die Abwendung von bösen Taten, die man einmal begangen hat, sondern das stete Bemühen, sich immer wieder neu dem Herrn zuzuwenden, auf das zu schauen, was bereits ist. Deshalb bedeutet ein solches Leben auch nicht ein Leben ohne Gefahr. Aber es bleibt die Grundmelodie, von der der Psalm 119 spricht: "Mein Leben ist ständig in Gefahr, doch ich vergesse nie deine Weisung"   (Ps 119, 109). Ich könnte auch sagen: Mein Leben ist ständig in Gefahr, doch ich vergesse nie, dass ich mit Dir zutiefst und zu innerst verbunden bin.

Wie oft haben wir in den zurückliegenden Jahren gehört, dass die Kirche die Zugangswege zum priesterlichen Dienstamt verändern müsse. Dabei denken viele an die Aufhebung der Verbindung von priesterlichem Amt und Zölibat. Unsere Schwesterkirchen aus der Orthodoxie haben uns gelehrt: Das bischöfliche Amt geht nur in einem zölibatären Leben. Diese tiefe Einsicht, dass die Fülle des priesterlichen Dienstes, wie sie sich im Bischofsamt darstellt, in angemessenster Weise in einem zölibatären Leben verwirklicht ist, gründet in der tiefen Überzeugung, so tief mit ihm zu sein, dass ich auch seine Lebensform teilen darf – und kann!

Die Haltung des Gehorsams, die der grundlegende Evangelische Rat ist, ist nicht bloß eine Tugend, sondern die Forma Christi selbst, der sich in lauterer und selbstloser Liebe ganz dem Vater überantwortet. Deshalb lebt er diesen Gehorsam in großer Armut, bis hin zur Armut der Jungfräulichkeit, um auf diese Weise uns alle reich zu machen und uns die Fruchtbarkeit seiner Liebe im eucharistischen Verteilen zu schenken. Es geht hier also um mehr als Tugenden, die ich mir aneignen kann, sondern es geht darum, das alles wachsen zu lassen, was der Herr mir bereits in mein Herz gelegt hat. Es ist seine Liebe, die in mir lebt, so wie es der Apostel  Johannes in seinem ersten Brief sagt, wenn er betont: "Wir haben die Liebe, die Gott in uns hat, erkannt und gläubig angenommen" (1 Joh 4, 16a). Die Liebe ist bereits in uns, wir brauchen sie nur anzunehmen und zur Entfaltung bringen. Anders ausgedrückt: Wir lassen zu, dass sie in uns zur Entfaltung kommt.

Christus ist wahrhaftig die Form des Priesters, des Bischofs und des Hirten. Nur so kann der Bischof auch Form der Herde sein. Er steht in der Linie des Apostels Paulus, der ausdrücklich sich zur Nachahmung empfiehlt, weil er selber den Herrn nachahmt. Ich möchte das etwas anders ausdrücken, aber den selben Sachverhalt meinen: Der Bischof hat es gar nicht nötig, sich zur Nachahmung zu empfehlen. Je tiefer er mit dem Herrn verbunden ist, je inniger er mit ihm lebt, umso mehr wird er zur Form der Herde werden und zur Nachahmung Christi ermutigen, weil die Menschen an seinem Wirken und Leben sehen: Man kann dem Herrn nachfolgen. Es ist möglich. Es geht. Vielleicht sage ich es etwas technisch und modern in der Sprache unserer Zeit: Das funktioniert. Aber es übersteigt jede Funktion, es wird zu einem inneren Sein. So verstehe ich, wenn Johannes Paul II. in Pastores Gregis sagt: "Das Bischofsamt ist nicht nur Quelle der Heiligkeit für die anderen, sondern es ist bereits Anlass zur Heiligung für den, der das eigene Herz und das eigene Leben zu einem Kanal der Liebe Gottes werden lässt"  (PG 13). Übrigens schließt sich hier der Papst an ein berühmtes Wort des Heiligen Augustinus an, der, wie Sie alle wissen, gesagt hat: "Schreckt mich, was ich für euch bin, so tröstet mich, was ich mit euch bin. Für euch bin ich Bischof, mit euch Christ. Das eine ist der Name des Amtes, das ich übernahm, das andere der Name der Gnade, die ich empfing; das eine bedeutet Gefahr, das andere Heil" (Serm. 340, 1: PL 38, 1483). Aber je mehr ein Bischof in seiner Liebe zu den Gläubigen bemüht ist, ihnen gerade dadurch zu dienen, dass er die Nachfolge Christi lebt, "verwandelt sich die Gefahr in Gelegenheit zu Wachstum und Reifung" (ebd. 13). Mit Recht hat das Konzil von der Berufung aller zur Heiligkeit gesprochen (LG, CAP 5). Unter dieser Perspektive verschränken sich die Berufung aller und die Berufung des Bischofs zum Dienst an der Berufung aller. Das ist sein geistliches Leben: Den anderen zu dienen, damit sie heilig werden. Papst Pius XII. hat einmal an die Pfarrer und Fastenprediger der Stadt Rom die Worte gerichtet: "Wer erfüllt ist von Christus, findet unschwer Mittel und Wege, um auch andere zu Christus zu führen" (AAS XXXVIII 186).

Aber dazu muss der Bischof notwendigerweise ein Mann des Gebetes sein. Es geht gar nicht anders; denn woraus sollte er tagaus, tagein diese Form empfangen, wenn er nicht in einem ständigen Austausch mit dem Herrn steht? Der Apostel Paulus fordert die Gemeinde in Thessalonich auf: "Betet ohne Unterlass" (1 Thess 5, 17), das gilt für den Bischof zuerst. Was aber bedeutet das konkret?

III. Konkretionen
III. 1 Vom Sein zur Anforderung

Viele von Ihnen mögen bei meinen Ausführungen gedacht haben: Das ist alles in sich wahr, aber mühselig und anstrengend, wenn ich auf meinen Alltag schaue. Jeder von uns weiß, wie stark die Anforderungen des Dienstes sein können, und wie sehr dann ausgerechnet das Gebet in den Hintergrund tritt. Ein Bischof hat das einmal in die humoristische Frage gefasst, die aber viel Lebenserfahrung und Ernst beinhaltet. Er nahm das Stundenbuch in die Hand und schaute es an. Dabei sagte er: "Bete ich dich oder beichte ich dich?"

Ich möchte auf zwei Texte hinweisen, in denen sich sicherlich jeder von Ihnen wieder finden wird, weil er ja nicht bloß erst kürzlich in die Hirtenaufgabe durch die Bischofsweihe aufgenommen wurde, sondern dieses Problem auch bereits aus seinen priesterlichen Dienstjahren kennt: Der erste Text ist ein Abschnitt aus dem Dekret über Dienst und Leben der Priester, den das Konzil 1965 vorgelegt hat: "In der Welt von heute, in der die Menschen so vielen Geschäften nachzukommen haben und von so vielfältigen Problemen bedrängt werden, die oft nach einer schnellen Lösung verlangen, geraten nicht wenige in Not, weil sie sich zersplittern. Erst recht können sich Priester, die von den überaus zahlreichen Verpflichtungen ihres Amtes hin-  und hergerissen werden, mit bangem Herzen fragen, wie sie mit ihrer äußeren Tätigkeit noch das innere Leben in Einklang zu bringen vermögen. Zur Erzielung solcher Lebenseinheit genügt weder eine rein äußere Ordnung der Amtsgeschäfte, noch die bloße Pflege der Frömmigkeitsübungen, so sehr diese auch dazu beitragen mögen" (PO 14).

Das war 1965! Wie sehr gilt es gerade heute. Wie realistisch ist der Blick der Konzilsväter: Sie schauen sowohl auf die Verpflichtungen, in denen wir uns zersplittern können, wie sie auch mit großer Nüchternheit bemerken, dass nicht in einer bloßen äußeren Ordnung das Heilmittel zu finden ist. Wohl aber weisen sie auf die innere Mitte hin, wenn sie fortfahren mit dem Satz: "Die Priester können sie (die Lebenseinheit)  aber erreichen, wenn sie in der Ausübung ihres Amtes dem Beispiel Christi des Herrn folgen, dessen Speise es war, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hatte, um sein Werk zu vollenden. … Die Priester  werden also ihrem Leben eine einheitliche Linie geben, wenn sie sich mit Christus vereinigen im Erkennen des väterlichen Willens und in der Hingabe für die ihnen anvertraute Herde"  (ebd.).

Ich füge einen zweiten Text an. Er stammt aus einem Geleitwort, das Joseph Kardinal Ratzinger 1982 für die Festschrift zu Ehren von Bischof Gijsen verfasst hat. Zunächst zitiere ich: "Ein befreundeter Theologe hat mir mit dem sarkastischen Humor, für den er bekannt ist, vor einiger Zeit einmal gesagt, die heutigen Bischöfe seien eigentlich nur noch mitratragende Bürokraten. Dass dies eine Übertreibung ist, würde auch der Freund zugeben, aber oft kann man eine bedrohliche Wahrheit erst durch Übertreibung ins Bewusstsein rücken,  so wie sich der Ernst einer Zeit manchmal am eindringlichsten in einem scheinbaren Scherzwort zur Geltung bringt. Wer heute mit dem Dienst des Bischofsamtes betraut ist, weiß um das Dilemma, das hier aufklingt: Das ganze Gewebe von Verwaltungsaufgaben, in das ihn die Verantwortung für ein Bistum hineinbindet, kann schnell zu einem Dickicht werden, in dem er sich verfängt und gefangen ist"  (Geleitwort XI).

Kardinal Ratzinger schaut mit diesen Erfahrungen auf die Tradition der Väter. Er hält nämlich dieses Problem nicht bloß für ein Problem unserer Moderne, sondern ordnet es ein in die Anspannung des Dienstes. Nachher werde ich darauf noch einmal zurückgreifen. Hier will ich nur erwähnen, dass der Apostel Paulus diese Anspannung auch schon kannte, wenn er vom "täglichen Andrang zu mir und der Sorge für alle Gemeinden" (2 Kor 11, 28) spricht.

Ich erwähne diese Texte, weil sie so intensiv unsere Lebenssituation beschreiben, die durch eine Vielzahl von technischen Möglichkeiten nicht nur erleichtert, sondern auch in diesem Grundproblem verschärft wird. Mails, Faxe, Telefonate, die tägliche Post, die Möglichkeit, in Schnelligkeit vieles unmittelbar zu erreichen, was früher nur durch lange Reisen erreicht werden konnte, machen es nicht unbedingt leichter, Zeiten des Gebetes zu reservieren und abzugrenzen. Kardinal Ratzinger erwähnt in dem eben genannten Leitwort ein Wort von Gregor dem Großen, der von sich sagt, dass er Rachel geliebt habe, aber Lea sei ihm untergeschoben worden. Er habe ein Mönch sein wollen und habe jetzt die schwere Last des Papstamtes zu tragen. Viele von uns kennen die Sehnsucht nach Stille, nach Gebet und Ruhe. Aber wie viel wird uns davon genommen, und wie sehr sind wir immer wieder in der Gefahr, dem täglichen Andrang nachzugeben!

III. 2 Was hilft: Konzentration auf die Mitte

Was hilft in dieser Situation? Es ist nicht die bloße äußere Ordnung, wie die Konzilsväter zu Recht sagen, und eine Pflege der Frömmigkeitsübungen, die auch noch den dienstlichen Verpflichtungen angefügt wird. Es hilft nur die Grundentscheidung, sich von der Mitte her zu verstehen und auf die Mitte hin zu konzentrieren. Diese Mitte wird im Konzilstext, den ich eben zitierte, in der Vereinigung mit Christus, im Erkennen des väterlichen Willens und in der Hingabe für die anvertrauten Menschen gesehen. Augustinus hat um des Herrn willen auf das Lebensprojekt verzichtet, philosophisch nach der Weisheit zu suchen und in entsprechender Muße die Antworten zu finden, die die Suche nach der Wahrheit verlangt. Er hat sich in das tägliche Geschäft hineinbegeben, von so vielem Menschlichen aufgerieben zu werden. Darin versteht er einen Dienst, der zu dem führt, der die Wahrheit ist. Als platonisch denkender Philosoph sah er das Finden der Wahrheit nur dann als möglich gegeben, wenn man aus der irdischen Niedrigkeit aufsteigt in den Himmel der Beschauung.  Der fußwaschende Christus aber zeigt ihm, dass man erst dann aufsteigt, wenn man absteigt in die Niederungen des Menschseins. Descendite, ut ascendatis, so hat er es einmal in seinen Bekenntnissen ausgedrückt (Conf. IV 12, 19). Kardinal Ratzinger interpretiert das so: "So musste er (Augustinus) täglich ringend den Weg suchen, aufsteigen und absteigen wie die Engel auf der Leiter des Jakob" (vgl. Festschrift Gijsen ebd.).

Gregor der Große nennt den Bischof "Speculator". Es ist notwendig, dass der Bischof  um der Verkündigung willen den Überblick behält und von einer erhöhten Warte aus schaut, ohne sich selbst zu erhöhen. Sagen wir es mit Gregor: "Wer also zum Schauer des Volkes bestellt wird, der muss in der Höhe stehen durch sein Leben, um dienen zu können durch Vor-Schauen."  Um für die Menschen da zu sein, muss er die Kontemplation pflegen. So wird er fähig zu einer Aktion, die nicht Aktionismus ist. Kardinal Ratzinger weist darauf hin, dass Gregor deutlich die Versuchungen gesehen hat, durch die äußere Verwaltung vor dem tieferen Anspruch zu fliehen und im alltäglichen Geschwätz das Bequemere zu finden, dass sogar ein angenehmes Gefühl der Pflichterfüllung vermitteln kann, während man vor der größeren Pflicht ausweicht. Diese aber besteht darin, aus dem zu leben, was Gott sagt. Ich zitiere Gregor den Großen, weil er unsere Not gut zusammenfasst: "Schon beginne ich Freude am Geschwätz zu finden, in das ich widerwillig eingetreten war; das Hinfallen geschah noch gegen das eigene Wollen, das Liegenbleiben macht schon Freude"  (Hom in Ez 1, 11, 6). Ohne die Konzentration auf den Herrn kann pastorale Arbeit nicht gelingen. Ich möchte Sie hier hinweisen auf ein Wort, das Jesus uns gewissermaßen als Schlüssel an die Hand gibt, weil er uns darin zeigt, wie er selber sein pastorales Handeln sieht. Im Johannesevangelium lesen wir: "Jesus aber sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn" (Joh 5, 19). Unser Tun kann nur in dieser Jesus gemäßen Weise geschehen.

Deshalb gibt es eine einzige Zucht, eine einzige äußere Ordnung: Die Grundentscheidung zu treffen, an jedem Tag feste Zeiten des Gebetes zu halten, so dass sowohl der Morgen als auch der Mittag und der Abend einen geistlichen Akzent behalten. Nur wenn wir von daher den Terminkalender strukturieren, kann es gelingen, dass wir wirklich Episkopen, Darüberschauende, bleiben. Nur so kann es gelingen, mit dem Herrn eins zu sein und mit ihm zu fühlen, um mit ihm den väterlichen Willen zu erkennen. Die Verkündigung des Wortes Gottes, die uns als besonderer Dienst aufgetragen ist, und die sich in der Predigt und in der Homilie immer wieder konkretisiert, kann sich nur aus dieser Quelle speisen. Gute Predigten erwachsen nicht aus rationalen Überlegungen, sondern nur aus dem Gebet und der Betrachtung. Übrigens ordne ich in diesen Zusammenhang auch die Pflege des Rosenkranzes ein, der nichts anderes sein will als betrachtendes Gebet an der Hand von Maria, um immer tiefer in die Lebensgeheimnisse des Herrn einzudringen.

Ich erinnere mich gut an meinen Vorgänger im Dienst des Weihbischofs in Trier. In seinen Lebenserinnerungen, die er kurz vor seinem Tod niedergeschrieben hat, erwähnt er, wie sehr ihn das Versprechen bei der Bischofsweihe in Anspruch genommen hat, nicht aus dem Gebet herauszufallen. Dies sei für ihn nach langen Jahren priesterlicher Tätigkeit eine solche Verpflichtung gewesen, dass er sich neu daran gebunden habe, mit dem Stundengebet ganz ernst zu machen und niemals aus dieser Ordnung herauszufallen. Ich möchte es mit einem biblischen Vergleich unterstreichen. Jeder von uns kennt den Anfang der Geheimen Offenbarung. Der Seher ist auf die Insel Patmos verbannt, weil er um des Zeugnisses für Jesus willen leiden muss. Er ist also aus der tiefen Verbindung mit dem Herrn in diese leidvolle Situation geraten. Aber ausgerechnet ihm bleibt nicht erspart, dass er sich umwenden muss. Er hört nämlich am Tag des Herrn die Stimme hinter seinem Rücken. Will er dem begegnen, der zu ihm spricht, muss er sich umdrehen. Niemand also, nicht einmal der in der Verbannung für den Herrn leidende Apostel, ist von der Umkehr ausgenommen. Das ist die eigentliche tägliche Übung, sich aus dem Vielerlei, aus der Zersplitterung zu erheben, sich umzuwenden auf den hin, der zu mir spricht, der mich bestellt hat, damit ich mit ihm sei.

Liebe Mitbrüder, von Petrus Canisius stammt das Wort: "Si Christum bene scis, satis est, si cetera nescis – Wenn du Christus recht verstehst, ist alles gut, magst du auch das Übrige nicht verstehen."  Mit diesem Satz möchte ich sagen: Damit ist alles gegeben, die Konzentration auf diese Mitte, die Konzentration auf ihn hin. Ich bin nicht in der Lage, Ihnen einzelne Ratschläge zu geben, wie es konkret in Ihrem Leben aussehen soll. Ich kann nur diesen einen Rat aus der eigenen Erfahrung übermitteln: Ohne die Konzentration auf den Herrn, ohne das Hören seines Wortes Tag für Tag, kann die Verkündigung nicht fruchtbar werden, wird unser Dienst seelenlos, werden alle schönen und wahren Worte der einzelnen Dokumente Papier bleiben.

Ich möchte Sie von Herzen ermutigen, vielleicht gerade auch aus diesen Tagen mit dem festen Entschluss hinauszugehen, immer, ob in anstrengenden oder erholsamen Tagen Mann des Gebetes zu bleiben. Anders können wir nicht Lehrer unserer Gläubigen sein, Förderer unserer Priester, Beispiel für die Herde Christi. Nur in der innigen Verbindung mit dem Herrn, die ihren Platz  und ihren Raum am Tage braucht, werden wir fähig, in seine Art zu denken, zu fühlen und zu handeln einzutreten. Nur so kann uns Maria wirklich Vorbild sein, auch Typus und Modell für uns als Hirten, wie sie es für die Kirche ist. Wir bewahren dann alles in unserem Herzen, was uns gesagt wurde, um es zur Fruchtbarkeit werden zu lassen.

Das ist ein langer Prozess, ein immer größeres Wachsen und Reifen. Aber wir dürfen die Zuversicht haben, dass der Herr uns immer tiefer in seine Gemeinschaft führen wird. Er hat uns nicht erwählt, mit ihm zu sein, weil er irgendwann einmal mit diesem Sein aufhören möchte. Er behält die Führung. Er wird wissen, wann er uns welche Dimensionen seines Seins eröffnet, und welche Perspektive für die jeweiligen Aufgaben, die zu bearbeiten sind, aus seinem Geist her notwendig ist. Von uns aus ist gefordert die Bereitschaft, niemals aus dieser Führung herauszufallen. Sie wird ihre Fruchtbarkeit in sich tragen. Es gibt keinen Schlussstrich, sodass wir irgendwann einmal sagen könnten: Jetzt haben wir den Willen Gottes ganz erfüllt. Täglich, bis zum Ende unseres Lebens werden wir darum bitten müssen, dass sein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Deshalb dürfen wir uns im Gebet seiner Führung überlassen. Freilich dürfen wir allerdings auch sehen, dass diese Bitte um das Geschehen seines Willens, so darf ich sagen, eine "partnerschaftliche Dimension" enthält.

Adrienne von Speyr hat im Zusammenhang dieser Vater-unser-Bitte darauf hingewiesen, dass derjenige, der so betet, wie Jesus es uns vorlegt, sich nicht bloß vom Vater führen lässt, sondern auch den Vater führt. Wenn nämlich jemand betet, dass der Wille des Vaters geschehen soll, dann sagt er ja ganz tief und ernsthaft: Wenn du mich als Beter ernst nimmst, dann musst du wissen, dass ich es so meine, und dass es mein Wille ist, dass der deine geschehen soll, indem ich deinen Willen in Bezug auf die Welt tun soll. Lass dich, Vater, bewegen, mir zu befehlen, um mit Dir gemeinsam im Geist deines Sohnes zu wirken. Vielleicht klingt das kühn, aber es kommt aus der Intimität, die uns die Gemeinschaft mit dem Sohn schenkt: Sich soweit führen zu lassen, dass man ganz mit dem Willen des Vaters eins wird und ihn bittet, sich von meiner tiefsten Intention führen zu lassen, die darin besteht, zu leben und zu sagen: Dein Wille geschehe. (Vgl. A. v. Speyr, Erde und Himmel III, Einsiedeln 1976,  333, Nr. 2337)

An dieser Dimension wird uns etwas anderes noch einmal grundsätzlich deutlich, um das alle meine Gedanken, die ich Ihnen heute vorlege, kreisen: Immer mehr von Christus ergriffen zu werden. Das geht nicht nur in unser Handeln ein, so dass wir wahrhaft Liebende sind, sondern es muss zunächst unser Denken erfassen. Vielleicht haben wir das noch viel zu wenig bedacht, weil wir über Christus nachdenken, über Christus sprechen, statt von ihm immer mehr erfüllt zu werden. Das Christentum ist nicht bloß eine Religion, es ist Glaube, tiefste persönliche Hinwendung zu einer Person. Das nimmt uns ganz in Anspruch mit all unseren Kräften, mit unseren Herzen, mit unserer Seele, aber auch mit all unseren Gedanken, genauso, wie es das Liebesgebot besagt (vgl. Mk 12, 29-30). Der Apostel spricht nicht umsonst davon, dass er jeden Gedanken für Christus gefangen nimmt  (vgl. 2 Kor 10, 5).

Mich hat sehr tief beeindruckt , dass Romano Guardini in seiner Betrachtung über den Herrn am Schluss ausdrücklich von der Bekehrung des Denkens spricht. Wenn es grundsätzlich gilt, so gilt es ganz besonders auch für uns. Ich bin überzeugt, dass der, der sich der Bekehrung des Denkens stellt, auch in seinem Dienst als Hirte und Bischof weder von den Verwaltungsaufgaben erdrückt, noch von den vielen Anforderungen zersplittert wird. Ich erlaube mir, den Text von Romano Guardini zu zitieren: "Christus gegenüber wird die Bekehrung des Denkens gefordert. Nicht nur die Bekehrung des Willens und Tuns, sondern auch die des Denkens. Die aber besteht darin, dass nicht mehr von der Welt her über Christus nachgedacht, sondern Christus als der Maßstab des Wirklichen und Möglichen angenommen und von Ihm her über die Welt geurteilt werde. Diese Umkehr ist schwer einzusehen und noch viel schwerer zu vollziehen. Um so schwerer, je deutlicher im Fortgang der Zeit der Widerspruch des Weltdaseins dagegen wird, und je offenkundiger jeder, der sich darauf einlässt, als Tor erscheint. Im Maße das Denken es aber versucht, erschließt sich die Wirklichkeit, welche Jesus Christus heißt. Und von ihr wird alle Wirklichkeit sonst erschlossen: enthüllt, aber auch in die Hoffnung des Neuwerdens gehoben (Der Herr, 650).

Wie sehr muss das für uns gelten, und wie sehr können wir in dieses Neuwerden hineinkommen, wenn wir nicht davon ablassen zu beten und Gebet nicht bloß als eine Übung zu sehen, die dann ansteht, wenn sonst nichts Dringlicheres zu tun ist. Die Neuwerdung unseres Denkens fängt schon da an, wo wir von der Entscheidung leben, dass das Tun eben nicht das Wichtigste ist, das Funktionieren eben nicht das Entscheidende ist, die Tatsache, die Dinge anzupacken nicht das Notwendige ist, sondern die Ausrichtung unseres Herzens auf den Herrn, damit wirklich sein Reich und seine Gerechtigkeit gesucht werden (vgl. Mt 6, 33).

 Aus dieser Konzentration versteht sich eigentlich von selbst, dass wir so mit Christus zu Anbetern im Geist und in der Wahrheit werden, weil der Vater solche Beter sucht (vgl. Joh 4, 23-24). Aus der Begegnung und Gemeinschaft mit dem Herrn werden wir mit ihm zu  Anbetern im Geist und in der Wahrheit, treten wir ein in das Gespräch, das er ewig mit dem Vater führt, nehmen teil daran, dass Gott nicht in ewiger Einsamkeit verharren will, sondern uns teilnehmen lässt an seinem Leben. Adrienne von Speyr hat einmal gesagt, dass dann das Gebet aufgrund der Menschwerdung nicht mehr ein Gespräch zwischen oben und unten ist, "weil Gott in Christus die Mitte inne hat und alles verbindet" (Erde und Himmel III, 271, Nr. 2274).

Ich erlaube mir an dieser Stelle doch einen kleinen praktischen Hinweis aus meiner Lebensgestaltung. Mir hilft es sehr, wenn ich immer wieder Rückschau halte auf meinen Weg mit dem Herrn. Dazu dient am Tag die Gewissenserforschung, die ja auch im Nachtgebet der Kirche, der Komplet, ausdrücklich vorgesehen ist. Ich halte sie immer in der doppelten Weise der confessio laudis und der confessio vitae, so dass ich dem Herrn mein Lob ebenso bekennen kann wie mein Versagen und meine Sünde. Am Ende der Woche oder am Sonntag versuche ich, die Woche zu überblicken und meinen Weg mit dem Herrn in derselben Perspektive anzuschauen. Einmal im Monat reserviere ich mir einen Tag als Wüstentag, der mir einerseits hilft, ein kleines Exerzitium zu machen und andererseits Erholung und Ermutigung durch eine ausdrückliche geistliche Lesung. Im Ablauf des Jahres dienen natürlich die Exerzitien einer intensiven geistlichen Vertiefung.

Liebe Mitbrüder, und was wäre unser Gebet, wenn es nicht stellvertretendes Gebet wäre, Gebet für die, die uns anvertraut sind, besonders für diejenigen, die nicht mehr an den Herrn glauben, die aus unserer Perspektive – das Urteil des Herrn kennen wir nicht – fern von ihm sind, von seinem Weg abweichen, besonders für die Priester, die ihm vielleicht untreu geworden sind oder in der Gefahr stehen, untreu zu werden? Dabei berühre ich schon eine letzte Dimension, der ich mich noch etwas ausführlicher widmen möchte, nämlich der kirchlichen Dimension unseres Gebetes. Am schönsten kommt sie zum Ausdruck im Stundengebet und in der Eucharistie. Alles, was ich gesagt habe, können Sie vergessen, oder besser: Sie können es darin konzentriert sehen, wenn die Braut Christi, die Kirche selbst mit ihm spricht, und wir daran teilnehmen dürfen, uns in dieses Gebet einfügen, dass er selbst durch sein Opfer am Kreuz der Kirche als die angemessene Antwort auf sein Liebeshandeln gegeben hat.

IV. Kirchliche Spiritualität

Es ist selbstverständlich, von einer kirchlichen Spiritualität zu sprechen, wenn wir über den Bischof als Mann des Gebetes und des geistlichen Lebens sprechen. Das Direktorium für den Hirtendienst der Bischöfe tut das ausdrücklich in einem eigenen Abschnitt und verbindet die Dimension der Kirchlichkeit mit der marianischen Spiritualität. Es ist doch klar, dass der Bischof als Diener des Evangeliums der Kirche zu dienen hat. Durch den Ring ist ihm deutlich das Zeichen angeheftet, dass er die Braut Christi vor jedem Makel bewahren soll. Wie könnte er anders als sie zu lieben? Aber es kann doch auch nur die Liebe des Bräutigams schlechthin sein, Jesus Christus. Je mehr einer sich mit ihm verbindet, der seine Braut, die Kirche, auch dann liebt, wenn sie sich mitunter in einer Weise gebärdet, dass er ihr den Scheidebrief ausstellen könnte – wie oft hätte er Grund dazu gehabt! -, umso mehr soll der Bischof sie lieben und in der Intimität mit dem Herrn empfangen, gerade seine Braut, die Kirche, zu lieben. Es sind doch Seine Brüder und Schwestern. Es sind doch die, für die der Herr sein Leben hingegeben hat, "die er geliebt und für die er sich hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen"  (Eph 5, 25-26).

Eigentlich braucht es hierzu gar keinen Punkt, der noch eigens bedacht werden müsste. Die pastorale Liebe, die den Hirten Christus drängt, drängt auch den, den er sich zum Bischofsamt erwählt hat. Aber es kann nur jene Liebe sein, die sich speisen lässt aus dem Hören des Wortes, so wie Maria es getan hat. Deshalb ist sie wahrhaftig nicht nur Typus der Kirche, sondern auch Modell für das bischöfliche Wirken. Indem der Bischof sich mit dem Wort immer tiefer verbindet, Christus hört, umso mehr kann er das tun, was Maria gesagt hat, nämlich: "Was er euch sagt, das tut"  (Joh 2, 5).

Marianische Frömmigkeit ist für den Bischof kein Zusatz, sondern entspringt aus der Christusfrömmigkeit. Kirchliche Spiritualität ist für den Bischof nicht eine Notwendigkeit, zu der er sich aufraffen muss, weil die Schwestern und Brüder auch eine Last sein können, sondern sie folgt aus dem inneren Sinnen und Trachten, mit dem er in der Verbindung mit dem Herrn eins geworden ist. Deshalb wiederhole ich mich gerne: Je mehr einer aus dem Grundentscheid zu beten lebt, umso mehr kann er die vielen Aufgaben und Anforderungen seines täglichen Dienstes so sortieren und gewichten, dass sie nicht dem eigenen Lob und der eigenen Ehre dienen, sondern dem Wohl der anderen. Was ich hier sage, ist aus der konkreten Praxis gewonnen: Wie oft stehe ich in der Versuchung, eine Aufgabe nur deshalb anzunehmen, damit ich mich nicht unbeliebt mache. Wie schwer fällt es mir oft,  Nein zu sagen. Aber unabänderlich muss bleiben: Die Zeit zum Gebet darf nicht verkürzt werden. Ich mache es einmal ganz konkret: Warum nicht vor jeder Begegnung mit einer Gruppe, mit einer Gemeinde, mit einem Einzelnen noch einmal kurz auf den Herrn schauen, seine Heiligen und die Mutter einbeziehen, vor allem auch den Schutzengel der betreffenden Ansprechpartner, sich also in die Gemeinschaft der Heiligen mit Christus zu stellen und aus dieser Gemeinschaft heraus die Aufgabe anzugehen. Hier möchte ich auch erwähnen, dass ich oft andere Menschen, besonders kontemplative Gemeinschaften, um ihr Gebet bitte. In einer bestimmten Notlage, besonders in Sorge um einzelne Priester oder in Fragen, in denen ich keinen Ausweg und keine Antwort sehe, rufe ich Klöster an und bitte um ein intensives Gebet. Das ist für mich konkrete kirchliche Spiritualität.

Die Gemeinschaft der Heiligen zeigt sich für mich allerdings auch in der Gemeinschaft mit den Heiligen, die jetzt noch zur streitenden Kirche gehören. Ich bin unendlich dankbar für freundschaftliche Beziehungen, vor allen Dingen mit Bischöfen und Priestern, aber auch für die Stütze durch das Zeugnis vieler gläubiger Laien. Ich bin dankbar, dass ich in einer kirchlichen Gemeinschaft mich immer wieder austauschen und versuchen kann, gemeinsam nach dem Willen Gottes zu suchen.

Wenn es in der Apostelgeschichte heißt: "Der Heilige Geist und wir haben beschlossen" (Apg 15, 28),  so ist das für mich nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart. Auch hier darf ich noch einmal anknüpfen an das, was ich bereits gesagt habe: Wenn ich zusammen mit anderen im Gebet die Intimität und das Mit-Sein mit dem Herrn pflege und suche, dann darf ich gewiss sein, dass mein Urteil geistlich wird. Ja, ich darf sogar darauf vertrauen, dass in analoger Weise auf mich das Wort des Apostels zutrifft: "Der geisterfüllte Mensch urteilt über alles, ihn aber vermag niemand zu beurteilen"  (1 Kor 2, 15). Im gemeinsamen Suchen danach, was der Geist den Gemeinden sagt (vgl. Offb 2.3 an verschiedenen Stellen), in der Erfahrung dessen, was die Apostelgeschichte von Paulus berichtet, dass der Geist die Gruppe um ihn hindert bzw. treibt, etwas zu tun bzw. zu unterlassen, kann auch ich als einzelner Bischof im Zusammenspiel mit meinen Räten, mit Schwestern und Brüdern, die mir im Glauben tief verbunden sind, finden, was jetzt zu tun und notwendig ist.

Bei aller Einsamkeit, die mein bischöfliches Amt immer wieder auch mitbringt, weiß ich mich dann doch getragen und geführt durch das Zeugnis und das gemeinsame Mitbeten der Anderen. Ich weise Sie hin auf die Erfahrung des Apostels, der im Traum entdeckt, dass ein Mann aus Europa ihn ruft, herüberzukommen und ihm zu helfen (vgl. Apg 16, 9), nachdem sie ausdrücklich die Erfahrung gemacht hatten, dass der Geist es ihnen verwehrte, anderswo hinzugehen (ebd. 6). Warum sollte das nur für die damalige Situation zutreffen, aber nicht für uns? Diese gemeinschaftliche Dimension unserer Spiritualität muss vielleicht noch viel mehr entdeckt werden, vor allem im Gefolge des konziliaren Gedankens, dass Kirche communio ist. Vielleicht wissen unsere afrikanischen und lateinamerikanischen Mitbrüder hier viel mehr über die konkrete Gestalt dieser kommunialen Dimension zu berichten.

Aus der ignatianischen Tradition kennen Sie alle das Stichwort Sentire cum ecclesia. Darüber ließe sich ein eigener Vortrag halten. Ich bin überzeugt, dass dieses Fühlen mit der Kirche nur zu gewinnen ist aus dem inneren Fühlen mit dem Herrn, so wie er sich hat vom Geist führen lassen, so wird der Geist Jesu uns immer tiefer auch das fühlen lassen, was jetzt in unserer gegenwärtigen Stunde dem Herrn gemäß ist. Hans Urs von Balthasar hat einmal gesagt, dass das Werk des Geistes nicht subjektive Willkür ist, weil er der Geist Christi ist. Ich zitiere: "So frei er weht, wo er will, so sehr redet er doch nicht aus Eigenem, sondern legt nur aus, was des Herrn ist"  (vgl. Joh 16, 13-14). Er selbst ist in seiner Auslegung nicht nur subjektiver, personaler Geist, sondern objektiver, ja absoluter Geist, der in sich einen ganzen Kosmos überpersönlicher Wahrheit enthält. Er ist zuerst der Gestalter und Beleber der von Christus gegründeten und aus seiner am Kreuz geopferten Menschheit hervorgegangenen Kirche …. Alles in ihrer Wesensstruktur ist aus seinem innersten Geiste gebildet. Sie verkörpert den Sinn seines Kommens, seines Daseins und Soseins. Sie ist mit ihren Organen und Instrumenten ein getreues Nachbild seiner Menschheit, ein Wesen, darin er sich selber erkennt und dem er, Vater und Mutter verlassend, anhängen kann, um ein Fleisch zu werden. Dieses Fleisch, diese Braut wird ihm zugestaltet durch den Heiligen Geist"  (Theologie der Geschichte, Einsiedeln 1959, 6. Auflage 2004, 77-78). Im Mitfühlen mit Christus, werde ich wahrhaftig zu dem, von dem der Ritus der Ringübergabe bei der Weihe selbstverständlich ausgeht, zu einem Stellvertreter des Bräutigams der Kirche, Jesus Christus. Hierin kann auch eine Hilfe bestehen, die wir unseren Priestern und den Gläubigen geben können, denen es heute oft schwerer fällt als früher, sich mit der ganzen Lehre der Kirche zu identifizieren, sie zu verstehen und in sich aufzunehmen. Papst Benedikt weist immer wieder auf dieses Problem hin. Deshalb betont er, wie wichtig es ist, die innere Absicht zu hegen, mit der Kirche zu glauben, und diese Absicht wiederzuerwecken. Vor römischen Priestern hat er einmal am 13. Mai 2005 gesagt: "Es ist notwendig, den Willen zu haben, mit der Kirche zu glauben und Vertrauen zu haben, dass die Kirche  … vom Heiligen Geist lebendig gemacht wirklich die Leitung des Geistes in sich trägt und daher das wahre Subjekt des Glaubens ist. Der Einzelne fügt sich in dieses Subjekt ein, hängt ihm an …. Mit unserem Denken und Empfinden, mit unserem ganzen Leben zur Gemeinschaft des Glaubens zu gelangen, scheint mir die ununterbrochene Pilgerschaft unseres Lebens zu sein. Dies können wir allen anbieten, damit sie sich nach und nach mit dem Glauben der Kirche identifizieren und vor allem immer wieder von Neuem den grundlegenden Schritt tun, sich dem Glauben anzuvertrauen, sich in diese Pilgerschaft des Glaubens einzufügen, um so das Licht des Glaubens zu erlangen."

Schließlich möchte ich noch auf einen Aspekt der kirchlichen Spiritualität hinweisen: Die Einsamkeit unseres Amtes, die immer wieder auch Leiden mit sich bringt. Wir können noch so viele Ratschläge empfangen, wir können uns noch so viel an geistlichem Zuspruch schenken lassen, vieles werden wir allein tun müssen und zu verantworten haben. Aber auch gerade darin machen wir die Erfahrung der Gemeinschaft mit dem Herrn, diesmal in der Perspektive und Dimension des Leidens. Eines ist mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig: Der Herr ist am Kreuz ausgespannt und in dieser Spannung verwirklicht er mit seiner Verlassenheit vom Vater und von den Menschen, dass die Menschen in die Gemeinschaft mit dem Vater und untereinander hineinfinden. Warum sollte uns als Bischöfen in der gegenwärtigen Situation diese Dimension erspart bleiben? Ja, ich frage: Warum sollte uns diese Dimension nicht auch geschenkt werden? Sie gehört mit dazu, wenn wir mit ihm sind, und wenn er uns dazu erwählt hat. Gerade in der Haltung der ausgebreiteten Arme beim Gebet nehmen wir nicht nur symbolisch teil an der ausgespannten Situation des Gekreuzigten. Oft ist es die Einsamkeit, in die wir durch die Spannungen in der Kirche hineingestellt werden, und wo wir oft nicht verstanden werden, warum wir uns nicht auf die eine oder andere Seite stellen. Aber nur in dieser Spannung, die im Herzen zusammenkommt, und die im Herzen die beiden ausgespannten Arme verbindet, können wir unseren Dienst und Auftrag, die Kirche Christi vor jedem Schaden zu bewahren, erfüllen. Nur in dieser Dimension sind wir als Führende auch Geführte.

Zutreffend beschreibt das der Apostel Paulus, wenn er in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth vom Schatz spricht, den wir in zerbrechlichen Gefäßen tragen, damit deutlich wird, "dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt. Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird. Denn immer werden wir, obgleich wir leben, um Jesu willen dem Tod ausgeliefert, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar wird. So erweist an uns der Tod, an euch aber das Leben seine Macht. Doch haben wir den gleichen Geist des Glaubens, von dem es in der Schrift heißt: ´Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet.´ Auch wir glauben, und darum reden wir. Denn wir wissen, dass der, welcher Jesus, den Herrn, auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und uns zusammen mit euch vor sein Angesicht stellen wird. Alles tun wir euretwegen, damit immer mehr Menschen aufgrund der überreich gewordenen Gnade den Dank vervielfachen, Gott zu Ehre.

Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert. Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig" (2 Kor 4, 8-18).

Liebe Mitbrüder, der Bischof als Mann des Gebetes und des geistlichen Lebens. Wir haben es gesehen. Paulus war ein Mann des Gebetes und des geistlichen Lebens, weil er aus der Intimität mit dem Herrn seinen Apostolischen Dienst bis in das Extreme des Leidens verwirklicht hat. Das gibt Mut, Zuversicht, Glaubenskraft und Hoffnung. Denn: Wir sind Diener des Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt.

Liebe Mitbrüder, wenn ich schon mit Ihnen über das Gebet und das geistliche Leben als Wesenselement unseres Dienstes gesprochen habe, so möchte ich auch gerne mit einem Gebet schließen. Ich weiß nicht, wer der Autor dieser Zeilen ist. Ich finde es im deutschen Gesangbuch "Gotteslob" (27.1) und bin dankbar, dass die Übersetzung auch dazu eine französische Fassung gebracht hat:

Gebet: Kirche auf dem Weg

Barmherziger Vater,
wir bitten dich in Demut für deine ganze heilige Kirche.
Erfülle sie mit Wahrheit und mit Frieden.
Reinige sie, wo sie verdorben ist.
Bewahre sie vor Irrtum.
Richte sie auf, wo Kleinglauben sie niederdrückt.
Beschenke sie, wo sie Mangel leidet.
Stärke aber und kräftige sie, wo sie auf deinem Weg ist.
Gib ihr, was ihr fehlt, und heile den Riß,
wo immer sie zerteilt und zerstreut ist,
du heiliger Herr deiner Gemeinde.
um Jesu Christi, unsres Herrn und Heilands willen.
Amen.

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