Anzeige:
Werbung

kirchensite.de | Online mit dem Bistum Münster: Nachrichten aus der Kirche, katholischer Glaube, Spiritualität, Heiligenlexikon, Veranstaltungen, Seelsorge, Fürbitte, Bibelarbeiten, Dossiers.

. . . . .
Seite: Aktuelles  >  Vortrag von Bischof Genn am Tag der Seelsorger
23.05.2012
Artikel drucken
Logo kirchensite.

Dokumentiert

Vortrag von Bischof Felix Genn beim "Tag der Seelsorgerinnen und Seelsorger"

Bistum. Beim "Tag der Seelsorgerinnen und Seelsorger" am Dienstag (28.04.2009) im Kongresssaal der Halle Münsterland in Münster hat Bischof Felix Genn den einführenden Vortrag gehalten. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seines Vortrags.

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und Diakonenamt, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge unseres Bistums, liebe Schwestern und Brüder, ganz herzlich begrüße ich Sie in großer Freude und mit tiefer Dankbarkeit heute einen Monat nach meiner Einführung in meinen Dienst als Bischof von Münster. Ich danke Ihnen allen für Ihre Anwesenheit und schließe in diesen Dank  auch diejenigen ein, die heute nicht leiblich anwesend sein können, mir aber versprochen haben, im Geiste an diesem Tag mit uns verbunden zu sein. Eine Reihe von Schwestern und Brüdern hat ausdrücklich auf die Einladung schriftlich geantwortet und sich entschuldigt, weil sie heute nicht hier sein können. Ich denke dabei auch an ältere Mitbrüder im priesterlichen oder Diakonenamt, die gerne an diesem Tag ihrem Bischof begegnet wären und den schriftlichen Weg gewählt haben, um mit mir in Kontakt zu treten.

Gerade diese Zeichen sind für mich sehr berührend, weil ich spüre: Es ist ihnen wichtig, ihre Verbundenheit mit dem Bischof, zumal er aus einer anderen Diözese kommt und zunächst einmal heimisch werden muss, zu bekunden. Diese Zeichen ordnen sich ein in eine große Linie, die ich seit meiner Ernennung zum Bischof von Münster durch Sie und in unserem Bistum erfahren durfte: Ich fühle mich wirklich und von Herzen an- und aufgenommen. Ich habe das nicht nur durch die Vielzahl der Gratulationen erlebt, sondern in einer sehr beeindruckenden Weise durch die Tage meiner Einführung, den Beginn mit der Vesper in Billerbeck und erst recht durch den großen Gottesdienst im Dom mit dem anschließenden Empfang hier in der Münsterlandhalle. Viele andere Zeichen könnte ich noch nennen, vor allem auch die Begegnung im Anschluss an die Chrisam-Messe  am Montag in der Karwoche. Sie können sicherlich verstehen, dass ich mich zunächst einmal mit einer gewissen inneren Unsicherheit und auch etwas scheuen Distanz einer so großen Gruppe nähere, wie sie die Gläubigen und dann auch noch einmal in eigener Weise die in der Seelsorge Tätigen in diesem Bistum darstellen. Ich erfahre das nun schon zum zweiten Mal; denn vor sechs Jahren habe ich meine Heimat verlassen, um in das Ruhrgebiet zu ziehen, und nun muss ich nach relativ kurzer Zeit des Einarbeitens und Kennenlernens, des Vertrautwerdens und der  Sesshaftigkeit  wieder auf Wanderschaft gehen, also Leben im Aufbruch, wie es das Motto des Jubiläumsjahres 2008 im Bistum Essen sagte, existenziell verwirklichen. Umso mehr berührt mich die Aufnahme durch Sie. Dafür möchte ich Ihnen, Ihren Gemeinden und allen Menschen, die sich darum bemüht haben, mir das Ankommen hier leichter zu machen, an diesem Ort von ganzem Herzen danken.

Ich habe es als besonders wertvoll empfunden, dass ich nach meiner Einführung unmittelbar in die Feier der großen Geheimnisse unseres Glaubens eintreten durfte und so vom Zentrum des christlichen Lebens her meinen Dienst begonnen habe. Unter dem Eindruck dieser Feier habe ich auch unsere Begegnung heute Morgen vorbereitet. Mir ist nämlich auf der inneren Suche, was ich Ihnen wohl heute darbieten soll,  sehr unmittelbar in den Ostertagen bewusst geworden: Was machst du dir so viele Sorgen, das rechte Wort zu finden, wenn du zunächst einfach bedenkst: Von dieser Mitte her gestaltet sich unser gemeinsames seelsorgliches Tun?

Was wollen wir eigentlich noch mehr,  als den Auferstandenen zu verkünden, den Menschen unserer Tage zu sagen, welche Kraft der Hoffnung in dieser Wirklichkeit liegt, und wie dankbar wir sein können für das Zeugnis derer, die dem Auferstandenen in einer überraschenden Erfahrung ihres Lebens begegnet sind! In dieser Spur, in dieser Linie, setzen wir unser Wirken fort. Das ist das Grundlegende, das Erste, hinter dem die zweifellos vorhandenen Fragen, Herauforderungen und Beanspruchungen schon von der Sache her zurückstehen sollten und zurückstehen können.

Damit bin ich, liebe Schwestern und Brüder, bei einer weiteren Dimension meines Dankes: Wenn ich in diese Halle schaue und so viele Gesichter sehe, Frauen und Männern begegne, denen  ihr Dienst d a s Anliegen Ihres Lebens ist, dann weiß ich mich entlastet. Wenn ich nämlich bedenke, welche Erwartungen auf mich als Bischof zukommen, welche Fragen mir Menschen, vor allem Journalisten, in Zusammenhang meiner Ernennung und Einführung vorgelegt haben, wenn ich manche Kommentare, Artikel, Dokumentationen usw. lese oder höre, könnte ich geradezu erschlagen werden. Dann habe ich den Eindruck, als fiele der Dom über mich. Menschlich ist das nicht zu schaffen. Eine solche Perspektive ist aber deshalb auch falsch, weil sie unkirchlich ist. Ich tue diesen Dienst nicht allein, ich fange nicht hier an, sondern ich tue diesen Dienst mit Ihnen in einem Anfang, der bereits gelegt und gesetzt ist, den Sie, liebe Schwestern und Brüder, empfangen und weitergestaltet haben. Deshalb möchte ich Ihnen danken für all das, was Sie bisher investiert haben durch Ihr Gebet, durch Ihr Engagement, durch Ihr stilles Zeugnis, sicherlich auch durch Ihr Opfern und Leiden. Ich danke jedem Einzelnen von Ihnen, allen voran nochmals ausdrücklich Bischof Reinhard.

Es ist durchaus möglich, dass sich in dem einen oder anderen von Ihnen die Stimme regt, die mich darauf hinweisen möchte, auch von dem zu sprechen, was in den letzten Jahren falsch gemacht wurde bzw. mich davor warnt, nicht zu übersehen, was schief gelaufen ist und schief läuft. Wie Sie wissen, hat mich die Tradition der Exerzitien des heiligen Ignatius geprägt. In diesen Anweisungen zum Beten finden sich auch die Regeln für den Umgang mit der Kirche. Das Erste, was dabei auffällt, ist: Ignatius spricht dauernd davon, man solle dies und jenes loben. Das erste Wort  ist also "loben", nicht "tadeln". Darin liegt schon eine  Korrektur  unseres normalen Verhaltens. Ich möchte mich gerne auch darin der ignatianischen Tradition verpflichtet wissen und kann deshalb mit allem Freimut meinen Dank Ihnen gegenüber heute zum Ausdruck bringen.

Das verbindende Element, das einen von außen kommenden Bischof mit den Frauen und Männern zusammenbringt, die in einem Bistum Verantwortung für die Gemeinden, seien sie territorial oder kategorial, für Gruppen und Verbände haben, ist genau das, was ich in meinem  Wappenspruch und Leitwort für meinen Dienst zusammengefasst habe: "Wir verkünden euch das Leben" (1 Joh 1, 2). Das ist die Osterbotschaft, das ist der Kern des Christentums. Die tiefe Sehnsucht des Menschen, doch nicht sterben zu müssen, wirklich leben zu können, ein geglücktes, ein erfülltes, ein gesättigtes Leben haben zu dürfen, wird uns nach dem Bekenntnis unseres Glaubens durch die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen zuteil, der uns in seine Lebensgemeinschaft mit Gott hineinnimmt, mit einem Gott, den er selber aus seiner eigenen tiefen Erfahrung heraus als Vater bezeichnet, und mit dem er in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes lebt.

Man hat mir gesagt, ich solle an diesem Tag zwei Ziele verfolgen: Dass wir uns gegenseitig kennen lernen, und dass ich eine programmatische Rede zu einer pastoralen Perspektive halte. Das Erste fällt mir leichter als das Zweite, wie Sie sich unschwer denken können, obwohl es auch nicht so einfach ist, an einem Tag so viele Frauen und Männer so kennen zu lernen, dass es mir bei der nächsten Begegnung ein Leichtes wäre, Sie mit Namen anzusprechen und den Ort, an dem Sie tätig sind,  zu nennen. Sie werden es mir nachsehen, wenn ich Sie vielleicht in Zukunft mehrere Male nach der einen oder anderen Dimension Ihres Dienstes und Ihrer Biographie befrage. Aber zunächst einmal ist es sehr schön, dass wir uns kennen lernen, und dies wird sicherlich nicht nur durch die Begrüßung, durch die eine oder andere flüchtige Begegnung gegeben sein, sondern auch durch den Austausch und die Fragen, die Anmerkungen und Hinweise, die sich im Laufe des heutigen Gespräches ergeben werden. Umgekehrt wissen Sie von mir das eine oder andere schon, weil Sie als Internetbenutzer oder eifriger Leser der Kirchenzeitung einiges erfahren haben. Grundsätzlich mag aber bestehen bleiben, dass wir uns einander gönnen, die Bilder, die wir uns voneinander gemacht haben, noch einmal mit einem anderen Rahmen zu versehen, weil sich andere Dimensionen auftun und zeigen. Meinerseits  möchte ich gerne dazu beitragen, indem ich Sie teilnehmen lasse an dem, was mich pastoral bewegt, welche Herausforderungen und Fragestellungen ich sehe. Vielleicht können Sie dadurch auch einen Eindruck gewinnen von dem, wie ich die Gegenwart anschaue und mit welchen Augen ich den Weg der Kirche in den kommenden Jahren sehe, ohne dass ich unter dem Druck stehen muss, hier Visionen vorzustellen. Ich möchte Sie also teilnehmen lassen, an den Fragen und Themen, die mich bewegen, wenn ich an die seelsorgliche Arbeit und die Pastoral in unseren Gemeinden denke.

Ich betone das auch deshalb, weil es mir sehr schwer fällt, Ihnen heute eine programmatische  Rede zu halten. Das Programm, dem wir alle uns verpflichtet wissen, liegt fest. Es ist das Evangelium des Lebens. Ein Programm kann ich von mir aus nicht geben, sondern ich kann Akzente setzen, wie ich denke, dass dieses Evangelium des Lebens heute seinen Weg nehmen kann.  Aber ich kann das nur in einem Miteinander, anknüpfend an das, was ich vor Ort entdecken darf, was Sie einbringen, was Ihnen wichtig ist, was Sie in den Gremien, Räten, Gruppen und in Einzelgesprächen aus Ihrer jeweiligen Erfahrung, aus Ihrer Auseinandersetzung mit der Gegenwart und aus Ihrem Bemühen, sei es Gelingen oder Scheitern, in das große Ganze der Kirche von Münster hineingeben.

Dimensionen der pastoralen Herausforderung

Blickt man auf die Fülle der Themen, die uns bewegen, kann ich nur einzelne herausgreifen, die aber dann in sich  konvergieren. Es ist klar, dass ein Bischof, der aus Essen kommt, einer Diözese, in der sich in den letzten Jahren auf eine sehr starke und massive Weise pastorale Neuordnungen vollzogen haben, auch unter dieser Perspektive gesehen wird.

1. Struktur und Spiritualität

Das Thema der Neuordnung unserer kirchlichen Strukturen ist nicht nur auf eine einzelne Ortskirche in Deutschland beschränkt, sondern auch in unserem Bistum Münster lebendig. Für mich ist klar, dass ich an dem weiter bauen will, was in den letzten Jahren hier entwickelt wurde, dass ich sicherlich aber an vielen Stellen mit ganz anderen Gegebenheiten arbeiten muss, als  im Bistum Essen. Deshalb gehört für mich der Blick auf das, was bisher getan wurde, mehr aber auch noch auf das, was vor Ort in unterschiedlichen pastoralen Kontexten lebt, als erstes zu meinem Dienst und Auftrag. Dazu brauche ich Sie. Bei aller Unterschiedlichkeit und vielleicht sogar Ungleichzeitigkeit in unserem Bistum wird man aber auch immer wieder im Blick behalten, dass es gemeinsame Tendenzen gibt, mit denen jeder sich vor Ort auseinandersetzen muss, ganz gleich, ob jemand in einer industriell geprägten Region oder in einem Gebiet arbeitet, das mehr vom Mittelstand und der Landwirtschaft getragen wird. Bei aller Ehrfurcht vor den gewachsenen Strukturen, bei aller Sensibilität gegenüber den berechtigten Bedürfnissen der Menschen, gerade in der Kirche die Erfahrung von Heimat machen zu können, gilt es aber immer wieder zu bedenken, wie unser Grundauftrag, das Evangelium des Lebens zu verkünden, in einer geistig anderen Welt, als es bisher der Fall war, realisiert werden kann.

Ich möchte an dieser Stelle grundsätzlich wiederholen, was ich immer wieder getan habe: Es ist meine feste Überzeugung, dass eine bestimmte Sozialgestalt von Kirche nicht zu Ende geht, sondern zu Ende ist. Was meine ich damit? Es ist eine Gestalt von Kirche, die wesentlich dadurch geprägt war, dass Kirche und Gesellschaft nahezu deckungsgleich waren, dass der Bürger automatisch Christ gewesen ist. Ich weiß nicht, ob wir diesen Wandel innerlich angenommen haben, oder ob wir uns noch von manchen religiösen Praktiken, die in sich wertvoll sind, leicht den Blick verstellen lassen und übersehen, dass diese Praxis noch lange nicht die Grundentscheidung des Glaubens mit ihren Konsequenzen einschließt. Es ist überhaupt keine Frage, dass viele Menschen eine tiefe religiöse Sehnsucht haben, aber wir müssen zugleich feststellen, dass diese Sehnsucht nicht schon unmittelbar in die Grundgestalt des Glaubens führt. Es hat jemand gesagt: "Die Sehnsucht boomt, aber die Kirche schrumpft." Deshalb ist es notwendig, dass wir über alle Diskussionen und Debatten zu  Strukturfragen hinaus gehen und von innen her der pastoralen Grundstrukturierung eine geistig-geistliche Grundlage geben, um sie von dorther zu durchformen und zu prägen. Wenn immer wieder gefordert wird, dass pastorale Strukturen das eine seien, dass es aber auf die Inhalte ankommt, dann sehe ich in dieser Redeweise eine Gefahr: Ich kann als Christ, inkarnatorisch geprägt, gar nicht beide Dimensionen auseinander reißen. Das Wort, das Wort des Lebens, das Evangelium des Lebens ist das innere Prägemal  einer Struktur; es wird Fleisch. Andernfalls bleibt Struktur ein bloßes Knochengerüst. Das, was uns prägt, das Evangelium des Lebens, gilt es ins Gespräch zu bringen mit einem nüchternen Blick auf die Gegenwart und von dorther die Weise zu entdecken, wie wir heute als Kirche leben und unseren jeweiligen durch Taufe und Firmung bzw. durch Taufe, Firmung und Weihe geschenkten Auftrag zu erfüllen haben. Ich kann keine Reformen in der Kirche anregen, ohne dass ich gleichzeitig vom Geist spreche, von dem Geist erfüllt bin, der diese Reformen leitet, von innen her bewegt,  das innere Fundament dazu gibt.

Anders ausgedrückt: Man kann nicht sagen: Zunächst einmal ist die Struktur zu bauen, dann muss eine Welle der Spiritualisierung folgen. Nein, ohne eine tiefe innere Spiritualität können Reformen nicht gelingen. Durch ein Leben aus dem Geist des Evangeliums werde ich innerlich getrieben und bewegt, diesem Evangelium im Heute Gestalt zu geben, es in die Auseinandersetzung der Gegenwart zu stellen und ihm zum Durchbruch zu verhelfen, dass es auch das Heute so prägen und gestalten kann, dass wieder eine christliche Kultur möglich wird. Das heißt für uns: Wenn wir uns selbst nicht ganz als Zeugen des Evangeliums verstehen, wenn wir also nicht in der Tiefe von der Liebe Gottes erfasst sind, bleiben wir Akkorde, die keine Melodie werden können,  tönendes Erz oder scheppernde Schellen. Damit sage ich Kritisches: Ich spreche nämlich von den Prioritäten, die jede und jeder Einzelne von uns in seinem persönlichen Leben setzt, um Zeuge und Bote des Evangeliums sein zu können. Die pastorale Herausforderung ist zunächst einmal eine Herausforderung an meine eigene Zeugniskraft für das Evangelium, fordert mich zu fragen, ob der Herr den ersten Platz in meinem Leben hat, und zwar nicht theoretisch, sondern praktisch im Gebet, Gottesdienst, Buße, Umkehr, kurzum in einem so genannten "geistlichen Leben".

2. Leben in Gemeinschaft

Damit bin ich unmittelbar bei einem zweiten wesentlichen Gesichtspunkt dieser Herausforderung: Ich kann das nämlich nicht als Monade, sondern nur in Gemeinschaft. Hiermit berühre ich sicherlich einen äußerst sensiblen und heiklen Punkt. Ich bin fest davon überzeugt, dass jegliche Strukturreform der Gegenwart steht und fällt mit der Frage, ob diejenigen, die als Hauptberufliche tätig sind, ganz gleich in welchem Dienst der Kirche, bereit sind zur Kooperation. Communio ist hier ein ganz praktischer Begriff, nicht Ausdruck einer Sehnsucht, nicht theologische Leitidee, sondern Praxis. Die Zeit des Einzelkämpfers und der Einzelkämpferin ist endgültig vorbei. Damit möchte ich keineswegs schlecht reden, dass es immer Menschen gibt, die sich schwer tun, in einem Gesamtgefüge zu arbeiten, die  ihre Originalität einbringen, selbst wenn das mit dem einen oder anderen kooperativen Modell nicht zusammengeht. Originale und Kooperation schließen sich nicht aus. Aber grundsätzlich kann die Kirche ihre pastorale Herausforderung nur bewältigen, wenn diejenigen, die sie zu verantworten haben, dies in echter Kooperation tun. Deshalb ist für mich das Band des Bischofs mit seinen Priestern, die Verbindung mit den Diakonen, der Austausch mit den pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Dienst der Pastoralreferentin oder des Pastoralreferenten nicht einfach Beigabe, etwas, um das man  nicht herum kommt, sondern wesentlich für den bischöflichen Dienst. Weder der Bischof noch der einzelne Pfarrer ist pater familias, sondern alle zusammen sind wir Mitarbeiter der Wahrheit, freilich mit den unterschiedlichen Zuweisungen, Rollen und Sendungen. In Anlehnung an ein Wort des verstorbenen Bischofs von Aachen Klaus Hemmerle möchte ich sagen: "Der Christ heute – das ist zu wenig. Die Antwort heißt: Die Christen heute – gemeinsam miteinander und Jesus in ihrer Mitte."
Die Frage lautet: Wie kommen wir zu einem guten WIR? Wie öffnen wir diesen Raum in unserer Mitte, in dem Jesus sein und wachsen kann?

Im Schreiben Papst Johannes Paul II. zur  Jahrtausendwende schreibt dieser große Visionär der Kirche zur Spiritualität der Gemeinschaft, zu Communio und Kooperation:

Die Kirche zum Haus und zur Schule der Gemeinschaft machen, darin liegt die große Herausforderung, die in dem beginnenden Jahrtausend vor uns steht, wenn wir dem Plan Gottes treu sein und auch den tiefgreifenden Erwartungen der Welt entsprechen wollen. Was bedeutet das konkret? Auch hier könnte die Rede sofort praktisch werden, doch es wäre falsch, einem solchen Anstoß nachzugeben. Vor der Planung konkreter Initiativen gilt es, eine Spiritualität der Gemeinschaft zu fördern, indem man sie überall dort als Erziehungsprinzip herausstellt, wo man den Menschen und Christen formt, wo man die geweihten Amtsträger, die Ordensleute und die Mitarbeiter in der Seelsorge ausbildet, wo man die Familien und Gemeinden aufbaut. Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet vor allem, den Blick des Herzens auf das Geheimnis der Dreieinigkeit zu lenken, das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen werden muss. Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet zudem die Fähigkeit, den Bruder und die Schwester im Glauben in der tiefen Einheit des mystischen Leibes zu erkennen, d.h. es geht um "einen, der zu mir gehört", damit ich seine Freuden und seine Leiden teilen, seine Wünsche erahnen und mich seiner Bedürfnisse annehmen und ihm schließlich echte, tiefe Freundschaft anbieten kann. Spiritualität der Gemeinschaft ist auch die Fähigkeit, vor allem das Positive im anderen zu sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen: nicht nur ein Geschenk für den anderen, der es direkt empfangen hat, sondern auch ein "Geschenk für mich". Spiritualität der Gemeinschaft heißt schließlich, dem Bruder "Platz machen" können, indem "einer des anderen Last trägt" (Gal 6, 2 ) und den egoistischen Versuchungen widersteht, die uns dauernd bedrohen" (NMI 43).

Liebe Schwestern und Brüder, ich habe das so ausführlich zitiert, weil es für mich eine Kernstelle im Rahmen der pastoralen Herausforderungen unsere Zeit ist. Ich halte dies für einen Text, der neu zur Gewissenserforschung, sowohl des Einzelnen als auch der Teams, der Pastoralkonferenzen, oder wie auch immer die Gruppen heißen, in denen Sie tätig sind, herausfordert. Hier beginnt bereits die Spiritualität, die unsere Strukturreform kennzeichnen muss. Ich weiß, dass sich manche damit sehr schwer tun. Aber an dieser Stelle spüre ich immer wieder, dass wir das II. Vatikanische Konzil noch nicht internalisiert haben. Wir sprechen vom Volk Gottes, wir haben darin eine gute Ergänzung des Bildes vom Leib Christi gesehen. Aber das Grundlegende des Bildes der Kirche nach dem II. Vatikanischen Konzil ist das Bild der communio, der Gemeinschaft, die aus dem dreieinigen Gott hervorgeht. Diese Gemeinschaft zu leben und sie praktisch zu vollziehen, indem ich den Bruder und die Schwester annehme, die dieser Gott mir in Jesus Christus geschenkt hat, das wird das bleibende Zeugnis der Christinnen und Christen sein, mit dem sie das Evangelium des Lebens praktisch vollziehen. So war es am Anfang, so ist es für heute.

Daraus ergibt sich für mich auch eine Vision: Es ist die Vision der Glaubenszellen, derjenigen, die miteinander das Wort des Lebens teilen, die es ins Gespräch bringen mit dem konkreten Alltag und die dadurch empfangen, was sie  im Hier und Heute tun sollen.

3. Die Herausforderung der Freiheit

Liebe Schwestern und Brüder, die eigentliche Herausforderung in unserer Spiritualität scheint mir allerdings noch auf einem ganz anderen Gebiet gegeben zu sein: Nämlich in der Bewältigung der Ohnmacht, mit der Freiheitsentscheidung der Menschen angemessen umzugehen. Was meine ich damit? Wenn ich davon spreche, dass eine bestimmte Sozialgestalt der Kirche zu Ende ist, so denke ich dabei nicht an bestimmte äußere Formen. Ich denke auch nicht daran, dass die Volkskirche zu Ende ist; denn sicherlich sind die meisten von Ihnen wie auch ich geprägt worden davon, dass sie in der Volkskirche ihre religiöse und katholische Sozialisation empfangen haben. Es gibt viele volkskirchliche Elemente, die ich schätze, und die ich nicht untergehen lassen möchte. Außerdem sollten wir uns vor der Gefahr hüten, eine kleine Gruppe zu werden, statt Kirche im Volk zu sein.

Aber zu der Sozialgestalt, die zu Ende ist, gehörte auch, dass der Einzelne in vieler Hinsicht nicht gefragt war, ob er mitmacht; er hat einfach mitgetan. Er hat es getan, selbst wenn er von innen her den Vollzug der kirchlichen Riten und Dienste nicht mitvollzogen hat. Aber er fühlte sich dazugehörig und aufgenommen. Es gab ihm eine gewisse Sicherheit und auch eine Heimat. Das hat sich schon aufgrund der Flexibilität, der Mobilität und der unterschiedlichen Lebensräume verändert, in denen Menschen heute ihr Leben leben. Jeder von uns kennt das und braucht dazu keine Veranschaulichung. Wir sind eben nicht mehr in einem einheitlichen Lebensraum sowohl im Beruf als auch im Alltag tätig. Der Vollzug des religiösen Lebens ist möglicherweise ein Segment eines sehr vielgestaltigen Lebensgemäldes, in dem der Einzelne sich befindet, und aus dem er seinen Lebensentwurf zusammensetzt. Umso mehr ist er aber herausgefordert, sich zu religiösen Fragen, zu Glaube und Kirche zu verhalten. Man macht es nicht mehr selbstverständlich, selbst wenn man eine zeitlang mit einer Gruppe mitgegangen ist. Das wird ganz konkret und praktisch z.B. bei Eltern, die alles getan haben, um ihre Kinder in das Leben der Kirche hineinzuführen. Sie können ihnen alles gegeben haben, was für Glaube und Kirche von Bedeutung war. Aber sie werden ihnen eines nicht nehmen können: Dass diese Kinder zu diesem Glauben und zur Kirche Ja oder Nein sagen. Diese Entscheidung werden sie ihnen nicht abnehmen können. Die Herausforderung liegt nun sowohl für die Eltern als auch für uns als Verkünder darin, unser Christsein gerade dann zu bewähren, wenn ein Einzelner, um den wir uns bemüht haben, in seiner Freiheitsentscheidung ein Nein oder ein für uns jedenfalls scheinbares Nein spricht, selbst wenn er innerlich sogar noch zu diesem Nein Vorbehalte macht, die wir allerdings nicht sehen können. Halten wir das aus? Halten wir es aus, in dieser Ohnmacht zu leben, dass wir es mit unserer Entscheidung nicht machen können?

Ich möchte diesen Gedanken noch vertiefen von einem Text her, den ich als besonders kostbar ansehe. Er stammt aus dem meines Erachtens theologisch stärksten Dokument des Konzils, nämlich aus der Konstitution über die göttliche Offenbarung. Ich glaube, dass von hier aus alle Konzilstexte gelesen werden könnten. Was zunächst wie eine theologische Streitfrage wirkt, die durch das Konzil überholt wurde, nämlich die Frage nach dem Verhältnis von Schrift und Tradition,  hat für mich die Form des inneren Schlüssels erhalten, das gesamte Konzil und nicht nur diese einzelne Konstitution verstehen zu helfen. Ich zitiere die Grundaussage des zweiten Abschnittes:

"Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun (…): dass die Menschen durch Christus, das Fleisch gewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur (…). In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott (…) aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde (…) und verkehrt mit ihnen    (...), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen (…). Die Tiefe     der durch diese Offenbarung über Gott und über das Heil des Menschen erschlossenen Wahrheit leuchtet uns auf in Christus, der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist" (DV 2).

Es geht nicht um zwei Quellen der Offenbarung, Schrift und Tradition. Es geht um den einen Gott, der sich selbst offenbart, sich mitteilt und seinen Heilswillen kund tut und dies aufgipfeln lässt in der Gestalt Jesu Christi. Deshalb ist Christus, wie die Kirchenkonstitution sagt, das "Licht der Völker". Die Kirche hat ihre Sendung darin zu erfüllen, dass sie "Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" (LG 1) sein soll. Wenn also Gott  den Menschen anspricht, dann erwartet er von ihm die Antwort eines Ja oder Nein. Wenn Gott sich selbst mitteilt, dann liefert er mir nicht eine Information über sich selbst, an der ich unbeteiligt vorbeigehen kann, sondern er fordert mich in meinem Ja und in meiner Antwort heraus. Damit ist aber der Akt meiner Freiheit berührt, und der ist nicht machbar, nicht zu erzwingen.

Hier liegt der tiefste Grund für unsere Zeugenschaft: Wir haben diese Botschaft, das Evangelium des Lebens zu verkünden. Wir können uns bemühen, wir können alles Mögliche tun, damit sie zu den Menschen kommt, aber wir können es nicht herstellen, dass der Einzelne ihr von innen her zustimmt. Wenn wir die Menschen dazu führen sollen, Freunde Gottes zu werden, dann lässt sich diese Freundschaft nicht machen. Wir können alles tun, damit Menschen Christus richtig verstehen. Wir können die besten Quellen unseres Glaubens öffnen, damit Menschen zu ihm finden. Unser Bemühen kann nur darin bestehen, die Menschen beständig im Hören zu schulen, damit ihr Herz vom Herrn selbst geformt wird. An dieser Stelle kommt mir ein augustinischer Gedanke in den Sinn, den ich Ihnen gerne mitteile: Augustinus spricht vom kirchlichen Amtsträger als dem Lehrer, der aber nicht nur Lehrer ist, sondern mit allen anderen Christen Mitschüler in der Schule des eigentlichen Meisters und Herrn, nämlich Christus, lebt, auf seine Worte hört und ihnen zu folgen versucht. Hier darf ich noch einmal mein Wort von den Glaubenszellen einspielen.

 Wir bleiben Zeugen, so wie Christus selbst Zeuge ist: Wenn wir wirklich Zeugen sein wollen, dann können wir es nur als Überzeugte sein. Aber dann müssen wir auch die Bereitschaft haben, die Einsamkeit auszuhalten, darin nicht verstanden zu werden. Wir sind dann auf dem Weg des Herrn, der auch Zeuge der Wahrheit ist, in diese Welt gekommen ist, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen (vgl. Joh 18, 37), der sie niemandem aufgedrängt hat, sondern es allen zumutete, dass er zu seiner Identität als Zeuge dieser Wahrheit stand, aber damit lebte, dass er im freien Spiel der Kräfte sogar abgelehnt wurde und abgelehnt wird. Die Erlösung besteht darin, dass er selbst dieses Nein und diese Ablehnung mit seiner Liebe unterfangen hat.

4. Schwerpunkte und Entlastung

Aus diesen genannten Perspektiven ergeben sich für mich eine Reihe von Schwerpunkten, die zugleich Entlastung bieten. Es ist klar, dass wir nicht alles tun können, was man tun müsste. Unser Dienst ist in einer gewissen Weise uferlos. Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass man es noch besser hätte machen können, dass andere Aspekte zu wenig berücksichtigt wurden, dass nicht alle zufrieden sind. Sie werden die Beispiele aus Ihrem eigenen Leben beliebig vermehren können, und Sie werden Gesichter vor sich sehen, die Ihnen sagen, welchen Erwartungen Sie nicht genügt haben. In einer so differenzierten Gesellschaft, wie wir sie als unseren Lebensraum erfahren, kann das überhaupt nicht anders sein. Die Pluralisierung der Lebensbereiche und der Lebensentwürfe fordert eine immer wieder neue Sensibilität, wache Aufmerksamkeit und Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Das kann aber nur gehen, wenn ich zugleich die Distanz behalte, aus der heraus ich auf den großen Horizont schauen kann, in dem ich mich und meinen Dienst sehe. Wenn ich selbst mit dem Wort Gottes tagaus tagein umgehe, von IHM her mein Leben und die Herausforderungen anschaue, werde ich fähig, die verschiedenen Geistesrichtungen, aber auch die verschiedenen Regungen in meiner Seele zu unterscheiden, um zur Entscheidung zu kommen, was hier und jetzt vonnöten ist. Wie hilfreich kann da eine Glaubensgruppe sein, wie hilfreich kann es sein, in unserer pastoralen Arbeit nicht nur die Tagesordnung abzuarbeiten, was dringend notwendig ist, sondern sie immer wieder neu vom Gebet und Glaubensgespräch prägen zu lassen. Ich denke an das gemeinsame Tun und daran, wie wir in Zukunft Modelle einer vita communis entwickeln  können. Hier ist sicherlich noch manche Kreativität und Fantasie gefordert, damit wir weder romantischen Vorstellungen erliegen noch uns durch Scheitern und Enttäuschung irre machen lassen.

Das gilt sicherlich auch für unsere Gemeinden. Nicht Kirchturmdenken hilft uns weiter. Wohl aber die Verbindung unterschiedlicher Gemeinden und Gemeinschaften. Ich habe in den zurückliegenden Jahren manchmal etwas spitz formuliert: Kirche gebärdet sich in bestimmten sozialen Systemen wie ein Heimatverein. Ich habe sehr viel Verständnis dafür, dass Menschen in ihrer Gemeinde das letzte Stück Heimat erleben, das sie sich bewahren möchten, nachdem viele andere soziale Systeme vor Ort zerstört worden sind. Wir wissen aber auch, dass Menschen sich in engen Gemeinden und Pfarreien oft, zumal wenn sie von außen kommen, nicht aufgehoben wissen, sondern eher Abstand und Distanz erfahren. Umgekehrt hilft die Einheit unterschiedlicher Gemeinden und Gemeinschaften, dass Christen sich nicht gebunden wissen müssen durch eine Gemeinde unmittelbar vor Ort, in der sie nicht heimisch werden können, und deshalb andere gemeindliche Orte suchen, wo das Zeugnis ihres Christseins eine größere Stärkung erfährt. Mir scheint hierbei von unserer Seite als hauptberuflich Tätige eine große Sensibilität notwendig, die bereit ist, die Spannung auszuhalten zwischen den berechtigten Bedürfnissen nach Heimatgefühlen, nach Geborgenheit, nach Verankerung vor Ort, und die zugleich hinausführen kann in die größeren Dimensionen, dass Kirche mehr ist als das Sozialgebilde, das Traditionen vor Ort in ihrem Bestand sichert.

Selbst wenn es uns als Priester, Diakone oder Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten schwer fällt, in neue Zusammenhänge aufzubrechen und wir deshalb auch manchmal eher zu den beharrenden Kräften neigen, so bitte ich doch sehr herzlich darum, den Blick zu weiten auf das größere Ganze unserer Sendung. Manchmal hilft dafür eine besondere kritische Rückfrage, die uns auch befreien kann von der Gefahr, sich um sich selbst zu drehen. Es ist die Frage nach den Armen, ja sogar nach den Ärmsten der Armen in unseren gemeindlichen Zusammenhängen. Haben wir diese wirklich im Blick? Haben wir den Dienst für sie an die Caritas abgegeben? Was müssen wir für sie tun? Eine Gemeinde steht und fällt damit, ob sie diese Sensibilität aufbringt, manchmal auch sehr verschämte und versteckte Armut wach, zart und sensibel zu berühren, mit ihr umzugehen und sie im Verbund mit den Betroffenen zu verändern. Daran zeigt sich am stärksten, dass wir nicht eine bürgerliche Kirche, die Kirche einer bestimmten Schicht sind, sondern die Kirche dessen, der selbst arm wurde, um uns dadurch den Reichtum seiner Liebe zu schenken.

Ich habe mich immer wieder bei der Lektüre der Apostelgeschichte gefragt, was der Verfasser eigentlich meint, wenn er an verschiedenen Stellen davon spricht, dass der Geist die Missionswege bestimmt. Ich erinnere Sie z.B. daran, dass Paulus das Wort Gottes in der Provinz Asien verkünden will, dass ihm das aber mit seinen Begleitern "vom Heiligen Geist verwehrt wurde" (Apg 16, 6). Sie nehmen dann einen anderen Weg, müssen aber die Erfahrung machen, die Lukas in die Worte fasst: "Doch auch das erlaubte ihnen der Geist Jesu nicht" (ebd. 7). Ich denke an das berühmte Wort aus der Versammlung der Apostel in Jerusalem: "der Heilige Geist und wir haben beschlossen" (ebd. 15, 28 a). Gelten solche Erfahrungen nur für die Ursituation der Anfänge des christlichen Glaubens, oder dürfen wir solche Erfahrungen vielleicht auch machen? Und hier vollzieht sich Kooperation ganz praktisch: geistlich gemeinsam zu suchen, Fantasie und Kreativität zu entwickeln und unsere Ideen und Gedanken noch einmal kritisch auf dem Hintergrund des Wortes Gottes und des Geistes Jesu hinterfragen zu lassen. Dann werden wir auch in der Lage sein, uns gegenseitig zu entlasten. Ich sage das bewusst und mit Bedacht, liebe Schwestern und Brüder. Ich sage es aus einer persönlichen Erfahrung heraus: Oft wird nämlich von mir als Bischof  viel, ja zu viel erwartet. Oft genug habe ich schon vor der Erfahrung gestanden, angesichts der schweren pastoralen Herausforderungen, vor allem des zahlenmäßigen Rückgangs, Druck auf  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auszuüben. Ich habe mich entschieden, das nicht zu tun. Ich habe mich entschieden, mich mit Ihnen der Frage zu stellen: Wovon können wir uns entlasten? Wir können vieles tun, wir müssen vieles tun, aber wir sind auch herausgefordert, uns der Frage zu stellen: Was tun wir nicht? Was tun wir jetzt nicht? Was tun wir jetzt nicht mehr, oder was können wir im Augenblick nicht tun, legen es aber als Aufgabe für morgen zurück? Ich habe darauf keine Antwort, vor allen Dinge keine kurzatmige. Sie kann nur gesucht werden, erspürt werden unter der Perspektive: Was verwehrt uns der Geist Gottes? Was erlaubt er uns bzw. was erlaubt er uns nicht? Dann können auch wir sagen: Der Heilige Geist und wir haben beschlossen. Ich halte das auch heute für möglich -  nicht nur als eine historische Erinnerung aus dem 15. Kapitel der Apostelgeschichte. Sollte das nicht auch für die Kirche von Münster gelten oder nur der Kirche von Jerusalem damals zuzuschreiben sein? Deshalb übrigens habe ich es auch als schön empfunden, dass die Hauptabteilung Seelsorge in einem ihrer Hefte praktische Beispiele vorgestellt hat, wie Zusammenarbeit auch gelingen kann. Wir sind nämlich meistens geneigt, die Negativbeispiele aufzuzählen. Das ist  verständlich, weil es bei solchen Veränderungen wie den unsrigen sehr viele Verluste und Verlustängste gibt.

Ich möchte noch auf eine Dimension hinweisen, die mir gerade unter dem Gesichtspunkt der Kreativität und der Schwerpunktsetzung von Bedeutung ist. Ich meine nämlich, dass Zeugenschaft darin besteht, dass wir auskunftsfähig sind, wie Bischof Joachim Wanke von Erfurt es ausdrückt. Wenn wir die Freiheitsentscheidung des Einzelnen ernst nehmen, heißt das nicht, dass wir uns von den Menschen unserer Zeit zurückziehen, sondern es bedeutet das Gegenteil: Von uns ist die Bereitschaft verlangt, sich mit den Themen und Fragen der Menschen von heute auseinanderzusetzen. Hier wird das viel zitierte Zusammenspiel von Glaube und Vernunft ganz praktisch und konkret. Wir brauchen für uns und für unsere Gläubigen Hilfen, damit wir Rechenschaft geben von der Hoffnung, die uns erfüllt, wie der erste Petrusbrief sagt (vgl. 1 Petr 3, 15). Das geht nur durch das, was wir mit Katechese meinen. Katechese ist nämlich mehr als Information, sondern sie ist Teilhabe an dieser Selbstmitteilung Gottes, von der das Konzil in der Konstitution über die Offenbarung spricht. Katechese will den Wissenshorizont zweifellos erweitern, vor allem aber in die Praxis des christlichen Lebens einführen. Deshalb halte ich die Katechese für einen der wichtigsten Schwerpunkte der kommenden Jahre. Sie hat auch eine Entlastung darin, dass wir in unseren zusammengeführten Gemeinden uns hier gegenseitig helfen können, weil nicht mehr jede Gemeinde alles, gerade auch auf diesem Sektor, tun muss.  Ich möchte einen letzten Punkt nennen: Es betrifft Ihre Fantasie.

 Was haben Sie in dieser Richtung kreativen Aufbruchs alles zu bieten! Kürzlich begegnete ich einem evangelischen Christen, der mit einem Pfarrer der Diözese Essen zusammenarbeitet. In seiner inneren Suche danach, wie er den Menschen das Evangelium schmackhaft nahe bringen kann, ohne sich anzubiedern, hat er eine Initiative im Internet entwickelt, die unter den Zeichen www.gott.net abgerufen werden kann. Die Erfahrungen, die er mit dieser Initiative macht, war für mich die Entdeckung, die ich auch an anderen Stellen immer wieder geschenkt bekomme: Der Gekreuzigte lebt. Und ich denke an viele Ihrer Institutionen. Was haben Sie schon investiert, und Sie haben es aus Liebe getan – und alles, was aus Liebe geschieht, kann nicht verloren sein.

Liebe Schwestern und Brüder, ich konnte nur einen Aufriss gestalten, weil ich Sie teilnehmen lassen wollte an meinen Überlegungen, an den Themen, die mich beschäftigen, an der Vision, die mich erfüllt. Es ist die Vision einer kirchlichen Gemeinschaft, die davon lebt, dass Menschen Jesus als den Herrn, den Meister, den Bruder und Freund entdeckt haben, Menschen, die fest davon überzeugt sind, mit der Auferstehungsbotschaft nicht belogen worden zu sein, sondern sie als die Sache anzusehen, die die Welt braucht, damit sie eine Hoffnung hat, die ihres Namens würdig ist. Jeder von Ihnen hat seine Schriftstelle, aus der er oder sie in besonderer Weise Kraft schöpft. Ich habe im Anfang des ersten Johannesbriefes für mich die Zusammenfassung dessen gefunden, was mich in meinen Dienst als Priester und Bischof, aber auch in meinem schlichten Zeugnis als Christ in besonderer Weise bewegt. Es geht um die Mitteilung der Erfahrung dessen, der zu uns gekommen ist als das Wort des Lebens, der aber gerade deshalb sich nicht aufgedrängt hat, sondern  die Herausforderungen, angenommen oder abgelehnt zu werden, erlitten hat. Er hat aber denen, die ihn aufnehmen, Macht gegeben, in eine Gemeinschaft zu treten, die göttlich ist und die die Fähigkeit beinhaltet, dem Leben eine Gestalt zu geben, die den Schwachen und Bedürftigen ebenso das Recht zum Leben einräumt wie den Starken und Mächtigen. Deshalb möchte ich mit dem Zitat schließen, das den Anfang des ersten Johannesbriefes darstellt:

"Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden Euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch Euch, damit auch Ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist" (1 Joh 1, 1-4).

Ich danke Ihnen für Ihre geduldige Aufmerksamkeit.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Öffnet externen Link in neuem FensterTag der Seelsorgerinnen und Seelsorger: Gedanken der Communio stärken (29.04.2009)
  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Bischof Felix Genn

Text: Bischof Felix Genn
28.04.2009

Schwerpunktthema

Vom 16. bis 20. Mai 2012 findet in Mannheim der 98. Deutsche Katholikentag statt. Er steht unter dem Leitwort "Einen neuen Aufbruch wagen".

Vorlagen für Maiandachten

Ein besonderer kirchensite.de-Service: Wir bieten Ihnen eine Reihe von Vorschlägen für Andachten zur Muttergottes im Monat Mai zum Herunterladen an.

Mittwoch ist Chatzeit

Am Mittwoch zwischen 20.30 und 21.30 Uhr im Chat: Diakon Holger Meyer.

Wir beten für Sie!

KLOSTERFÜRBITTE im Monat Mai: St.-Franziskus-Haus in Nordwalde.

Das aktuelle VIDEO...

Grüße vom Katholikentag (1): Aufbruch gelingt ...

Landvolkshochschule

Mit einem Festakt wurde der langjährige Direktor der Landvolkshochschule "Schorlemer Alst", Johannes K. Rücker, in den Ruhestand verabschiedet.

Kommunionempfang

Erzbischof Robert Zollitsch setzt sich weiterhin dafür ein, dass Katholiken auch nach Scheidung und Wiederheirat die Kommunion empfangen können.

Bibelarbeit

Unterwegs nach Emmaus: Kleopas und sein Freund.

Wohnungsnotfallhilfe

In einer Wohnung oder einem Haus zu wohnen, ist für Jeden selbstverständlich und lebensnotwendig.

Heilige und Selige

Das Bistum Münster kann auf viele Frauen und Männer zurückblicken, die ein herausragendes Zeugnis für den christlichen Glauben abgelegt haben.

Neues Seelsorgekonzept

Im Bistum Münster wird derzeit ein neuer Diözesanpastoralplan erstellt. Er soll Schwerpunkte der Seelsorge benennen. Ein erster Entwurf steht zum Herunterladen bereit.

Glaubenswissen

Frömmigkeit - Gesamthaltung des gläubigen Menschen vor Gott.

Bischof Felix Genn

Sein Leben – sein Wirken – seine Texte.

Dossier: Maria

Maria ist die Mutter Jesu Christi - und hat daher eine besondere Stellung im christlichen Glauben.

Durch das Jahr

Liturgie und Brauchtum zu Pfingsten: Ein wenig Geist und viel Frühling.

Sterbebegleitung

Wann beginnt das Sterben? Was erwartet mich auf meinen letzten Wegen vor dem Tod? Kann ich mich und meine Verwandten auf diese Wege vorbereiten?

Ehegericht

Mit seinen rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschäftigt sich Offizial Kurt Schulte größtenteils mit so genannten Ehenichtigkeitskeitsverfahren.

Wallfahrtsorte

Vinnenberg: Muttergottes vom Himmelreich.

Verbände

Christliche Arbeiter-Jugend.

Geistlicher Impuls

"Gehet hin in Frieden!"

Trauerseelsorge

Hilfe bei berufsethischen Fragen.

Heiligenlexikon

30. Mai: Heilige Johanna von Orléans.

Kirche von A bis Z

Marienerscheinung: Mittlerrolle der Mutter Jesu

Regionen

Cosfeld / Recklinghausen.

Mit der Bibel leben

Ich bin das A und O.

Glaubens-ABC

Marienverehrung: Magd des Herrn

Marienmonat

Als schönster Monat des Jahres soll der Mai der "schönsten aller Frauen" geweiht sein. Maialtäre und Maiandachten entstammen einer barocken Frömmigkeitstradition.

Service für Sie

RSS-Feed Topnews

Öffnet internen Link im aktuellen FensterNewsticker für Ihr Web

Spruch des Tages

Wenn man Spaß an einer Sache hat, dann nimmt man sie auch ernst.
Gerhard Uhlenbrock

Reden, Fragen, Antworten finden

im "Haus der Seelsorge" hat man ein offenes Ohr für Sie


Seelsorger im Mai:
Pfarrer Martin Weber.

Seelsorger/-innen

Haus der SeelsorgeHaus der Seelsorge

Heiligenlexikon in "kirchensite.de"

im Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:

 

Kontakt

  kirchensite-Redaktion:
  redaktionkirchensite.de

  Lebenshilfe+Seelsorge: 
  Martin Weber
  weberkirchensite.de

  Technik:
  technikdialogverlag.de

Dialogversand