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Seite: Aktuelles  >  Predigt Bischof Genn am Ostersonntag
23.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn am Ostersonntag

Bistum. Bischof Felix Genn feierte am Ostersonntag (12.04.2009) die Eucharistie im münsterschen St.-Paulus-Dom, in der er auch predigte. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.

Liebe Mitbrüder im Bischöflichen-, Priesterlichen- und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Wir verkünden euch das Leben. Diesen Satz habe ich mir aus dem 1. Johannesbrief ausgeliehen, als ich meinen Dienst als Bischof begonnen habe. Er hat mich schon begleitet seit meiner Priesterweihe. Der Verfasser dieses Schreibens, einer langen Tradition nach der heilige Apostel und Evangelist Johannes, schreibt dort von einer Erfahrung, die er gemacht hat. Einer leibhaftigen Erfahrung mit einem Wort, das Gestalt geworden ist, und das er sehen, hören und berühren konnte. Er beschreibt dieses Wort als den Inhalt seines Auftrags und seines Lebens. Dieses Wort will er den Menschen weitergeben und verkünden. Es ist das Wort des Lebens.

Ich habe dieses Wort ausgewählt, liebe Schwestern und Brüder, weil zu meinem Leben die Erfahrung gehört: Der Glaube ist auf zwei Beinen zu mir gekommen. Ich vermute, dass ich Ihnen nichts unterstelle, wenn ich behaupte, dass das bei den allermeisten von Ihnen ebenso der Fall gewesen ist. Der Glaube ist nicht vom Himmel gefallen wie ein Regentropfen. Er ist mir auch nicht zugekommen, weil ich mich in etwas hineinversenkt habe, sondern ich habe ihn erfahren dürfen durch lebendige Menschen. Mit diesem Wort bin ich umgegangen. Sie auch? In der Auseinandersetzung mit dem, was der Glaube bekennt und feiert, konnte ich immer tiefer erfahren: Dieses Wort engt mein Leben nicht ein, sondern weitet es. Dieses Wort beschränkt mich nicht. Es schnürt auch nicht meine Vernunft ab, sondern dieses Wort gibt zu denken und führt mich in eine Weite, die alle anderen Worte nicht zu geben vermögen. Je älter ich werde, je mehr ich spüre, dass ich mein Leben nicht verlängern kann, erfahre ich im Umgang mit diesem Wort: Meine Zukunft liegt nicht in dem, was doch vergeht. Meine Hoffnung liegt vorne, in dem, was bleibt. Ich kann mein Leben zwar nicht verlängern, aber vertiefen.

An diesem Osterfest, liebe Schwestern und Brüder, bietet uns die Kirche den Raum an, mit diesem Wort noch tiefer in Kontakt zu treten und es mit meinem und Ihrem Leben ins Gespräch zu bringen. Wir haben eben in den Texten gehört, wie es von Anfang an gewesen ist. Der Glaube kommt auf zwei Beinen zu den Menschen. In großer Nüchternheit berichtet der Apostel Petrus der versammelten Menge im Haus des Cornelius, wie es gewesen ist mit diesem Jesus von Nazareth. Welche Schritte er gegangen ist. Wie sie mit Ihm gehen konnten. Wie sie sich auf den Wegen seines Lebens mit Ihm bewegt haben. Er berichtet von der tiefen umstürzenden Erfahrung, Ihn gesehen zu haben nach seinem Tod. Die Katastrophe, diesen Menschen, dem sie sich anvertraut hatten, sterben zu sehen, konnte nur durch eine unmittelbare Begegnung mit Ihm als dem Lebendigen verwandelt werden. Es war kein     Schaustück für eine große Öffentlichkeit, sondern eine tiefe Erfahrung derer, die ein Herz für Ihn hatten, die einen Sinn für Ihn aufbrachten, denen er das zumuten konnte, so wie er ihnen in seinem irdischen Leben schon manches an Worten und Gesten zugemutet hatte. Diese Erfahrung zu machen, dass der Gekreuzigte lebt, bestätigt den ersten Zeugen, dass Er wahrhaftig selber der Zeuge Gottes ist, derjenige, in dem Gott auf zwei Beinen zu uns kommt, und dass er deshalb für alle Menschen die große Chance ist, die Schwelle des Todes zur Lebensschwelle werden zu lassen. Er ist deshalb auch der Richter aller, der Lebenden und der Toten, und für diejenigen, die sich Ihm glaubend öffnen, die Vergebung der Sünden. Welch ein Anspruch, liebe Schwestern und Brüder, dass dieser gekreuzigte Auferstandene der Richter aller Menschen sein soll! Aber wer den Tod besiegt, hat doch wohl einen Anspruch. Einen Anspruch, der auch mich und Sie ansprechen möchte.

Liebe Schwestern und Brüder, es muss eine umstürzende Erfahrung gewesen sein, die die Jünger gemacht haben, als sie diesen, ihren geliebten Freund mausetot ins Grab legten. Und sie haben das Grab gut verschlossen. Aber das Herz kam nicht nach. Noch einmal will Maria bei Ihm sein. In der Frühe, als es noch dunkel ist, begibt sie sich zum Grab. Sie fragt sich zu Recht, wie man diesen Stein, diesen großen wegwälzen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, wie viel Dunkel gibt es im Leben von Menschen! Vielleicht kommen Sie gerade auch an diesem Osterfest zum Gottesdienst, aus Erlebnissen, die Sie wahrhaftig nicht mit dieser aufbrechenden Natur und der Sonne des Frühlings vergleichen können. Vielleicht ist es tief dunkel in Ihnen oder um Sie durch irgendein schweres Leid, durch eine Bedrängnis, vielleicht auch durch ein tiefes Dunkel, das Sie niemandem anvertrauen können. Möglicherweise kommt sogar hinzu, dass Sie vom Zweifel bedrängt sind, ob das mit dem Glauben denn alles stimmt. Vielleicht machen Sie die Erfahrung, dass die Beine, auf denen der Glaube kommt, hinkend geworden sind, die Knie schlottern. Der Stein, der sich vor dem Grab befindet, kann sehr groß sein! Wer kennt nicht die Erfahrung, am Ende zu sein, keine Perspektive mehr zu haben? Alles ist einem zerronnen, weg, tot. In dieser Situation erfahren die Jünger, dass es in der Frühe ist, wo das Licht aufbricht, und dass gerade da der Stein weggewälzt ist. Das war für die beiden wie für Maria von Magdala ein Erlebnis, mit dem sie nicht umgehen konnten. Was soll das denn jetzt, so fragen sie. Sie schließen sich zusammen - und sie finden ein leeres Grab.

Liebe Schwestern und Brüder, auf zwei Beinen bewegen sie sich dorthin. Der Eine schneller als der Andere. Der eine ist der Jünger, von dem es immer wieder im Evangelium heißt, dass er sich als den ansehen kann, den Jesus liebt. Er spürt in der Kraft dieser Liebe: Hier ist etwas, was mich zum Glauben drängt. Vielleicht brauchen wir in unserer Situation dieses Zusammenlaufen, liebe Schwestern und Brüder. Es ist übrigens die einzige Konkurrenz, die uns Christen möglich ist:  Ein Zusammenlaufen um mehr Glaube, mehr Liebe, mehr Nähe zum Herrn, aber ein Zusammenlaufen, um sich darin zu stärken. An diesem Morgen hier kann auch dieses Zusammensein für uns als Einzelne eine Stärkung sein, noch einmal neu zu verkosten, was ich damals empfangen habe, als der Glaube für mich lichter war, als er jetzt ist. Befreiender, als ich ihn jetzt erlebe. Lassen Sie sich davon mitnehmen! Trauen Sie dem Auferstandenen, der schon einmal ein Grab besiegt hat, dass er auch Ihre und unsere Leere mit seiner lebendigen Kraft neu füllen kann. Trauen Sie Gott zu, der so weit ausholen kann, dass er vor dem Tod, den Er als das absolute Leben verabscheuen muss, keine Berührungsängste hat. Deshalb ist Er zu uns gekommen. Deshalb öffnet Er uns die Perspektive einer Hoffnung, die in der Zukunft liegt und die Gegenwart prägen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, einer, der diesen Glauben in ganz besonders intensiver Weise weitergetragen hat, ist der Patron unseres Bistums, der Apostel Paulus. Je mehr ich mich damit beschäftige, was es für diesen Mann bedeutet haben muss, Christus zu entdecken, umso glaubwürdiger wird er für mich. Er konnte einfach nicht annehmen, dass ein Gekreuzigter der Messias Gottes sein soll. Nun erlebt er diesen Gekreuzigten: Ich bin Jesus, den du verfolgst (Apg 9, 5). Da war für ihn wie in einem Sammelpunkt, in einer totalen Dichte, klar: Alles, was er bisher geglaubt hat, kommt hier zur vollen Entfaltung. Dieser ist das Osterlamm, das Israel immer wieder neu in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten geschlachtet hat. Er ist zum Lamm geworden. Deshalb ist es notwendig, so sagt Paulus dann den Korinthern, das Osterfest   nicht   mit  säuerlichem Teig, sondern in  Lauterkeit und  Wahrheit zu feiern  (vgl. 1 Kor 5, 8).

Liebe Schwestern und Brüder, was kann alles unser Leben versäuern? Was kann unser Leben alles sauer machen? Ist es nicht der ständige Drang, siegen zu müssen? Ist es nicht die dauernde Energie, die ich verschwende, damit ich gut dastehe? Das macht sauer, das brauchen wir nicht. Schafft den alten Sauerteig weg! Der Sieg über das Siegenmüssen ist errungen. Wir können diesem Christus trauen. Auch in der Frühe dieses Tages und wenn das Licht noch so klein schimmert.

Ich möchte Ihnen und uns allen wünschen, dass wir von Innen her stark werden, um auf zwei Beinen zu stehen und Christin und Christ zu sein. Das brauchen wir, dann ergibt sich alles andere, z.B. die gesellschaftspolitischen Folgerungen aus dieser Botschaft von selbst. Aber es kommt darauf an, dass wir von Innen her stark sind. Als ich im Duisburger Norden einmal eine Visitation hatte, in der sehr viele muslimische Schwestern und Brüder leben, da sagte mir eine Christin: "Herr Bischof, ich habe Angst." Auf meine neugierige und durchaus berechtigte Rückfrage, wovor sie denn Angst habe, antwortete sie: "Dass wir von Innen her nicht stark genug sind, um im Dialog und in der Auseinandersetzung Position zu beziehen."

Ostern kann uns stark machen von dem Gott, der schwach geworden ist, weil er im Übermaß seiner Liebe sich ganz verschenken wollte. Sollten wir es nicht wagen, liebe Schwestern und Brüder, Ihm unser Herz zu öffnen? Vielleicht sogar Ihn herauszufordern mit der Bitte: Wenn es Dich gibt, dann zeige mir, dass Du mich stark machen kannst.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, Ihren Familien und allen, die an Ihrer Seite sind, auch im Namen meines verehrten Vorgängers, Bischof Reinhard, der Mitbrüder im Dienst des Bischofs und der Domkapitulare, eine gnadenreiche, stärkende, frohe Osterfeier. Amen.

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  1. Öffnet externen Link in neuem FensterPontifikalamt am Ostersonntag: Der Glaube kommt auf zwei Beinen (12.04.2009)

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12.04.2009

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