Dokumentiert
Predigt von Weihbischof Overbeck zur Coesfelder Kreuztracht
Coesfeld. Am Sonntag (20.09.200) fand die Coesfelder Kreuztracht und das Jubiläum 350 Jahre Großer Kreuzweg in Coesfeld statt. Weihbischof Franz-Josef Overbeck feierte aus diesem Anlass einen Gottesdienst in dem er auch predigte. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.
Verehrte, liebe Mitbrüder im Geistlichen Amt, liebe Schwestern und Brüder, liebe Beterinnen und Beter unserer Kreuzwegprozession! Das Motto der diesjährigen Jubiläumskreuztracht "350 Jahre Großer Kreuzweg – Dem Leben auf der Spur" verbindet im Zeichen, was das Leben des Christen ausmacht. In der Mitte des christlichen Lebens steht Christus, der uns erlöst hat. Den Weg, den Gott dafür gewählt hat, sehen wir im Kreuz vor uns. Das Kreuz, an dem der Gekreuzigte für uns das Leben erworben hat, weist auf das Leben hin, dem wir auf der Spur sind.
Alle Menschen sind dem Leben auf Spur, suchen nach Sinn und Inhalt und wollen erfüllt und froh leben. Sie verstehen unter "dem Leben", dem sie auf der Spur sind, das Positive, sie Erfüllende. Genau dies tun wir Christen. Als Menschen, deren Lebensform Christus, d. h. der Glaube ist, sind wir dem Leben auf der Spur. Wir folgen den Spuren Christi und erkennen im Glauben, dass wir damit dem Lebensgeschick Jesu und all dem folgen, was er für uns getan hat. Er hat uns erlöst: von uns selbst hin zu Gott. So sind wir dem Leben auf der Spur, dem Kreuz nach. Andere Menschen mögen anderen Spuren folgen, um das Leben zu finden, um den Sinn, den es hat, zu entdecken. Wir Christen sind der Überzeugung, dass wir das Leben finden, wenn wir Christus folgen. Dies bedeutet, dass wir das Leben finden, wenn wir das Kreuz finden. Dies bedeutet auch, zu sagen: Wir lassen uns von Gott finden, der sich uns im Kreuz seines Sohnes zugesellt. Es ist Gott, der will, dass wir das Leben in dieser Spur suchen. Auf diese Weise wird deutlich, dass nicht wir die ersten sind, die dem Leben auf der Spur sind, sondern dass Gott es ist, der uns auf der Spur ist, um uns Leben zu schenken. Wir sind befähigt, dieses Leben zu entdecken und zu finden. Das Leben, das Gott uns im Kreuz seines Sohnes schenkt, das dürfen wir finden.
Was mag dies heißen, angesichts des Festes, das wir heute begehen, wenn wir des Jubiläums von 350 Jahren "Großer Kreuzweg in Coesfeld" gedenken? Der damalige Bischof von Münster, Christof Bernhard Graf von Galen, hat durch die bewusste Förderung der Frömmigkeit Zeichen gesetzt, damit die Menschen nach den großen Schrecknissen des 30-jährigen Krieges wieder neu ihre Identität im katholischen Glauben und in der Kirche finden konnten. So baute er nicht nur die Kapelle für die Schmerzhafte Mutter Gottes in Telgte und die Kapelle für die Mutter Anna auf dem Annaberg bei Haltern und manches mehr, sondern ließ auch diesen Kreuzweg und Kapellen anlegen.
Nach dem 30-jährigen Krieg wussten die Menschen aus leidvollster Erfahrung, was es heißt, am Kreuz Christi teilzunehmen und die Leiden des Kreuzes selbst zu ertragen. Seitdem ist die Welt im Blick auf Krieg und Leiden – trotz aller Versuche vieler glaubwürdiger Menschen – nicht besser geworden. Wir sehen bis heute unzählige Menschen leiden und wissen auch von uns selbst, was leiden heißt. Durch die uns zugefügten Leiden, durch die zu ertragenden Leiden, aber auch durch das selbst gemachte Leid, das unser Leben verdunkelt, erfahren wir die Wirklichkeit dessen, was Kreuz ist.
Nehmen wir diesen weiten Horizont der Leidgeschichte der Menschen, so müssen wir uns fragen: Sind wir auf der rechten Spur, sind wir wirklich dem Leben auf der Spur? Diese Frage positiv zu beantworten heißt, dass wir Christen uns dem Kreuz zuwenden, weil wir uns in den eigenen irdisch ertragenen Leiden herausgefordert wissen, uns mit dem Leiden Christi, d. h. mit dem Gekreuzigten und seinem Kreuz zu verbinden. Durch die Leiden des eigenen Lebens und durch die Leiden der Geschichte kommen wir dem Leben dann auf die Spur, wenn wir diese Leiden verstehen, deuten und tragen in der Kraft des Kreuzes Christi, d. h. in der Kraft der Erlösung und des Glaubens an Gott, der uns das Leben, das kein Ende kennt, durch den Tod seines Sohnes hindurch geschenkt hat.
Können wir dies noch tiefer verstehen?
Die Lesung aus dem Philipperbrief, die wir gehört haben, gibt eines der ältesten liturgischen Texte und Gesänge des Neuen Testamentes wieder, den der Apostel Paulus im 2. Kapitel des Briefes an die Gemeinde von Philippi in Nordgriechenland aufgeschrieben hat. Vor dem gerade gehörten Text (Phil 2,6-11) steht ein bemerkenswerter Vers (Phil 2,5): "Seid so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht!" Dieses einfache Wort weist uns darauf hin, dass der Glaube und das Leben zusammengehören, dass das Leben und Christus zusammengehören. Darum sind wir – dem heutigen Motto getreu – dem Leben nur dann auf der Spur, wenn wir es in der Gesinnung Christi leben.
Wie diese Gesinnung aussieht, das zeigt uns der wunderbare Lesungstext, der in drei Versen davon spricht, dass Gott in Christus zu uns Menschen kommt, dass Christus wie ein Sklave, d. h. wie ein demütiger Diener uns Menschen gleich geworden ist und das Leben eines Menschen geführt hat. In dessen Konsequenz hat er den Tod auf sich genommen, damit wir Menschen bis ins Letzte begreifen können, wie nahe Gott uns sein will. Nichts Menschliches ist Gott fern, außer der Sünde. So nimmt er den Tod in Christus, seinem Sohn, auf sich. Auf diese Weise sind wir dem Leben mit Christus selbst auf der Spur, d. h. mit Gott, der mit uns geht.
Die nächsten drei Verse der Lesung führen dann vom Dunkel des Todes hin zum Licht des ewigen Lebens, in das Christus durch die Auferstehung von Gott seinem Vater geführt wird. Darum können wir bekennen: "Jesus Christus ist der Herr" (vgl. Phil 2,11).So gesinnt zu sein, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht, heißt, sich immer wieder auf Gott hin auszustrecken und das eigene Leben als einen Weg zu Gott zu begreifen. Dem Leben sind wir dann auf der Spur, wenn wir diese Richtung einschlagen.
So sehen wir an der Lesung, wie wir das heutige Motto im Geheimnis des Kreuzes deuten und dem Leben, um das es geht, ein konkretes Antlitz geben können. Wir sind dem Leben im Kreuz auf der Spur, wenn wir es in der Gesinnung Christi leben und, wie er, immer einen Weg in der Konsequenz bis ganz nach unten, bis in den Tod gehen, um dann von Gott selbst ins Leben gehoben zu werden.
Zusammengefasst heißt dies: Wir sind nicht irgend einem Leben auf der Spur, wir sind dem Leben auf der Spur, das Christus uns schenkt durch sein Kreuz. Auf diese Weise verstehen wir tiefer, dass die vielen Fragen, wie wir denn im Leid und im Dunkel Leben entdecken können, vorsichtige und ehrliche Antwort da finden, wo wir sie im Glauben an Christus abgeben. Wir finden nicht im Leid allein von sich aus das Leben, sondern dann, wenn wir uns mit Christus verbinden. Nicht umsonst kennt unsere christliche Tradition das Bild vom Kreuztragenden Christus, der uns beigesellt ist. So erfährt ihn zum Beispiel der heilige Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, auf seinem Weg nach Rom in La Storta. Der Kreuzweg, den wir heute gehen und auf dem wir sinnenfällig das Kreuz selbst mittragen, ist nichts anderes als ein Zeichen dafür, was uns existentiell lebensmäßig anrührt: das Leben finden wir im Kreuz. So sind wir dem wahren Leben dann auf der Spur, weil wir es in der Gesinnung Jesu leben, wie es uns der Philipperhymnus in der Abwärtsbewegung Gottes zu uns Menschen und in der Aufwärtsbewegung Jesu zu Gott, seinem Vater, zeigt.
Was heißt dies konkret für unseren gläubigen Alltag, wenn wir dem Leben im Kreuz Christi auf der Spur sind?
Zu der Erfahrung jedes Lebens gehört irgendwann einmal Krankheit, Leiden, die Nähe des Todes, die Erfahrung von Sterben und der Tod selbst. Die Welt, in der wir leben, hat aufgrund ihrer großen medizinischen Leistungen und Forschungen viel tun können, dieses erfahrene Leid zu vermindern. Ebenso gibt es einen mittlerweile mit höchster Skepsis zu betrachtenden Gesundheits- und Fitnesskult, der die Minderung des Lebens beiseite schiebt und nicht wahrhaben will. Dies gilt für nicht wenige Menschen bis ins hohe Alter. Trotzdem: dem Leid, der Krankheit, dem Sterben und dem Tod entkommt keiner. Die Herausforderung für uns Christen besteht darin, exemplarisch durch unser Lebenszeugnis zu zeigen, wie wir lernen, diese Minderung des Lebens anzunehmen. Wie geht das? Es geht, indem wir uns mit Christus verbinden, lernen, dass er unsere Lebenskreuze mit trägt und uns so das Gesicht Gottes selbst zeigt, der mit Erbarmen dem Leid, dem Sterben und dem Tod nahe ist. Wir Christen lernen, dass wir mit dem Leiden nicht von uns aus fertig werden können, ja nicht wollen. Wir lernen, das Leiden mit Christus zu tragen. Darum ist das Kreuz als Zeichen so wichtig, das wir sehen und über uns schlagen können, das wir an Rosenkränzen, an Gebetsketten etc. anfassen und festhalten können, das wir an Wänden vor uns sehen, weil es uns daran erinnert: die Leiden unseres Lebens tragen wir mit dem Gekreuzigten. So erblicken wir im Kreuz das Zeichen, mit dem wir dem wirklichen Leben auf der Spur sind. Dieser Herausforderung im Glauben entkommt kein Christ. Ohne das Geschenk wie auch den Mut zum Glauben, wird niemand von uns die Kraft haben, auf diese christliche Weise dem Geheimnis des Leidens mit einer gläubigen Persönlichkeit zu begegnen. Andere mögen dies anders versuchen, wir Christen nicht. Im erfahrenen Leid der Minderung im Alltag des Lebens, sind wir mit dem Gekreuzigten dem Leben auf der Spur.
Durch die Wirtschaftskrise, die vor genau einem Jahr ihren Lauf genommen hat, übrigens am 15. September 2008, dem Fest der sieben Schmerzen Mariens, werden wir noch sehr schmerzhaft mehr lernen müssen, welche Folgen diese für die Arbeitslosigkeit vieler Menschen und die Schwierigkeiten des wirtschaftlichen Lebens für den Alltag ganz vieler nach sich ziehen wird. Bis hin zu den Problemen neuer Armut und großer sozialer Ungerechtigkeit werden wir auf Dauer deren Folgen zu spüren bekommen. Auch das ist ein konkretes Kreuz, das viele Menschen ungefragt zu tragen und auszuhalten haben. Neben aller Professionalität der Wirtschafts- und Finanzwelt wie der Politik, dieses Übel zu mindern und für ein würdiges Arbeitsleben der Menschen Sorge zu tragen, stehen wir vor der Herausforderung, uns zu fragen: Was können wir Christen tun, um in diesen schwierigen Situationen dem Leben auf der Spur zu bleiben, bedeutet doch Arbeitslosigkeit und Armut für viele, das Leben gerade nicht zu erfahren?
Im Kreuz Christi erkennen wir die Solidarität Gottes mit uns Menschen. In dieser Solidarität erlöst er uns von allen Fesseln der Sünde und des Todes. Wie es uns der Philipperbrief sagt, der uns auffordert, in der Gesinnung Christ zu leben, zeigt uns die Solidarität Jesu, d. h. Gottes mit uns Menschen, was diese Gesinnung konkret bedeutet. Wir tragen die Kreuze der Menschen, die unter solchen schwierigen, sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umständen leben mit, wenn wir mit ihnen solidarisch sind. Konkret wird dies, wenn die, die genug haben, von dem, was im Überfluss da ist, abgeben und teilen. Konkret wird dies in der Geste des Beistands und im Bemühen um Gerechtigkeit im Alltag. Wo Solidarität und Gerechtigkeit geübt werden, da sind wir dem Leben auf der Spur. So tragen wir jene konkreten Kreuze mit, die Menschen durch Arbeitslosigkeit und Armut auferlegt werden.
Zu den großen gesellschaftspolitischen und familienpolitischen Heraus-forderungen unserer Zeit gehört die Frage: Wie können Eheleben und Familienleben gelingen, dass Mann und Frau ein Leben lang beieinander bleiben, Kindern das Leben schenken und so für die Gesellschaft und für sich Werte schaffen, die ihren Bestand sichert und dem Leben ein wirkliches, lebendiges Gesicht geben. Wir wissen mittlerweile, dass es Gegenden unseres Landes gibt, in denen die Hälfte aller Kinder nicht mehr in einer Familie mit Vater und Mutter leben, dass über ein Drittel aller Eheleute geschieden werden und das viele Menschen einsam und allein Alter und Sterben bewältigen müssen. Hier sehen wir konkrete Kreuze vor uns, die erschlagen und erdrücken, die Leben mindern und in vielfacher Weise das notwendige Vertrauen zerstören, das für eine menschliche Gesellschaft von Nöten ist.
Am Weg Christi sehen wir die Treue Gottes zu uns Menschen, der uns erlöst und uns selbst den Weg zum Leben eröffnet. Die Treue ist eine Haltung, die positive Werte im Leben eines jeden Menschen befördert. Sie ist bereit, das Schwere durchzustehen und positive Ziele im Blick zu haben, die auf Dauer zu verfolgen sich lohnen. Treue, die sich im Sakrament der Ehe ausdrückt, Treue im Ja zum Kind und zum Leben in allen seinen Lebensphasen, wie es in der Familie deutlich wird, zeigt, dass wir Christen uns in unserem Verhalten mühen, der Treue Gottes zu uns Menschen ein Gesicht zu geben. Wer treu ist, der ist dem Leben auf der Spur.
Dem Leben auf der Spur zu sein, bedeutet für uns Christen, Jesus Christus nachzufolgen, d. h. dem Kreuz tragenden Christus. Möge uns der heutige "Große Kreuzweg" und diese Eucharistiefeier darin stärken, alle Lebensspuren, die uns dem Ziel, nämlich dem Leben bei Gott näher bringen, von Christus her zu gehen. Wir kommen dem Leben auf die Spur, wenn wir Christus folgen. Wo wir dies tun, indem wir im menschlichen, mit Schmerz erfahrenen Leid das Kreuz Christi entdecken, indem wir in den gesellschaftlichen Nöten unserer Welt Solidarität und Gerechtigkeit üben und indem wir in den Fragen von Ehe und Familie die Treue leben, zeigen wir: Christ sein ist Lebensform. Diese Form hat einen Namen: Jesus Christus, der uns im Kreuz erlöst. So kommen wir dem Leben auf die Spur, bis wir es in seiner Fülle in der Ewigkeit erreichen dürfen. Amen
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