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Seite: Aktuelles  >  Vortrag von Bischof Genn: Priester-sein heute
24.08.2016
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Dokumentiert:

Vortrag von Bischof Genn zum Thema "Priester-sein heute"

Osnabrück. Im Rahmen der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum Osnabrück hat Bischof Felix Genn am Dienstag (21.04.2009) einen Vortrag zum Thema "Priester-sein heute" gehalten. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seines Vortrags.

Sehr verehrte Damen und Herren, verehrter, lieber Bischof Franz-Josef, in Ihrem Programm für das Jahr 2008/2009 haben Sie als einen Ihrer Schwerpunkte den Wert des Priestertums gewählt. In diesem Zusammenhang haben Sie sich mit verschiedenen Aspekten beschäftigt, die aber, wenn ich es richtig sehe, sich immer um die eine Mitte konzentriert haben: Um Spiritualität, um den Zusammenhang von Management und Mystik.

Diese Konzentration eröffnet nicht nur direkt den Blick auf die Mitte der Thematik, zu der ich heute Abend sprechen soll, sondern sie hilft mir, dieses sehr weite und etwas allgemein gehaltene Thema – Priester-sein heute - aus derselben Perspektive und zu dem Blickwinkel, den ich persönlich mitbringe, anzuschauen. Beides klingt gut ineinander und zusammen.

Vorbemerkungen und Einleitung

Der Blickwinkel, mit dem ich auf diese Thematik schaue, ist selbstverständlich bedingt nicht nur durch meine menschliche Begrenztheit, sondern vielmehr durch die Auseinandersetzung, zu der mich meine eigene Biographie im Umgang mit der Thematik geführt hat.

Geboren 1950, bin ich aufgewachsen in einer Welt der katholischen Kirche, die ein bestimmtes Priesterbild ausgeprägt hat, das zudem von den Pfarrern meines Heimatortes eine eigene Färbung bekam, aber immer wieder auch ergänzt wurde durch Begegnungen mit Mönchen der Abtei Maria Laach, Priestern aus den Nachbarpfarreien und nicht zuletzt mit meinem verehrten Religionslehrer am Gymnasium.

Bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Charaktere und damit der Ausgestaltung des priesterlichen Dienstes war es doch allen gemeinsam, das Heilige in unserer Welt gegenwärtig zu machen. Es war nicht so sehr die Frage, ob der Priester derjenige ist, der die Gemeinde zu leiten hat und das möglicherweise im Verbund mit vielen anderen tut. Es war auch nicht die Frage, ob die Verkündigung des Wortes oder die Feier der Sakramente den ersten Schwerpunkt darstellen. Es war schlichtweg eine Person, die in aller Gebrochenheit des eigenen Lebens dafür sorgte, dass die Menschen sich nicht einfach ein Dach über den Kopf ihres Lebens ziehen, sondern darin eine Öffnung haben, die sie mit der Welt Gottes, mit der Welt des Heiligen, in Verbindung bringt. Dem dienen alle Tätigkeiten, die der Priester vollzieht.

Auf diese Dimension bin ich später während meines Außenstudiums, das ich zusammen mit Ihrem verehrten Bischof Franz-Josef in Regensburg verbringen durfte, wieder gestoßen, als der damalige und dortige Professor für Pastoraltheologie, Josef Goldbrunner, uns in seiner Vorlesung und mit seinem Buch über die Seelsorge als eine vergessene Aufgabe ein Bild aus einem Etruskergrab vorstellte. Auf diesem Bild stehen zwei Priester vor der verschlossenen Tür des Todes. Ihre Gesten, die eine Hand auf dem Kopf und die andere ausgestreckt nach vorne haltend, werden kunstgeschichtlich als Zeichen der Klage und als Prozessionsgestus, mit dem diese Klagegesänge bei der Bestattung eines Verstorbenen begleitet wurden, gedeutet.

Goldbrunner machte uns darauf aufmerksam, dass man dieses Bild noch tiefer sehen könnte und sagt: "Die Priester stehen vor der verschlossenen Tür der Geheimnisse von Leben und Tod. Was bleibt denen vor der Tür? Abwehr in Ehrfurcht – so lange wie möglich? Der Versuch, den Sinn denkend zu enträtseln? Auf jeden Fall weist dieses Urbild des Priesters über das bloße Kultpriestertum hinaus. Priester werden als Helfer in den Sinnfragen des Lebens verstanden". In diesem Sinne hat Goldbrunner den Priester "als Fachmann der Innenwelt" bezeichnet. Wir werden darauf nachher zurück kommen. Vorerst darf ich noch einige andere Aspekte beitragen, die meinen Blickwinkel zu der Thematik des heutigen Abends bestimmen.

Das eben genannte Stichwort "Hilfe in den Sinnfragen des Lebens" wurde für mich bedeutsam im Zusammenhang meiner Entscheidung, nach dem Abitur den Weg zum Priestertum zu gehen. Es war nicht so sehr der durch die Kindheit geprägte Raum einer für mich noch nicht sprachlich fassbaren mystischen Welt, sondern die Begegnung mit vielen Mitschülern im Gymnasium, vor allem in der Zeit der 68er-Revolution. Es machte mir zunehmend Freude zu entdecken, dass Menschen bei ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens – und dazu zählte ich mich selbst – etwas verpassen, wenn sie sich nicht für die Wirklichkeit öffnen, die der christliche Glaube zur Verfügung stellt und die sich immer mehr nicht als eine schöne, romantische Ideenwelt entpuppt, sondern die hinein führt in den Weg der Wahrheit. Die Sehnsucht, in diesem Sinne für die Menschen Priester zu sein, bestimmt bis heute meinen Lebensweg sehr, wurde damals aber auch kräftig geschüttelt durch die Auseinandersetzungen im Studium, vor allem durch Fragen der neutestamentlichen Exegese und der Pastoraltheologie sowie durch das Klima der damaligen Zeit, die manche von Ihnen sicherlich ebenso hautnah erlebt haben und noch als tiefe Erinnerung in ihrem Herzen tragen.

Was ist der Priester? Wozu Priester? Unter diesem Titel schrieb Hans Küng ein Buch und bezeichnete seine Darlegungen als "Hilfe". Für mich waren sie es nicht, wohl in dem Sinn, dass sie mich zu einer ganz tiefen Auseinandersetzung herausforderten, der ich mich dann auch in meinem externen Studium stellte. Es ging um die Frage nach der neutestamentlichen Verankerung des Priestertums, die Frage nach den Prioritäten: Gemeindeleiter oder Wortverkünder oder Spender der Sakramente? Dabei war sehr deutlich, dass gerade letztere Funktion kleiner geschrieben wurde als die beiden anderen. Es ging um die Frage, warum nur der Priester die Sakramente spenden soll, die Laien dies aber nicht tun dürfen, und was dann wieder das Besondere des priesterlichen Dienstes ausmacht. Hat er eine bestimmte Funktion, oder ist dieser Dienst eine das ganze Sein prägende Wirklichkeit? Nur von dieser Frage schien es mir angebracht, sich mit der zölibatären Lebensform auseinander zu setzen und eine Entscheidung zu finden, die nicht auf dem vagen Gedanken aufruhte, dass in wenigen Jahren diese Zulassungsbedingung fallen würde und man bis dahin noch die Zeit überstehen könnte. Wenn der Zölibat versprochen werden sollte, dann sollte es für die Dauer des ganzen Lebens sein. Es war deshalb nicht ohne Folgen, dass ich mich mit dem Priesterbild auseinandersetzte, als es um die Frage der Erstellung meiner Diplomarbeit ging. Hier griff ich auf die Quellen des 20. Jahrhunderts zurück und stieß auf eine Mahnrede, die Pius X. aus Anlass seines Goldenen Priesterjubiläums an die Priester der ganzen Welt 1908 gerichtet hat.
 
An diesem Text, der sicherlich das Kolorit der damaligen Zeit trägt, war es mir möglich, meine eigene Auseinandersetzung um den priesterlichen Dienst zu entfalten. Dabei entdeckte ich nach einem Wort des 1. Briefes an Timotheus den Priester als Mann Gottes, freilich unter der ganz spezifischen Konnotation als Diener Jesu Christi (vgl. 1 Tim 6,11).

Die Jahre als Diakon und Kaplan, vor allem die guten Erfahrungen mit Jugendlichen – ein Aufgabenfeld, das normalerweise den jüngeren Priestern zugeordnet ist – verstärkten in mir das, was ich bereits als Schüler auf dem Weg zur Entscheidung, ins Priesterseminar einzutreten, entdeckt hatte: Der Priester als Helfer in Sinnfragen angesichts der großen und weiten Fülle der christlichen Wahrheit. Der Ruf, im Priesterseminar Trier als Subregens Mitverantwortung zu tragen für die Ausbildung der zukünftigen Priester, hat dann für 21 Jahre meinem Leben eine ganz eigene Spur gegeben.

Sowohl die theologischen als auch die existentiellen Auseinandersetzungen der einzelnen Kandidaten haben mich in meiner Tätigkeit als Subregens, als Spiritual, als Regens und als Dozent für Christliche Spiritualität immer wieder begleitet. Von daher empfand ich es als sehr hilfreich, mich bei meinen Studien über Augustinus noch einmal tiefer der Frage des kirchlichen Amtes stellen zu können. Ausgehend von einer These, die Professor Joseph Ratzinger bei der Regentenkonferenz 1967 in Brixen formuliert hatte, verfolgte ich bei Augustinus die Linie eines inneren theologischen Zusammenhangs von trinitarischem Denken auch im Blick auf sein Bild von der Kirche und des kirchlichen Amtes. Diese Überlegungen bleiben nach wie vor grundlegend, und ich konnte nicht ahnen, dass ich in meinem bischöflichen Dienst vieles von dem, was Augustinus im 4. und 5. Jahrhundert erlebt hatte, selbst würde durchmachen müssen. Aber es gibt mir zugleich die Gelegenheit auf dieser grundlegenden, urkirchlichen Spur bleiben zu können, die klassischer nicht zusammengefasst werden kann als in die berühmten Worte: "Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof" (Serm 340,1). Ratzinger hatte in seinem Vortrag betont, er könne sich vorstellen, dass zwischen dieser Aussage, die eindeutig eine Aussage von Beziehungen ist, und dem Denken Augustinus über die Trinität ein Zusammenhang besteht, der eine grundlegende Denkstruktur bei Augustinus zeige; denn um die Dreieinigkeit Gottes zu erklären, setzt sich Augustinus in seinem großen Werk in mehreren Büchern mit dem Begriff der Beziehung, der Relation, auseinander. Ich konnte in meiner Arbeit feststellen, dass diese Vermutung Ratzingers zutrifft, dass es also zum Denken dieses großen Kirchenvaters gehört, Beziehung nicht nur als eine Wirklichkeit innerhalb Gottes, nicht nur als eine bestimmte Kategorie des Denkens anzusehen, sondern auch als eine Wirklichkeit, die Kirche und in ihr das kirchliche Amt maßgeblich bestimmt.

Schließlich möchte ich noch als eine besondere Quelle für die Thematik des heutigen Abends benennen: Die pastorale und existentielle Lebenserfahrung vieler Priester, die mir vor allem durch meinen Dienst als Spiritual und in meinen Visitationen als Weihbischof im Saarland wie als Bischof von Essen sehr auf den Leib gerückt sind. Es ist nicht so sehr die Erfahrung, dass Ideal und Wirklichkeit auseinander gehen, sondern es ist die grundlegende Wahrnehmung: Das, was die Kirche über das priesterliche Dienstamt lehrt, unter jeweilig anderen Zeitumständen, pastoralen Herausforderungen und existentiellen Bedingungsfeldern in die Form des eigenen Lebens zu gießen und damit zu einer priesterlichen Gestalt zu werden, die allem, was die Lehre sagt, das eigene Gesicht aufprägt, das Wort also im eigenen Leben Fleisch werden lässt. Hierbei zeigt sich in der Tiefe, dass Christus wirklich die Wahrheit ist, eine Wahrheit, die nicht Kopien hervorbringt, sondern die in sich so groß und weit ist, dass sie ihre reiche und bunte Größe in die jeweilige Lebensgestalt Einzelner einzuprägen vermag.

Diese einleitenden Vorbemerkungen zu meinem Vortrag heute Abend haben schon in die Mitte geführt und das Thema, dem wir uns stellen wollen, "Priester-sein heute", in einzelnen markanten Aspekten aufleuchten lassen.

Negativ wäre zu sagen, dass es hier nicht darum gehen kann, die neutestamentliche Begründung des priesterlichen Dienstes und ihre weitere Entfaltung im Laufe der Dogmengeschichte und des kirchlichen Dogmas darzulegen. Eine weitere Beschränkung des Themas liegt auch darin, dass in der Grundgestalt, die niemand anderes als der Herr selber ist, so viele Entfaltungsmöglichkeiten liegen, dass jeder Einzelne im Ringen mit seinen persönlichen Gegebenheiten und Grenzen, im Ringen mit den pastoralen Gegebenheiten, Notwendigkeiten und Grenzen und im immer wieder neuen Blick auf das, was der Glaube überliefert, so seine Gestalt ausformt, dass er heute Priester ist. Was also Priester sein bedeutet, wird existentiell ablesbar bleiben an denen, die diesen Dienst heute tun. Es wird aber zugleich für diese selbst eine starke Herausforderung sein, in das einzutreten, was sie in der Weihe empfangen haben. Dazu dienen geistliche Begleitung, Gebet, Betrachtung und Exerzitien. Darüber ließe sich sprechen, wenn ich jetzt vor einem Kreis stünde, der ausschließlich mit Priestern besetzt ist.

Sie hier im Saal schauen auf dieses Thema aus der Perspektive der Herausforderungen in der Pastoral angesichts zurückgehender Priesterzahlen, angesichts der Fusionen von Gemeinden, angesichts der zum Teil belastenden Erfahrungen, dass unser gesellschaftliches Leben immer weniger von einer christlichen Kultur geprägt ist. Sie stellen sich sicher die Frage, wie jemand heute noch Priester sein kann, wenn er eine weitere Gemeinde dazu erhält und wenn er schon in einer Gemeinde in einer sehr ausdifferenzierten Art und Weise seelsorgliche Arbeit tun muss. Sie stellen sich sicherlich gerade auch deshalb die Frage, weil Sie mit Schmerz sehen, um den Titel von Josef Goldbrunner von vor fast 40 Jahren aufzugreifen, dass Seelsorge als der unmittelbare Dienst des Priesters zu einer vergessenen Aufgabe werden könnte.

Gerade deshalb ist es mir wichtig, angesichts der Herausforderungen der Gegenwart die Elemente, die ich eben aus meiner Biographie vorgestellt habe, einzubinden in eine Perspektive, wie man auch heute Priester sein kann. Es geht also weder um Dogmatik noch um Exegese, aber es geht nicht ohne dogmatisches und exegetisches Fundament. Es geht vor allem um die existentielle Gestalt in einer sich massiv wandelnden und verändernden Welt, einer Wandlung, die auch die Kirche unmittelbar betrifft. Deshalb kann man es als ein dankbares Geschenk ansehen, dass sich Bischöfe wie Ihr Bischof darum bemühen, im Gespräch mit den Priestern zu bleiben, um herauszufinden, was ihnen Freude macht, welche Sorgen sie im Blick auf die Zukunft bedrängen und welche Hilfen sie selber sich vorstellen, um den Weg in die Zukunft zu gehen. Dabei stoßen wir immer darauf, dass die Frage nach einer fundierten Spiritualität für diese existentielle Lebensgestalt von besonderer Bedeutung ist.
Ich möchte drei Aspekte benennen, die mir in diesem Zusammenspiel von Herausforderungen der Gegenwart und existentieller Verwirklichung auf dem Hintergrund dessen, was die Kirche glaubt, bedeutsam erscheinen.

Der Priester eingefügt in die Communio der Kirche

Ich beginne bewusst mit diesem Gesichtspunkt: Der Priester steht nicht für sich allein, sondern gehört zur Gemeinschaft der Kirche. Diese Binsenwahrheit, die freilich existentiell oft gar nicht abgedeckt ist, weil sich viele Priester in der Tat allein fühlen, scheint mir heute von grundlegender Bedeutung zu sein. Warum? Weil die Christen selbst sich angesichts einer ausdifferenzierten gesellschaftlichen Wirklichkeit um ihres Selbstwertgefühls und ihrer Sendung willen der kirchlichen Gemeinschaft vergewissern müssen.

In einer Zeit, in der es selbstverständlich war, dass der Bürger Christ ist, in einer Gestalt von Kirche, die sich mit der bürgerlichen Gesellschaft geradezu deckte, und in der das kirchliche Leben mit seinen Festen, Bräuchen, dem Ablauf des Kirchenjahres und vielem mehr das zivile Leben maßgeblich bestimmte, war der Priester zwar auch durch die Gemeinschaft der Kirche getragen, brauchte sich aber dieser Gemeinschaft nicht in einem so existentiellen Maße bewusst zu werden, wie das heute notwendig ist.

Wer heute bewusst Christ ist, weiß, dass es viele andere Lebensmodelle und –entwürfe gibt, dass es Menschen auch in den eigenen Gemeinden, bis hinein in die eigene Familie gibt, die dies nicht mit ihm teilen. Wir kommen heute nicht daran vorbei, uns bewusst zu werden, dass wir nicht mehr selbstverständlich Christ sein können, dass es vielmehr der eigenen Entscheidung bedarf, die Option, die der christliche Glaube darstellt, als den grundlegenden Lebensentwurf für sich zu bejahen und anzunehmen, auch um den Preis, dass bis hinein in den Kreis der engsten Familienangehörigen diese Option nicht von allen geteilt wird.

Als Beispiel mag hier dienen, dass Sie selber in Ihrer Familie die Erfahrung machen, dass Ihre eigenen Kinder oder Enkel, obwohl Sie ihnen alles vermittelt haben, was für ihren Glauben und ihre Mitgliedschaft in der Kirche notwendig ist, sich distanziert zur Kirche verhalten oder das Glaubensbekenntnis für sich nicht übernehmen, ja vielleicht sogar ablehnen. Wenn christlicher Glaube davon ausgeht, dass Gott sich in einer Person und Gestalt, in Jesus von Nazareth, selbst gezeigt hat, dann liegt darin die Herausforderung, auf diese Offenbarung eine Antwort zu geben, die nur in Freiheit getroffen werden kann, wie es jeder persönlichen Beziehung und Begegnung eignet.

Deshalb berührt es mich übrigens zu sehen, dass schon die großen Missionare wie Bonifatius und Ludgerus auf die persönliche Entscheidung Wert gelegt haben. Sie haben nicht wie der Frankenkönig Karl die Menschen zwanghaft zum Glauben missionieren wollen. Nur so konnte das Christliche seine innere Wahrheit behalten; denn Glaube fordert die freie Antwort. Heute kann der Einzelne nicht mehr deshalb Christ sein, weil er mit den anderen mitläuft, sich aber vielleicht innerlich trotzdem vom kirchlichen Geschehen distanziert. Er ist in die ganz persönliche, eigene Antwort gerufen. Damit ist er aber auch notwendig darauf angewiesen, die soziale Dimension der Kirche mit zu vollziehen. Diese besteht zunächst nicht im Dienst an den Schwachen, Armen und Kranken, sondern sie gehört wesentlich dazu: Glaube ist immer Glaube in Gemeinschaft. Jesus hat die Einzelnen, die ihm glaubten, zur Gemeinschaft der Glaubenden, zum Volk Gottes, gesammelt, das einmal sein eigener Leib wird, ja – personal gesprochen – die Braut sein kann, die er sich selbst angetraut hat.

Innerhalb dieser Gemeinschaft der Glaubenden stehen die verschiedenen Aufträge und Sendungen, die verschiedenen Begabungen und Charismen, die auf das Ganze zugeordnet sind und in sich existentiell verwirklichen, dass christlicher Glaube immer Glaube in Gemeinschaft, mit den anderen und für sie sein muss. Deshalb hat das Konzil seine Darlegungen über die Kirche mit der Betrachtung über das Geheimnis der Communio begonnen. Diese Communio ist gegründet in der Gemeinschaft der dreieinigen Gottes. Von dort her hat das Konzil die Kirche als Volk Gottes dargestellt und als eine Gemeinschaft, die in einer heiligen Ordnung (hierarchisch) gegliedert ist. Das kirchliche Amt ist hineingestellt in diese Gemeinschaft des Heiligen Geistes und hat in dieser Gemeinschaft seine spezielle Sendung wahrzunehmen.

Priester sein heute bedeutet deshalb: Leben in dieser Gemeinschaft und mit dieser Gemeinschaft. Freilich nicht in einer Nivellierung der eigenen Sendung und des eigenen Auftrags, sondern im Austausch des Glaubens, in der Mitteilung der Gaben und der gegenseitigen Hilfe und Stärkung, diesen Glauben zu einem lebendigen Zeugnis für die vielen werden zu lassen.

Selbstverständlich lässt sich von hier aus sofort ableiten: Dieses Stehen in der Gemeinschaft der Kirche hat praktische Folgen: Weiß sich zum Beispiel ein Priester getragen von den Gläubigen, gerade auch in seiner zölibatären Lebensform? Weiß er sich getragen darin, dass die Gläubigen von ihm nicht alles mögliche erwarten, sondern vor allen Dingen das Zeugnis des Glaubens und die Stärkung in diesem Zeugnis? Ist der Priester derjenige, der alles machen soll, auf den sich eine Menge von Erwartungen häufen, oder wissen sich die Gläubigen auch eingefügt in ein gemeinsames Engagement, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für den Herrn zu sein?

Gerade wegen der Fusionen, der Zusammenfügung von Pfarrgemeinden, über deren Notwendigkeit man einen eigenen Abend gestalten könnte, will ich hier hervorheben: Die pastorale Herausforderung der Zukunft wird genau dieses existentielle Leben der Communio der Kirche sein. Dies gilt in besonderer Weise im Blick auf die Zusammenarbeit unter denen, die als Priester, Diakone und hauptberuflich tätige Laien ihre je eigene Sendung im Dienst am Volk Gottes wahrnehmen müssen. Hier zeigt sich, dass der Priester weder der pater familias noch der Einzelkämpfer sein kann, sondern seinen Dienst in der Kooperation mit vielen Einzelnen und vielen anderen tun muss. Die Zeit des so genannten Einzelkämpfers als Bild für den Priester ist vorbei. Es ist auch vorbei, dass der Priester allein für die Herde Christi, die weder seine Herde noch seine Gemeinde, sondern die Herde Jesu Christi und die Kirche Gottes ist, Rechenschaft ablegen muss, sondern dass jeder Einzelne Rechenschaft ablegen muss dafür, wie er sein Christsein gelebt und damit auch für den Priester Zeugnis gegeben hat.

Der Priester als Hirte, als Pastor

Für das Bild des Priesters hat sich in den letzten Jahren in besonderer Weise das Bild des Hirten herauskristallisiert. Dieses Bild ist nicht unumstritten, weil es vom Ursprung her aus einer bäuerlichen Kultur stammt, die es so weitgehend nicht mehr gibt, sondern die eher romantische Phantasien in den Herzen und Köpfen von Menschen hervorruft. Dennoch bleibt dieses Bild grundlegend, weil der Herr es als Bezeichnung für seine eigene Sendung und seinen eigenen Auftrag gewählt hat. Es ist die substantivische Form des Verbums pasci, das man am besten mit weiden übersetzt. Priester, Pastor, Hirte zu sein, das bedeutet, Menschen auf eine Weide zu führen. Diese Weide besteht in der Gabe des Wortes Gottes. So ist der Priester als Hirte zunächst einmal Lehrer, weil er das Wort Gottes als die kostbare Weide des Lebens lehrt. Von dorther bezieht er seine Autorität, seine auctoritas, sein Ansehen. Auctoritas kommt von dem Verbum augere, übersetzt mehren. Der Priester mehrt in seinem Dienst das Leben der Gläubigen, und so nährt er es.

Der heilige Augustinus hat diesem Bild des Hirten eine sehr ausführliche Schilderung gewidmet und dabei immer wieder herausgestellt, dass der Amtsträger in der Kirche zwar einerseits Hirte der Herde Jesu Christi ist, aber andererseits sich immer bewusst bleiben muss, dass er auch zu den Schafen gehört. Übrigens hat Augustinus alle Bilder, die er für das priesterliche Dienstamt wählt, immer in den Zusammenhang der Kirche hinein gestellt. Das Bild des Hirten ist hier am einprägsamsten. Ich will aber gerne darin erinnern, dass Augustinus auch vom Priester bzw. Bischof als dem Lehrer spricht, der zugleich Mitschüler mit den anderen in der Schule Jesu Christi ist. So ist der Hirte auch gleichzeitig Schaf, Glied der Herde Jesu Christi. Aber in seiner Eigenschaft als Schaf ist er darauf angewiesen, dass er vom Hirten Jesus Christus genährt und gehütet wird. Er ist also selbst auf die Gabe angewiesen, sich vom Wort Gottes nähren zu lassen. Voll Dankbarkeit, dieses Wort überhaupt empfangen zu dürfen, von Christus erlöst zu sein, versieht er seinen Dienst. Ja, sein Dank dem Herrn gegenüber für die große Gabe besteht genau darin, seiner Aufgabe, die Herde Christi mit der Nahrung zu leiten, die der Herr selbst ist. Sein Dienst ist also Ausdruck der Dankbarkeit.

Von dort her ergibt sich, dass der Priester seinen Hirtendienst am intensivsten vollzieht, wenn er die Gläubigen mit der Nahrung speist, die Christus ist. Es ist die Nahrung des Wortes Gottes. Es ist die Nahrung der Wahrheit, die das Wort Gottes verbürgt und die in Jesus Christus leibhafte Gestalt geworden ist. Von daher hat das Konzil zweifellos etwas Wichtiges getan, wenn es unter den Aufgaben des priesterlichen Dienstes die Verkündigung des Wortes als erste benennt.

Für unsere pastorale Gegenwart scheint es mir von dringender Notwendigkeit zu sein, dass wir im Austausch des Glaubens, im Teilen des Wortes (die Franzosen sprechen von "partager le pain") Glaubensgruppen und kleine Zellen bilden, in denen das Wort Gottes miteinander geteilt wird. Hier hat der Priester eine wesentliche Aufgabe durch die Verkündigung dieses Wortes. Er trägt dazu bei, dass die Gläubigen immer wieder neue Dimensionen dieses Wortes entdecken. Durch die eigene Betrachtung und das Studium, durch den vertrauten Umgang mit dem Wort hilft er, dass das Herz des Glaubenden davon geformt, ja immer mehr nach dem Herzen des Wortes, nach dem Herzen Jesu gebildet wird.

In diesem Sinne darf ich auch den Priester als "Fachmann der Innenwelt" verstehen. Damit ist nicht eine Innerlichkeit gemeint, mit der ich mich aus der Außenwelt zurückziehe, sondern es gehört dazu die tiefe Sensibilität für das, was sich im Herzen des Menschen zuträgt. Dort ist die gesamte Außenwelt vorhanden. Jeder, der in sein Herz hinein schaut, weiß, was sich im Herzen und in der Seele alles tummelt. Aber indem er bereit ist, diese Innenwelt, die mit der Außenwelt sehr verbunden ist, anzuschauen, sie zu sortieren, die einzelnen Regungen in der eele zur Unterscheidung zu bringen und in das Gespräch mit dem Wort Gottes einzubringen, entdeckt er, dass er an der Grenze von Leben und Tod steht. Manches nämlich kann nur zum Tode führen, was sich in meiner Seele abspielt, manches aber kann gerade durch die Nahrung des Wortes Gottes neu aufgebaut und entwickelt werden, damit es größere Frucht bringt. Diese Reinigung des Herzens durch das Wort Gottes (vgl. Joh 15,3) wird gerade dem Priester als dem Nährer anvertraut. Hier ist es möglich, den Menschen den Sinn zu erschließen, der nicht einfach gemacht werden kann, sondern der sich zeigt, der da ist.

Oft sprechen wir ja heute davon, dass etwas Sinn mache. Sinn wird aber nicht gemacht, sondern Sinn ergibt sich, zeigt sich, bietet sich dar. Nicht umsonst bedeutet das griechische Wort für Wahrheit alätheia "das nicht mehr Verborgene, das Enthüllte, das, was den Grund der Wirklichkeit ausmacht". Den Menschen also durch Jesus Christus und seine Wahrheit Sinn für ihr Leben in allen Phasen zu erschließen, ist damit die tiefste und schönste Aufgabe, mit der der Priester den Menschen begegnen kann. In diesem Sinne ist er durch das Wort Gottes wahrhaftig der Seel-Sorger.

Eine besondere Dimension stellt dabei die sakramentale Wirklichkeit dar. Hier geht es nicht um ein oberflächliches Kultpriestertum, um rituelles Management, sondern es geht darum, das, was der Glaube bekennt, in der Feiergestalt des Sakramentes nicht als Zubrot des Lebens, sondern als Grundnahrungsmittel anzubieten. Deshalb hat die Verkündigung des Wortes Gottes, der Hirtendienst, seinen Höhepunkt in der Feier der Eucharistie, die zugleich am Tiefsten die Communio-Gestalt der Kirche darstellt und von daher die Gläubigen nicht nur sammelt, sondern auch eint. In diesem Sinne ist der Priester Leiter der Gemeinde und Diener an ihrer Einheit, nicht in einer bloß äußeren organisatorischen, juridischen und verwaltungstechnischen Funktion.

Auf eine Kurzformel gebracht, könnte man sagen: Priester sein heißt Eucharistie zu feiern. Aber man kann auch das Christsein auf diese Formel bringen: Christsein heißt Eucharistie zu feiern. In der Verschiedenheit der Aufgaben und Sendungen sagt man so dasselbe aus und akzentuiert es doch in der jeweiligen eigenen Sendung und Rolle.

In der pastoralen Situation von heute sehe ich dabei eine besondere Herausforderung: Das große "Angebot" von Eucharistiefeiern am Sonntag. Wir brauchen uns hier nicht damit aufzuhalten, woher und aus welchen unterschiedlichen Gründen diese Vielzahl der Messangebote entstanden ist. Aber zunächst einmal muss man sich bewusst sein: Kirche versammelt sich am Ort einmal am Sonntag zur Feier des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. In dieser Versammlung werden die Einzelnen zusammengeführt, nicht zerstreut. Sie vollziehen nicht eine Pflicht, die ihnen ein Kirchengebot auferlegt. Vielmehr vollziehen sie ihr eigenes Wesen als Gemeinschaft der von Christus Erlösten und der vom Vater in der Einheit des Heiligen Geistes gesammelten Gemeinschaft des Gottesvolkes. Diese Gemeinschaft verkündet den Tod des Herrn, preist seine Auferstehung und lebt so die Kraft, die dynamis, des Heiligen Geistes. In dieser Kraft preist sie die unermessliche Liebe des Vaters, ja sie ist damit beschenkt, diese Liebe zusammen mit Christus zu feiern. Rituell kommt das für mich am schönsten zum Ausdruck, wenn der Priester am Ende des Eucharistischen Hochgebetes die Doxologie singt:

"Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm ist Dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre, jetzt und in Ewigkeit."

Diesem Lobpreis gibt die versammelte Gemeinde mit dem "Amen" ihre Unterschrift.

Der Priester als Freund des Bräutigams

Ich vermute sicherlich mit Recht, dass Sie eine solche Überschrift aufmerken lässt, vielleicht auch ein wenig provoziert. Auf dieses Bild bin ich in den letzten Jahren gestoßen, und ich gestehe, dass es mich seitdem nicht mehr los lässt.

Zunächst möchte ich noch einmal, um es zu erklären, Ihre Gedanken auf die Auseinandersetzung hin lenken, von der ich im Zusammenhang meiner persönlichen Studienzeit berichtete: Versieht der Priester nur Funktionen, oder prägt die Wirklichkeit, die er durch das Sakrament empfangen hat, sein ganzes Sein? Vielleicht kommt manchen von Ihnen dies auch als eine etwas altertümliche Fragestellung vor, aber ich bin überzeugt davon, dass rein psychologisch gesehen jeder Mensch eine innere Identität braucht, die ihn im Kern seines Wesens prägt und die ihn sagen lassen kann: Das bin ich. Der bin ich. Sind die Verkündigung des Wortes Gottes, die Feier der Sakramente, der Leitungsdienst nur Funktionen, die jemand wahrnimmt, aus denen er sich aber zurückzieht, wenn er sie nicht mehr ausübt? Oder ist dieses alles zusammengehalten von einem inneren Fundament: Weil ich Priester bin, deshalb tue ich gerade dies? Hier kann ich auch auf eine Begrifflichkeit kurz eingehen, die wir in den letzten Jahren immer wieder hören, weil es so viele Aufgaben gibt, die von Priestern wahrgenommen werden müssen. Man spricht von dem Kerngeschäft der Kirche, vom Kerngeschäft derer, die in ihr jeweilig Dienste tun.

Ich halte das für eine problematische Entlehnung aus der ökonomischen Fachwelt. Es geht beim Evangelium um mehr als ein Geschäft, ja sogar um mehr als ein Programm. Der Kern, die innere Konzentration, die Mitte, auf die alles hin zielt und aus der alles entspringt, ist der Herr selbst, Christus. Ihn zu erkennen, Ihn immer mehr zu lieben, um Ihm immer mehr dienen zu können, wie der heilige Ignatius in seinen Exerzitien sagt, daraufhin lebt Kirche, damit sie anderen Verweis auf diesen Jesus Christus sein kann. Daraufhin lebt auch jeglicher Dienst, der in der Kirche getan wird. Dies gilt in besonderer Weise für den, der in der Sendung dieses Herrn Ihn als das Wort verkündet und damit die Gläubigen nährt, der in der Rolle dieses Christus die grundlegenden Worte spricht: "Das ist mein Leib. Das ist mein Blut." Das gilt in besonderer Weise für den, der die Reinigung der Herzen durch das Wort bis zu dem Punkt einer Vollmacht, die er nicht von sich aus haben kann, führen darf, indem er die Worte spricht: "Ich spreche Dich los von Deinen Sünden. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes."

Es geht also um diese mystische Dimension, der Sie sich in den Vortragsabenden der letzten Zeit in eigener Weise gewidmet haben. Hier ist diese Kon-Zentration um die Mitte, die Christus ist.

In seinem Priesterdekret spricht das Konzil nun eine große Schwierigkeit an, die sich für den Priester nicht nur vor vierzig Jahren, sondern auch heute ergibt. Ich zitiere wörtlich:

"In der Welt von heute, in der die Menschen so vielen Geschäften nachzukommen haben und von so vielfältigen Problemen bedrängt werden, die oft nach einer schnellen Lösung verlangen, geraten nicht wenige in Not, weil sie sich zersplittern (qui sese in diversa dispergant). Erst recht können sich Priester, die von den überaus zahlreichen Verpflichtungen ihres Amtes hin- und hergerissen  werden, mit bangem Herzen fragen, wie sie mit ihrer äußeren Tätigkeit noch das innere Leben in Einklang zu bringen vermögen. Zur Erzielung solcher Lebenseinheit genügt weder eine rein äußere Ordnung der Amtsgeschäfte, noch die bloße Pflege der Frömmigkeitsübungen, so sehr diese auch dazu beitragen mögen" (PO 14).

Wie sehr sind diese Worte heute wahr und sogar noch drängender geworden! Was hilft in dieser Situation, wenn der Priester das hautnah und leibhaft erfährt? In der Auseinandersetzung, gerade in meinem Dienst als Spiritual, bin ich darauf gestoßen, wie wichtig es ist, dass der Priester von einer inneren Identität, von einem Kernpunkt her, auf seinen Dienst schaut. Man kann das immer sehr schön veranschaulichen, wenn Priester sich für ihre Weihe ein Wort aus der Heiligen Schrift oder der großen kirchlichen Tradition wählen, mit der sie ihren Dienst und ihre Aufgabe verdichten, zusammenfassen wollen. Das ist vielleicht der innere Kern der Vision, die der Einzelne im Blick auf seinen Lebensweg gesehen hat, die ihn aber auch in der Identität prägt, von der aus er die einzelnen Aufgaben und Dienste angeht.

In diesem Nachdenken bin ich auf ein Bild gestoßen, das ich im 3. Kapitel des Johannesevangeliums als Beschreibung der Gestalt des Täufers Johannes gefunden habe. Es ist ein ungewohntes und überraschendes Bild. Aber gerade deshalb habe ich es ausgewählt, weil es uns helfen kann, ausgetretene Pfade neu zu begehen und aus einer anderen, eben bildlichen Perspektive, die innere Wirklichkeit dieses Dienstes existentiell und persönlich in den Blick zu nehmen.

Der heilige Augustinus hat dieses Bild vom amicus sponsi ebenfalls in seiner Darlegung über den Priester als Hirten benutzt (vgl. Serm. 46,30). Schauen wir zunächst auf den Ursprung dieses Wortes im 3. Kapitel des Johannesevangeliums (Joh 3,29):

"Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabei steht und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden."

Im Kommen Christi macht der Täufer diese Erfahrung und fasst sie in diese Worte. Im Unterschied zum Täufer braucht diese Wirklichkeit für den Priester nicht erst zu geschehen, sondern sie ist da. Deshalb ist das Bild so entlastend. Der Bräutigam, der die Braut hat, ist Christus. Die Braut ist die Kirche. Er hat sie sich durch sein Kreuzesopfer erworben. Die Menschheit will er sich wie eine Braut antrauen. In denen, die ihm jetzt schon wirklich anhangen, ist die Braut da. Ihm, dem Bräutigam, gefällt sie. Übrigens: Auch dieses Wort ist provokant; denn oft genug verstehen wir die Kirche nicht als Braut und können sie auch als solche nicht sehen. Aber ich darf daran erinnern, dass die Braut nicht meine Braut, sondern die Braut Christi ist; und wenn jemand ihr den Scheidebrief ausstellen könnte, dann der Herr. Vielleicht können wir mit diesem Hinweis besser die Kirche als Baut Christi sehen.

Mit Christus in einer persönlichen Beziehung stehend, darf der Priester der Freund des Bräutigams sein. In dieser persönlichen Beziehung für die Beziehung unter den Menschen zu wirken, damit die ganze Menschheit ihr Ziel erreicht, nämlich in der Liebe glücklich zu sein, das hat etwas Entlastendes und Festliches. Der Herr hat das Werk getan. Im Sakrament und in der Verkündigung der Frohen Botschaft darf der Priester dieses Werk weiter tragen. Er ist der Freund des Bräutigams, der daneben steht und sich freut, weil der Bräutigam die Braut hat.

Hier zeigt sich, dass es um mehr als um Funktionen, dass es um eine freundschaftliche Beziehung, um ein prägendes Sein geht. Hier zeigt sich auch, dass die Vielzahl der Aufgaben immer wieder zurückgebunden werden kann in die Mitte eines persönlichen Zusammenseins mit Ihm, der Herr, aber auch Bruder und Freund ist. Die Menschen aus dieser Mitte zu begleiten und zu nähren und es gleichzeitig zu empfangen, dass andere, die vielleicht nicht Priester sind, noch tiefer in dieser Mitte und in dieser Wirklichkeit verankert sind, das lässt den Priester in einer ganz persönlichen Berufung stehen und von dort her Fachmann der Innenwelt, Nährer und Bruder und Glied am Leib Christi sein. Vielleicht müssen wir in den nächsten Jahren noch viel mehr diese Entlastung lernen, aber in ihr auch die innere Stärkung empfangen und sie uns gegenseitig schenken und gönnen.

Immer wieder wird das Wort von Karl Rahner zitiert vom Christen, der etwas erfahren hat.Sicherlich haben Sie im Rahmen Ihrer Vorträge auch dieses Zitat gehört. Ich stimme dem voll und ganz zu. Es gilt in besonderer Weise für den, der den priesterlichen Dienst ausfüllt. Aber hier rundet sich alles, was ich heute Abend versucht habe, über Priester-sein heute zu sagen: Weil wir als Christen für die Zukunft Sorge tragen, dass Menschen Ihn erkennen, sind wir in der gemeinsamen Pflicht, einander Hirte zu sein, und werden ohne Konkurrenzdenken  zu schätzen wissen, dass es auch die Sendung derer gibt, die Er in seine Nähe gerufen hat, damit sie mit Ihm sind, um das Evangelium zu bringen und die heilende Kraft dieses Evangeliums auszuteilen (vgl. Mk 3,13-19).

Wie eine Grundmelodie komme ich immer auf den Abschnitt zurück, der für mein priesterliches Leben die grundlegende Vision, der Ausdruck meiner Identität und der bleibende Ansporn für meine Sendung geworden ist, die ersten Zeilen des 1. Johannesbriefes, die ich auf mein Primizandenken gesetzt und aus denen ich auch meinen Wappenspruch als Bischof gewählt habe. Es ist das Wort eines Zeugen der Frohen Botschaft an seine Gemeinde, mit dem er seine grundlegende Identität, aber auch seine Sendung und das Ziel seines Auftrags in der Gemeinschaft der Kirche beschreibt:

"Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden Euch das Ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch Euch, damit auch Ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist" (1 Joh 1,1-4).

Ja, so verkünden wir das Leben: Sie und wir als Bischöfe und Priester, damit die Welt eine Gestalt erhält, die aus der Liebe erwächst. Dafür lohnt es sich, Christ und Priester im Heute zu sein. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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Text: Bischof Felix Genn
21.04.2009

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