Dokumentiert:
Predigt von Diözesan-Administrator Overbeck zum 1200.Todestags des heiligen Liudger
Billerbeck. Am Donnerstag (26.03.2009) war der 1200. Jahrestag des Todes des heiligen Liudger. Aus diesem Anlass feierte Weihbischof Franz-Josef Overbeck ein Pontifikalamt am Sterbeort des ersten münsterschen Bischofs in Billerbeck. Kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.
Verehrte Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt, verehrte Mitglieder des Hohen Domkapitels zu Münster, liebe Schwestern und Brüder! Das Festevangelium von heute stammt aus dem vierten Kapitel des Evangelisten Lukas, jenes großen Evangelisten, der die Armen selig preist und Gott groß sein lässt (vgl. Magnificat/Lk 1,46 ff.). Ganz von diesem Geist ist der heutige Evangelientext durchdrungen, der uns das erste öffentliche Wort Jesu, wie es bei Lukas aufgeschrieben ist, bezeugt: "Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht. Damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe" (Lk 4,17-18).
Jesus zitiert bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in der Synagoge von Nazaret das 61. Kapitel des Propheten Jesaja. Darin wird die künftige Herrlichkeit Zions beschrieben und die frohe Botschaft des Gesalbten Jahwes. Es geht um die Wallfahrt aller Völker nach Jerusalem. Alle Menschen haben ein Ziel, nämlich das Licht, das von Gott kommt. Es geht um das Wirken Gottes, darum, dass, wie Jesaja sagt, meine Seele über Gott jubeln möge, "denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit, wie ein Bräutigam sich festlich schmückt und wie eine Braut ihr Geschmeide anlegt. Denn wie die Erde die Saat wachsen lässt und der Garten die Pflanzen hervorbringt, so bringt Gott der Herr Gerechtigkeit hervor und Ruhm vor allen Völkern" (Jes 61,10-11).
Einen solchen Geist atmet das erste Auftreten Jesu in Nazaret, das der Evangelist Lukas programatisch an den Anfang von Jesu Wirken selbst stellt. Es ist nämlich für Jesus und seine Verkündigung deutlich, dass sich dieses Schriftwort in Ihm erfüllt. Er ist derjenige, der allen Armen das Evangelium bringt. Er ist derjenige, der die Fülle des Lebens zu den Menschen trägt (vgl. Lk 4,21).
Dieses Heute des Evangeliums, das Jesus selbst den Armen das Evangelium verkündet, gilt nicht nur für die Zeit Jesu, es gilt für uns. In der Kraft seines Geistes leben wir im Heute Jesu. Und so spricht das Evangelium heute zu uns, dass Jesus, in dem Gott auf uns zu kommt, allen Armen das Evangelium bringen will. Die Armen sind nach Lukas nicht nur die materiell Armen, sondern auch all die, die Gottes bedürftig sind, die nach Wegen zur Fülle des Lebens und nach Wegen zum Heil suchen. Es sind die Menschen, die gefangen sind in den Ketten ihrer eigenen Grenzen und in der Armut ihrer eigenen Sünde und Schuld, die sich vom Evangelium erlösen lassen mögen. Ihnen gilt das Heute des Evangeliums.
Das Heute Jesu gilt uns allen, unserer Armut durch das Evangelium, das heißt durch Jesus Christus, in dem Gott auf uns zu kommt, aufzuhelfen. Die Programatik der ersten Rede und des ersten Wortes Jesu im Lukasevangeliums trifft in unser Leben. Wo sind wir selbst arm und wo ist unsere Zeit arm ist, bedarf sie des Evangeliums, damit das Heute Jesu immer wieder lebendig wird.
An der Lebensgeschichte des Heiligen Liudger, des ersten Bischofs unseres Bistums, können wir nun Maß nehmen, um den Bezug zu unserem konkreten "Heute" herzustellen. Er selbst ist im niederländischen Friesland, in einem christlichen Elternhaus, geboren und in der Utrechter Stiftsschule bei Abt Gregor von Utrecht und dann im englischen York beim Gelehrten Alkuin geistlich und weltlich gebildet, 777 wurde er Priester und absolvierte schwierige Lehrjahre als Missionar im westfriesichen Ostergau in den Fußstapfen des Heiligen Bonifatius.
Liudger reiste dann nach Rom zu Papst Hadrian I. und nach Montecassino, um im Geiste des Heiligen Benedikt Anregungen für seine Klostergründungen zu empfangen. Er missionierte in den weiten Gebieten von Helgoland bis Werden an der Ruhr, wo er 799 ein Benediktinerkloster gründete, das für das östliche Sachsenland von großer Bedeutung wurde.
An der Kreuzung der Heerstraße von Köln mit der nach Friesland hat er um 793 eine Kirche und eine Wohnung für seine Mitbrüder, ein "Monasterium" gegründet, aus welchem unsere Stadt Münster mit unserer Bischofskirche und dem Domstift erwuchs. Am 30. März 805 durch Erzbischof Hildebald von Köln zum Bischof geweiht, hat er in unserer Heimat missioniert. Hier an diesem Ort starb er heute vor genau 1.200 Jahren.
Einige Punkte aus seinem bewegten Leben möchte ich herausgreifen, damit auf diesem Horizont deutlich wird, was es bedeuten kann, im Sinne des Heiligen Liudger das Heute des Evangeliums zu leben und den Armen das Evangelium zu bringen.
Ein erstes besteht in der Aufmerksamkeit des Heiligen Liudger für seine Vorfahren und geistlichen Väter. Er hat ihnen, seinen Freunden und Lehrern, immer eine tiefe Verehrung entgegen gebracht, vor allen Dingen seinem Lehrer Gregor von Utrecht und dem Heiligen Bonifatius. Hinzu kam seine Orientierung am Ursprung des Christentums, am Leben der Apostel. Seine Pilgerfahrt nach Rom zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus zeigt diese Lebensorientierung von ihrem Ursprung her.
Die Geisteshaltung des Heiligen Liudger, die daraus spricht, bedeutet auch für uns, dass wir das Evangelium selbst und seine Botschaft, zu den Armen zu gehen, nur dann recht verstehen können, wenn wir uns unserer Tradition zuwenden, sie kennen und von innen annehmen.
Bonifatius als Missionar, Gregor von Utrecht als großer geistlicher Lehrer, Petrus und Paulus als radikale Zeugen und Apostel Jesu rühren an eine Radikalität der Ernstnahme des Evangeliums, die für uns Maßstab bleibt. Das Heute des Evangeliums braucht Menschen von Radikalität, das heißt Menschen mit Wurzelgrund in der Traditio. Zu den großen Herausforderungen unserer Zeit gehört es, ein Geschichtsbewusstsein zu entwickeln, dass sich nicht nur dem verflüchtigenden Jetzt und dem unbestimmt bleibenden Zukünftigen zuwendet, sondern den Mut hat, tief zu gründen und Wurzeln zu schlagen in der Zeugengeschichte des Christentums und unserer Kirche. Davon ist Liudger Zeuge. Davon sind alle die Zeugen unter uns, die sich im christlichen Glauben bewähren.
Für die Vielen unter uns bleibt es die Frage, wie sehr wir immer wieder fähig und bereit sind, uns mit unserer Geschichte und Tradition zu verbinden, sie zu ergründen und von daher verwurzelte Menschen zu sein. Zur Armut unserer Zeit gehört die Wurzellosigkeit vieler hinsichtlich ihrer Geschichte. Das Heute des Evangeliums ist dort lebendig, wo wir uns mit unserer Tradition und Geschichte verbinden.
Ein weiteres betrifft die Bildungsanstregungen des Heiligen Liudger, der nicht nur zum Papst und den Gräbern der Apostel nach Rom wallfahrtete, sondern die Tradition des Mönchtums zutiefst kennen lernte und in Montecassino die Regel des Heiligen Benedikts studierte.
Sie gehört zu den geistlichen und kulturellen Gründungsdaten Europas, unseres Landes und unserer heimischen wie heimatlichen Kultur. In ihr geht es um das Hören. Es ist ein Hören auf Gott, für das sich der Mensch bereitet. In ihr geht es um Gastfreundschaft, in der der Gläubige den Ankommenden mit ihren Nöten Raum gewährt. In ihr geht es um ein vertieftes Leben der Demut, das sich in Hingabe immer mehr von Gott her versteht. Bildung, wie sie der Heilige Liudger lebte und erfuhr, hat nicht nur mit kognitivem Wissen, sondern mit der Erfahrung des Geistlichen zu tun, die Herzensbildung und Verstandesbildung zusammenbringt.
Auch hier finden wir viel Armut in unseren Zeiten, der immer wieder aufgeholfen werden muss, damit das Heute des Evangeliums lebendig werden kann. Es braucht Menschen, die hören wollen wie Benedikt und sich dabei für Gottes Wege öffnen. Es braucht Menschen der selbstverständlichen Gastfreundschaft für die Fremden. Gott sei Dank gibt es unzählige davon. Es braucht Menschen, die die Wege der Demut und Hingabe gehen im Kleinen des Alltags, im Einander mit vielen Menschen, erst recht im Weg zu Gott. Den Armen das Evangelium zu bringen, damit das Heute Jesu gelebt wird, zeigt sich an dieser Stelle auf eindrückliche und niemanden von uns ruhig lassende Weise. Nicht nur die schlimmen Ereignisse des Amoklaufes in Winnenden in der vorletzten Woche haben uns gezeigt, wozu ein Mensch fähig ist, der, aus welchem Grund auch immer, auf Gewalt setzt und Leben auslöscht. Ein Grund für solche Haltungen liegt oft in großer Armut, nämlich im Mangel an geistlicher Bildung, an Herzensbildung und an Verstandesbildung, die zusammen kommen, zugleich wohl auch an der Erfahrung vom Mitgetragen sein durch viele.
Ohne die missionsstrategische Tätigkeit des Heiligen Liudger, seinen Mut, Klöster zu gründen und Kirchen zu bauen wie klösterliche Gemeinschaften und mitbrüderliches Leben zu befördern, wäre die Kirche in unserer Heimat vor 1.200 Jahren nicht eingewurzelt.
Wir erleben heute, dass sich die Sozialgestalt der Kirche sehr ändert. Unser neuer Bischof Felix, der bisher das Bistum Essen geleitet hat, kann aus diesem Bistum vieles berichten, was nicht einem Mangel an Geld und Strukturen geschuldet ist, sondern von einer radikalen Umorientierung im alltäglichen Glauben und vom Glauben durchdrungenen Leben vieler zeugt.
Zu den Missionsstrategien heute muss die Bereitschaft zur Sammlung derer gehören, die glauben, damit sie selbst reich werden - durch die Erfahrung des Glaubens anderer, durch das gemeinsame Gehen des selben Weges mit und in der Kirche und durch die Solidarität in den Nöten wie vor allen Dingen im gemeinsamen Gebet. Hier zeigt sich, dass unsere Zeit arm ist. Wir sind aber reich dadurch, dass Gott uns zutraut, neue Wege zu gehen, vielmehr, sie erst zu finden. Auch dies gehört zur Logik des Evangeliums und seiner Einwurzelung ins Heute. Jesus selbst macht unsere Armut reich, indem er uns zutraut, in der Kraft des Heiligen Geistes die Sammlung der Gläubigen in der einen Kirche neu zu leben und ihr neue Gestalt zu geben. Den Herausforderungen sind in unseren Tagen keine Grenzen gesetzt. Ermutigt werden wir dadurch, dass viele Christen als Betende und als von der Missionsfähigkeit und Notwendigkeit des Glaubens und der Kirche Überzeugte leben.
Das Lukasevangelium fasst die Programatik der Botschaft Jesu in drei kurze Worte: Den Armen heute das Evangelium zu verkünden. Es geht um die "Armen"; es geht um das "Evangelium"; es geht um "Heute". Was für Liudger vor 1.200 Jahren galt, gilt heute für uns.
Der Heilige hat als Seelsorger bei den Gläubigen großen Eindruck gemacht. Nur so ist zu erklären, dass er schon bald nach seinem Tod als Heiliger verehrt wurde. An seinem Sterbeort heute hier in Billerbeck können wir uns auf ihn als Fürsprecher verlassen: Für unseren neuen Bischof Felix, für unser Bistum und alle Gläubigen, für das Bistum Essen, wo in Werden seine Grablege liegt, und für die vielen, die sich der Dynamik des Evangeliums anschließen, weil Gott es in ihnen wirkt. Schließlich für die vielen, die sich selbst als Arme wissen und beschenkt werden wollen durch Gott, um zugleich der Armut anderer aufzuhelfen und für all die vielen, die das Heute des Evangeliums leben.
In der Krypta von Essen-Werden erblicken wir seit 1984 ein Bronzesarkophag im Licht vieler Kerzen schimmernd, hinter einem ebenfalls in Bronze gegossenen Gitterportal, dessen Stäbe und Rahmung ein bestimmtes Muster erkennen lassen. Von reichem, paradiesisch zu verstehenden Blattwerk eingefasst und durch vielfältiges Kleingetier bereichert, deutet die Grablege des Heiligen Liudger auf die göttliche Schöpfung hin, deren Ziel im Himmel der Heilige Liudger selbst erlangt hat und auf das wir zugehen. Dort erst wird es für alle Armen, denen das Evangelium verkündet wurde und wird – allen Generationen vor uns, und und den zukünftigen – das einzige Heute geben, das kein Ende kennt: Jesus Christus in reiner Gegenwart. Amen.
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Text: Diözesan-Administrator Franz-Josef Overbeck
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