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Seite: Aktuelles  >  Predigt Weihbischof Overbeck zur Übergabe der Erntekrone
23.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Weihbischof Overbeck zur Übergabe der Erntekrone an Bundespräsident Köhler

Berlin. Am Dienstag (29.09.200) hat Weihbischof Franz-Josef Overbeck in Berlin einen ökumenischen Wortgottesdienst zur Übergabe der Erntekrone an Bundespräsidenten Horst Köhler gefeiert. In diesem Wortgottesdienst predigte er auch. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Brüder im geistlichen Amt, liebe Schwestern, liebe Brüder. In traditionellen, von der Landwirtschaft geprägten Gesellschaften ist der Erntedank das Fest, mit dem am Ende der Erntezeit Gott als Herr der Schöpfung in den Blick kommt. Der Mensch dankt für die Gaben der Ernte, die ihm das Leben und Überleben sichern. Der Mensch versteht sich als Verdankter, nicht als einer, der alles zum Leben Notwendige selbstverständlich für sich annimmt, sondern der weiß, dass das Lebensnotwendige Geschenk und Gabe ist.

Die heute zu übergebende Erntekrone erinnert gerade durch das Zusammenspiel mit dem Bund der Landjugend und des Landvolks daran, dass auch in unserer Gesellschaft nicht wenige dieses Bewusstsein leben und bewahren. Die Ernte ist nicht allein das Ergebnis klugen wirtschaftlichen Kalküls, landwirtschaftlichen Könnens, einer entsprechenden Wetterlage und möglicherweise günstigen Marktpreisen, sondern sie verdankt sich Gott.

Diese Perspektive gehört nicht zu den Selbstverständlichen in unserer Gesellschaft. Viel ist die Rede von den innerweltlichen und gut begründeten Zusammenhängen zwischen Saat und Ernte, zwischen Einsatz und Ergebnis, zwischen Arbeitsaufwand und -ertrag. Die Perspektive Gottes, um damit die Ernte als Gabe zu verstehen, kommt wenig in den Blick.

Wir erleben, wie sehr das allermeiste der mit dem ländlichen Raum beschriebenen Wirklichkeiten durch Dynamiken und politische Entscheidungsprozesse bestimmt ist, die den inneren Grund, warum wir uns heute als gottesdienstlich versammelte Gemeinde an unseren Schöpfer wenden, in den Hintergrund treten lassen. Es ist in der Tat schwer, zwischen Milchpreisen, Agrarkommissionen, Protestaktionen, realen Nöten von Milchbauern und anderen, zwischen europäischen Verflechtungen, konkreten historischen und wirtschaftlichen Alltagsbedingungen usw. den Schöpfer zu entdecken, von dem wir Christen der Überzeugung sind, dass er der Urheber alles Guten und d. h. all dessen ist, was dem Leben dient.

Gerade damit die Überreichung der Erntekrone und das Erntedankfest nicht zu einem eher der Folklore geschuldeten Ereignis verkommt oder eine fast nostalgische Erinnerung an vergangene Zeiten landwirtschaftlicher Produktionsbedingungen und entsprechenden Landlebens wird, ist es hilfreich, sich zu fragen, was denn der innere Zusammenhang all dessen ist, was uns Menschen satt macht. Noch einmal anders ausgedrückt: Warum sind wir Christen der Überzeugung, dass das, was dem Leben dient und uns satt macht, verdankt ist, also nicht selbstverständlich ist, und in größeren Logiken aufgehoben wird, als sie das politische und sonstige Alltagsgeschäft vor Augen führt.

Die für den heutigen Gottesdienst ausgesuchte alttestamentliche Lesung stammt aus dem 34. Kapitel des Propheten Ezechiel. In diesem Kapitel, in dem es um Verheißungen für das eigene Volk geht, beschreibt Ezechiel, dass Gott es sein wird, der sein Volk aus dem Exil führt. Ezechiel schreibt ca. um das Jahr 600 v. Chr., als das Volk Israel zu den Verschleppten in Babylonien zählt: Das rettende Eingreifen Gottes und die Wiederherstellung des Volkes um den neu zu erbauenden Tempel in Jerusalem führt Ezechiel den Verzagten vor Augen. In die Mitte dieser Verheißungen für das eigene Volk, um es aus seiner Lethargie und Verzagtheit zu neuer Kraft und Zuversicht zu befördern, gehört das Kapitel, in dem Ezechiel von Gott als dem guten Hirten spricht. Es ist, so Ezechiel, Gott selbst, der sich um die Schafe kümmert. Er schickt niemand anderen, sondern tut es selbst: "Ich führe sie aus den Völkern heraus, hole sie aus den Ländern zusammen und bringe sie in ihr Land … Auf gute Weide will ich sie führen … Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen." (Ez 34,13-15) Und er fährt dann fort: "Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurück bringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist." (Ez 34,16) Der Prophet lebt in nüchterner Einsicht, dass nämlich seine Herde zerstritten ist, dass er sie, wie wir gerade in der Lesung gehört haben, warnt und mahnt, warum sie denn seine gute Schöpfung verschmutzten (vgl. Ez 34,18) und warum das gute Weideland zertrampelt würde (vgl. Ez 34,18). Darum, so Ezechiel, entscheidet sich Gott selbst, für Recht zu sorgen, das Schwache zu schützen, um seinen "Schafe zu Hilfe zu kommen" (vgl. Ez 34,22). Gott, der Schöpfer, ist hier der gute Hirte.

Gott als Hirten zu begreifen, der das Seine hütet, der die Welt achtet und in ihr für Recht und Gerechtigkeit sorgt, deutet aus, was wir Christen im Bekenntnis von Gott als dem Schöpfer der Welt sagen. Es gibt keine Wirklichkeit ohne Gott, keine Wirklichkeit, die nicht behütet ist, damit aus göttlichem Anspruch heraus in ihr das Rechte geschähe und Gerechtigkeit geübt werde. Aus dem Lesungstext folgt ein Gottesbild, dass zum Nachdenken einlädt. Alles Verdankte, wie die Ernte des Jahres als Gabe der Schöpfung, hat ihren Ursprung in der Hirtensorge Gottes für uns Menschen. Wir Christen nehmen sie bewusst aus dem Kreislauf des verantworteten Tuns des Menschen, seiner Erfolgs- oder Misserfolgsgeschichte, seines Könnens und seiner Niederlagen heraus und stellen sie dem Schöpfer anheim, der sich auf diese Weise als guter Hirte der Menschen erweist.

Gott ist Schöpfer und Hirte. Derjenige, der im Glauben an diesen Gott sein Ethos und sein von sittlichen Überzeugungen durchdrungenes Leben gestaltet, wird sich keine Anstrengung nehmen lassen, das beste Ergebnis zu erzielen und in allen komplizierten, auch derzeit schwierigen Lagen für Recht und Gerechtigkeit Sorge tragen zu wollen. Er weiß dabei: alles wird getragen von Gottes schöpferischer Macht, die sich in seiner Hirtensorge zeigt.

Das Bild von Gott, dem Schöpfer, als Hirten zeigt noch ein Weiteres. In der antiken Kunst ist der Gute Hirte mit dem Lamm auf den Schultern ein tiefes Sinnbild für Jesus Christus selbst und damit für Gott. Gott als der Gute Hirte sorgt für das, was er geschaffen hat. Auch das Verlorene nimmt er auf seine Schultern und führt es nach Hause. Wenn das Erntedankfest sich so Gottes erinnert, dann erinnert es uns an jenen Guten Hirten, der uns das Lebensnotwendige gibt und für seine Schöpfung sorgt. Wer aus einem solchen Verstehen Gottes und einer gläubigen Haltung die Form seines Lebens prägen lässt, der wird sich mit aller Intelligenz und Klugheit, mit aller notwendigen politischen Weitsicht und Entschiedenheit für das einsetzen, was dem rechten Umgang mit der Schöpfung und denen dient, die auf eine besondere Weise, wie wir es in der Landwirtschaft sehen, davon leben. Eine letzte Sorge dürfen wir unserem Schöpfer anheim stellen, dem Guten Hirten, der das von Ihm Geschaffene einst nach Hause holen wird. Alle Schöpfung ist verdankt. Darum können wir heute dem Schöpfer als dem Guten Hirten für das Lebensnotwendige und für das danken, was wir davon zum Nutzen Vieler an andere weitergeben. Amen.

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  1. undefinedWeihbischof Overbeck: Erntedank ist keine Folklore

Text: Weihbischof Franz-Josef Overbeck
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