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Seite: Aktuelles  >  Vortrag von Bischof Genn zum Pastoraltag des Stadtdekanates Köln (I)
30.07.2010
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Dokumentiert:

Vortrag von Bischof Genn zum Pastoraltag des Stadtdekanates Köln (I)

Köln. Am Freitag (30.10.2009) hat Bischof Felix Genn in Köln aus Anlass eines Pastoraltags einen Vortrag gehalten. Hierin ging es um die Themen "Impuls zur spirituellen Basis pastoraler Planungen" und "Spirituelle Architektur pastoraler Konzepte". kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seines Vortrags.

I. Impuls zur spirituellen Basis pastoraler Planungen

Verehrter Herr Weihbischof Melzer, lieber Mitbruder Manfred, Verehrter Herr Stadtdechant, verehrte, liebe Schwestern und Brüder im Dienst des Erzbistums Köln! Zunächst möchte ich Herrn Prälaten Bastgen danken für die Einladung, heute mit Ihnen diesen Pastoraltag zu gestalten, der sich ausdrücklich mit den Fragen der spirituellen Grundlagen pastoraler Planungen beschäftigen will.

Bei aller Belastung, die jeder Vortrag für den Referenten mit sich bringt, so habe ich es auch als eine Herausforderung angesehen, in die Re-flexion darüber einzutreten, was mich seit Jahren bei den Fragen um eine pastorale Planung umtreibt; und das gilt für meinen Dienst als Weihbischof im Bistum Trier wie auch als Bischof von Essen und in den neuen Herausforderungen im Bistum Münster. Ein wenig werde ich Sie daran teilnehmen lassen, an meinen persönlichen Erfahrungen, aber auch an meinen inneren Diskussionen und Auseinandersetzungen, denen ich mich persönlich gestellt habe, wenn ich nüchtern und realistisch unsere kirchliche Situation in der gegenwärtigen Zeitstunde betrachte.

In der Gliederung des heutigen Tages ist von spiritueller Basis und spiritueller Architektur pastoraler Konzepte und pastoraler Planungen die Rede. Es geht also um einen Bauplan für das, was an struktureller Reform ansteht. Da muss ich ausdrücklich an den 127. Psalm denken: "Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut. Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, wacht der Wächter umsonst" (Ps 127,1). Der heilige Augustinus hat in seinen Predigten über diesen Psalmvers gesagt: "Der Herr also baut das Haus, der Herr Jesus Christus baut sein Haus. Viele mühen sich ab bei dem Bau, aber wenn er nicht baut, so bauen die Bauleute vergebens. Welche sind`s, die in Mühen bauen? Alle, die in der Kirche das Wort Gottes verkünden, die Diener der Geheimnisse Gottes …. Wir also reden draußen, er baut innen. Wie ihr zuhört, das merken wir. Was Ihr denkt, das weiß der allein, der eure Gedanken sieht. Er ist`s, der baut, der ermahnt, der schreckt, der die Einsicht eröffnet, der euer Verständnis dem Glauben anpasst, und doch arbeiten auch wir wie Werkleute, aber wenn der Herr nicht das Haus erbaut, so bauen die Bauleute vergebens."(1) Das muss ich vorausschicken, wenn von spiritueller Architektur und einem Bauplan die Rede ist. Nur unter dieser Voraussetzung kann ich Sie teilnehmen lassen und Ihnen einige Überlegungen vorstellen, wie ich die spirituelle Basis pastoraler Planungen sehe.

1. Persönliche Erfahrungen und innere Diskussion

Als Nachbarbistum haben Sie selbstverständlich an den Umbrüchen in der Kirche von Essen in den zurückliegenden Jahren teilgenommen. Das eine oder andere konnten Sie dabei auch an Äußerungen meinerseits lesen. Ich kann das nicht alles nacherzählen, was ich durch die Visitationen bereits im Bistum Trier und durch die Anfragen zur wirtschaftlichen Situation des Bistums Essen an Diskussionen, persönlichen Überlegungen und Auseinandersetzungen geführt habe. Ich beginne zunächst einfach mit einem bemerkenswerten Zeugnis:

Ich finde gerade ein paar Gedanken, die ich mir zum 10. VIII. notiert hatte, zu meinem Weihetag …. Dann kam mir bei der Danksagung der Gedanke an die bevorstehende Aufgabe der Kirche. Wir müssen die Welt wieder für Christus gewinnen, die Welt, die heidnisch geworden ist. Wir müssen uns erstens darüber klar sein, dass die Welt nicht mehr christlich ist, müssen wirklich alle Illusionen aufgeben. Die Welt ist ins Heidentum zurück gesunken. Die Kirche ist tatsächlich Diaspora. Überall! Wir müssen uns zweitens darüber klar sein, dass die Mittel des 19. Jahrhunderts nicht mehr unsere Mittel sein können. Die Form des Vereinswesens war berechtigt; aber sie scheint es heute nicht mehr zu sein. Dazu kommt Folgendes: Es kommt nicht mehr darauf an, durch die politisch-soziologische Form der Masse zu wirken. Diese Form ist durch den Nationalsozialismus und Bolschewismus erledigt. Gegenüber der Masse kann nur der Einzelne sich behaupten; wenn nicht anders als in der Form, dass er untergeht und dadurch siegt …. Das Christentum kann nie zur Sache der Masse werden. Sobald es das wird, ist es nicht mehr das Christentum."(2)

Liebe Schwestern und Brüder, das fand ich im Tagebuch des großen Kölner Stadtdechanten Robert Grosche unter dem Datum des 25. Oktober 1945. Ich habe nur die Sätze herausgegriffen, die mir zur Beschreibung der Situation hilfreich waren, und auf die ich ausgerechnet in meinen Essener Fragestellungen gestoßen bin. Schon 1945 also hat ein Priester die Lage der Kirche erkannt, vor die wir heute nicht weniger als damals gestellt sind: Dass die Kirche Diaspora ist, dass die Welt heidnische Züge an sich trägt – er spricht sogar davon, sie sei ins Heidentum zurückgesunken -, dass die Mittel des 19. Jahrhunderts für uns keine Bedeutung mehr haben, mit anderen Worten: Dass wir vor einer neuen Herausforderung für die Kirche und das Christentum stehen. Als Heilmittel für diese Situation hat er die individuelle Seelsorge und den Aufbau einer neuen Gesellschaft ganz vom Religiösen her gesehen. Ich halte diesen Weitblick für bemerkenswert.

An dieser Stelle möchte ich eine Erinnerung auffrischen an einen meiner Vorgänger im Bischofsamt, Ihren späteren Erzbischof, Joseph Kardinal Höffner. Ein älterer Priester des Bistums Trier hat mir einmal erzählt, dass Professor Höffner bereits Anfang der 50er Jahre in der Vorlesung den Seminaristen gesagt hat, dass sie, sollten sie einmal ihr Goldenes Priesterjubiläum feiern, die Gestalt der Kirche nicht mehr wieder erkennen würden, weil sie sich ganz verändert habe. Diese Sozialgestalt, die sie jetzt – also zu Beginn der 50. Jahre – erlebten, würde sich ganz verändern.

Ich kann mich wirklich nicht in diese Reihe einordnen, erlaube mir aber, Ihnen zu erzählen, woher das Zitat stammt, das ich immer wieder von mir lesen kann, dass eine Sozialgestalt von Kirche zu Ende sei. Ich erinnere mich: Irgendwann einmal in einer Pfarrgemeinderatssitzung im Saarland - ich weiß nicht mehr, wo es gewesen ist - kam mir unvermittelt der Gedanke, dass wir in einem Wandel der Sozialgestalt der Kirche stehen. Damals habe ich gesagt: "Eine Sozialgestalt von Kirche geht nicht zu Ende, sondern ist zu Ende." Beim Priester- und Diakonentag im Januar 2005 habe ich hinzugefügt: "Insofern bin ich mir bewusst, dass dieser Umbruch einen Paradigmenwechsel darstellt, der nicht mehr theoretisch bleibt, sondern existentiell verarbeitet werden muss."(3)

Ich wollte damals nicht sagen, dass die Volkskirche zu Ende geht, weil ich aus der Volkskirche komme, weil ich sie liebe, weil ich will, dass volkskirchliche Elemente weiterhin lebendig bleiben und weil ich vor allem denke: Kirche muss immer Kirche des Volkes sein. Was ich meine, ist die Tatsache, dass nicht mehr der Bürger automatisch und selbstverständlich Christ ist. Das gilt auch dann, wenn er sich hat taufen lassen, wenn er weiterhin Kirchensteuer zahlt und eine sehr lose Verbindung zur Kirche hat. Dennoch gilt, dass er/sie nicht mehr kontinuierlich mit Kirche in Berührung ist, sondern nur noch punktuell. Kirche kann aber nur leben, wenn ihre Mitglieder das, was inhaltlich Kirche ausmacht, kontinuierlich, in allen Wechselfällen des Lebens und durch sie hindurch, in jedem Alltag und Festtag leben, wenn sie sich davon prägen und die grundlegende Anschauung für die Welt geben lassen. Sonst verkümmert die Kirche zu einer Anstalt, die für bestimmte Bedürfnisse in ähnlicher Weise zuständig ist, wie es andere Institutionen und Sozialformen für andere Bedürfnisse sind.

Indikator dieses Wandels ist m. E. die Zahl derer, die den Gottesdienst am Sonntag mitfeiern und, was für mich von besonderer Bedeutung ist, die ihre persönliche Beziehung als Mann und Frau in den Kontext von Glaube und Kirche als Ehesakrament stellen. Nicht unerwähnt bleiben darf hier auch die Anzahl derer, die, wie wir langläufig sagen, sich ehrenamtlich in unseren Gemeinden engagieren – und alle diese Zahlen sprechen ihre eigene Sprache.

Andererseits darf nicht übersehen werden, dass die Menschen in Deutschland nicht weniger religiös sind. Kürzlich erst hat der Religionsmonitor der BertelsmannStiftung feststellen können, "dass 70 % der deutschsprachigen Bevölkerung über 18 Jahren religiöse Menschen sind", und Deutschland nicht ein atheistisches Land genannt werden kann. Dies gilt grundsätzlich. Der Religionsmonitor beleuchtet dann sehr differenziert das Thema 'Religiosität in Deutschland' näher.(4)

Mit all diesen Phänomenen haben wir in unseren Gemeinden zu tun. Für mich ist wichtig, nicht zu klagen, sondern mich an das zu halten, was mir immer in den zurückliegenden Jahren ein Leitmotiv gewesen ist. Der große französische Kardinal Henri de Lubac hat einmal gesagt: "Nicht die Zukunft zu erraten ist wichtig, sondern zu sehen, was die Gegenwart fordert. Nicht seine Chancen zu berechnen tut not, sondern seine Sendung zu bedenken.(5) Was aber erfordert die Gegenwart, und was ist unsere Sendung?

Für mich war in Essen wichtig:

a) Es geht nicht bloß um die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit einer Ortskirche, sondern es geht um die pastorale Zukunftsfähigkeit. Deshalb können nicht wirtschaftliche und unternehmensberaterische Entscheidungen den Ausschlag geben, sondern der Blick auf unsere Sendung.

b) Wenn ich wirklich davon überzeugt bin, dass der Gott, der Mensch geworden ist, sich nicht aus der Geschichte zurückgezogen hat, sondern bei uns bleibt alle Tage, wie er es verheißen hat, dann umarmt er mich nach einem bekannten Wort eines großen Spirituals (G. Mühlenbrock) mit der Wirklichkeit auch unserer gegenwärtigen Stunde. Er will uns hier und jetzt etwas sagen. Er will, dass wir in dieser Situation seinem Auftrag folgen, den Er nach seiner Auferstehung seinen Jüngern gegeben hat, alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen, oder anders ausgedrückt: Die Botschaft der Auferstehung zu verbreiten.

c) Wie aber kann dies geschehen? Durch Sammlung in die Sendung. In dem Artikel, den mir Herr Schäfers zur Verfügung gestellt hat, in dem die Sozialraumpastoral dieses Stadtdekanates dargestellt wird, lese ich die Sätze: "Methode und Mittel dieser Auftragserfüllung ist für die Kirche der Aufbau und Ausbau lebendiger Gemeinden, die unsere menschliche Gesellschaft so umgestalten, dass diese zu "Reich Gottes"-Räumen werden".(6) Das geht nur durch Sammlung der Christen zur Sendung und durch Vernetzung der verschiedenen Aufgabenfelder, durch Zusammenarbeit derer, die Verantwortung in der Kirche tragen.

2. Konsequenzen: Sendung und Vision

Zur spirituellen Basis pastoraler Planungen habe ich damit schon einiges gesagt. Ich habe nämlich von einer Bestandsaufnahme gesprochen, von den Herausforderungen, die diese Bestandsaufnahme zeigt, und von einem Ziel, das die Planungen bestimmen kann. Ein wenig möchte ich diese eigenen Erfahrungen in folgenden vier Punkten systematisieren.

2.1. Sehen, was ist

Wenn ich so formuliere, ließe sich leicht wiederholen, was bereits gesagt wurde. Ich möchte aber Ihren Blick lenken lassen von dem, was der Prophet Jesaja gesagt hat: "Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?" (Jes 43,18-19a). Es geht mir also nicht bloß um eine Bestandsaufnahme, eine Analyse der Gegebenheiten, sondern auch darum, zu all dem, was wir feststellen und wissen, wachsam und aufmerksam zu werden für gelebtes Evangelium, für Aufbrüche, für kleine Pflänzchen.

Ich beginne mit dem, was ich an Vorarbeit für den heutigen Tag zur Kenntnis nehmen konnte: Es ist der Brief des Stadtdechanten an mich, der die Zukunft geprägt sieht von der Vernetzung ehemals selbständiger Pfarrgemeinden, von einer Seelsorge in größeren Räumen, von der Komplexität der Sonderseelsorge und von der missionarischen Forderung. Ich sehe das von Kardinal Meisner formulierte Ziel, wie es uns gelingen kann, Christus berührbar zu machen, besonders für die Menschen, die der Kirche eher fern stehen. Ich lese, dass Sie klar vor Augen haben: dass "die Bodenhaftung der Gemeindepastoral nicht verloren gehen darf".(7) Allein die Tatsache, dass Sie sich diesen Herausforderungen stellen, sind für mich Zeichen für die Lebendigkeit von Kirche. Wir geben nicht auf, sondern wir stellen uns den Fragen, auch wenn wir nicht wissen, wie es weitergeht, aber wir teilen unsere Ratlosigkeit und wir tauchen sie ein in die Begegnung mit dem Wort Gottes.

Zum Sehen, was ist, gehört auch, die vielen kleinen Samenkörner zu sehen, die jeder Einzelne von Ihnen in seinen Gemeinden entdecken kann. Wie viele Menschen glauben trotz allem! Wie viele Aktivitäten im Bereich von Liturgie, Zeugnis und Diakonie gibt es in unseren Gemeinden! Und könnte ich je sagen, dass das, was aus Liebe geschieht, fruchtlos bleibt? Oder denken Sie an viele Glaubenszeugnisse Erwachsener, die durch das Katechumenat und die Taufe neu zur Kirche finden. Denken Sie an die Aufbrüche Geistlicher Gemeinschaften und sehen Sie sie in ihren Kinderkrankheiten nicht zu kritisch. Sehen, was ist. Gott hat sich nicht zurückgezogen, der Auferstandene wirkt weiterhin. Ich möchte Ihnen für Ihre persönliche Reflexion einen Text aus dem Propheten Jesaja geben, den Sie auch nachher in Kleingruppen besprechen mögen: Jes 28, 23-29.

2.2. Unser Ziel, oder unsere Vision, gemäß dem Wort aus dem Buch der Sprichwörter: "Ohne Vision verkommt das Volk" (Spr 29, 18)

Welche Visio haben wir, welche Sicht? Wohin schauen wir? Was ist unsere Sendung? Ich möchte Sie an dieser Stelle auf eine Grundübung des geistlichen Lebens hinweisen, das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit. Vielleicht ist Ihnen diese Form des Gebetes schon einmal begegnet. Früher sprach man von der Gewissenserforschung am Ende des Tages. Um die ursprüngliche Absicht dieser geistlichen Übung wieder klarer erstrahlen zu lassen, haben sich kompetente geistliche Lehrer unserer Zeit den Begriff des Gebetes der liebenden Aufmerksamkeit zu Eigen gemacht und verbreitet.

In aller Kürze kann man sagen: Durch den Glauben ist es mir geschenkt, alles, was mir begegnet, in den größeren Horizont der Führung durch Gott einzuordnen. Ich brauche mich nicht auf das jeweilige Jetzt meines Lebens zu fixieren und zu beschränken, vielmehr kann ich die vielen Jetzt-Punkte meines Lebens in den großen Horizont hineinstellen, dass Gott mein Leben führt. Als Glaubender kann ich den Aufblick wagen, habe ich immer freie Sicht, weil ich mich geführt und gesandt weiß. Deshalb lässt sich eine Vision, von der wir immer wieder als notwendigem Mittel für die pastorale Planung sprechen, nur ableiten aus unserer Sendung. Was aber ist unsere Sendung? Ich provoziere, indem ich einen Text zitiere, den Papst Johannes Paul II. uns in seinem großen Schreiben zur Jahrtausendwende geschenkt hat. Er gibt hier ein pastorales Ziel für unser Jahrhundert, ja für unser Jahrtausend an. Hören wir zunächst seine Worte:

"Ohne Umschweife sage ich vor allen anderen Dingen: Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit."(8)

Er greift dabei ausdrücklich auf die Konstitution über die Kirche des II. Vatikanischen Konzils zurück, in der ausdrücklich von der "allgemeinen Berufung zur Heiligkeit" gesprochen wird. Er weiß, dass ein solches Wort als "Basis für unsere pastorale Planung" mit "der Logik eines Pastoralplanes" wenig übereinzubringen ist. Deshalb sagt er:

"Wer die seelsorgliche Planung unter das Zeichen der Heiligkeit stellt, trifft in der Tat eine Entscheidung mit Tragweite. Damit wird die Überzeugung ausgedrückt, dass es widersinnig wäre, sich mit einem mittelmäßigen Leben zufrieden zu geben, das im Zeichen einer minimalistischen Ethik und einer oberflächlichen Religiosität geführt wird, wenn die Taufe durch die Einverleibung in Christus und die Einwohnung des Heiligen Geistes ein wahrer Eintritt in die Heiligkeit Gottes ist. Einen Katechumenen fragen: "Möchtest du die Taufe empfangen?", das schließt gleichzeitig die Frage ein: "Möchtest du heilig werden?". Es bedeutet, seinen Lebensweg vom Radikalismus der Bergpredigt leiten zu lassen … ."(9)

Ist das unsere Vision? Nun, ich finde in dem eben genannten Artikel von Freiwald und Schäfers mit anderen Worten dasselbe ausgedrückt. Die Verfasser sprechen davon, dass die Kirche "Heilszeichen für die Welt zu sein …, Gott präsent zu machen, … die Menschen zur Christusnachfolge zu führen und den Geist Gottes in Beiden (der Welt und im Menschen) wirken zu lassen und als wirksam zu erkennen"(10) Aufgabe der Kirche ist. Wie aber soll das anders geschehen, als dass Menschen die Taufgnade in sich erneuern und festigen?

Und unsere Aufgabe als hauptberuflich in der Kirche Tätige heißt doch: Das Wachstum des Glaubens zu begleiten, dabei keine Brüche zu verursachen, vielmehr die Gläubigen so mit dem Wort zu nähren, dass im Herzen aller die Gestalt Christi heranwachsen kann. Ich könnte es auch noch anders sagen: Es kommt darauf an, den Menschen, die sich zur Kirche bekennen, zu helfen, dass sie die tiefe Sehnsucht ihres Herzens, die nach Glück, nach Unendlichkeit, nach Vollendung, nach Einheit ruft, durch alle Oberflächlichkeit und jeden Funktionalismus hindurch als den Urquell entdecken, der sie zum Leben führt, der sie zur Taufe geführt hat, und der der Nahrung bedarf, so dass wir nicht verhungern.

So gestärkt können Christen andere gewinnen, Christen zu werden. Sie werden fast zum Saum des Gewandes Jesu, den Menschen berühren, weil sie heil werden wollen, oder weil sie durch die Berührung mit Christinnen und Christen für ihre eigene Sehnsucht und ihr eigenes Streben nach einem glücklichen Leben ahnen, sie könnten bei Christen die Antwort auf ihre Suche finden. Denken wir dabei an das Wort aus dem Propheten Sacharja: "In jenen Tagen werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch" (Sach 8, 23).

Die Vision könnte also lauten: Wir haben den Menschen auch unserer Tage etwas anzubieten, das ihren Horizont erweitert und in die Tiefe führt, weil es um ein Leben geht, das in der Gemeinschaft mit Gott niemals endet. Um diese Botschaft anzubieten, wollen wir selber von Gott Erfüllte sein.

2.3. Kirche als Gemeinschaft - Communio

Ich erachte immer noch das II. Vatikanische Konzil als das große Geschenk des Heiligen Geistes an die Kirche unserer Tage. Es ist nicht ein Ereignis der Vergangenheit, sondern es will immer noch in seiner ganzen Fülle ausgeschöpft und erfasst werden. Vielleicht braucht ein solches Konzil, brauchen solche Texte viel mehr Zeit, als wir ihnen zunächst zumuten, bis sie wirklich aufgenommen und inkarniert sind. Zwanzig Jahre nach dem Konzil hat die Synode darüber nachgedacht, was der umfassende Begriff für Kirche ist, um den es dem Konzil ging. Die vielen Bilder, von denen die Kirchenkonstitution spricht, konzentrieren sich in der unmittelbaren Zeit nach dem Konzil auf die Vorstellung von Kirche als dem Volk Gottes, das unterwegs ist durch die Zeit hin zur Vollendung des Reiches Gottes. Dabei wurde leicht übersehen, was im ersten Kapitel der Kirchenkonstitution grundlegend von den Vätern bedacht wurde: Das Geheimnis der Kirche, das in ihrer Verwurzelung in der Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott seinen tiefsten Grund hat. Aus dieser Gemeinschaft erwächst Kirche als Communio. Ich zitiere wörtlich, was die Kirchenkonstitution sagt:

"So erscheint die ganze Kirche als 'das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk'."(11) Als dieses geeinte Volk, als diese Gemeinschaft, und nur so, kann sie ihre Sendung erfüllen, "Sakrament, d. h. Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" zu sein, wie dieselbe Konstitution sagt.(12)

Damit ist jedem Kirchturmdenken eine größere Vision entgegengesetzt. Deshalb war es dem Konzil auch wichtig, Kirche zu definieren als die Ortskirche, die sich um den Bischof in der Eucharistie versammelt. Kirche ist für das Konzil nicht in erster Linie die konkrete Gemeinde vor Ort, sondern die Ortskirche unter der Leitung des Bischofs, nicht primär die Pfarrei, sondern das Bistum. Nur unter dieser Perspektive können wir verstehen, dass das Konzil den Ortsgemeinschaften das Kirche-Sein nur in der Verbundenheit mit dem Bischof zuspricht. Gemeinden und Pfarreien können sich nicht gegeneinander abschotten, so dass Menschen von außen mitunter den Eindruck gewinnen, die eine katholische Gemeinde hätte mit der anderen katholischen Gemeinde nichts mehr zu tun, und es sei fast bis zum Ende der Welt undenkbar, das Vermögen der einen Kirchengemeinde mit der anderen zu teilen.

In einer mobilen Gesellschaft und unter der Perspektive, dass nicht mehr jeder in seiner Gemeinde, in der er seinen Wohnsitz hat, sein gottesdienstliches Leben und christliches Engagement verwirklicht, ist gerade der Gedanke der Communio, die die Kirche ist und lebt, von entscheidender Bedeutung. Das gilt vor allem auch für die Kooperation derer, die hauptberuflich in der Kirche da sind. Das Konzil ist sehr intensiv geprägt von diesem Gedanken der Gemeinschaft.

Ich möchte hier an einen Text aus dem Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe erinnern, wo es ausdrücklich heißt: "In der Seelsorgsarbeit sollen die Pfarrer mit ihren Gehilfen den Dienst des Lehrens, der Heiligung und der Leitung so ausüben, dass die Gläubigen und die Pfarrgemeinden sich wirklich als Glieder sowohl der Diözese wie auch der ganzen Kirche fühlen. Deshalb sollen sie mit den anderen Pfarrern und den Priestern, die eine Hirtenaufgabe in ihrem Gebiet erfüllen (wie z. B. die Dekane) oder denen Arbeiten überpfarrlicher Art zugeteilt sind, zusammenarbeiten, damit die Seelsorgsarbeit in der Diözese nicht der Einheit entbehrt und wirksam wird."(13) In einer Anmerkung möchte ich hier hinzufügen, dass das Konzil nicht näher erläutert, was es unter den "Gehilfen" versteht, und dass auch K. Mörsdorf in seinem Kommentar zu diesem Text nichts darüber sagt. Heute muss man viel ausführlicher die unterschiedlichen Dienste bedenken. Freilich hat das Konzil durchaus auch in den Blick genommen, dass um des Missionarischen willen die Pfarrer auch Laien zur Mitarbeit anregen sollen. Auf jeden Fall betont das Konzil: "Um aber die Seelsorge wirksamer werden zu lassen, wird das gemeinschaftliche Leben der Priester, besonders wenn sie der gleichen Pfarrei zugeteilt sind, sehr empfohlen. Es kommt der apostolischen Tätigkeit zugute und bietet den Gläubigen ein Beispiel der Liebe und der Einheit".(14)

Ich erwähne das alles, weil ich zur Basis unserer pastoralen Planungen fundamental den communialen Gedanken rechne. Ich beziehe hier hinein ausdrücklich den Gedanken, dass unsere Sendung auch nicht bloß von denen erfüllt werden kann, die wir hauptberuflich Tätige nennen, sondern dass alle mit ihren unterschiedlichen Geistesgaben in diesen Dienst einbezogen sind. Anders ausgedrückt: Der Satz, den ich in dem eben erwähnten Papier von Herrn Schäfers lese, stimmt mich bedenklich: "Dort, wo der Pastor ist, ist die Pastoral".(15)

Ich möchte Sie in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass wir viele Jahre und Jahrzehnte ein heilsindividualistisches Verständnis der Sakramente gepflegt haben, statt zu realisieren, dass in den Sakramenten ja Kirche entsteht und sich erneuert, dass wir die Sakramente empfangen, um selbst Sakrament für die Welt zu sein. Kooperation und Communio erweisen sich im guten Zusammenspiel, moderner gesagt in der Vernetzung, all der Gaben und Charismen, die der Auferstandene durch den Heiligen Geist seiner Kirche gibt, so wie es klassisch der Epheserbrief ausdrückt, dass alle Dienste dazu da sind, "um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi. So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen" (Eph 4,12 – 13).

2.4. Konversion

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wenn ich von der Basis pastoraler Konzepte spreche, wenn ich die Basis so darstelle, wie ich es eben getan habe, dann spürt wohl jeder: Das alles geht nicht ohne innere Umkehr. Umkehr gehört zum Christsein. Denken Sie zum Beispiel an die Situation des Sehers auf Patmos, der wegen seines Zeugnisses für Jesus verbannt ist, der aber, um den Auferstandenen zu sehen, sich umdrehen muss. Woran denke ich?

a) Wahrscheinlich müssen wir ganz neu lernen, was es heißt, Kirche als Communio zu sein, den Anderen nicht als Konkurrent zu sehen, der hinderlich ist für die Durchsetzung meiner pastoralen Konzepte, mit dem ich es nicht so gut kann, sondern als Geschenk. Deshalb halte ich das, was Papst Johannes Paul II. in seinem großen Schreiben zur Jahrtausendwende sagt, für grundlegend, "die Kirche zum Haus und zur Schule der Gemeinschaft zu machen".(16) Das gilt für das Miteinander der Haupt- und Ehrenamtlichen.

b) Aus welchem Blickwinkel schaue ich: Blicke ich auf das Vergangene oder auf das, was an Neuem von Gott her wachsen kann? Vertraue ich, dass Er der Herr seiner Kirche bleibt, selbst wenn der Samen des Wortes Gottes nicht nur auf guten Boden trifft?

c) Haben wir vielleicht zuviel von den Funktionen her gedacht, Pastoral als etwas verstanden, wo wir etwas herstellen, bewirken müssen? Ist sie nicht vielmehr als ein darstellendes Tun zu charakterisieren? Unser christliches Handeln ist doch am Besten mit den Worten des Epheserbriefes umschrieben: "Wir sind in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bereitet hat" (Eph 2,10). Der Herr schenkt uns die Sendung, der Herr schenkt uns die Vision, aber zugleich schenkt er uns schon im Hier und Jetzt den Keim der Vollendung. Mich berührt es immer wieder, dass Jesus nach dem Ausweis des Johannesevangeliums den Jüngern angesichts seines Gespräches mit der samaritanischen Frau von den Feldern spricht, die weiß sind zur Ernte (vgl. Joh 4,36). Er braucht Arbeiter für seine Ernte. Natürlich ist es Zeit zur Aussaat, aber es ist noch mehr Seine Zeit, weil er die Ernte durch das Sterben am Kreuz und seine Auferstehung bereits für den Vater dargebracht hat. Das Konzil spricht ausdrücklich davon, dass die Kirche "Keim und Anfang des Reiches Gottes auf Erden darstellt".(17) Bekommt nicht von hierher die missionarische Dimension unseres kirchlichen und christlichen Tuns eine besondere Note: Wir können doch die Welt, die dem Herrn gehört, nicht sich selbst überlassen, sondern es drängt uns, Menschen für ihn zu gewinnen, seiner Erlösungstat Raum zu geben. Er will doch, dass alle gerettet werden und zu ihm und durch ihn zum Vater gelangen. Woher beziehe ich meine missionarische Kraft und Vision?

Damit möchte ich schließen, weil es jetzt um einen Austausch geht, und weil ich im zweiten Teil noch etwas zur konkreten "Architektur" sagen soll. Im Übrigen möchte ich Ihnen für die Nachmittagseinheit ein paar Texte geben, mit denen Sie gut das Gesagte persönlich bedenken können.

Anmerkungen:

(1) En. in ps. 126,1.
(2) R. Grosche, Kölner Tagebuch 1944 – 46, Köln ²1992, 154 – 155
(3) F. Genn, Wort zum Priester- und Diakonentag am 10. Januar 2005
(4) M. Rieger, Religiosität in Deutschland – Was leistet der "Religionsmonitor" der BertelsmannStiftung?, in HK 63 (2009) 18 – 22, Zitat: 19)
(5) H. de Lubac, Glaubensparadoxe, Einsiedeln 1972, 40 – 41.
(6) J. Freiwald/J. Schäfers, Sozialraum Pastoral im kath. Stadtdekanat Köln, als Manuskript an mich gesandt, als Vorabdruck für die Zeitschrift "Lebendige Seelsorge", S. 1.
(7) Ebd. 3-4
(8) NMI 30.
(9) Ebd. 31.
(10) J. Freiwald/J. Schäfers, a.a.O. 1.
(11) LG 4 mit Verweis auf Cyprian, De Orat. Dom. 23 und andere Väterzitate.
(12) LG 1.
(13) CD 30.
(14) Ebd.
(15) J. Freiwald/J. Schäfers, a .a .O. 1.
(16) IV MI 43.
(17) LG 5.

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