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11.02.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn zum Jahresabschluss der Stadt Münster

Münster. Am Silvestertag (31.12.2009) feierte Bischof Felix Genn in der münsterschen Stadtkirche St. Lamberti einen Gottesdienst im Dankamt zum Jahresabschluss der Stadt Münster. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und Diakonen-Amt, verehrter Herr Oberbürgermeister, verehrte Mitglieder des Rates und der Verwaltung unserer Stadt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, in den Tagen, in denen sich das Jahr dem Ende zuneigt, halten wir Rückblick. Wir erleben es in der Presse, wir nehmen Kenntnis von dem, was uns das Fernsehen bietet, und wir selber werden sicherlich in Gesprächen oder in persönlicher Nachdenklichkeit Rückblick halten auf die zurückliegenden Monate des Jahres 2009. Sie tun es im Blick auf Ihre Arbeit im Rat und in der Verwaltung der Stadt und Sie alle auf unterschiedliche Weise, liebe Schwestern und Brüder.

Für mich persönlich ist selbstverständlich dieses Jahr gekennzeichnet durch meinen Dienst, den ich Ende März hier in unserer Stadt und in unserem Bistum, ausgerechnet im Jahr des 1200. Todestages des hl. Liudger, begonnen habe. Liebe Schwestern und Brüder, zu den prägenden Eindrücken der ersten Monate gehört die Verbindung von Kirche, Bistum, auch Bischof, mit dieser Stadt und mit ihren Bürgern und ihrer Geschichte. Auf Schritt und Tritt begegne ich hier den Spuren der Geschichte, die seit über 1200 Jahren diese Region prägt, und sie ist vom Innersten her verwoben mit der Geschichte des Glaubens. Ob das der herzliche Empfang ist, den ich entgegennehmen durfte, ob das die Große Prozession ist, die eine so lange Tradition in unserer Stadt bewahrt, ob das der heutige Dankgottesdienst ist oder demnächst das Kramermahl mit der Kaufmannschaft, der Große Kaland und an so vieles könnte ich erinnern. Es wird deutlich: Wir begegnen hier nicht einfach einer bloß verweltlichten Bürgerschaft, sondern wir sind geprägt, ob wir das wollen oder nicht, von der Geschichte des Glaubens seit den Tagen Liudgers, die hier ihre Spuren gezogen hat. Diese Tradition, liebe Schwestern und Brüder, ist ein Erbe.

Es kann sein, dass es Menschen gibt, die sagen: Dieses Erbe belastet, und es ist Zeit, dass es abgestreift wird, weil es nicht mehr den Fragen unserer Zeit und Gegenwart Stand hält und die angemessenen Antworten geben kann. Aber es ist doch für uns als katholische wie auch als evangelische Christen eine Herausforderung zu schauen, ob in diesem Erbe nicht ein Schatz und eine Kostbarkeit liegt, die nicht einfach bloß mit dem Staub der Jahrhunderte bedeckt ist, sondern eine innere Kraft und Lebendigkeit enthält, die das Heute und Morgen gestalten kann, gerade auch in den schwierigen Fragen und in den komplizierten Zusammenhängen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht eignet uns Christen eine gewisse Schwere an, als ob es mit unserem Glauben doch nicht so weitergehen kann und als ob er seine Zukunftskraft verloren hätte und eben die Geschichte über uns hinweggeht mit ganz anderen Fußstapfen. Ich denke: Wir haben ein kostbares Erbe, und es steht uns Christinnen und Christen an, der Herausforderung ins Gesicht zu schauen und aus unserem Glauben die Gegenwart und die Zukunft zu formen und zu prägen. Natürlich begegnen wir in unserer Stadt auch dem Zeugnis einer christlichen Vergangenheit, die die Wahrheit nicht in Liebe getan hat, in der das Licht Jesu Christi verdunkelt worden ist, weil man nicht in der Spur des Glaubens blieb oder das Eigene so sehr in den Vordergrund gestellt hat, dass man darüber den Ursprung, den Anfang im Leben und Zeugnis Jesu von Nazareth verkannt, übersehen und eigentlich auch zerstört hat. Aber das ist kein Grund, ein demütiges Selbstbewusstsein zu verlieren, sondern erst recht zu sagen: Dieses Licht, das meinem persönlichen Leben so viel Kraft gibt, kann auch in alle Spuren des gesellschaftlichen und politischen Lebens eindringen und die Fragen, die uns gestellt sind, einer menschlich-würdigen und zukunftsträchtigen Antwort entgegenführen.

Liebe Schwestern und Brüder, das kann natürlich in unserer Gesellschaft nicht einfach glatt und schlicht abgehen. Gerade die Enzyklika Papst Benedikt XVI.: "Caritas in veritate" – Die Wahrheit in Liebe -, die wir im vergangenen Jahr lesen konnten, zeigt, wie kompliziert die Fragen sind und wie sehr es einer Anstrengung des Verstandes bedarf, um auf die unterschiedlichen und vielfältigen komplexen Zusammenhänge mit dem zu antworten, was das Christliche in seiner Botschaft bereithält: Dass es die Wahrheit gibt, die in der Liebe ihren Ursprung und ihr Ziel hat. Denn Liebe, liebe Schwestern und Brüder, das Wort, das uns als Christen prägt, ist nicht einfach eine Wirklichkeit, die wir in Einzelteile zerlegen können, so dass wir sie mitunter nur im Bereich des Erotischen ansiedeln oder des caritativen Dienstes verorten, sondern das ist eine umfassende Wirklichkeit, die uns von Kopf bis Fuß im Herz, Sinnen und Verstand durchformen und durchprägen will, und die deshalb eine Kraft hat, von der der Evangelist Johannes im Prolog seines Evangeliums sagt: "Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt" (Joh 1,9). Dahinter steckt dieses Selbstbewusstsein eines Christen, der davon überzeugt ist, dass das Licht, das Jesus Christus darstellt, jeden Menschen erleuchten kann, jede menschliche Situation zu erhellen vermag und jede Frage aus diesem Licht einer Antwort zuführen kann, die Gegenwart und Zukunft standhält. Natürlich denken Sie auch im zurückliegenden Jahr an den Wahlkampf, an die Auseinandersetzungen in der Politik dieser Stadt, an manche Schmerzen und Verwundungen, die vielleicht auch bis zur Stunde nicht ausgeheilt sind. Aber ich denke, ohne dass sich der Bischof hier in Einzelheiten verlieren darf, dass hier ein Weg gelegt ist, über alles Eigeninteresse hinaus das große Ganze des Menschen, der menschlichen Entwicklung unserer Stadt, im gesamten Kosmos unseres Staates und Europas und der gesamten, uns immer näher rückenden Welt, in den Blick nehmen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, einen besonderen Aspekt greift Papst Benedikt XVI. in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2010 heraus, ein Text, den ich jedem zur Lektüre nahe lege. "Wenn du den Frieden fördern willst", so lautet die Botschaft, "dann bewahre die Schöpfung". Angesichts der Klimakonferenz von Kopenhagen ist das noch einmal ein ganz besonderer Appell. "Wenn du den Frieden fördern willst, dann bewahre die Schöpfung", Papst Benedikt greift auf ein Wort von Papst Johannes Paul II. zurück, dass wir in dieser Situation einer Umweltkrise letzten Endes uns besinnen müssen auf die ethischen Prinzipien und moralischen Wurzeln, die unser menschliches Zusammenleben fördern können, und im Gefolge dieser Aussage spricht Benedikt davon, dass jede Umweltökologie ihren Grund hat in einer wirklichen Humanökologie, also letzten Endes in der Bewahrung des Menschen in seiner unveräußerlichen Würde, die uns gerade durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes in ganz besonderer Weise nahe gebracht wird. Dann kommt es nämlich in der Politik nicht auf das von den eigenen Interessen geleitete Wirken an, sondern von Grundprinzipien, die letztlich aus der Wahrheit kommen, der wir trauen. Ja, es kommt darauf an überhaupt zu trauen, dass es eine Wahrheit gibt, die allen Fragen des Menschen die den Menschen angemessene Antwort zu geben vermag, und die sich nicht auflösen lässt in irgendwelche positivistischen Zusammensetzungen.

Liebe Schwestern und Brüder, deshalb braucht es Frauen und Männer, Bürgerinnen und Bürger, nicht nur im Rat und in der Verwaltung der Stadt, sondern in unserer Zivilgesellschaft, die tief davon überzeugt sind, dass Jesus Christus das Licht ist, das jeden Menschen erleuchtet, und dass es nicht bloß auf einen Konsens ankommt, der in Versuch und Irrtum dann in anderen Zusammenhängen revidiert werden kann, sondern dass unser Leben und unsere Zukunft aus dieser Tradition und dem Erbe des Glaubens gespeist zu werden vermag.

Wenn wir am letzten Tag eines Jahres den Text hören, der uns an den Anfang zurückführt, dann will uns die Kirche den gesamten Kosmos dieser Wahrheit eröffnen. Im Anfang, ganz in den Ursprüngen, da, wo alles begonnen hat, war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott (Joh 1, 1). Das heißt: In unserem Kosmos, in unserer Schöpfung, in unserem menschlichen Leben gibt es eine vernünftige Grammatik, die ich zu lesen vermag und aus der heraus mir die Würde des Menschen und das Licht entgegenleuchtet, mit dem ich die Zusammenhänge so gestalten kann, dass Frieden in der Schöpfung und in der Welt möglich wird.

Natürlich gibt es auch die Verkehrung. Der erste Johannesbrief wusste schon zu seiner Zeit, dass es das Antichristliche gibt, dass diese Wahrheit nicht akzeptiert, ja, dass dieses Antichristliche sogar aus den Kreisen der Christen kommen kann. Aber er setzt darauf, dass der Christ die Wahrheit weiß. Er setzt darauf: Weil ihr, weil wir die Salbung des Geistes empfangen haben (vgl. 1 Joh 2, 20).

Liebe Schwestern und Brüder, trauen wir diesem Geist? Trauen wir, dass dieser Geist uns auch bis in die Einzelheiten der Politik bestimmen kann und dass es nicht auf einen puren Pragmatismus ankommt, mit dem wir hier und da die Dinge irgendwo zu regeln versuchen, sondern dass die Grundlagen allen Handelns und aller Pragmatik stimmen, weil sie aus dem Wort kommen, das am Anfang war, und weil uns dieses Wort durch Gottes Geist überliefert worden ist? Wir brauchen nicht als Christen weder als Bürger noch als verantwortliche Politiker ängstlich zurückzuschrecken und zu sagen: Die Liebe ist für die Politik nichts. Sie ist auch für die Politik, für all unser menschliches Zusammenleben ist sie die Wahrheit, die in ihrer inneren Grammatik aufgeschlüsselt werden kann. Es käme darauf an, immer wieder neu den Versuch zu wagen, und es lohnt sich und ist notwendig, damit auch morgen Menschen gut und angemessen in Würde leben können in unserer Stadt, in unserem Land, in Europa und in der Welt. Amen.

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