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23.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Weihbischof Overbeck anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Friedensschule Münster

Bistum. Am Samstag (29.08.2009) feierte die münstersche Friedensschule ihr 40-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wurde im St.-Paulus-Dom zu Münster ein Ponitfikalamt gefeiert. Es predigte Weihbischof Franz-Josef Overbeck. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage der Predigt.

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern, liebe Schulgemeinde der Friedensschule, liebe Schwestern und Brüder!

I.
Vor 40 Jahren wurde in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche und schulpolitischer Neuorientierungen im Gefolge des 2. Vatikanischen Konzils die Friedensschule gegründet. Es ging dabei gerade im Blick auf unser Bistum Münster um das, was Papst Johannes XXIII. bei der großen Eröffnungsrede des 2. Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 das "Aggiornamento", die Verheutigung der Kirche, genannt hatte. Da dies alle gesellschaftlichen Bereiche und die Gestalt der Kirche betraf, wurde auf neue Weise, gemäß der Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" des 2. Vatikanischen Konzils der Mensch in die Mitte gerückt. Die programmatischen Worte zu Beginn dieses großen Dokuments des Konzils "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi" (GS 1) wurden auch zum Leitwort für die Gestaltung exemplarischer Schulpolitik unseres Bistums. Es ging auf neue Weise um die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schüler aller Schichten und Begabungen, die mit dem Programm einer kirchlichen Gesamtschule in allen ihren Ausführungsmöglichkeiten dazu dienen sollte, die Einzelnen deutlich in den Blick zu nehmen und ihnen ganzheitliche Förderung und die Erreichung möglichst vieler schulischer Ziele zu eröffnen, um nach dem Schulabschluss bestmögliche weitere Ausbildungen anstreben zu können und, geprägt durch eine katholische Schullaufbahn, als Christ der Kirche einen entsprechenden Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Im Blick war dabei natürlich das Leben in Ehe und Familie, in den konkreten Kirchengemeinden vor Ort und in vielen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bezügen.

Dieser damalige, von vielen auch kritisch beäugte Schulversuch, hat sich bestens bewährt. Die Friedensschule gehört seit ihren Anfängen zu jenen Schulen Münsters, die begehrt sind, auf die viele Eltern ihre Kinder schicken, die für sie beste Ergebnisse erzielen.

II.
1. Ein Jubiläum zu feiern, bedeutet, den Blick auf das Gewesene und die entsprechend zurückgelegte Wegetappe zu lenken. Es ist zugleich Anlass, den Mut zur Programmatik für die Zukunft aufzubringen und deutlich zu machen, welche Schwerpunkte für die kommende Zeit zu setzen sind. 40 Jahre sind in der Tradition des Judentums und des Christentums eine wichtige Zeitspanne, die immer bedeutet, dass sich eine gewisse Wegstrecke vollendet hat. 40 Jahre zogen die Juden durch die Wüste, um das Gelobte Land zu erreichen. 40 Tage begehen wir die Fastenzeit, um uns auf Ostern vorzubereiten. 40 Tage feiern wir Ostern bis Himmelfahrt, um dann, nach zehn weiteren Tagen, am 50. Tag Pfingsten zu feiern. Wir sehen, – gerade in diesen Tagen und Wochen, in denen wir uns der 20-jährigen deutschen Einheit erinnern -, dass nach den ersten 40 Jahren der Bundesrepublik Deutschland (1949 bis 1989), Einschnitte erfolgten, die für Europa und die Welt von großer Bedeutung waren.

Was kann es also bedeuten, dass sich die Friedensschule 40 Jahre nach ihrer Gründung heute in einer schulpolitischen Landschaft und vor gesellschaftlichen und für die Bildung herausragenden und relevanten Fragen findet, die sie als schulische Herausforderung begreifen muss?

2. Zu den großen Themen gehört heute die spirituelle und theologische Bildung der Lehrerinnen und Lehrer und aller am Leben der Schule Beteiligten, ebenso die Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern, Lehrern und Schülern, um der gesamten Bildung und Erziehung immer neu die Konturen eines katholischen Profils zu geben. Es gibt heute Viele, die denken, religiöse Bildung sei ein Additum, eine Zugabe zu jeder Form von anderer Bildung: Wir sind jedoch der Überzeugung, dass das Schulprofil einer Katholischen Schule Bildung so zu begreifen ist, dass Glaube und Religion als Integral verstanden werden. Es geht neu um die Synthese dessen, was zusammengehört und oft auseinander gerissen wird, nämlich Glauben und Leben. Der Glaube ist Lebensform. In dieser Hinsicht gehören der kognitive und emotionale, der soziale und motorische Aspekt von Bildung so zusammen, dass sie von einem religiös motivierten Verständnis durchformt werden.

Erst so kann es gelingen, auf eine der heutigen Welt entsprechenden Weise missionarisch Kirche zu sein, nämlich die Präsenz Gottes in der Wirklichkeit "Schule" aufzuspüren und diese in allen Bildungsperspektiven zum integrierenden Faktor und mitbestimmenden Element zu machen, dass den Grundwasserspiegel des Bildungsganges in der Schule prägt.

Auf diese Weise zeigt sich, was wir von Gott selbst lernen können: Menschwerdung ist der Weg, den Er eingeschlagen hat, um uns seinen Weg mit uns Menschen zu offenbaren. Darum sind wir eingeladen, selbst den Weg der Menschwerdung zu gehen, um so Gott auf seine Initiative mit uns Menschen zu antworten. Bildung hat um Gottes willen mit der Menschwerdung der Menschen zu tun. Es ist ein lebenslanger Prozess, der wesentlich bei Kindern und Jugendlichen grundgelegt wird. Für jeden Glaubenden ist er ein Weg, der alle Dimensionen des Lebens umfasst und den Menschen immer mehr dahin führen soll, sich selbst von Gott her zu verstehen und entsprechend zu leben.

III.
Wenn der heutige Bildungsauftrag, der jeden Menschen unabhängig von sozialen Schichten und Herkünften und Begabungen meint, ein Weg zur Menschwerdung um Gottes willen ist, bleibt die Frage zu beantworten: Was bestimmt als Inhalt die Form des Glaubens, der das Leben prägt, um immer mehr die Menschwerdung in den Spuren des Evangeliums zu leben? Die beiden heute gehörten biblischen Texte geben uns wichtige Hinweise.

1. Dies gilt für den Jesajatext, den wir in der Lesung gehört haben. Er spricht vom messianischen Reich, davon, dass das Reich des Friedens aufbricht, weil Gottes Geist auf den Menschen ruht. Diese Reich des Friedens hat einen Grund. Es ist die Erfüllung der Sehnsucht der Völker. In Jerusalem hören alle die Weisung Gottes, gehen im Licht des Herrn (vgl. Jes 2,5) und werden zu Menschen des Friedens. Warum ist dies möglich? Weil auf ihnen der Geist des Herrn ruht, wie es in Jesaja 11 heißt, "der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht. Er richtet nicht nach dem Augenschein und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er, sondern er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes wie es recht ist. … Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, Treue der Gürtel um seinen Leib." (Jes 11,2-5). Wo der Geist dieses Messias lebt, da wird alles, was ist, in das Leben Gottes selbst umgeformt, in das Leben der Versöhnung, der Gerechtigkeit und eben des Friedens. Darum gilt dann die Vision des Jesaja, der schreibt: "Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein, Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bären freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen Heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Kenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist. An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isaaks sein, der dasteht als Zeichen für die Nation; die Völker suchen ihn auf; sein Wohnsitz ist prächtig." (Jes 11,6-10)

In dieser Vision wird zusammengebracht, was von Natur aus nicht  zusammengehört. Es wird von der Kraft des Geistes Gottes gesprochen, den sein Messias trägt und den Menschen weitergibt, damit Friede ist.

In unserer Welt gibt es, gerade weil Vieles nicht zusammengehört und sich immer wieder gegeneinander absetzt, oft mehr Unfrieden und Uneinigkeit als Frieden und Einigkeit, mehr Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit als Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, oft mehr Untreue und Ungeduld als Treue und Geduld. In den positiven Lebenshaltungen und Tugenden wird für jeden von uns deutlich, was es heißt, Frieden zu leben. Friede ist nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern will getan werden. Die Lesung weist darauf hin, dass dieses Tun des Friedens den Geist Gottes selbst braucht, weil Gott der Friede ist und uns als seine Mitarbeiter will, damit Frieden unter uns Menschen ist. Dies gilt konkret für jeden von uns in seinen alltäglichen Bezügen. Das gilt für Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, für Sie, liebe Lehrerinnen, Lehrer und Eltern und für alle, die in der Schulgemeinde Verantwortung tragen und sie mitgestalten.

2. Wir können an dieser Stelle noch einen Schritt weiter gehen und angesichts des Evangeliums, nämlich des Beginns der Bergpredigt nach Matthäus, lernen, was Jesus konkret zu diesem Weg sagt. In den Seligpreisungen geht es um eine besondere Form des Menschsein im Lichte Gottes. Da wird nicht einfach die Armut selig gepriesen, sondern jene Armut des Menschen, der Gottes bedürftig ist, der nach Gott sucht. Da werden nicht einfach die Trauernden an sich selig gepriesen, sondern jene, die in ihrer Trauer einen Abschied nehmen, der auf Trost hofft und von Gott kommt. Da werden jene selig gepriesen, die bereit sind, keine Gewalt anzuwenden, weil sie Gottes Reich erben. Da werden jene selig gepriesen, die Hunger und Durst haben nach einem Leben in Gerechtigkeit, also ausgerichtet auf Gott leben, weil sie darauf warten, von Gott mit den Gaben der Gerechtigkeit satt gemacht zu werden. Es werden die selig gepriesen, die barmherzig sind, die also ein weites Herz haben, und denen daher ein weites Herz geschenkt wird. Es werden die Menschen mit einem reinen Herzen gepriesen, die also aufnahmefähig sind für Gott. Ihnen wird verheißen, Gott zu schauen. Nicht vergessen sind die Friedenstifter, denn sie sind Kinder Gottes, Söhne und Töchter des Vaters im Himmel. Wer schließlich um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird und die Kraft zum Zeugnis aufbringt, der gehört zu Gott selbst.

Es geht in den Seligpreisungen um eine Haltung, die zeigt: Jesus lädt uns nachdrücklich ein, so zu leben wie er selbst. Es geht darum, Verheißungen zu trauen und daraus Kraft für den Alltag zu gewinnen. Gerade wenn der Glaube unsere Lebensform ist, zeigt sich hier, auf welch eindrückliche Weise der Glaube uns prägt. Er hat die Kraft der Verheißungen in sich, die Gott uns zuspricht. Es ist kein Leben, das der Zukunft nicht traute; die Zukunft kommt von Gott. Es ist kein Leben, das sich in sich selbst verschließt und zufrieden ist mit dem, was ist; erst recht ist es kein Leben, das sich von falschen Versprechungen, die kurzfristige Erfolge zeigen, verführen lässt. Die Seligpreisungen sind das Grundgesetz christlichen Lebens, weil sie Verheißungen sind. Im Glauben trauen wir Christen den Verheißungen Gottes und gestalten darum in allen Lebenserfahrungen, von denen die Seligpreisungen in reicher Weise sprechen, aus Gottes Kraft das alltägliche Leben.

IV.
Die Friedensschule steht 40 Jahre nach ihrer Gründung vor der Herausforderung, ihren Bildungsauftrag so zu gestalten, dass er unter den heutigen Bedingungen der Menschwerdung im Glauben dient: von Euch, Schülerinnen und Schülern, von Ihnen, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern. Spirituelle und theologische Bildung und Erziehungspartnerschaft und anderes mehr dienen der Einsicht: der Glaube ist Lebensform und durchwirkt den schulischen Alltag mit unterschiedlichen Gewichtungen, aber deutlich. Es geht um die Präsenz Gottes in aller Gegenwart, die Ihr erlebt und die Sie erfahren. So gewinnt die Kirche missionarische Kraft. Sie prägt Menschen, die den Weg der Menschwerdung gehen, den Gott selbst gegangen ist. Diese halten sich an den Geist Gottes, von dem die Verheißungen des Jesaja voll sind und trauen den Verheißungen Jesu, die jedes Leben prägen. An dieser Stelle kommen Form und Inhalt gläubigen Lebens zusammen. Die größte Kraft der Bildung besteht darin, durch Wissen und Erfahrung Menschen zu prägen, die ihr Leben unter die Verheißung Gottes stellen, da sie davon überzeugt sind: Gott enttäuscht uns nie. Er erfüllt, was er verspricht. Wer so lebt, der ist als Christ ein wahrhaft gebildeter Mensch. Amen.

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  1. undefinedOverbeck über die Friedensschule: "Bestens bewährt"

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