Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn anlässlich des 500-jährigen Bestehens der Pfarrgemeinde St. Reinhildis Hörstel-Dreierwalde
Hörstel-Dreierwalde. Am Sonntag (20.09.2009) feierte die Pfarrgemeinde St. Reinhildis in Hörstel-Dreierwalde das 500-jährige Bestehen der St.-Anna-Kirche. Bischof Felix Genn feierte mit den Gläubigen einen Festgottesdienst, in dem er auch predigte. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Mitbrüder im Priesterlichen- und Diakonenamt, liebe Mädchen und Jungen, liebe Kinder, im Zugehen auf die Feier mit Ihnen an diesem Sonntagmorgen sind mir zwei Dinge durch die Gespräche und Vorbereitung, die ich erfahren habe, aufgegangen. Ich nehme sie wie ein Symbol mit in diese Stunde. Das eine haben wir eben gesehen, die Kerze. Diese Kerze, die ich eingangs gesegnet habe, soll ein kleines Sinnbild sein für die zurückliegende Geschichte des Glaubens hier bei Ihnen in Dreierwalde und in der Umgebung und ein Signal für die Zukunft.
Über 500 Jahre ist das Licht des Glaubens hier nicht ausgegangen, liebe Schwestern und Brüder. Kerzen können abbrennen, Kerzen vergehen, aber das Licht, von dem die Kerze spricht, ist das Licht, das wir in der Taufe empfangen haben. Sie erinnern sich als Eltern, dass Ihnen nach der Taufe Ihrer Kinder die Kerze überreicht wurde als Zeichen für dieses Glaubenslicht. Wenn Sie diese Kerze von mir segnen lassen und sie in dieser Stunde entzünden, liebe Schwestern und Brüder, dann möchten Sie zum Ausdruck bringen: Auch weiterhin soll das Licht des Glaubens in Dreierwalde nicht erlöschen, sondern weiter getragen werden von Generation zu Generation. Das ist der Grund, liebe Kinder, warum ich Euch gleich eingangs schon angesprochen habe, denn viel hängt davon ab, ob Ihr das aufgreift, was Eure Eltern, Eure Familien Euch an Glauben weitergeben.
Das zweite Symbol, mir unmittelbar einleuchtend, das ich hierher mitgebracht habe ist: Die Vorbereitungsgruppe dieses Gottesdienstes hat sich auseinandergesetzt mit einem Text aus dem Neuen Testament, aus dem ersten Petrusbrief genauer gesagt. Dort heißt es: "Dass wir uns als lebendige Steine auferbauen lassen sollen zu einem lebendigen Haus Gottes" (vgl. 1 Petr 2,5). Dass das Licht des Glaubens nicht ausgeht, hängt nicht an äußeren Gebäuden, hängt nicht an Strukturen, sondern an Menschen, die wie lebendige Steine sind, die zusammen das Haus der Kirche bauen und so ein Leuchtturm sind für die Menschen unserer Tage und für die Zukunft.
Liebe Schwestern und Brüder, wie kann das geschehen, lebendige Steine zu sein? Dafür zu sorgen, dass das Licht des Glaubens weiter getragen wird? Dazu hilft mir, und ich möchte Sie auf diesem Weg mitnehmen, der Blick in das, was die Kirche an diesem Sonntag uns aus dem reichen Schatz der hl. Schrift öffnet. Ich greife drei Dinge heraus:
Wir haben eben teilgenommen an dem Weg Jesu, den er mit seinen Jüngern durch Galiläa geht. Er möchte Ihnen gewissermaßen reinen Wein einschenken, indem er davon spricht, wie es mit ihm zugehen wird. Ich könnte es auch noch anders ausdrücken. Er möchte Sie teilnehmen lassen an einer inneren Not, die ihn bewegt: Dass der Weg der Sendung, den er zu gehen hat und für die er auf die Erde gekommen ist, nicht an Leiden und Tod vorbei, sondern genau dort hindurch geht. Liebe Schwestern und Brüder, zu glauben, dass der Gekreuzigte, der Erlöser der Welt ist, dass dieser Jesus von Nazareth von den Milliarden von Menschen, die die Erde gekannt hat und kennt und kennen wird, der Punkt ist, an dem sich alles entscheidet. Und dann noch ein Gekreuzigter, das ist unsere Herausforderung des Glaubens!
Zwischenbemerkung: Liebe Schwestern und Brüder, wir sind Menschen, die von der Werbung leben. Kann man mit einem Gekreuzigten Werbung machen? Schauen Sie sich die Bilder an. Es sind gesunde, fitte Menschen mit schönen Gesichtern, die für irgendein Produkt werben, so klein es auch sein kann. Man sagt, das zieht besser. Können Sie verstehen, warum Menschen nicht unmittelbar darauf springen, wenn sie hören, der Gekreuzigte ist der Erlöser der Welt? Das könnte man sich doch auch anders ausdenken!
Dass das Christentum nicht unmittelbar wirbt, gerade in einer Gesellschaft, in der es so viele Angebote gibt, ist völlig verständlich. Aber dafür stehen die Christen, dafür steht das Licht der Taufe, zu glauben, der Erlöser, das ist der, der auch durch Leid und Tod hindurchgegangen ist. Kann ich das für mich und mein Leben annehmen? Das ist die Frage. Daran entscheidet sich alles, was die Zukunft des Glaubens angeht, auch, ob Sie, liebe Eltern und Großeltern, Ihren Kindern dieses Glaubenslicht weitergeben. Jesus greift zurück auf die Erfahrung, die wir eben im Weisheitsbuch des Alten Testamentes gehört haben. Wo Menschen sich zusammentun und sagen: Dieser da, der so gerecht und gut ist, dem werden wir den Garaus machen. Und dann wollen wir einmal sehen, ob Gott ihn rettet. Der ist für uns wie ein lebendiger Vorwurf, weil er wirklich gut ist, und deswegen soll er ausgemerzt werden (vgl. Lesung aus Weih 2).
Kennen Sie, liebe Schwestern und Brüder, nicht ähnliche Erfahrungen, dass das Böse genau sich gegen den wendet, der in besonderer Weise gut ist? Wie gehen wir mit dem Bösen um? Er nimmt es auf sich. Ich kann Ihnen die Entscheidung, dazu Ja zu sagen, nicht abnehmen. Aber es ist der Punkt für die Zukunft. Ich glaube an den Gekreuzigten: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst. Wenn wir uns damit schwer tun, sind wir eigentlich in einer interessanten Gesellschaft, denn der Text unseres Evangeliums heute berichtet davon, dass die Jünger davon nichts verstehen. Im Gegenteil! Welche Einsamkeit muss das für Jesus gewesen sein! Sie unterhalten sich, wer der Größte ist. Wir würden sagen: Wer ist hier der King? Wer ist hier spitze? Das ist doch dauernd unser Streben und Bemühen, der Größte zu sein, etwas zu gelten, und Er spricht von der Erniedrigung des Leidens.
Liebe Schwestern und Brüder, konkret wird Glaubensentscheidung, von dem ich eben sprach, genau an diesem zweiten Punkt. Wie verhalten sich Christen? Die Gemeinde, an die der Jakobusbrief, aus dem wir heute einen Abschnitt gehört haben, geschrieben wurde, ist vielleicht durchaus modern. Da gibt es so viele Streitereien unter euch, sagt der Verfasser dieser Gemeinde. Wo Eifersucht und Ehrgeiz herrschen, da geht es gegeneinander. Wo man der Größte sein will, da herrscht die Leidenschaft des Ellbogens sich durchzusetzen. Das aber, so sagt der Verfasser, ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, von Gott her, die heilig ist, friedlich, voll Erbarmen, die Frieden stiftet und deshalb die Saat der Gerechtigkeit aussäen lässt. Wie ist das in unseren Gemeinden? Es ist ein immer wieder neuer Anweg, aus dieser Spur herauszukommen, die schon Jesus leidvoll bei seinen Jüngern erfahren musste. Es sind nicht die Gegner, die gegen ihn angehen, sondern die eigene Truppe, die damit nicht zurecht kommt, dass er sich so erniedrigt. Dienen wir einander? Sind wir eine Gemeinde der Zerrissenheit?
Liebe Schwestern und Brüder, für mich als Bischof ist es schon bedrückend, immer wieder zu erleben, dass ich bei all den Schwierigkeiten der Umstrukturierungen feststellen muss: Jede Gemeinde steht in der Gefahr, sich von der anderen abzuschotten. Dabei sind es doch alle Katholiken und Christen, Getaufte, Lichtträger, lebendige Steine. Wie ist das? Die Menschen werden das Zeugnis unseres Glaubens daran erkennen, ob wir einander in Liebe dienen.
Und da bin ich schon beim Dritten: Jesus nimmt als Zeichen das Kind in die Mitte und sagt: Wer ein solches Kind aufnimmt, nimmt mich auf (vgl. Mk 9,37). Was will er damit sagen? Das Christ-Sein entscheidet sich am Umgang mit den Kleinen und Schwachen, mit den Ärmsten der Armen. Gibt es die in Dreierwalde, in Hörstel, in Riesenbeck? Gibt es vielleicht verschämte Armut und Not, die wir nicht sehen, die wir nicht erkennen und entdecken? Mich bewegt es sehr zu sehen, dass in unserem Land Kinder und Jugendliche massiv Gewalt ausüben und dass das nicht irgendwo im Osten in Erfurt stehen bleibt, sondern dass es zu uns kommt. Welche innere Not ist in den Herzen solcher Kinder und Jugendliche, dass sie ihre Aggression so ausdrücken müssen, wie es wieder in den letzten Tagen geschehen ist? Spüren wir die Not dieser Jugendlichen und greifen wir sie auf, damit sie sich nicht in Gewalt umsetzt, sondern damit sie erfahren: Hier sind welche, die wissen, was mir im Herzen fehlt. Da zeigt sich, ob wir dem Gekreuzigten glauben, wenn wir gerade den aufnehmen, der uns nichts zurückzahlen kann, von dem wir nichts erwarten können, der Arme, der Erniedrigte, der Kleine. Wer einen solchen aufnimmt, nimmt mich auf, sagt Jesus. Da zeigt sich die Wahrheit des Glaubens. Christentum ist nicht eine Idee, sondern konkrete Tat. Ich möchte nicht wissen, wie viel Angst, inneres Leid und Not in unserer Gesellschaft herrscht. Man könnte es fast nicht aushalten. Aber ich möchte gerne wissen, wie viel hier in Dreierwalde in den 500 Jahren und darüber hinaus an innerem Zeugnis gelebt wurde, dass wir weiterhin hier christliche Gemeinde sein können. Dafür danken wir an diesem Tag. Es ist uns Ermutigung weiterzumachen.
Ich habe am Anfang von der Kerze und von den lebendigen Steinen gesprochen. Ich hatte noch ein Bild im Herzen. Dieses Bild sehe ich täglich, wenn ich in den ersten Stock des Bischofshauses gehe. Dort sehe ich das Bild der Mutter Anna, Ihrer Patronin. Sie sitzt dort und erklärt ihrer Tochter Maria die Schrift. Heute sind es vielleicht die Großeltern, die den Enkeln den Glauben weitergeben, nicht, weil die Eltern es nicht mehr können, sondern auch, weil gar nicht die Zeit dafür da ist oder weil in der Elterngeneration vieles auch skeptischer gesehen wird. Liebe Großeltern, Sie sind nicht abgeschrieben, sondern geben Sie den Glauben weiter. Ich war zwei Jahre Regens in einem Priesterseminar, in dem Kandidaten ausgebildet werden, die kein Abitur haben, aber die mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung als Metzger oder Bürokräfte oder was auch immer, den Weg zum Priestertum gehen können. Wenn ich sie fragte: "Was hat Sie denn auf einmal noch auf die Idee gebracht, Ihren Beruf aufzugeben, um Priester zu werden?" Dann habe ich oft die Antwort erhalten: "Es war der Glaube meiner Großmutter." Warum soll das hier in Dreierwalde nicht auch gelten?
Aber auch Sie als Eltern können das, Ihre Kinder zum Wort der Schrift führen. Wie macht man das konkret? Indem man Sonntag für Sonntag aus dem Gottesdienst sich ein Wort mitnimmt, aus der Predigt, aus der Liturgie oder aus der Schrift und mit diesem Wort die ganze Woche über umgeht. Es sozusagen wiederkäut und damit lebt und fragt: Welche Kraft steckt darin, und wie kann ich damit meinen Alltag gestalten? Dann wird das Glaubenslicht nicht ausgehen. Dann werden Sie als Eltern den Kindern auf die Frage antworten können: Warum glaubst du denn? Tut das, liebe Mädchen und Jungen, fragt die Erwachsenen, warum sie glauben. Warum im Christentum so viel steckt, dass man davon ausgehen darf, auch im Jahr 2509 können wir hier den Glauben feiern, wenn wir uns um diese Mitte des Wortes versammeln und aus diesem Wort den Glauben stärken, dass der Gekreuzigte, der Entscheidende ist, dass es auf den Frieden ankommt und den Dienst an den Armen. Dann sind wir lebendige Steine. Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
20.09.2009
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