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23.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn anlässlich seines Besuchs in Garrel

Oldenburger Land / Garrel. Bischof Felix Genn feierte am Samstag (13.06.2009) bei seiner ersten Begegnung mit den Gremien und Räten aus 64 Pfarreien sowie Abordnungen aller 40 katholischen Verbände des Offizialatsbezirks Oldenburg in der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Garrel einen festlichen Gottesdienst. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Verehrte, liebe Mitbrüder im Bischöflichen-, Priesterlichen- und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe junge Mitchristen, die Ihr heute morgen in so zahlreicher Form bei uns seid und auf diese Weise erleben könnt, wie lebendig Kirche ist, liebe Mädchen und Jungen! Ja, Kirche lebt, weil überall Frauen und Männer in den einzelnen Gemeinden sich dafür ein­setzen, damit Menschen, um das Wort des Pfarrgemeinderatsvorsitzenden aufzugreifen, die Nahrung, die der christliche Glaube darstellt, verkosten können und etwas von der Würze spüren, die das Evangelium beinhaltet. Wir sind deshalb heute morgen zusammengekommen, weil Sie in den Verwaltungsausschüssen, in den Seelsorgeräten, in den Kirchenausschüssen und Pfarrgemeinderäten, in den unterschiedlichen Verbänden, von denen die zahlreichen Banner Zeugnis geben, sich dafür einsetzen. Ohne sie könnte ich meinen Dienst als Bischof, könnten wir als Priester und Diakone unseren Dienst gar nicht tun. Um das darzustellen, um es auch mir zu zeigen, auf was ich mich stützen kann, sind wir hier in der Stunde der Dank­sagung. Bei dem, für den wir das tun wollen und der uns ausgesucht hat, damit wir es für Ihn tun.

Liebe Schwestern und Brüder, in diesen tiefen Dank mischt sich auch die ganz herzliche Bitte, dass wir das gemeinsam in den kommenden Jahren, auch unter veränderten Strukturen tun, dass wir uns dafür einsetzten, dass Menschen Christus entdecken, dass sie finden: In diesem Jesus von Nazareth steckt mehr drin: In meinem Hunger nach Leben gibt Er mir die Antwort.

Neulich habe ich das in einer sehr verfremdenden Weise einmal so gelesen: Der tiefe Hunger nach Leben, so sagte jemand, der in jedem Menschen steckt, ist wie ein angeborener Appetit­macher, der danach verlangt, dass er ein Brot bekommt. Freilich ein Brot, das wir ohne Gott nicht gebacken hätten. Christen haben das in die Welt zu tragen, anderen davon Zeugnis zu geben, wie das schmeckt.

Am heutigen Tag gedenkt die Kirche eines Mannes, der im 13. Jahrhundert so tief von Jesus Christus erfüllt war, dass er aus seiner Heimat Portugal aufbrach, um in die weite Welt zu ziehen und schließlich dann bei seinem Ordensbruder Franz von Assisi ankam, um zu lernen und weiterzugeben, was er gelernt hatte: Jesus den Menschen zu bringen.

Der heilige Antonius von Padua gilt ja für die normale Volksfrömmigkeit als derjenige, den man anruft, wenn man etwas verloren hat. Manche mögen darüber lächeln, manche mögen aber auch einige positive Erfahrungen einbringen; ich kann es auch. Ich finde es nebenbei gesagt gar nicht so schlecht, dass man dann etwas opfert, was für die Armen weitergegeben wird. Aber darauf kommt es mir heute morgen gar nicht an. Mir geht es darum, einmal von dieser Perspektive zu schauen: Könnte er uns nicht helfen, dass Menschen, die Jesus verloren haben, ihn wieder finden? Dass wir ihn darum bitten, nicht dass ich bloß mein Portemonnaie wieder finde oder den Schlüssel, sondern dass Menschen, die Jesus noch nicht entdeckt haben, dass Menschen, die Jesus verloren haben, Ihn finden. Dass er - Antonius - uns mit seiner Für­sprache dabei unterstützt und uns auch ein gutes Beispiel dafür geben kann.

Offensichtlich war sein Leben so erfüllt, dass man sich allerhand Wundergeschichten erzählte, z. B. er habe den Fischen gepredigt, und die hätten ihm zugehört. Ich nehme das als ein Bild, dass man selbst denen, die verstummt sind, das Evangelium aufschlüsseln kann. Gibt es nicht auch solche Menschen in Ihrer Umgebung, die im Glauben verstummt sind? Kennen Sie sie nicht vielleicht? Menschen, die den Glauben verloren haben? Oder die ihn neu finden könnten?

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir doch alle in diesem Sinne Antonius wären: Helfer, Jesus zu finden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass selbst die Stummen aufmerken: Hier kann der Hunger nach Leben gestillt werden. Dazu möchte ich Sie ermutigen, dass wir selber noch einmal auf den Geschmack kommen, was Christus alles enthält, und deshalb bereit werden, anderen diesen Geschmack zu vermitteln, andere davon probieren zu lassen, damit sie nach mehr verlangen.

Wie können wir das? Ganz einfach: Indem wir tagaus tagein ein Stück von dem Brot des Wortes zu uns nehmen. Wenn jeder von uns am Sonntag zur Eucharistiefeier kommt und sich dort ein Wort aus der Predigt oder aus dem Evangelium oder den Lesungen mitnimmt und es die Woche über in seinem Herzen immer wieder neu geradezu wiederkaut. Es ist nicht ein Bild, das ich erfunden habe, sondern das schon die Kirchenväter verwandten, wenn sie sagten, wir sollten "Wiederkäuer des Wortes Gottes" werden. Wir spüren dann, was da drin steckt. Man kann es nicht einfach verschlingen und runterschlucken, sondern es immer wieder auf seine Kraft testen, indem man es im Herzen hervorholt und damit umgeht.

Wenn Menschen das tun und dazu wagen, das mit den anderen zu teilen, dann entsteht eine solche Atmosphäre, dass andere davon angesteckt werden. Vielleicht haben wir manchmal, gerade als Deutsche, eine gewisse Scheu. Wir können über alles reden, aber ganz wenig über unseren Glauben. Vielleicht haben Sie in Ihrem Pfarrgemeinderat oder in den anderen Gremien oder in Ihrem Verband das schon einmal probiert. Da gibt es manchmal regelrechte Lade­hemmungen. Aber tun Sie es doch!

Warum sollen wir uns denn nicht von dem mitteilen, was uns hält und trägt? Von dem Wort, das ich aus dem Sonntagsgottesdienst mitgenommen habe, oder das ich entdeckt habe, weil es mir zufällig über den Weg kam, das ich dann mit anderen breche und teile und daraufhin lese, was es für uns in unseren Gemeinden bedeuten könnte.

Ich mache das einmal an einem Beispiel deutlich. Wir haben eben Texte gehört, da könnte man bis 12:00 Uhr drüber reden. Daran merken Sie, was darin steckt -  und vor allem, dass ich nicht bis 12:00 Uhr reden will. Ich greife mir etwas heraus. Da sagt Paulus: "Wenn jemand in Christus ist, ist er eine neue Schöpfung"  (2 Kor 5, 17).Was heißt das? Wenn jemand mit Jesus in Begegnung kommt, wenn er Ihn sogar aufnimmt mit seinem Wort und Ihn empfängt als Speise und Trank in der Eucharistie, ja, wenn er durch seine Taufe sich bewusst wird, mit wem er hier in Kontakt getreten ist, dann entdeckt er ganz andere  Möglichkeiten. Man spürt, dass Paulus nicht nur von einer eigenen Erfahrung etwas mitteilt, sondern dass das wahr ist. Er hat nämlich mit dem zu tun, der als Gott und Mensch für alle gestorben ist, der also die Mauer des Todes durchbrochen hat. Ja, der die ganze Schuld der Welt auf sich genommen hat und dadurch Vergebung erwirkt, sodass Paulus sogar zu dem wahnsinnigen Satz kommt: "Er, der die Sünde nicht kannte, den hat Gott zur Sünde gemacht, damit wir Gerechtigkeit Gottes werden in Ihm" (2 Kor 5, 21). Das kann man gar nicht auf einmal aufnehmen. Auch nicht bis 12:00 Uhr; man muss wiederkäuen, was in diesem Satz steckt. Dann hat man auch den Schlüssel zu verstehen, was es heißt, neue Schöpfung zu sein.

Christen sind Menschen, die nicht zu hassen brauchen. Christen sind Menschen, die es nicht nötig haben, um ihrer Selbsterhaltung willen Rache zu nehmen. Christen sind Menschen, die vergeben können. Christen sind Menschen, deren Ja ein Ja und deren Nein ein Nein ist. Christen sind Menschen, auf die man sich verlassen kann. Christen sind Menschen, die immer wieder neu sich bemühen, den anderen nicht aus der Perspektive des Verdachts oder des Misstrauens zu lesen, sondern des Vertrauens und Entgegenkommens. Was kann das für eine Atmosphäre schaffen!

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir uns darin zusammenschließen, werden Menschen auf die Spur kommen zu sehen: Da ist nichts Schales, sondern da ist Gewürz. Da ist nichts Fades, da ist Nahrung. Ich möchte das gerne auf meinem Glaubensweg, den ich als Bischof von Münster nun zu gehen habe, mit Ihnen tun. Amen.

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Text: Bischof Felix Genn
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