Dokumentiert
Weihbischof Overbeck am Weltgebetstag um geistliche Berufungen
Bistum. Aus Anlass des Weltgebetstags um geistliche Berufungen am Sonntag (03.05.2009) hat Weihbischof Franz-Josef Overbeck eine Pontifikalvesper im St.-Paulus-Dom in Münster gefeiert. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.
"Hier bin ich. Sende mich" (vgl. Jes 6,8) ist ein Wort aus der Berufungsgeschichte des Propheten Jesaja. Dieser, aus Jerusalem stammend, hat mit seiner Verkündigung den Grundstock jenes großen prophetischen Buches der Heiligen Schrift gelegt, das seinen Namen trägt. Aus dem Inhalt der von ihm überlieferten Prophetenworte können wir schließen, dass er im Todesjahr des Königs Usija, 739 v. Chr., berufen wurde, in vier wichtigen Perioden der Geschichte Judas das Wort Jahwes zu verkünden. Zunächst beschäftigt er sich in Drohworten mit den Zuständen in Juda und Jerusalem. Dann warnt er vor einem Bündnis mit Assur, einer feindlichen Großmacht. Schließlich warnt er beim ersten Versuch des Königs Hiskija, sich an einem Aufstand gegen die Assyrer zu beteiligen, mit mahnender Stimme und endlich tritt er beim Angriff des assyrischen Königs Sanherijb um 701 v. Chr. auf, um das rettende Eingreifen Gottes gegen einen überheblichen Feind anzusagen. Vom Leben des Propheten ist uns wenig bekannt. Wahrscheinlich gehörte er zu den gebildeten höheren Schichten, war mit einer prophetisch begabten Frau verheiratet und hatte mehrere Kinder. Dem Propheten, fassen wir in einem großen Überblick seine Botschaft zusammen, kommt es vor allen Dingen darauf an, die Menschen zu Glaube und Vertrauen gegenüber dem heiligen und erhabenen Gott aufzurufen, der nach seinem weisen Plan die Geschichte der Welt und besonders die Geschicke seines Volkes und die eines jeden Menschen lenkt. Dieses gläubige Hinschauen des Menschen auf Gott bedeutet für Jesaja, Gottes Willen zu entsprechen. Dies gilt auch im politischen wie im sozialen Handeln, insbesondere den Armen gegenüber.
Das Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja, das das Motto des heutigen Weltgebetstags um geistliche Berufe formuliert, stammt aus dem 6. Kapitel, in dem die Berufung des Propheten Jesaja beschrieben wird. In Form einer Vision erzählt dort Jesaja, dass er die Macht und Schönheit wie Fülle Gottes gesehen habe, die ihn zugleich unglaublich erschreckt hätten. In einem Zustand der Erkenntnis seiner selbst und des Volkes vor diesem Gott, fliegt ein Engel auf ihn zu, der mit einer glühenden Kohle seinen Mund berührt. Damit wird Jesaja zu einem vor Gott reinen Menschen, der die Stimme des Herrn hört, der sagt: "Wen soll ich senden! Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich. Sende mich" (Jes 6,8).
In der Berufungserzählung des Jesaja fällt auf, dass er als gottverbundener Mensch lebt. Jesaja ist der, der nicht nur mit der Wirklichkeit Gottes rechnet, sondern sich als Mensch vor Gott erfährt. Im Bewusstsein des Jesaja ist dieses Leben mit dem Wissen um sein Unvermögen verbunden. Er weiß, dass das Leben der Menschen und die Dynamik der Welt in den Händen Gottes liegt. Als solcher ist er nicht der große selbstbewusste, sondern der empfängliche Mensch.
Die andere Perspektive, die uns die Berufungserzählung des Jesaja eröffnet, liegt in seiner Überzeugung: Gott handelt in der Welt. Nicht der jenseitige, nicht der ferne Gott, sondern der dem Menschen nahe kommende, der die Geschichte wandelnde und verwandelnde Gott ist der Gott, dem Jesaja glaubt. Es ist der Gott, dem das Schicksal seines Volkes am Herzen liegt. Gott ist der konkrete Gott der Geschichte. Ein der Geschichte mächtiger Gott tritt uns entgegen. Ein Gott, der handeln kann, ist auch ein Gott, der sich offenbaren kann. So kann Jesaja diesem Gott, der in seiner Schöpfung handelt und sich offenbaren will, mit seiner Bereitschaft antworten: "Hier bin ich. Sende mich" (vgl. Jes 6,8).
Aus der Dynamik dieses Verhältnisses zwischen dem rufenden Gott und dem hörenden und antwortenden Jesaja zeigt sich, was Berufung ist. Berufen zu sein bedeutet, in der Gemeinschaft und unter dem Vorzeichen Gottes leben zu dürfen, der den freien, ihn liebenden Menschen will, der Ja sagt zu Gottes Ruf. So wie sich in der Heiligen Schrift Gottes Wort als Menschenwort niederschlägt, indem sich Gott selbst bezeugt, so erfährt Jesaja Gottes Wort als das ihn angehende Wort, dem er antwortet. Diese Antwort ist mehr als eine Bereitschaftserklärung. Sie ist eine Hingabeerklärung. "Sende mich" bedeutet, sich wegschicken zu lassen von sich und seinen Gewohnheiten auf neue Wege. Das Berufungsgeschehen, das sich bei Jesaja zeigt, ist nicht einfach als punktuelles zu verstehen, sondern als Hinweis auf die Geschichte Gottes mit uns Menschen, in der wir Menschen frei Gott antworten dürfen, der uns zugleich für sich bereit macht.
Von hier aus wird deutlicher, was Berufung heute meint: Gottes Wille, den Menschen auf einen je besonderen Weg mit ihm zu führen, bindet sich an die Freiheit des Menschen, der Ja sagen will. "Hier bin ich. Sende mich" ist Ausdruck dieser inneren Beziehung, die Gott zum Menschen und die der Mensch zu Gott aufbaut.
Wir können noch einen Schritt weiter gehen und sehen, was sich in den Berufungen der Kirche im Blick auf unsere christliche Glaubensweise heute zeigt. Jesus Christus als Sohn Gottes ruft Menschen, wie die Jünger, in seine Nachfolge. In der Kraft seines Geistes tut er es bis heute. Hier bereitet der Heilige Geist selbst die Herzen eines jeden von uns, damit wir dem Ruf Jesu folgen und frei sagen: "Hier bin ich. Sende mich." Ein solcher Ruf ergeht an einen jeden, der die Taufe empfängt, gefirmt ist und durch die Eucharistie für ein solches Leben gestärkt wird. Auf besondere Weise ergeht dieser Ruf an jene, die auf verdichtete Weise das, was in Taufe und Firmung grundgelegt ist, zum Aufbau von Gottes Reich in der Nachfolge Christi leben sollen, nämlich für die Berufenen zum Priestertum und in den Ordensstand. Für die Männer, die zum Priestertum berufen sind, heißt dies, dass Gott sie bereitet, ihre Bereitschaft zu einer Sendung auszudrücken, die die Präsenz Christi selbst in der Kirche und in der Welt personal darstellen soll. So leitet Christus die Kirche. Für diejenigen, die zum Ordensstand berufen sind, bedeutet dies, in der existentiellen Weise der Nachfolge in den evangelischen Räten von Armut, Keuschheit und Gehorsam, die innerste Berufung eines jeden Menschen zu einem heiligen Leben darzustellen und für andere zu leben.
In unserer Welt folgen viele diesem Ruf nur, wenn sie geglückte Lebensentwürfe an Menschen sehen, die sich so haben senden lassen. Es ist wichtig, darum zu beten, dass Menschen diese Wege, von Gott gerufen und gesendet zu werden, gehen. Darum hört es für uns Christen und für die Kirche zu unseren täglichen Aufgaben, um Berufungen zu beten, d. h., für Menschen, die sich von Gottes Willen umformen und sich von ihm senden lassen. Der heutige Weltgebetstag am ‚Gute Hirte-Sonntag’, dem 4. Ostersonntag, vereint uns mit der ganzen Welt in unserem Beten um Berufungen. Da wir in diesen Zeiten mehr und mehr lernen, dass sie in der Regel nicht einfach punktuell auf Einzelne hin erfolgen, sondern ein Klima des Getragen-Seins und das Vorbild von Zeugen brauchen, ist es zugleich ein Beten um viele, die dieses Zeugnis mittragen. Beten und bitten wir so um Berufungen, die getragen sind von uns und vielen anderen. Beten wir um Menschen, die bereit sind, sich von Gottes Handeln in dieser Welt ergreifen und im Namen Jesu durch die Kraft des Heiligen Geistes senden zu lassen. Es ist immer Gott, der beruft. Es sind wir Menschen, die folgen.
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Berufungen: Overbeck mahnt zum doppelten Gebet (03.05.2009)
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Text: Weihbischof Franz-Josef Overbeck
03.05.2009
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