
- Bischof Genn: "Probieren Sie doch die gute Nachricht aus, dass Gott als erstem die Ehre gebührt, wenn diese Welt Frieden haben will."
Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn in der Mitternachtsmette 2009
Bistum. Bischof Felix Genn hat in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag (25.12.2008) die Christmette im münsterschen St.-Paulus-Dom gefeiert. kirchensite.de dokumentiert schriftliche Fassung seiner Predigt:
Liebe Mitbrüder im Bischöflichen, Priesterlichen und Diakonen-Amt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben! An ein Bild möchte ich Sie erinnern, das Ihnen vielleicht in den letzten Wochen aufgefallen ist: Ein Plakat zeigt eine Frau mit einem Kind in irgendeinem Slum von Haiti. Wäre das Kind ein Säugling, würde uns das Plakat sofort an ein Krippenbild denken lassen. Die Parallele jedenfalls ist deutlich: Bittere äußere Armut, bedrängende Not - damals wie heute. Auf dem Plakat steht zu lesen: "Den Armen eine gute Nachricht bringen."
Klar, so mögen wir denken: Es wäre schön, wenn wir dieser Frau mit ihrem Kind in diesem Slum die gute Nachricht brächten, dass ihr Elend aufgehoben, das drückende Joch der Armut zerbrochen ist, dass sie Menschen erlebt, die sich von ihren irdischen Begierden lossagen und, statt das Geld für sich zusammenzuschachern, es mit anderen teilen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn diese Frau die Nachricht bekäme, es werde ihr besser gehen, und wenn sie das auch im konkreten Alltag erfahren könnte.
Das Plakat mit dieser Aufschrift meint die gute Nachricht dieser Nacht. Wir bringen der Frau die gute Nachricht von dem armen Kind in der Krippe zu Betlehem. Ist das eine gute Nachricht, diese Botschaft der Heiligen Nacht? Die Botschaft von der Geburt des Kindes in Betlehem ist die Mitte dieses weihnachtlichen Geschehens, um das herum sich viele Märkte, viel Brauchtum gelegt haben, ebenso wie wohlige Stimmung, die diese Frau sicherlich entbehren muss.
Das Plakat, von dem ich spreche, wirbt für die Bischöfliche Aktion Adveniat, der an jedem Weihnachtsfest das Gebet wie auch das finanzielle Opfer der Katholiken in Deutschland gelten soll. Als Verantwortlicher für dieses Bischöfliche Hilfswerk bin ich in den zurück liegenden Monaten mit der elenden Situation in Haiti vertraut geworden. Haiti ist das ärmste Land Lateinamerikas, und doch zählt es zum Kontinent der Hoffnung, weil die Kirche in lebendigen Menschen der Armut trotzt. Tief beeindruckt hat mich das Zeugnis einer jungen Brüdergemeinschaft, die unter den Ärmsten der Armen lebt. Als Name haben sie sich für ihre Gemeinschaft gewählt: "Missionaries of the Poor". Das kann übersetzt werden "Missionare der Armen", aber auch – und so deute ich es – "Missionare des Armen". Da sind wir wieder bei dem armen Kind in der Krippe, bei der guten Nachricht, mit der die Aktion Adveniat das Wirken der Kirche in Haiti, in der Karibik, in Mittel- und Lateinamerika unterstützt. Da sind wir wieder bei der Botschaft von Weihnachten, die in sich die Botschaft des Armen ist, die vielleicht deshalb eine solche tiefe Anziehungskraft hat, dass Menschen mehr als sonst die Feier der Liturgie und den Raum unserer Kirchengebäude aufsuchen. Ist es eine gute Nachricht, von einem Kind zu sprechen, das in den ärmsten Verhältnissen geboren und groß geworden ist? Für die Hirten jedenfalls, die auf freiem Feld Nachtwache bei ihrer Herde hielten, war es eine Botschaft, die sie aufgeweckt und aufgetrieben hat, nach diesem Armutszeugnis zu suchen, das der Engel als Zeichen dafür gab, dass der Retter der Welt geboren ist. Für die "Missionaries of the Poor" ist es eine gute Nachricht; denn wegen dieses Armen schenken sie ihr Leben dem Dienst an den Armen. Damit trotzen sie der Armut, geben den Ärmsten eine innere Würde und aktivieren deren Kräfte mitzuhelfen, sich aus diesem Elend zu befreien.
Liebe Schwestern und Brüder, besieht man sich die ganze Sache von Nahem, muss man eigentlich sagen: "Die spinnen, die Christen!" Als ob eine Botschaft, die arme Hirten traf, eine Botschaft ist, die die riesigen Probleme der Welt um das Klima, um die Frage des Terrorismus, die Auseinandersetzung um die Energiegewinnung mit oder ohne Atomkraft, den Zusammenbruch der Geldflüsse und die Krise der Wirtschaft lösen könnte. Wenn man sich schon für die Welt engagiert, dann doch nicht als Missionar dieses armen Kindes, sondern in einem der eben genannten weltlichen Bereiche! Nur: Wir spüren nach dem ganzen Aufwand in Kopenhagen noch einmal mehr, wie schwierig es ist, die Probleme der Welt auf Konferenzen zu lösen, wenn der nationale und wirtschaftliche Egoismus das Handeln bestimmt, das Eigene einem immer noch näher ist als das, was die anderen und die gesamte Welt brauchen. An Weihnachten geht es um das Umgekehrte: Gott setzt darauf, in diesem System etwas ändern zu können – und er macht es nicht, indem er mit dem Schwert kommt, den römischen Kaiser vom Thron stürzt, sondern die Niedrigen erhöht: Maria, Josef, die Hirten auf dem Feld, die Kleinen, ein paar Fischer vom See Genezareth, die Missionare des Armen, dich, mich, uns.
In der Auseinandersetzung mit dem Leben der Kirche in Lateinamerika spüre ich auf der einen Seite: Die Menschen dort sind auch nicht frei von der Versuchung des Materialismus und Egoismus. Auch sie sind gefährdet, kurzsichtigen Antworten, wie sie manche ausbeuterischen Sekten verheißen, nachzugeben. Aber sie sind offen, selbst in der tiefsten Armut, sich auf das Wort einzulassen, das in dieser Stunde damals wie heute erklingt: In diesem Kind von Betlehem ist uns die Gnade Gottes erschienen, die allein alle Menschen retten kann. In diesem Kind zeigt sich, wie viel Gott vom Menschen hält, wie sehr ihm am Menschen liegt, wie er voll Eifer danach strebt, uns los zu lösen von unserer Gier, nur für uns selbst zu schaufeln, damit wir um so mehr Menschen werden, die voll Eifer danach streben, das Gute zu tun.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, vielleicht kommen Sie im Ablauf eines Jahres selten dazu, sich eine Stunde in der Woche Zeit zu nehmen, um diese Botschaft in Ihr Herz dringen zu lassen. Vielleicht spüren Sie auch von Jahr zu Jahr mehr, wie das Leben und die Zeit in unseren Händen zerrinnt und alles so seinen Lauf nimmt, bis man eines Tages stirbt. Sie sind in dieser Nacht hier in den Dom gekommen, und Sie dürfen hier etwas Beständiges erfahren: Die gute Nachricht, dass Gott Ihnen begegnen möchte, genauso, wie er den Hirten auf den Feldern Betlehems bei ihrer Nachtwache begegnet ist. Ich möchte Sie mit der Kirche einladen, Gott zu suchen, den Himmel über sich offen zu halten.
Ja, ich möchte Sie in dieser Nacht gewinnen, liebe Schwestern und Brüder. Ich möchte Sie gewinnen für Gott. Ist das eigentlich etwas Schlimmes? Freilich, ich kann verstehen, dass Menschen nicht so ohne Weiteres und leicht den Glauben teilen können. Wie viele Fragen gibt es! Einfach mit einem einfältigen Herzen zu reagieren, die Zweifel zu unterdrücken, die Fragen nicht anzuschauen, das geht nicht. Es ist geistig höchst spannend, sich in diese Auseinandersetzung zu begeben. Ich möchte Sie dazu anregen: Der Glaube an Gott ist für den leichter verständlich, der um die innere Struktur einer Beziehung weiß. Eine menschliche Beziehung kann von außen her kaum verstanden werden, erschließt sich aber denjenigen, die diese Beziehung leben, ganz von innen her, und ermöglicht es dann auch in einem zweiten Schritt, mit den Kräften des Verstandes das Unverständliche wenigstens annähernd zu beantworten und für andere durchsichtig zu machen. So ist es auch mit der Botschaft dieser Nacht. Sie ist nicht einfach zu schön, um wahr zu sein. Vielmehr ist sie so schön, dass sie dem, der sich in sie hinein begibt, ihre Wahrheit zeigt und von daher kundtut: So ist es gut. Ja, gerade mit dieser Botschaft ist es wirklich gut um den Menschen bestellt.
Ich möchte Sie gewinnen, liebe Schwestern und Brüder, sich in diese Beziehung hinein zu begeben und ihr auch im Laufe des Jahres Zeiten zu gönnen. Probieren Sie doch die gute Nachricht aus, dass Gott als erstem die Ehre gebührt, wenn diese Welt Frieden haben will. Nehmen Sie den Geschmack wahr, den die Worte der Lieder, der Liturgie, der Gebete und der heiligen Texte in dieser Nacht und in dieser Festzeit verbreiten. Dann werden Sie nämlich spüren, dass Gott ein wunderbarer Ratgeber ist, wie es schon der Prophet Jesaja uns in der ersten Lesung verkündet hat (vgl. Jes 9,5). Er ist ein starker Gott. Aber er ist eben stark, weil er auf die Idee kam, einer von uns zu werden. Das ist doch wohl stark! Aber damit bemächtigt er sich unser nicht, zwingt uns nicht, sondern lädt uns ein - und wer sich auf ihn einlässt, erfährt: Die drückenden Joche, die Traghölzer unseres Lebens und die Stöcke der Treiber, Hektik und Stress, Hetzen und Jagen – alles wird zerbrochen, weil dieses Licht mitten in allem Dunkel aufgegangen ist, das Licht eines Armen, der Bruder und Freund ist und starker Gott zugleich. Wer sich ihm überlässt, kann selbst zu einem Zeugen dieses Armen werden - und darauf käme es heute an, weil die Welt nichts mehr braucht als das.
Liebe Schwestern und Brüder, oft drehen wir uns in unseren Diskussionen, wie es mit der Kirche besser werden kann, um uns selbst. Dabei ist es eigentlich ganz schlicht und einfach, sich nämlich aufzumachen und nach Betlehem zu gehen in das Haus des Brotes, wie der Name dieses Ortes übersetzt heißt, also hier in das Haus der Kirche, wo uns, wie in einer Krippe liegend, das Brot des Lebens bereitet ist, uns die Botschaft treffen kann – gesagt nicht von Engeln, sondern von einfachen Menschen: Euch ist der Retter geboren, der Herr. Nehmt ihn auf und das Angesicht der Erde wird erneuert. Das Klima wird menschenfreundlicher, Gewalt und Terror können verschwinden, weil die Liebe um sich greift und wir uns nur darin noch Konkurrenz machen: Voll Eifer danach zu streben, das Gute zu tun (vgl. Tit 2,14) – denn wir sind Gottes Eigentum geworden.
Ich wünsche Ihnen im Namen meiner Mitbrüder im Bischofsamt, besonders meines lieben Vorgängers Bischof Reinhard, und im Namen der Mitbrüder des Domkapitels eine gnadenreiche Weihnacht, weil Sie erfüllt sind von der guten Nachricht: "Christ, der Retter ist da." Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
25.12.2009
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