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11.02.2012
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Predigt von Bischof Genn bei der Beauftragung zum Akolythat von Priesteramtskandidaten in Burg Lantershofen

Burg Lantershofen. Am Sonntag (25.10.2009) wurden Priesteramtskandidaten des Studienhauses St. Lambert in Burg Lantershofen von Bischof Felix Genn zum Akolythat beauftragt. Hierbei predigte Bischof Genn auch. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, liebe Seminaristen, vor allem liebe Mitbrüder, die heute zum Dienst des Akolythen beauftragt werden, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, ich erinnere mich: Es war an einem Samstagabend während meiner Studienzeit im Priesterseminar in Trier, Anfang der 70er Jahre. Wir hatten uns getroffen zum wöchentlichen Gespräch über das Evangelium des morgigen Sonntags. Einer hatte diese Schriftstelle ausgewählt, die wir eben aus dem Evangelium des heiligen Markus gehört haben. Er begründete die Auswahl damit, dieses Wort Jesu: "Hab’ Mut, steht auf, er ruf dich" (Mk 10, 49), dieses Wort sei für ihn eine ganz besonders dichte Form, seinen eigenen Weg zum Priestertum und den späteren Dienst in Worte zu fassen. In der Tat, es ist ein sehr ausdrucksstarkes Wort, das Jesus zu diesem blinden Mann an der Straße in Jericho spricht, ein Mann, der offensichtlich der Gemeinde, für die Markus schreibt, noch bekannt ist; denn er wird mit Namen genannt und sein Vater steht ebenfalls in dieser Reihe.

"Hab Mut, steh auf, er ruft dich." Vielleicht liebe Mitbrüder, die Sie heute beauftragt werden, liebe Seminaristen, können Sie sich in diesem Wort in ganz besonderer Weise auch wiederfinden. Sie erinnern sich möglicherweise an Situationen, in denen Menschen Ihnen gesagt haben: "Hab Mut, steh auf, er ruft dich", und Sie haben den Schritt getan, sich damit auseinanderzusetzen, ob Sie hier in Lantershofen den Weg beginnen. Lassen Sie sich an diesem Morgen von den Menschen um Jesus herum dieses Wort noch einmal neu zusagen: "Hab Mut, steh auf, er ruft dich". Die Jahre, die Sie hier verbringen werden, dienen dazu, diesem Wort noch größere Tiefe und Weite zu geben, zu schauen, was es bedeutet, diesem Wort zu folgen: "Hab Mut, steh auf, der Herr ruft." Es kann sein, dass in der Auseinandersetzung, gerade auch angesichts dieses Wortes, mit den Situationen, denen Sie begegnen, deutlich wird, dass der Ruf des Herrn eine ganz bestimmte Form bekommt, nur nicht die, die Sie sich anfangs gedacht haben. Trotzdem bleibt grundlegend, Mut zu haben, aufzustehen und dem Ruf des Herrn da zu folgen, wohin er auch durch die Stimme der Kirche Sie stellt. Allein die Tatsache, dass wir uns Christen nennen dürfen, ist schon ein ganz intensiver Ausdruck des Rufes Gottes, hineingenommen zu sein in die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen, den wir als das Licht vom Licht im Glaubensbekenntnis immer wieder anrufen.

Es ist möglich, dass dieser Weg ins priesterliche Dienstamt führt, und dazu sind Sie durch den Schritt, den Sie heute Morgen tun, ausdrücklich bereit. Sie möchten in diesem Dienst stehen und den Ruf des Herrn in diesem Dienst zur Gestalt werden lassen, so intensiv, dass dieses Mut-zu-sprechen Jesu seinen tiefen Grund darin hat, weil er sich selber gibt mit Fleisch und Blut, weil er in jede Lebenssituation der Christen hinein den Mut gibt, aufzustehen, weil er mit seinem Fleisch und Blut sich vereinigt mit dem Einzelnen, der Ihn empfängt, weil er in diesem Leib eine Gemeinschaft formt, die wiederum sich nicht anders verstehen kann als den anderen, den vielen Menschen zu sagen: "Hab Mut, steh auf, er ruft auch dich."  Das immer mehr und immer tiefer zu erkennen, dazu dienen Ihnen die Jahre der Ausbildung, was es heißt, diesem Ruf zu folgen, was da drin steckt, wer dahinter steht, dass Er ein Wert ist, den niemand sonst auf der Welt vermitteln kann.

An diesem Punkt entsteht die Frage, die der heutige Sonntag stellt. An ihn feiert die ganze Welt den Weltmissionssonntag. Heute sind wir in besonderer Weise mit diesem Anliegen verbunden, weil im Petersdom in Rom Papst Benedikt die große Afrikasynode abschließt. Der Weltmissionssonntag, an den wir durch Gebet und Kollekte heute denken, ist nämlich eine Herausforderung, weil er uns die Frage vorlegt: "Können wir uns zutrauen, uns zumuten, anderen Menschen zu sagen: 'Hab Mut, steh auf, Christus ruft dich?'" Anders ausgedrückt: Haben wir in Deutschland die Kraft, andere Christen zu gewinnen, weltweit und in unseren eigenen Breiten? Haben wir den Mut, als Priester Menschen zu motivieren, diesem Jesus Folge zu leisten? Sich von Ihm her Mut zusprechen zu lassen, so dass man aufrecht stehen kann mit einer Hoffnung, die unzerstörbar ist? Die Menschen in Jericho zweifeln etwas an dem Ruf des Blinden, der ganz und gar auf Jesus setzt, so dass er seine Bitte zweimal ausspricht.: "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner". Sie drängen diesen Blinden zurück: "Schweig, sei still! Was soll das?" (vgl. Mk 10, 48).

Gibt es nicht vielleicht das Schwächelnde auch in unseren Gemeinden, genauso zu reden? Soll man noch angesichts so vieler Religionen auf diesen Jesus als Sohn Davids setzen und Menschen zusprechen: "Er kann sich deiner, auch deiner Blindheit erbarmen"? Schweigen wir nicht vielleicht manchmal zuviel, dass wir gar nicht mehr andere motivieren können, sondern glauben, jeder solle nach seiner Fasson selig werden? Der Blinde hier im Evangelium ist nicht der Überzeugung. Die Kirche an diesem Sonntag ebenfalls nicht; denn sie setzt auf das Bekenntnis, das sich in dieser Bitte formt: "Jesus, Sohn Davids, du kannst dich unser erbarmen und Blindheit heilen." Dass die Kirche das bekennt, ersehen wir daran, wie sie die anderen Schriftstellen des heutigen Sonntags diesem Evangelium zuordnet.

Die große Verheißung des Propheten Jeremia, die wir in der ersten alttestamentlichen Lesung soeben gehört haben, spricht davon, dass Gott es ist, der Lahme zum Gehen, Blinde zum Sehen, Taube zum Hören bringt, der seinem Volk verheißt: "Bei allem Weinen, wie es daher geht, ich spende Trost. Ich führe Wege, auf denen ihr nicht zu straucheln braucht, weil der Weg klar ist, Orientierung hat und Licht" (vgl. Jer 31). Der Text aus dem Hebräerbrief ordnet diesen Jesus von Nazareth in die große Glaubensgeschichte Israels ein und betont ausdrücklich, dass in diesem Jesus sogar das Dunkel von Leid und Tod zum Licht werden kann. Er ist auch in der Situation Licht für die Welt, so dass der Hebräerbrief Christus als den Hohenpriester aufgrund des Opfers am Kreuz bekennen kann. Er ist Licht für die Welt gerade durch diese Situation des Kreuzes, die für Ihn wahrhaftig dunkel war, in der Er sich selber gar nicht bewusst sein konnte, welche Lichtkraft und Lichtquelle von ihm ausgeht. So kann man rufen: "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner" - denn du bist derjenige, der auch im Dunkel des Todes das Licht Gottes zum Durchbruch bringt, und der deshalb wahrhaftig Hoherpriester des neuen und ewigen Bundes genannt werden kann. Deshalb teilt die Kirche seinen am Kreuz hingegebenen Leib aus als Lichtquelle und Weg des Trostes schlechthin.

Wenn wir von diesem Bekenntnis innerlich durchdrungen sind, dann können wir Menschen sagen: "Hab Mut, steh auf". Da ruft einer, der wirklich Hoffnung verbürgt und der Kraft vermitteln kann. Da ruft einer, der jedem Einzelnen von uns seine Sicht, seine Anschauung von der Welt vermittelt, die viel tiefer reicht, als alle möglichen Philosophien und menschliche Weisheit es bisher getan haben; denn Er spart für sich die Situation von Leid, Tod, Bedrängnis und Not nicht aus. Der Blinde, der Einzelne, wird von Jesus gehört. Das ist erstaunlich. Man kann sich ja das Schnattern der Menge dort um Jesus herum in Jericho durchaus plastisch vorstellen, und da ruft dann irgendeiner nach der Sicht, die nur Jesus vermitteln kann, und Jesus hört in diesem Lärm den Ruf der Armen.

Wie viele Menschen gibt es, die diesen Schrei heute tun? Aber wie viele gibt es auch, die sich mit ihrer engen und kleinen Sicht zufrieden geben, die nicht die große Dimension, einen umfassenden Sinn zu erkennen, für ihr Leben brauchen und die sich damit zufrieden geben. Wir als Christen stehen dafür ein, dass es eine größere Sicht, die Sicht Gottes gibt. Wir als Christen stehen dafür ein, dass Er für uns derjenige ist, dem wir zurufen können: "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich auch meiner." Wollen wir uns von Ihm die Sicht schenken lassen? Dann kann es sein, dass wir Zeitgenossen begegnen, die diese Sicht nicht mit uns teilen und teilen wollen. Denken wir daran, dass Jesus es dem Blinden freistellt, ob er tatsächlich nur einen Schrei getan hat oder wirklich etwas von ihm will; denn Er fragt ihn ausdrücklich: "Was willst Du, dass ich dir tun soll?" - "Herr, ich möchte sehen, ich möchte deine Sicht, den Blick, den du hast und der Tiefendimension hat." Jesus heilt ihn erst dann, als er ihm zutraut: "Du kannst mich heilen". Und er sagt ausdrücklich: "Dein Glaube hat dich gerettet" (vgl. Mk 10, 46-52).  Jesus erträgt es, dass Menschen die Sicht sich von Ihm nicht geben lassen wollen. Aber Er will, dass Menschen, die sich nach Ihm benennen, wir Christen, Ihm auf seinem Weg folgen und dadurch stellvertretend für viele andere in diese Welt eine Sicht bringen, die weiter reicht, eine Sicht bringen, die tiefer nährt, eine Weltanschauung vermitteln, die sogar die Dimensionen von Leid und Tod einbezieht und in diese hinein die Kraft des Lebens und eines Lichtes geben kann, das nur von Gott kommt. Wenn Sie Ihn austeilen, liebe Brüder im Dienst des Akolythen, dann haben Sie das alles schlicht und einfach im Zeichen des Brotes: Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott. Wir können nur sagen: "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner." Amen.

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Text: Bischof Felix Genn
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