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Seite: Aktuelles  >  Vortrag von Bischof Genn zum Pastoraltag des Stadtdekanats Köln (II)
11.02.2012
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Dokumentiert:

Vortrag von Bischof Genn zum Pastoraltag des Stadtdekanates Köln (II)

Köln. Am Freitag (30.10.2009) hat Bischof Felix Genn in Köln aus Anlass eines Pastoraltags einen Vortrag gehalten. Hierin ging es um die Themen "Impuls zur spirituellen Basis pastoraler Planungen" und "Spirituelle Architektur pastoraler Konzepte". kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seines Vortrags.

II. Spirituelle Architektur pastoraler Konzepte oder: Schritte für weiteren Bauplan

Liebe Schwestern, liebe Brüder, unter diesem Titel hat mir Herr Schäfers die Aufgabenstellung für meine weiteren Ausführungen gegeben. Sie haben sicher gespürt, was mir im Zusammenhang mit der Strukturplanung wichtig ist: Ohne Gemeinschaft, ohne Communio, ohne die Bereitschaft zur Kooperation ist alles Bemühen um eine Strukturreform fruchtlos. Das bedeutet aber auch ganz eindeutig: Ohne die Rückbindung an den Herrn, ohne also die Gemeinschaft mit Ihm und damit ohne die Vernetzung von Hören auf das Wort und Hören auf die Schwestern und Brüder, wird uns der "Bau" neuer Strukturen nicht gelingen. Von daher habe ich nichts Anderes als ein paar Anmerkungen zu machen, was in Zukunft geschehen könnte:

1. Pflege der Kooperation

Vielleicht ist das die größte Schwierigkeit und Herausforderung. Aber ich glaube, dass wir daran nicht vorbei kommen. Wie kann das geschehen? Ich behaupte: Auch durch Coachs, durch Gruppenberatung, durch Gemeindeberatung, aber vor allem durch die Bereitschaft, geistlich miteinander zu leben. Was bedeutet uns der Austausch über unseren gemeinsamen Glauben? Könnten wir das Wort Gottes miteinander teilen, nicht nur, um uns auf die Predigt vorzubereiten, sondern einfach zwecklos, um gemeinsam auf das Wort Gottes zu hören? Die Methoden sind dazu vielfältig. Meines Erachtens reicht es auch nicht, damit bloß einen "frommen" Part in die Pastoralkonferenz hineinzubringen. Eine gemeinsame Rekollektio oder/und die Bereitschaft, über einen Zeitraum von vier bis fünf Wochen Exerzitien im Alltag miteinander zu halten, könnte ein Schritt sein. Daraus ergäbe sich:

2. Entscheidungsfindung in Gemeinschaft

Die Gemeinschaften Christlichen Lebens (GCL) haben in den zurück liegenden Jahren Methoden entwickelt, die man sich leicht zu Eigen machen kann, um eine bestimmte Problemsituation einer Entscheidung zuzuführen und sie nicht bloß aufgrund einer eingehenden Analyse und einem allgemeinen Austausch zu treffen, sondern bewusst aus dem Hinhören in und mit dieser Situation auf das Wort Gottes. Dazu kann man sich sicherlich geistliche Menschen als Begleiter und Helfer auswählen, die sich diesem Dienst zur Verfügung stellen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang Ihnen eine Überlegung vorstellen, die mich immer wieder umtreibt: Wenn ich z. B. in der Apostelgeschichte lese, wie der Weg des heiligen Paulus auf seinen Missionsreisen verlaufen ist, dann stoße ich u. a. auf Sätze wie: "Weil ihnen aber vom heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort in der Provinz Asien zu verkünden, reisten sie durch Phrygien und das galatische Land" (Apg 16,6).

Oder: "Sie zogen an Mysien entlang und versuchten, Bithynien zu erreichen; doch auch das erlaubte ihnen der Geist Jesu nicht" (ebd. 7). Was bedeutet das? Wie konnten die Apostel entdecken, dass hier Gottes Geist im Spiel ist, am Werk ist? Ich kann mir das nur so vorstellen: Sie haben miteinander die Situation, in der sie sich befanden, bedacht, sie re-flektiert im Blick auf die Botschaft vom Auferstandenen und der Sendung, die ihnen aufgetragen ist. Dann wurde ihnen deutlich und klar, es wurde evident: Das ist unser Weg, den wir jetzt gehen müssen.

Könnten wir uns nicht davon inspirieren lassen? Ich habe mir erlaubt, Ihnen auf einem Blatt Haltungen aufzuzeigen, die für eine solche gemeinschaftliche Überlegung, oder wie es im Fachbegriff heißt, zu einer Deliberatio communitaria, hilfreich sind und ebenso Hinweise, wie eine solche Deliberatio gestaltet werden kann.

In dem mehrfach schon erwähnten Papier von Herrn Schäfers gibt es einen ausführlichen Abschnitt zu dem Thema "Runder Tisch im Dekanat".(1)

Ich halte das für einen entscheidend notwendigen und wichtigen Beitrag für die spirituelle Architektur, von der heute die Rede sein soll. Ein solcher Runder Tisch ist geistlich verstanden genau das, was ich mit der Entscheidungsfindung in Gemeinschaft verbinde. Er trägt außerdem dazu bei, dass Kirche verortet bleibt im jeweiligen sozialen Raum und von dort her die jeweils vor Ort notwendigen Entscheidungen treffen hilft, so dass das, was ideell gewünscht ist, real und nüchtern an die Basis angebunden bleibt.

3. Aneignung des Konzils

Zu einer weiteren Reflektion möchte ich beitragen, indem ich Sie hinweise auf das, was das Konzil uns geschenkt hat. Brauchen wir nicht jetzt nach fast 50 Jahren eine Relecture der Texte des Konzils, ihres inneren Zusammenhangs, der zu verstehen hilft, was die wirkliche Intention dieser Kirchenversammlung gewesen ist? Je mehr ich mich mit den Texten beschäftige und auf sie einlasse, um so stärker wird mir bewusst. dass es dem Konzil eigentlich darum ging, die Christenheit von innen her zu erneuern, indem alle, die getauft sind, sich ihrer Berufung bewusst werden, einer Berufung zur Heiligkeit, so unterschiedlich die einzelnen Glieder der Kirche in ihren Diensten und Ämtern diese Berufung auch leben. Mir ist es daran gelegen, noch tiefer zu entdecken, was LG 12 mit den Charismen meint. Ich denke dabei auch daran, dass wir sehr viel von ehrenamtlich Tätigen reden – vollkommen zu Recht, wenn ich an die vielen Aufgaben und Dienste denke, die von Frauen und Männern wahrgenommen werden und ohne die wir unser gemeindliches Leben nicht vorstellen können. Aber sollten wir nicht auch noch stärker charismen-orientiert denken? Hier könnte es hilfreich sein, zu schauen, wie das Konzil über diese charismatische Dimension der Kirche diskutiert hat.  In diesen Zusammenhang stelle ich auch die Lektüre der nachkonziliaren Texte, die das Lehramt vor allem in den nachsynodalen Schreiben veröffentlicht hat, und das unermüdliche Wirken von Papst Johannes Paul II., dessen geistliche und visionäre Dimensionen uns erst allmählich aufgehen werden, weil wir uns im Alltag mitunter an der einen oder anderen Entscheidung viel zu stark gerieben und darauf fixiert haben.

4. Blick auf die neuen geistlichen und kirchlichen Bewegungen und auf die gemeindlichen Gruppen

Es mag uns schmecken oder nicht: Es gibt geistliche Bewegungen und Aufbrüche, an denen wir uns nicht vorbei drücken dürfen. Gerade das Bemühen, kleine christliche Gemeinschaften nach dem Vorbild anderer Ortskirchen in Deutschland zu entwickeln, kann eine große Hilfe sein, fordert aber die innere Bereitschaft, darin einen Wert zu entdecken, und die Auseinandersetzung, was es um diese Gemeinschaften ist und wo die neuralgischen Punkte sind, an denen ich mich ändern muss, wenn ich denn überhaupt einen inneren Zugang dazu gewinnen will. Diese Gemeinschaften sind vielfältig. Ich bin durch das Gespräch mit einem Mitbruder z. B. auf eine Initiative gestoßen, die bei uns in Deutschland gar  nicht bekannt ist. Es ist das Bemühen eines italienischen Pfarrers, Priester der Diözese Mailand, aus dem Geist des Gebetes, der Anbetung als dem Herzstück der Gemeinde die Gemeinde von innen her zu erneuern. Es handelt sich um die Gemeinde St. Eustorgio in Mailand, die im Internet unter ihrer Homepage zu finden ist. Aber ich denke auch an das, was Dr. Hennecke in seinen Büchern und Ausätzen immer wieder zu bedenken gibt. Kürzlich hat er ein Buch als Herausgeber veröffentlicht, das helfen kann, kleine christliche Gemeinschaften zu verstehen.(2)

Was Robert Grosche vor über 60 Jahren als Hilfe zur Wiederbelebung der Kirche und des Christentums in unseren Breiten vorgeschlagen hat, nämlich die Sorge um den Einzelnen, lässt sich nur realisieren dadurch, dass der Einzelne seine Glaubensentscheidung im Verbund mit vielen anderen trifft. Das gilt vor allen Dingen im Blick auf die erwachsenen Taufbewerber, eine Gabe, die der Herr der Kirche gerade heute uns schenkt. Die Wiederentdeckung des Taufkatechumenates für die Erwachsenen hilft, Gemeinde aufzubauen. Bischof Wanke hat darauf hingewiesen, dass die Kirche nicht nur verpflichtet ist, Mission zu betreiben, sondern dass sie von innen her Mission ist.(3)

Hier am Katechumenat zeigt sich dies besonders. Aber es kann nur verwirklicht werden, wenn wir Frauen und Männern Orte gelebten gemeinschaftlichen Glaubens aufzeigen können. Deshalb könnte ein wichtiger Baustein für die spirituelle Architektur der Zukunft der Aufbau von Gruppen sein, in denen Menschen sich auf die Taufe vorbereiten. Das kann ja auch ausgedehnt werden auf Eltern von Kleinkindern. Gerade in dieser Gruppe von Erwachsenen finden sich sicherlich Frauen und Männer, die zwar schon Christen durch die Taufe sind, es aber aufgrund der Herausforderung, ihrem Kind die Taufe zu schenken, neu werden möchten. Hier können Frauen und Männer helfen, zu Wegbegleitern derer zu werden, die von der Kirche den Glauben und die Taufe erbitten.

5. Klima der Wertschätzung

Zu meinen Bausteinen einer spirituellen Architektur wären sicherlich noch manche Aspekte beizutragen, die ich eher empfange, indem ich Ihnen zuhöre, als das ich Sie teilnehmen lasse an den Ideen, die mich umtreiben. Aber eines erscheint mir grundlegend wichtig zu sein und ist gewissermaßen der Stoff, der alle Bausteine zusammenhält: Ein Klima der Wertschätzung in unseren Gemeinden, Gemeinschaften, im Presbyterium, in der Diözese. Ohne ein solches Klima wird alles zerbröseln, wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Es ist aber eine so grundlegende spirituelle Haltung, dass sie an den Einzelnen rückgebunden ist; denn jeder Einzelne trägt aus seinem Geist zum Klima in einer Gemeinschaft und Gruppe bei. Wenn wir ständig aus einer Hermeneutik des Verdachtes die Fragen und Probleme angehen, wenn wir von dieser Hermeneutik her unsere Begegnungen prägen lassen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn Zusammenarbeit nicht möglich ist. Wenn wir uns aber etwas zutrauen, weil wir daran glauben, dass der Heilige Geist in jeden einzelnen getauften und gefirmten Christen eingegossen wurde als die Liebe Gottes schlechthin, und dass dieser Geist jeden Einzelnen von innen her belebt und durchprägt, entsteht ein Klima der Wertschätzung: Wir brauchen keine Angst voreinander zu haben, weder die Priester vor den Pastoral- und Gemeindereferenten, noch die Diakone vor den Priestern, vor den hauptberuflichen Laien und umgekehrt. Wir nehmen uns nichts weg, weil jeder seine Rolle und Sendung von der Kirche übernommen hat. Wir brauchen nicht unsere Aufgabenfelder voreinander zu schützen, sondern trauen einander zu, dass Gottes Geist lebt und wirkt, selbst da, wo wir es nicht vermuten. Da werden keine Rollen vermischt, keine Sendungen und Dienste durcheinander gebracht, sondern da herrscht Klarheit in der Struktur und liebende Wertschätzung im Miteinander.

Deshalb lebt die spirituelle Architektur der Strukturreform zutiefst davon, was der Apostel Paulus in das schlichte Wort kleidet: "Die Erkenntnis macht aufgeblasen, die Liebe dagegen baut auf" (1 Kor 8,1). Wir können noch soviel denken, planen, überlegen und einander die besseren Modelle vorweisen. Alle Erkenntnis, die wir im Umgang mit den schwierigen Herausforderungen der gegenwärtigen kirchengeschichtlichen Stunde anstellen, werden aufbauend, nur wenn sie aus der Liebe stammen und von ihr befruchtet werden. Deshalb ist die Bekehrung jedes Einzelnen an jedem Tag, die Bekehrung zu den Schwestern und Brüdern, die ich mir nicht ausgesucht habe, sondern die der Herr mir gegeben hat, vielleicht das Schwerste, aber für die spirituelle Architektur das Notwendigste. Wie sollen wir sonst dem Anliegen Papst Johannes Paul II. nachkommen, "die Kirche zum Haus und zur Schule der Gemeinschaft zu machen"(4)? Er hat recht: "Machen wir uns keine Illusionen: Ohne diesen geistlichen Weg würden wir die äußeren Mittel der Gemeinschaft recht wenig nützen. Sie würden zu seelenlosen Apparaten werden, eher Masken der Gemeinschaft, als Möglichkeiten, dass diese sich ausdrücken und wachsen kann".(5)

6. Die Liebe zu den Armen, die unsere Freunde sind

Schließlich möchte ich Sie aufmerksam machen auf eine Dimension unseres Dienstes, die wir entweder leicht übersehen oder professionell bzw. verbandlich "bearbeiten lassen". Ich denke hierbei an die Liebe zu den Armen. Niemand von uns wird bestreiten, dass die caritative Dimension der Kirche ein Wesensausdruck von ihr ist. Wie oft haben wir das schon betont! Und doch: Wie oft haben wir es auch zu delegieren versucht an den Caritasverband, an die Ehrenamtlichen, die sich in diesem Bereich in besonderer Weise engagieren. Ist die Option für die Armen wirklich ein Wesensvollzug in unseren Gemeinden, der dazugehört, und in dem sich Kirche in besonderer Weise artikuliert?

Am Ende des österlichen Festkreises betet die Kirche in der Schlussoration des Pfingstmontages: "Mache das Werk deiner Kirche fruchtbar und enthülle durch sie den Armen das Geheimnis unserer Erlösung; denn die Armen hast du vor allen dazu berufen, Anteil zu haben an deinem Reich." Im Herz für die Armen, in der Sensibilität für die versteckte Armut, in der dauernden Wachsamkeit für die Dimensionen der Armut, die ja nicht nur materiell gesehen werden muss, erweist sich schließlich, ob das Werk der Kirche fruchtbar wird. Meines Erachtens erweist sich auch darin, ob wir überhaupt bereit sind, zusammen zu arbeiten – denn gerade im Dienst an den Armen können wir Konkurrenzdenken am Besten überwinden und uns selbst erweisen, ob wir uns suchen oder wirklich dienen.

Von der Gemeinschaft S. Egidio habe ich gelernt, dass die Armen unsere Freunde sein können. Sind sie es, oder sind sie "Objekte" unseres Liebes-Tuns? Vor allem erweist sich im Dienst an den Armen, dass es uns nicht auf den äußeren Erfolg ankommt, sondern dass wir wirklich glauben: Gott macht sein Werk gerade an den Stellen fruchtbar, wo wir nichts ernten können, keinen Erfolg sehen, nichts zurückbekommen. Jedes pastorale Konzept, jede pastorale Struktur und Architektur bleibt leer, wenn sie nicht von der Frage getrieben ist: Für wen sind wir wirklich da, für den niemand mehr da ist, selbst wenn wir nicht in Erscheinung treten oder in den Widerstand gehen müssen?

Deshalb möchte ich schließen in der Abwandlung des Wortes, das der Apostel Paulus über die Liebe singt: "Und wenn ich noch so sehr eine pastorale Struktur plane, mich noch so sehr um eine gute pastorale Architektur bemühe, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich, ja so wäre alles Nichts".(6)

Anmerkungen

(1)  J. Freiwald/J. Schäfers, a. a. O. 5-6.
(2) Ch. Hennecke (Hg.), Kleine Christliche Gemeinschaften verstehen – Ein Weg, Kirche mit den Menschen zu sein, Würzburg 2009.
(3) vgl. das Referat von Bischof Wanke auf dem Fachkongress vom 21. – 23.05.2009 in Frankfurt zum Katechumenat als Impuls für eine missionarische Pastoral.
(4) NMI 43.
(5) ebd.
(6) 1 Kor. 13.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster1. Teil: Impuls zur spirituellen Basis pastoraler Planungen
  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Bischof Felix Genn

Text: Bischof Felix Genn
30.10.2009

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