Dokumentiert
Grußwort von Weihbischof Overbeck beim Symposion der Josef-Pieper-Stiftung
Münster. Weihbischof Franz-Josef Overbeck hat zu Beginn des Symposions der Josef-Pieper-Stiftung am Freitag (15.05.2009) im Rathaus in Münster ein Grußwort gehalten. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage des Textes.
Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Gäste,
das Symposion "Europa auf der Suche nach sich selbst" zeigt den Willen nach einer neuen und auch erneuerten Identitätsbestimmung an, die den europäischen Kontinent bestimmt, dessen Kultur mit allen griechischen und lateinischen Wurzeln ohne das Christentum und die Katholische Kirche nicht zu denken ist. Selbst bei seiner geographischen Ausdehnung und den dabei mit einhergehenden Unbestimmbarkeiten zeigt sich: Die Geschichte Europas ist wesentlich die Geschichte der Kirche, sowie die Geschichte der Kirche ohne Europa nicht zu denken und zu bestimmen ist. Dies gilt in aller ökumenischer Weite.
Was bedeutet nun die Suche nach einer europäischen Identität darum anderes, als nach dem genuinen Beitrag des Christentums und der Katholischen Kirche für Europas Identität zu fragen? Auf der Suche nach sich selbst zu sein, bedeutet gerade hinsichtlich des Subjekts dieser Suche, dass sich alle Europäer zum einen der Bedeutung der Religion für das Menschsein und alle gesellschaftlichen Bezüge bewusst werden müssen, wie zum anderen ein Geschichtsbewusstsein zu entwickeln, bei dem die normative ethische Kraft des konkret gelebten Christentums eine wichtige und unaufgebbare Rolle spielt. Deutlich wird, dass eine gemeinsame Identität nicht ein rein geistiges Konstrukt ist, sondern als konkrete und bestimmbare Identität verstanden werden muss.
Die 7. Direktwahlen zum Europäischen Parlament am kommenden 7. Juni erinnern uns daran, dass die Europäische Union, in der im letzten Jahrhundert der Gedanke Europa politische Kontur gewonnen hat, als Gemeinschaft von 27 Staaten mit fast einer halben Milliarde Menschen vor neuen Herausforderungen steht. Gerade in Zeiten der globalen Finanzmarktkrise und wirtschaftlicher Unsicherheiten nicht gekannten Ausmaßes ist Europa in seiner Bedeutung als Stabilitätsfaktor nicht zu unterschätzen. Getragen von einem gemeinsamen politischen Willen hat gerade die Europäische Union die Chance, Zukunft in Europa und in der Welt zu gestalten. Welchen Beitrag leistet die Kirche dazu – und zwar auf dem Hintergrund ihrer essentiellen Verbindung mit den Grundlagen Europas, das größer und weiter ist als die Europäische Union?
Die Kirche wird nicht müde, daran zu erinnern, dass es kein Menschsein ohne Gott gibt. Europa auf der Suche nach sich selbst, wird sich darum gerade hinsichtlich der Bestimmung seiner geistigen Voraussetzungen und seiner in manchen Teilen radikal laizistischen wie auch neu-atheistisch aggressiven Mentalitäten daran erinnern lassen müssen, dass es keine gelungene Gemeinschaft gibt ohne Bestimmung des Menschseins von Gott her. Es gehört zu unserem kirchlichen Auftrag, nicht müde zu werden, dies zu verkünden und diesem in konkretem die Menschen betreffenden Handeln Gesicht zu verleihen.
Zu den großen Herausforderungen der kommenden Zeit gehört die Frage der Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit, die Menschen nicht nur das ihnen gemäße zukommen lässt, sondern das Gemeinwohl achtend dafür sorgt, dass Menschen Arbeit finden. Die katholische Soziallehre wird nicht müde, dabei auf die Personalität, die Solidarität und die Subsidiarität als Prinzipien gesellschaftlichen und politischen Handelns hinzuweisen, die dazu beitragen, dass Menschen Arbeit haben, um ihren Teil zum Gemeinwohl zu leisten wie auch ein würdevolles Leben für sich, ihre Familien und mit anderen, für die sie Verantwortung tragen, zu führen. Auf der Suche nach sich selbst gibt die Katholische Kirche Europa diese drei Prinzipien hinsichtlich der Gestaltung des Gemeinwohls um einer sozialen Gerechtigkeit Willen mit auf den Weg.
Die Globalisierung wird uns immer mehr vor die Frage stellen, wie wir mit Flüchtlingen und Migranten leben und die Bewältigung der wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, die u. a. daraus erwachsen, gestalten. Die Kirche selbst ist von ihrem Selbstverständnis her die Kirche aller Menschen. Von einem solchen globalen Horizont aus betrachtet, gehört es für die Kirche zum Selbstverständnis Europas, sich gesellschaftlich so zu bestimmen, dass Flüchtlinge und Migranten auf rechte Weise ein Heimatrecht erhalten. Dieses ist kein notwendiges Übel, sondern eine Herausforderung, die positiv zu bewältigen ist.
Zur Grundbotschaft der Kirche gehört bereits mit den ersten Seiten der Heiligen Schrift der kreative Umgang mit der Schöpfung. Die Fragen des so genannten Klimawandels und seiner möglichen Ursachen beschäftigen viele. Es ist für Europa notwendig, sich den Herausforderungen und Verantwortungen zu stellen, die ein sich wandelndes Klima nach sich zieht. Dabei ist darauf zu achten, dass der dabei verwandte Naturbegriff immer wieder, so die Botschaft der Kirche, zurückgebunden wird an den Schöpfungsbegriff, der sich nicht sich selbst genügen darf, sondern von Gott her bestimmt werden muss. Daraus ergeben sich klare normative ethische Handlungsperspektiven und kulturelle Konsequenzen.
Sehr geehrte Damen und Herren, an diesen vier Punkten zeigt sich, ausgehend von der Identitätsbestimmung der Kirche und ihrer Botschaft, was nicht nur zum kulturellen Erbe Europas gehört, sondern was heute die Identität Europas für die Zukunft mit zu bestimmen hilft. Darum müssen zentrale Maßstäbe für eine europäische Identitätsbestimmung von Gott her gedacht und bestimmt werden. Dies gilt u.a. für die Achtung der Menschenwürde, den Schutz des menschlichen Lebens, die Förderung von Ehe und Familie, die Verantwortung für die Schöpfung, die Solidarität mit den Benachteiligten in der Gesellschaft und das Engagement für die Ärmsten in der Welt, sowie für den Einsatz für eine globale Ordnung im Dienst für Frieden und Gerechtigkeit. Für diese Maßstäbe steht der Beitrag der Katholischen Kirche, dafür setzt sie sich ein.
Ich wünsche dem Symposion einen guten Verlauf und danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
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Bericht zum Symposion der Josef-Pieper-Stiftung (17.05.2009)
Übersicht: Weihbischof Franz-Josef Overbeck
Text: Weihbischof Franz-Josef Overbeck
15.05.2009
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