Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn am ersten Weihnachtstag 2009
Bistum. Bischof Felix Genn hat am ersten Weihnachtstag (25.12.2009) im münsterschen St.-Paulus-Dom ein Pontifikalamt gefeiert. kirchensite.de dokumentiert die schritliche Fassung seiner Predigt:
Liebe Mitbrüder im Bischöflichen, Priesterlichen und Diakonen-Amt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen und Ihren Familien, auch im Namen von Bischof Reinhard und den Mitbrüdern im Domkapitel, eine gnadenreiche Weihnacht.
Was wünsche ich Ihnen? Was wünschen wir Ihnen damit, liebe Schwestern und Brüder? Eine gnadenreiche Weihnacht - ist das eine Floskel, die etwas frommer klingt als andere Formulierungen? Ich möchte, liebe Schwestern und Brüder, dass Sie alle tief innerlich ergriffen und berührt werden von dieser Botschaft, die am Weihnachtsfest in der ganzen Welt erklingt. Dass das nicht nur die äußere Form bestimmt, in der wir ein paar ruhige Tage miteinander verbringen, sondern dass das Herz davon so voll wird, dass alle Tage des Jahres sich von dieser Botschaft bestimmen lassen.
Unter den Gebeten der Liturgie des Weihnachtsfestes findet sich auch die Bitte: "Lass in unseren Werken widerstrahlen, was durch den Glauben in unseren Herzen lebt". Schöner kann man einen Weihnachtswunsch nicht ausdrücken. Lass in unseren Herzen, in unseren Werken widerstrahlen, was durch den Glauben in unseren Herzen lebt.
Liebe Schwestern und Brüder, in dieser Bitte kommt auch zur Sprache, was ich als Antwort immer wieder und erst recht alle Jahre wieder Journalisten gebe, wenn sie mir, wie kürzlich, die Frage vorlegen: "Herr Bischof, an den Weihnachtstagen sind die Kirchen brechend voll. Was tun Sie, was tut die Kirche, damit das immer geschieht?" Die Antwort kann nur lauten: "Dass in unseren Herzen etwas leuchtet, was in unseren Werken widerstrahlt". Kann ich das machen, liebe Schwestern und Bruder? Was ich Ihnen, was ich uns, was ich von meinem Auftrag her geben kann, ist genau dies: Dass in unserem Herzen die Kraft lebendig bleibt, damit in unseren Werken etwas von dem aufleuchtet, was der Sinn des christlichen Glaubens auch für unser Heute darstellt. Das braucht Nahrung, kontinuierliche Nahrung, Sonntag für Sonntag. Das ist nicht einfach ein Ereignis, an das ich auch einmal denke, so wie wir an viele Ereignisse der Geschichte uns erinnern lassen, durch dieses oder jenes Jubiläum, durch den Druck einer Briefmarke oder was auch immer, sondern: Das will unser Leben ergreifen. Das will hineingehen in die gesamte Wirklichkeit dessen, was unser Leben in Freud und Leid, in Alltag und Feiertag ausmacht. Deshalb ist die Feier der Weihnacht eine ganz besondere Gelegenheit, sich dieser Nahrung noch einmal zu vergewissern, sich davon berühren zu lassen, was Bestand hat im Auf und Ab.
Liebe Schwestern und Brüder, die Lesungen, die in der Messe am Tage Jahr für Jahr Weihnachten vorgetragen werden, wollen eine solche Nahrung sein. Sie wollen dazu beitragen, dass in unseren Herzen etwas zum Licht wird, zum Leuchten kommt, das eine solche Strahlkraft hat, dass es unser Leben bestimmen kann. Diese Texte, liebe Schwestern und Brüdern, sind nicht irgendeine liebevolle Erzählung, vergleichbar mit irgendwelchen Sagen, Märchen und Mythen, sondern sie beschreiben, wie unsere Glaubensschwestern und –brüder schon gleich in den ersten Jahrhunderten um diesen Kern gerungen haben, um den es uns auch heute gehen muss, wenn das Christliche seine Kraft behalten will. Es ist die Erfahrung, einem Menschen begegnet zu sein, Jesus von Nazareth. Es ist die Erfahrung, mit Ihm umgegangen zu sein und zunehmend spüren zu dürfen, was in diesem Menschen steckt. – Übrigens eine Erfahrung, die jeder von uns teilen kann. Je mehr wir mit einem Menschen umgehen, dürfen wir erleben, was in ihm steckt. Das kennt jeder von uns, wie sich zunehmend der Reichtum eines Menschen auftut. Wir kennen es auch aus Enttäuschungen, zu erfahren, was in einem Menschen an Bösem stecken kann, das wir gar nicht vermutet hätten, sodass wir oft sagen: "Wir schauen den Menschen nur bis zur Stirn und das Innere kennen wir nicht". Aber wer kennt schon sein eigenes Geheimnis? Aber hier tut Gott sein Geheimnis aller Welt kund: "Alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes" (Jes 52,10). So bekennt die Kirche mit dem Propheten Jesaja gerade am heutigen Tag. In diesem Jesus von Nazareth wird nicht einer esoterischen Gruppe etwas kund getan, sondern es ist ein öffentlich heiliges Geheimnis, weil Menschen sich mit Ihm auseinandergesetzt haben und sich von Ihm berühren lassen, konnte in ihrem Leben und in ihren Werken widerstrahlen, was sie mit Ihm erfahren hatten.
Sie haben eben gemerkt, wie der Verfasser des Johannes-Evangeliums ganz nüchtern feststellt: "Niemand hat Gott je gesehen" (Joh 1, 18a). Und das ist ja bis zur Stunde eines der Argumente, dass es Ihn deshalb nicht geben könnte! Aber dieser Johannes argumentiert nicht, indem er eine Beweiskette aufstellt, sondern von dem erzählt, was er mit Jesus erlebt und erfahren hat. So kann er den Menschen seiner Generation und darüber hinaus uns allen sagen: Ja, niemand hat Gott je gesehen. Aber dieser Jesus ist der einzige, der am Herzen des Vaters ruht. Er hat Kunde gebracht. Er hat sozusagen den Herzschlag Gottes in diese Welt gebracht. Er hat diesen Herzschlag Gottes in seinen Werken, in seinem Leben, in seinem Leiden und Sterben widerstrahlen lassen. Das, was aus dem innersten Herzen Gottes kommt, was Ihn zutiefst bestimmt und zu einer Lichtfigur der Geschichte werden lässt, das haben sie im konkreten Umgang mit Ihm spüren dürfen. Dabei haben sie erfahren: Sie dringen bis an das innerste Geheimnis der Welt vor: "Im Anfang war das Wort" (Joh 1,1). Die Welt ist nicht Chaos, sondern vernünftige Ordnung, und sie zeigt sich, indem dieses Wort Fleisch wird, sodass alle Menschen und alle Generationen an dieser Gestalt ablesen können, was es um Gott ist, wie Er sich die Schöpfung denkt, und wie Er sie will, und was es um den Menschen ist. All das, was vorher an Ahnungen in der Geschichte von Gott gewesen ist, all das, was vorher von Gott durch die Propheten gesagt wurde, findet hier zur Kulmination, zum Höhepunkt. "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern durch die Propheten gesprochen. In dieser Zeit aber hat Er durch seinen Sohn gesprochen" (Hebr 1, 1-2). Deshalb ist diese Zeit Fülle und Endzeit. Gott hat in Ihm die ganze Kraft, die in Ihm steckt, symbolisch ausgedrückt im Arm, bekannt gemacht, Seinen Arm sozusagen in die Welt hinein gesandt und deutlich gemacht: Nur der, der sich mit diesem Jesus von Nazareth einlässt, hat wirkliche Kraft und Gewalt. Alle anderen Arme, die sich ausstrecken, können ins Verderben führen. Deshalb lädt der Verfasser des Johannes-Evangeliums, der sich übrigens bei diesem Text auf ein Glaubensbekenntnis in Liedform der ersten Christen stützt, ein, Ihn aufzunehmen. Nicht sich in die Reihe derer zu stellen, zu denen er kommt und die sich Ihm verschließen. Das bleibt auch Geheimnis der Geschichte, dass das Licht in die Welt kommt und die Finsternis es nicht ergreift, dass Er in die Welt kommt, die ja sein Eigentum ist. Wem sollte sie sonst gehören? Aber die Seinen nehmen Ihn nicht auf. "Allen aber, die Ihn aufnehmen, gibt er Macht, Kinder Gottes zu werden" (Joh 1, 12), vertrauen zu können, auf Gott wirklich zu setzen, und Ihm beim Wort zu nehmen, aus der inneren Kraft des Glaubens die Welt zu gestalten, in Seinem Sinn, im Sinn des Herzschlags Gottes.
Liebe Schwestern und Brüder, Sie spüren, das ist mehr als all die vielen Sachen, die auf dem Gabentisch liegen und die immer ein Verfallsdatum an sich tragen. Hier ist etwas, was bleiben kann, was aber genährt werden will; und wo kann es besser genährt werden, als da, wo das Wort gehört wird, wo es gefeiert und bekannt und schließlich in tiefer Dichte kommuniziert wird, wo es auch heute in der Eucharistie Fleisch wird. Das ist die Gnade der Weihnacht. Ihn aufzunehmen – das wünsche ich Ihnen: Gnadenreiche Weihnachten! Amen.
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