Dokumentiert:
Predigt von Bischof Felix Genn zur Eröffnung der "Fazenda da Esperanca" im Kloster Mörmter
Xanten. Am Samstag (15.08.2009) wurde im Kloster Mörmter in Xanten die "Fazenda da Esperanca" ("Hof der Hoffnung") eröffnet. Bischof Genn feierte aus diesem Anlass ein Pontifikalamt, in dem er auch predigte. kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Mädchen und Jungen, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, vor einigen Tagen erzählte mir jemand von einem Gespräch, das er im Auto geführt hat. Sie waren auf dem Weg nach Hause und kamen an einem großen Fest vorbei, bei dem viele, viele Menschen versammelt waren. Plötzlich stöhnte der Beifahrer, ein Priester, und sagte: "Was hat eigentlich der liebe Gott mit all den vielen Menschen?" Eine etwas merkwürdige Frage, mögen Sie denken, aber eine berechtigte. Vielleicht mag dem einen oder anderen von Ihnen jetzt die Spekulation kommen: Der Mann hat Recht, als er das in seinem Seufzen sagte; denn wo sollen die Leute alle hin nach dem Tode? Aber darum ging es gar nicht, sondern, wenn man die vielen, vielen Menschen sieht: Was soll der liebe Gott da alles ertragen? An diese Begegnung musste ich denken, als ich auf die Begegnung heute Nachmittag hier mit der Fazenda da Esperanca zuging. Was hat jemand davon, sich mit Menschen zu beschäftigen, die drogenabhängig geworden sind, die süchtig waren? Was hat jemand davon, wenn er sich mit denen beschäftigt, die am Rande der Gesellschaft leben, die vielleicht straffällig geworden sind? Heute Nachmittag, liebe Schwestern und Brüder, durften wir in den Zeugnissen von Menschen erfahren, wie sie wieder auf Wege gekommen sind, die ihnen Atem und Weite gegeben haben. Und wenn es nur ein Einzelner war, hat sich Ihr Einsatz gelohnt, lieber Pater Hans Stapel! Aber es ist eben nicht nur ein Mensch, um den wir uns mühen, es sind Geschöpfe Gottes, von ihm in ganz besonderer Weise geliebt. Nur so ist der Mensch wahrhaft Mensch.
Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Einsatz hier kommt christliche Hoffnung und christliche Glaubensüberzeugung in leibhaftiger Gestalt zu uns. Die Frage: "Was hat Gott bloß mit den Menschen?", wird da ganz konkret, wo jemand in besonderer Weise Lebenshilfe sucht und erfahren darf.
Wie kann sich ein Bischof dem verweigern? Nein, im Gegenteil, es macht mich sehr glücklich, weil hier in der Tat nicht nur ein "Trick des lieben Gottes für unsere Zeit" sichtbar wird, sondern in aller Dichte unser Glaube konkret und leibhaft Gestalt annimmt. Deshalb danke ich von ganzem Herzen denen, die sich dafür engagieren, und ich danke allen, die als Rekuperanten Boten der Hoffnung sind, dass der Mensch seinen Platz bei Gott hat, und dass es sich lohnt zu leben und zu lieben, nicht aufzugeben und zu hoffen. Sie machen gerade auch mit Ihrer Lebenserfahrung deutlich, wie sehr wir alle in uns die Sehnsucht tragen, unserem Leben Weite, Raum und Gestalt zu geben, und dass wir manchmal, die wir uns als normale Bürger bezeichnen würden, vielleicht unterdrücken: In uns allen stecken auch tiefe Süchte und Abhängigkeiten, zu denen wir vielleicht weniger stehen als Menschen, die als Drogenabhängige oder Süchtige nach Hilfe und Heilung suchen. Sie helfen uns, uns zu unserer Schwäche zu bekennen, genau da hinzuschauen, wo wir vielleicht Sehnsucht haben und sie in geheimen Süchten ertränken.
Liebe Schwestern und Brüder, wir können dazu stehen, und wir können zu einem solchen Weg stehen, weil Gott es mit den Menschen hat. Ich darf Ihren Blick einmal richten auf das, was wir eben in der zweiten Lesung gehört haben. Die Begründung, dass Gott es mit den Menschen hat, zeigt uns nämlich der hl. Apostel Paulus. Er spricht von Jesus Christus. Er spricht von einem Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist und der dadurch wirklich tief eingestiegen ist in das Leben und ausgestiegen ist aus dem Tod. Wenn das mit Jesus von Nazareth stimmt, dann stimmt es, dass Gott es mit den Menschen hat. Dann stimmt der Satz, dass wir alle uns zu unserer Schwäche, Abhängigkeit und Sucht bekennen können, und dass wir bereit sein können, Menschen Hoffnung zu geben, die diese Sucht oder Abhängigkeit über Strecken ihres Lebens in einer Weise ausgelebt haben, die ihnen nicht genutzt, sondern geschadet haben, so dass sie meinten, darin läge das Leben. Gott hat es mit dem Menschen und deshalb auch mit diesen Menschen, weil er in Jesus Christus in alle Tode hinein gestiegen ist, die wir durchzuleiden haben, und er möchte, wie der Apostel Paulus sagt, dass Jesus mit seiner Auferstehung nicht allein bleibt, sondern dass alle in dieses Auferstehungsleben einsteigen und zwar nicht erst nach dem Tod, so dass wir uns darüber Gedanken machen müssen, wo Gott denn all die Menschen leben lässt. Er möchte, dass wir in dieses Auferstehungsleben einsteigen, wenn wir lieben. Wo jemand wirklich liebt, steigt er aus dem Tod und geht ins Leben hinüber im Jetzt, im Hier, im Heute. Deshalb ist die ganze Kirche eine Fazenda da Esperanca: Sie mit Ihrer Familie, Sie mit Ihren kleinen Gruppen, Gemeinschaften und Kreisen, immer dann, wenn Sie ganz ernst nehmen, was dieser Jesus von Nazareth bedeutet, welche Kraft in ihm steckt, und welches Licht sein Wort verbreitet.
Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass heute Nachmittag des Öfteren die Rede davon war, dass die Menschen auf der Fazenda mit dem Wort leben. Mich berührt diese Formulierung immer, weil ich sie aus der Spiritualität der Fokolar-Bewegung kenne. Eigentlich ist es ein urchristliches Motiv; denn es gab nur deshalb Christen in der Welt, weil sie mit dem Wort gelebt haben. Dieses Wort ist Jesus von Nazareth. Maria hat mit dem Wort gelebt, das ihr der Engel sagte. Dieses Wort hat sie durchgetragen durch ihr ganzes Leben. Deshalb durfte ihr Leben enden in der Auferstehung und zwar nicht einfach bloß in einer geistigen Weise, sondern mit dem Leib, der das Wort getragen, in dem das Wort gewachsen ist, in dem das Wort ausgetragen wurde in die Welt hinein. Ich möchte Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, wünschen, dass Sie zunehmend Freude daran finden, mit dem Wort zu leben.
Oft werde ich gefragt: Wie geht es mit der Kirche weiter? Ich antworte: So: Indem wir mit dem Wort leben, damit das Wort in uns Gestalt findet. Papst Benedikt hat einmal gesagt: "Wer mit dem Wort lebt, denkt von Gott her. Wer von Gott her denkt, denkt gut. Wer von Gott her denkt, wird gut." (Auszug aus einer Predigt am Fest Mariä Aufnahme am 15. August; das Jahr ist mir nicht mehr bekannt) Das ist die Botschaft des Christentums. Das ist die Hoffnung des Christen. Deshalb können wir mit Maria sagen: "Er erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben" (Magnificat). Er tut das, und erfüllt so in uns die tiefste Sehnsucht.
Liebe Schwestern und Brüder, nehmen Sie die Gemeinschaft, die hier beginnt, mit ganzem Herzen auf. Die Mitte dieser Gemeinschaft wird das leibhaftige Wort in der Gestalt der Eucharistie sein, das auch im Haus, im Oratorium, immer wieder Anziehungspunkt zur Anbetung und Gebet ist. Für die Winterzeit kann gerade dieses Oratorium hier im Haus der Ort der gemeinschaftlichen Eucharistie werden, weil die Kirche zu kalt ist. So können sich Gruppen zur Eucharistiefeier auch im kleinen Kreis versammeln.
Was hat Gott mit dem Menschen, wenn er selber eine Mutter hat! Was hat Gott mit dem Menschen, wenn er dieser Mutter die Aufnahme schenkt mit Leib und Seele, weil sie selber ihn mit Leib und Seele aufgenommen hat! Sie dürfen ruhig sagen: Dann hat Gott es auch mit mir, auch mit dem, was mich abhängig, süchtig, krank und schwach macht. Nimm das Wort auf, denke von Ihm her, dann denkst du gut, dann wirst du gut, dann darfst du hoffen, dass du mit Leib und Seele bei Ihm aufgenommen wirst. Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
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