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11.02.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Felix Genn bei der Verabschiedung von Dompfarrer Walter Böcker

Münster. Aus Anlass des 75. Geburtstags von Domkapitular Walter Böcker und seines 25-jähriges Jubiläum als Dompfarrer fand am Sonntag (30.08.2009) ein Kapitelsamt im St.-Paulus-Dom in Münster statt. Darin predigte Bischof Felix Genn. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Mitbrüder im Bischöflichen-, Priesterlichen- und Diakonenamt, sehr verehrter, lieber Mitbruder Domkapitular Dompfarrer Böcker, liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Die Worte der Begrüßung, die der Herr Dompropst an Sie alle gerichtet hat, wie auch das Dankeswort, das aus dem Herzen von unserem Mitbruder Walter Böcker mit dem Lied aus dem Gotteslob zum Ausdruck gebracht wurde, wollen wir alle in dieser Stunde durch unser gemeinsames Beten und Danken unterstützen. Auf 75 Lebensjahre zurückzuschauen, 47 Jahre davon im priesterlichen Dienst und 25 Jahre wiederum davon hier an unserem Paulusdom in Münster, das ist für unseren priesterlichen Mitbruder Anlass, von Herzen Dank zu sagen und viele Menschen in diesen Dank einzubeziehen – Sie sozusagen zu bitten, dass Sie seinen Dank mit Ihrem Gebet, mit Ihrer Bitte und mit Ihrem Lobpreis unterstützen.

Als Priester hat sich Domkapitular Böcker verstanden, denn als er aus seinem Dienst in der Pfarrgemeinde in Xanten von Bischof Reinhard in die Bischöfliche Verwaltung gerufen wurde, bat er darum, einen Altar zu haben. Das ist ein priesterliches Wort, mit dem wir immer wieder zum Ausdruck bringen möchten, was unsere eigentliche Berufung und Sendung ist: Menschen im Wort Gottes und in der Feier der Eucharistie um den Herrn zu versammeln und ihnen diese Mitte zu ermöglichen.

Gerade die Aufgabe eines Dompfarrers, liebe Schwestern und Brüder, zeigt, dass eine Dom­kirche nicht bloß ein kunsthistorisches Dokument ist. Das ist es wahrlich, gerade hier in unserer Stadt. Was könnte dieser Paulusdom von den Jahrhunderten christlicher Glaubens­geschichte alles erzählen, auch aus turbulenten Zeiten! Er ist auch nicht bloß ein Ort für ganz festliche Liturgien, sondern – und das zeigt der Dienst des Dompfarrers in einer ganz beson­deren Weise – ein Dom ist ein Ort schlichter und einfacher Seelsorge: im Beichtstuhl, in der persönlichen Beratung, im Umgang mit den, wenn auch nur wenigen, Gemeindemitgliedern, die unmittelbar zur Domgemeinde zählen. Was mag im Herzen von Ihnen vorgehen, wenn Sie sich sagen, was Sie diesem Priester alles verdanken. Es ist eben so wie in jedem priesterlichen Dienst: Manches bleibt unausgesprochen in der Diskretion, und nur der Herr und wenige wissen, welche Frucht in einem solchen Leben und Dienst liegt.

Besonders war es Dompfarrer Böcker ein Anliegen, einen Empfangsdienst hier am Dom ein­zurichten und Menschen zu befähigen, dieses Bauwerk als Sprachrohr des Evangeliums zu verstehen, als Ort, an dem man in den unterschiedlichen Kunstwerken etwas vom Wort Gottes weitergeben kann. Das ist der Sammelpunkt unseres seelsorglichen Wirkens, Menschen um das Wort Gottes zu scharen, weil wir überzeugt sind, was eben der Antwortpsalm zur Sprache brachte: "Herr, du hast Worte ewigen Lebens" (Joh 6,68). Deshalb kann ich das Wirken unseres Mitbruders am besten würdigen, indem ich mich seinem Verkündigungsdienst anschließe und mich hinein stelle in den Dienst, den Jesus selbst uns geschenkt hat.

Gerade an diesem Sonntag, liebe Schwestern und Brüder, wird uns bewusst, wie sehr der Herr Seelsorger gewesen ist. Zugleich zeigen uns die Texte dieses Sonntags, die mitten im gewöhnlichen Jahresablauf zum Klingen kommen, was die Kirche uns mit der sonntäglichen Eucharistie schenken will: Sie möchte uns durch das Wort Nahrung geben, auch mitten, in unserem Werk- und Alltag von diesem Wort Leben, Ewiges Leben zu empfangen.

"Er ging umher und heilte viele und manche baten darum, dass sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren können. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt" (vgl. Mk 6,56). Mit diesen Worten schließt der Evangelist Markus einen Abschnitt im Leben Jesu ab, um unmittelbar davon zu erzählen, was wir eben in dem Evangelium des heutigen Sonntags gehört haben. Jesus ist ganz und gar Seelsorger. Sogar diejenigen, die nur den Saum seines Gewandes berühren, empfangen seine heilende Kraft. Dann aber muss er hart arbeiten mit Menschen, die sich auch um ihn versammeln, aber deren Herz verstockt, hart geworden ist. Die Gruppe, von der das Evangelium heute berichtet, greift Jesus an. Die Menschen sind davon überzeugt, dass äußere Vorschriften zu beachten für die innere Reinheit vor Gott entscheidend ist.

Vielleicht, liebe Schwestern und Brüder, sind wir eben beim Hören etwas über die Schüsseln, Becher und Krüge gestolpert und haben uns gefragt, was das denn ist. Hygienevorschriften? Anstandsregeln? Alles das ist in Ordnung, aber für die innere Haltung eines Menschen können solche Regeln doch nicht diese große Bedeutung haben, die offensichtlich die Gruppe der Schriftgelehrten ihnen zuspricht. Jesus stößt vor mit einem sehr harten, aber heilenden Wort. Es geht ihm darum, dass die Menschen in der rechten Beziehung zu Gott stehen und ihr Herz nicht verschlossen ist, dass man Gott nicht einfach bloß mit den Lippen ehrt oder ihn im Munde führt, aber im Leben und in der Mitte des Lebens, dem Herzen, weit weg von ihm ist. Deshalb legt er seinen Finger auf die eigentliche Wunde, die über alle äußere Krankheit hinaus uns zum Verderben werden kann: Dass all das, was in unserem Herzen sich ansammelt, - und die Aufzählung ist sehr nüchtern und realistisch, zeigt, was in uns allen drin ist -, uns unrein machen kann - in der Beziehung zu Gott wie auch in der Beziehung unter­einander. Es kann nicht nur störend, sondern zerstörend sein. Um diese Heilung geht es ihm, dass wir mit dem Wort Gottes nicht nur den Saum seines Gewandes, sondern seine innerste Mitte und sein Anliegen berühren und von dort her heile Menschen werden.

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus ordnet sich mit diesem Anliegen ein in den großen Glaubensstrom seines Volkes Israel, und er möchte, dass wir nicht aus diesem Glaubensstrom herausfallen. Es ist nicht so, als ob er das Gesetz aufhebt. Im Gegenteil, er teilt den Stolz, den wir in den Worten des Mose bei der ersten Lesung hören konnten, dass dieses kleine Volk wahrhaftig eine große Weisheit birgt, gegenüber der die Weisheit der Völker geradezu ein Nichts und eine Kleinigkeit ist. Solche Worte zu haben, die die heilvoll für das Wirken und das Zusammenleben der Menschen sind, das ist wahrhaft Grund zu sagen: "Welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie Jahwe, unser Gott, uns nahe ist, wo immer wir ihn anrufen? Oder welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind, wie alles in dieser Weisung, die ich Euch heute vorlege?" (Dtn 4,7-8) Jesus unterstützt das. Mose hat ausdrück­lich bemerkt, dass man diesen Worten weder etwas wegnehmen noch hinzufügen kann und dass es auf den inneren Kern ankommt und nicht dieser Kern übermalt wird von äußeren Reinheits- und Anstandsvorschriften (vgl. ebd. 2). Jesus nimmt nicht weg und fügt nichts hinzu. Vielmehr möchte er den inneren Kern von jeder Übermalung frei machen. Es kommt ihm auf das Herz an, das rein gegenüber Gott und den Menschen sein muss.

Ein biblischer Verfasser der ersten christlichen Gemeinden hat das in einer großen Tiefe noch einmal zur Sprache gebracht. Er nennt sich Jakobus, und er spricht davon, dass dieses Wort, das zur Heilung führt, nicht nur einfach von außen gehört werden will, sondern der tiefste Grund ist, aus dem wir geboren sind: "Aus freiem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren, damit wir gleichsam die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung seien" (Jak 1,18); und er fügt hinzu: "Nehmt euch das Wort zu Herzen, das in euch eingepflanzt ist und dass die Macht hat, euch zu retten" (ebd. 21).

Liebe Schwestern und Brüder, Seelsorge möchte genau dies: Dass wir das Wort aufnehmen . der Verfasser fügt ausdrücklich hinzu: "Es ist bereits in euch eingepflanzt." Ja, lassen Sie sich Zeit, das zu bedenken: In Ihrem Herzen ist das Wort eingepflanzt. Dieses Wort aufzu­nehmen, weil es die Kraft hat zu retten, darauf kommt es an. Nicht umsonst fügt der Verfasser des Jakobusbriefes hinzu, dass wir dann auf der Linie eines vollkommenen Gottes liegen, von dem jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt (ebd. 17). Deshalb führt das Wort hin zum Dienst an den Schwächsten. Hier werden die Witwen und Waisen genannt. Das Wort wird also konkret und heilvoll im Werk- und Alltag. Dort wird es aus dem Herzen heraus, das eben keine Mördergrube ist, sondern reine Gestalt hat, Tat. Nicht nur Jesus oder dem Priester wird damit seelsorgliches und heilendes Handeln überlassen, sondern solches Handeln wird zum Charakteristikum christlicher Gemeinde. So dürfen alle, die mit uns zu tun haben, erfahren: Sie berühren den Saum Seines Gewandes; denn sie werden heil.

Wir danken Ihnen, lieber Dompfarrer Böcker, dass Sie in diesem Sinn Seelsorger gewesen sind und bleiben wollen. Und ich wünsche Ihnen, dass möglichst viele sich dieser Intention anschließen, das Wort aufzunehmen, sich zu Herzen zu nehmen, das bereits in unser Herz eingepflanzt ist, damit Welt wenigstens an dem Ort, wo der Einzelne steht, Heilung erfährt. Amen.

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  1. undefinedDomkapitular Walter Böcker feierlich emeritiert (30.08.2009)
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Text: Bischof Felix Genn
30.08.2009

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