Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn in der Karfreitagsliturgie
Bistum. Im münsterschen St.-Paulus-Dom wurde zur Todesstunde Christi die Karfreitagsliturgie (10.04.2009) gefeiert. Dem Gottesdienst stand Bischof Felix Genn vor, der darin auch predigte. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.
Liebe Mitbrüder im Bischöflichen-, Priesterlichen- und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Mit einem Weizenkorn, das in die Erde gelegt wird, hat Jesus sein Leben verglichen. Sie erinnern sich an den Text, den die Kirche für den 5. Sonntag der österlichen Bußzeit ausgewählt hatte. Am Tag meiner Einführung durfte ich diesen Text verkünden. Jesus vergleicht sich mit einem Weizenkorn, das in den Schoß der Erde gelegt wird. Er spricht von seinem Tod in jenem Augenblick, als Menschen nach ihm suchen. Es wird ihm bewusst, dass jetzt die Stunde gekommen ist, die Stunde, in der seine Sendung vollbracht werden muss. Er spürt, dass dieses Leben, das er hier führt, beschränkt ist - auf einen ganz begrenzten Zeitraum und für eine ganz bestimmte Region. Aber dieses sein Leben gilt allen Menschen aller Räume und Zeiten. Deshalb weiß er: Dieses Leben kann nur fruchtbar werden, wenn es sich in die Erde legen lässt, um zu sterben. So wie das beim Weizenkorn der Fall ist.
Heute ist diese Stunde gekommen, liebe Schwestern und Brüder. Als Jesus sie auf sich zukommen sieht, spürt er bereits die Erschütterung. Ausdrücklich spricht er davon: "Meine Seele ist erschüttert" (Joh 12, 27). Wie sollte man nicht erschüttert sein, wenn die Stunde des Todes auf einen zukommt? Deshalb stellt er sich die Frage: "Was soll ich jetzt sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde?" Und er gibt sich sofort die Antwort: "Aber dazu bin ich in diese Stunde gekommen." Deshalb kann er nur ausrufen: "Verherrliche deinen Namen, damit dein Werk, Vater, zu Ende gebracht wird. Dazu bin ich in diese Stunde gekommen." Und er ist sich gewiss, dass der Vater diesen Sohn nicht aus der herrlichen Liebe fallen lässt, in der er ihn immer geborgen hat. Aus diesem Grund kann Jesus auch verkünden: "Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen" (ebd. 31–32).
Das ist die Stunde des Karfreitags. Wir haben sie soeben beim Hören der Passionsgeschichte und seit gestern Abend schon als Seine Stunde durchschritten: die Einsamkeit, in der Jesus steht; die Erschütterung, von den Menschen hinausgeworfen zu werden; die Erschütterung zu sehen, dass er, der ewige Sohn des Vaters, der dazu geboren wurde und in die Welt gekommen ist, um für die Wahrheit Zeugnis zu geben, die in nichts Anderem besteht, als dass Gott diese Welt bis zum Letzen liebt (vgl. Joh 18, 37), nicht erkannt wird; zu erfahren: Das Zeugnis wird nicht angenommen. Man will Ihn nicht. Statt Ihn als den König zu verehren wird Ihm zugerufen, dass er am Kreuz sein Leben enden soll, weil da für ihn der bessere Platz sei.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, dieses Zeugnis haben Menschen in der ganzen Erschütterung miterlebt. Und sie sind bis an den Punkt gekommen, wo er erfahren hat: "Jetzt ist alles vollbracht" (Joh 19, 30). Zugleich durften sie das Zeugnis der Wahrheit Gottes erfahren, dass der Vater ihn wirklich nicht aus seiner Liebe fallen lässt. Es ist das Zeugnis, dass dieser Gekreuzigte lebt und dass sein Geist, den er weggegeben hat, die ganze Welt erfüllen kann. Es ist das Zeugnis, dass die offene Seite voll Blut und Wasser die neue Quelle eines Lebens ist, das dem Tod standhält. In dieses Zeugnis sind wir mitgenommen worden dadurch, dass Menschen uns dieses Zeugnis geschenkt haben, dadurch, dass Menschen uns in diese Gemeinschaft der Zeugen mit hinein genommen haben.
In dieser Stunde wird es uns noch einmal in seiner Dichte und Intensität vorgezeigt. Können wir das fassen, liebe Schwestern und Brüder, dass in diesem Gekreuzigten, in diesem Hinausgeworfenen wirklich unser König, die Wahrheit Gottes der Welt gegenüber gelebt, gelitten hat und gestorben ist?
Es ist ein Zeugnis, das uns übersteigen kann. Wie sollte man das fassen? Es ist fast so ähnlich - aber der Vergleich bleibt schwach - wenn jemand fassen soll, von einem anderen ganz geliebt zu sein. Können wir das fassen? Können wir das begreifen? Wir können es nur aufnehmen und uns schenken lassen und ganz in dieses Zeugnis hineingehen. Das gibt uns die Kirche mit der Liturgie des Karfreitags. Sie nimmt uns mit in dieses Bekenntnis hinein, dass Er wirklich der ist, der für alle Sprachen der Welt, ob lateinisch, griechisch oder hebräisch, das ist, was die Inschrift über dem Kreuz verkündet: "Der König der Juden" (ebd. 19 f.). Dein und mein König.
Deshalb hat die Kirche zurück geblickt auf die Glaubensgeschichte Israels und die Erzählung aufgenommen von diesem anonymen Knecht, der nach dem Zeugnis des Propheten unsere Krankheiten getragen und unsere Schuld auf sich genommen hat, der aber seinen Lohn bei Gott findet und dessen Andenken ewig bleibt. In Jesus sieht das Bekenntnis der Christen diese Verheißung erfüllt, Gestalt geworden, mit Namen versehen. Im Rückblick auf das Ereignis von Karfreitag und Ostern kann ein Prediger aus der Tradition Israels diesen Jesus als den Hohenpriester bezeichnen, der nicht an unseren Schwächen und Fehlern vorbei geht, sondern der wie wir in allem versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat und unter Tränen und Schreien ganz tief den Gehorsam lernen musste, dass nur so Gott sein Werk vollbringen kann. Nur so, d. h. indem Gott sich mit dem Tod abgibt. Der, der das Leben in Fülle ist und der sich eigentlich doch nicht mit dem Gegenteil abzufinden brauchte, gibt sich mit unserem Tod ab! Deshalb ist er unser Erlöser. Deshalb können wir voll Zuversicht hintreten zu diesem Thron der Gnade, zum Thron des Kreuzes, um Erbarmen zu finden und Hilfe zur rechten Zeit.
Liebe Schwestern und Brüder, an vielen Stellen der Glaubensgeschichte blitzt dieses Geheimnis des Kreuzes auf, so wie es ein alter Hymnus der Passionszeit sagt: "fulget Crucis mysterium" – "das Geheimnis des Kreuzes blitzt auf"! Auch an diesem Nachmittag! Und wir können eigentlich nur vor dieser Offenbarung der höchsten Liebe anbetend niederknien. Deshalb ist der Höhepunkt dieser Liturgie die Verehrung des Kreuzes.
In diesen Tagen erschüttert mich immer wieder, was ich aus den Abruzzen höre. Es ist gerade in der Passionszeit und in der Karwoche eine echte Herausforderung. Wie klingt das zusammen mit der Botschaft unseres Glaubens? Da helfen keine oberflächlichen Sprüche irgendwelcher Art. Da kann ich nur glauben, dass Gott auch diese Verwerfungen unserer Erde mit seiner Liebe unterfängt, weil er bis in das Letzte von Einsamkeit und Sterben in Jesus hinein gegangen ist. Das gibt mir das Recht, auch für diese Menschen zu hoffen. Das gibt mir den inneren Drive daran mitzuwirken, dass unsere Welt aus dem Werk Gottes gestaltet wird.
Liebe Schwestern und Brüder, von gestern Abend ist immer noch die Frage des Herrn in meinem Ohr, die er den Jüngern stellt, als er ihnen die Füße gewaschen hat. "Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Euer Meister und Herr" (Joh 13, 12–13). Diese Frage stellt er auch in dieser Stunde, und ich lade Sie ein, dass Sie nachher, wenn Sie am Kreuz vorbei gehen und es verehren, mit Ihrem Herzen Ihre Antwort versuchen, Ihm sagen: "Schenke mir, dass ich es tiefer begreife. Wirke dein Werk in uns, wirke dein Werk in mir, damit ich es dankbar empfange und aus ihm mit Dir und deiner Erlösung die Welt gestalte." Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
10.04.2009
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