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23.05.2012
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Gedanken zum Pfingstfest von Bischof Felix Genn

Der Geist befreit zur Freiheit

Bistum. Bischof Felix Genn hat in der Bistumszeitung Kirche+Leben Gedanken zum Pfingstfest veröffentlicht. kirchensite.de dokumentiert den Text.

In diesem Jahr denken wir zurück an die Zeit der so genannten Wende: Das Ende des Kommunismus in Osteuropa bahnte sich an, am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin. Der Eiserne Vorhang war schon vorher durchlöchert worden. Es war eine Zeit, in der den Menschen bewusst wurde: Auch ohne Gewalt kann man Mauern durchbrechen, Trennlinien, die Völker voneinander abschotten, überspringen, ein System von Gewalt und Terror zum Einsturz bringen. Wer sich an diese Zeit gut erinnern kann, sieht noch die Bilder vor seinem inneren Auge, wie die Menschen gejubelt haben, weil sie endlich frei waren.

An dieses Ereignis knüpft die Bischöfliche Aktion "Renovabis" an, die im Gefolge des politischen Umbruchs in Osteuropa den Kirchen in den dortigen Ländern mit tatkräftiger Unterstützung durch die deutschen Katholiken zur Hilfe gekommen ist und weiterhin zur Hilfe kommen will. Sie hat bewusst als Leitwort für ihr Wirken ein Wort geprägt, das in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Pfingstereignis steht. Vom Heiligen Geist, der an Pfingsten auf die Apostel herab kam, bekennt die Kirche, dass Er das Angesicht der Erde erneuern (renovare) wird. Handgreiflich konnten wir 1989 erfahren, dass Menschen sich zum Gebet versammelten, Lichterketten bildeten und, ob gläubig oder ungläubig, um die Erneuerung der Erde gebetet und sich für sie eingesetzt haben.

20 Jahre danach ist manche Ernüchterung eingetreten, weil Hoffnungen, die mit diesem Umbruch verknüpft wurden, sich nicht erfüllt haben. Für den realistischen Betrachter muss man sogar sagen: Sie konnten sich nicht erfüllen. Es gibt sogar Menschen, die dem Zwangsregime der ehemaligen DDR gute Seiten abgewinnen wollen, die dabei aber in die Gefahr geraten, das zugrunde liegende Unrechtssystem, die Unterdrückung der Freiheit als kostbarstes Gut für den Menschen gering zu schätzen.

Das Leitwort der Bischöflichen Aktion "Renovabis" ist dem fünften Kapitel des Galaterbriefes entnommen: "Zur Freiheit befreit." Die Menschen in Osteuropa wurden damals zur Freiheit befreit. Dass sie befreit wurden, sieht jeder ein. Dass sie zur Freiheit befreit werden konnten, zeigte sich mehr und mehr als eine Aufgabe, der sich jede und jeder Einzelne stellen muss. Was bedeutet es, zur Freiheit befreit zu werden?

Wer mittwochs und samstags über den Domplatz in Münster geht, sieht die vielfältigen Marktstände, die unterschiedliche Waren anbieten. Jeder von uns hat die freie Auswahl. Mich beeindruckt es immer wieder zu sehen, was wir alles kaufen und erwerben können. Wir sind frei, vom einen Stand zum anderen zu gehen, uns die guten Waren anzusehen und trotzdem zu entscheiden, bei einem anderen Stand einzukaufen als bei dem, der zuerst ins Auge gefallen ist. Dennoch kann sich hier ein gewisser Zwang entwickeln: Ich muss das jetzt haben. Ich muss dies oder jenes kaufen, weil es so verlockend aussieht. Abgesehen davon, dass mir durch das Portemonnaie eine Grenze gesetzt wird, habe ich die Freiheit, mich mit allem Möglichen einzudecken. An diesem Beispiel können wir spüren: Befreit zu sein, einer bestimmten Absicht nachzugehen, bedeutet noch nicht unbedingt, zur Freiheit befreit zu sein. Freiheit ist zweifellos ein hohes Gut, aber es fordert Gestaltung.

Paulus setzt sich in seinem Brief an die Gemeinde in Galatien – im Zent­rum der heutigen Türkei – mit einer bestimmten Situation auseinander, die für uns vielleicht fern liegt, aber durchaus aktuell werden kann. Es geht um den Glauben an Christus. Ist er abhängig davon, dass Menschen, die sich zu ihm bekehren wollen, die Beschneidung, die im jüdischen Volk das Bundeszeichen schlechthin war, übernehmen und damit ihr Leben nach den vielen einzelnen Vorschriften des Mosaischen Gesetzes gestalten? Oder kann ich ohne all diese Zwischenschritte unmittelbar den Glauben an Christus übernehmen, um Rettung und Heil für die Gegenwart und so die endgültige Zukunft zu erlangen?

Paulus bekennt ausdrücklich, dass Christus mit seinem Leiden und Sterben, durch seinen Tod und seine Auferstehung alle Menschen, Juden wie Nicht-Juden, davon befreit hat, für die Gemeinschaft mit Gott irgendwelche Taten zu vollbringen, die sie vor Gott wohlgefällig sein lassen. Christus ermöglicht den freien Zugang zu Gott. Er ist der große Befreier, der die Freiheit schlechthin für den Menschen bringt – die ihn nicht mehr abhängig sein lässt von irgendwelchen Vorbedingungen, um mit Gott in Gemeinschaft zu treten.

Dabei ist Paulus sich durchaus bewusst, dass diese Freiheit in sich ein klares und konsequentes Handeln ermöglicht und auch fordert, aber fordert, weil es möglich ist. Christus hat das nämlich aus reiner Liebe getan. Er will die Menschen nicht in Zwängen wissen, in denen sie sich vor Gott die Gemeinschaft mit ihm erarbeiten müssen. Er will vielmehr, dass wir Gottes Liebe trauen und in ihr allein die Lebenschance schlechthin entdecken. Wer sich von dieser Liebe Gottes anstecken lässt, hat nicht die freie Auswahl zu guten und bösen Taten, aber er hat die Freiheit, alle Mauern, Grenzen, Eisernen Vorhänge und Gitter zu überspringen, die ihn von dieser Liebe fern halten.

Man kann das an einem sehr schönen Beispiel veranschaulichen, das ich dem Leben des Apostels Paulus entnehme. Lukas berichtet in der Apostelgeschichte, wie Paulus und sein Begleiter Silas in Philippi den christlichen Glauben verkündet haben und deshalb erleben mussten, dafür verfolgt, geschlagen, ins Gefängnis geworfen zu werden. Zur Sicherheit verschließt der Gefängniswärter ihre Füße in einem Block. Unter verschärften Haftbedingungen werden sie in Gewahrsam gehalten, und jeder von uns kann sich vorstellen, wie es diesen beiden Gefangenen zumute gewesen sein muss: Sicherlich hatten solche Gefängnisse keinen besonderen Komfort, waren dunkel, finster und feucht. Vor allem aber musste sie beschäftigen, wie es mit ihnen weitergehen wird. Was tun die beiden? Sie singen Loblieder. In einer Situation äußerer Fesselung haben sie die innere Freiheit, Gott zu loben. Ihrer Freiheit beraubt, sind sie frei zu Gebet und Lobgesang.

Lukas berichtet, dass plötzlich die Mauern des Gefängnisses aufgrund eines Erdbebens anfangen zu wanken, die Fesseln werden gelöst. Über das Naturereignis hinaus ist dies für mich ein Sinnbild christlicher Freiheit: Wer von der Botschaft der Auferstehung, von der Liebe Gottes, die sich darin erweist, berührt und bis ins Innerste durchdrungen ist, dem kann keine äußere Fesselung etwas anhaben. Ein solcher Mensch sprengt Mauern, löst Fesseln. Ein solcher Mensch ist zu einer inneren Freiheit befreit, die ihm von keiner äußeren Unfreiheit genommen werden kann.

Zur Freiheit befreit: ermöglicht zu lieben, wo man sich hasst, zu verzeihen, wo man Rache ausüben will, treu zu bleiben, wo jeder die Untreue für die bessere Alternative hält.

Zur Freiheit befreit: ermöglicht zu glauben, wo Zweifel drücken, ermöglicht zu hoffen gegen alle Hoffnungslosigkeit, ermöglicht zu loben, weil man immer noch mehr zu loben findet als zu tadeln, weil man der Führung Gottes folgt, auch wenn aller anderer Anschein dagegen spricht.

An Pfingsten feiert die Kirche, dass Gottes Geist mit dieser Freiheit das Angesicht der Erde erneuern kann. Für mich bleibt es immer noch erstaunlich, wie die ungelehrten Fischer vom See Gennesaret, die nach dem Geschehen des Karfreitags völlig zu Recht bis über die Ohren verunsichert und konsterniert waren, plötzlich den Mut aufbringen, die Botschaft der Auferstehung nicht nur ihren eigenen jüdischen Glaubensschwestern und ­-brüdern zu verkünden, sondern in alle Welt hinaus zu gehen und am Zeugnis für Jesus festzuhalten, selbst wenn es sie den eigenen Tod kostete. An Pfingsten feiert die Kirche die Vollendung von Ostern: Sie wird sich bewusst, welche Sprengkraft im Geschehen der Auferstehung für sie selbst, für jeden einzelnen Christen liegt, wie tief durchdrungen wir sind durch die Gabe der Taufe und Firmung. Sehr dicht fasst sich für mich die Freiheit, zu der Christus Menschen befreien kann, zusammen im Zeugnis der Christinnen und Christen, die auch in Unterdrückungs- und Verfolgungssituationen treu bleiben.

Durch meine Tätigkeit in Essen bin ich in Kontakt zur Kirche von Hongkong gekommen, einem Bistum, das seit vielen Jahren in einer guten Gemeinschaft mit dem Bistum Essen steht. Staunend steht man davor, wenn man sieht, mit welcher Freiheit Menschen in Hongkong und darüber hi­naus in ganz China sich nicht beirren lassen, ihren Glauben zu bekennen und zu feiern. Ich musste am vergangenen Sonntag daran denken, weil am 24. Mai jährlich der Gedenktag der Mutter Gottes unter dem Titel als "Hilfe der Christen", der Patronin der Kirche Chinas, gefeiert wurde. In dem freien Ja, das Maria zu dem außergewöhnlichen Wort des Engels gesagt hat, eröffnete sich die Geschichte des Heils – durch das Ja, das Menschen zu Jesus Christus sagen, wird sie fortgesetzt.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern von Kirche+Leben, dass sie durch die Feier des Pfingstfestes die Freiheit des Heiligen Geistes aufnehmen und mit dem Beter des Alte Bundes sprechen können: "Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen. Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern" (Ps 18, 20.30).

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  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Bischof Felix Genn
  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDurch das Jahr: Pfingsten

Text: Bischof Felix Genn in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
31.05.2009

Schwerpunktthema

Vom 16. bis 20. Mai 2012 findet in Mannheim der 98. Deutsche Katholikentag statt. Er steht unter dem Leitwort "Einen neuen Aufbruch wagen".

Vorlagen für Maiandachten

Ein besonderer kirchensite.de-Service: Wir bieten Ihnen eine Reihe von Vorschlägen für Andachten zur Muttergottes im Monat Mai zum Herunterladen an.

Mittwoch ist Chatzeit

Am Mittwoch zwischen 20.30 und 21.30 Uhr im Chat: Diakon Holger Meyer.

Wir beten für Sie!

KLOSTERFÜRBITTE im Monat Mai: St.-Franziskus-Haus in Nordwalde.

Das aktuelle VIDEO...

Grüße vom Katholikentag (1): Aufbruch gelingt ...

Landvolkshochschule

Mit einem Festakt wurde der langjährige Direktor der Landvolkshochschule "Schorlemer Alst", Johannes K. Rücker, in den Ruhestand verabschiedet.

Kommunionempfang

Erzbischof Robert Zollitsch setzt sich weiterhin dafür ein, dass Katholiken auch nach Scheidung und Wiederheirat die Kommunion empfangen können.

Bibelarbeit

Unterwegs nach Emmaus: Kleopas und sein Freund.

Wohnungsnotfallhilfe

In einer Wohnung oder einem Haus zu wohnen, ist für Jeden selbstverständlich und lebensnotwendig.

Heilige und Selige

Das Bistum Münster kann auf viele Frauen und Männer zurückblicken, die ein herausragendes Zeugnis für den christlichen Glauben abgelegt haben.

Neues Seelsorgekonzept

Im Bistum Münster wird derzeit ein neuer Diözesanpastoralplan erstellt. Er soll Schwerpunkte der Seelsorge benennen. Ein erster Entwurf steht zum Herunterladen bereit.

Glaubenswissen

Frömmigkeit - Gesamthaltung des gläubigen Menschen vor Gott.

Bischof Felix Genn

Sein Leben – sein Wirken – seine Texte.

Dossier: Maria

Maria ist die Mutter Jesu Christi - und hat daher eine besondere Stellung im christlichen Glauben.

Durch das Jahr

Liturgie und Brauchtum zu Pfingsten: Ein wenig Geist und viel Frühling.

Trauerseelsorge

Hilfe bei berufsethischen Fragen.

Ehegericht

Mit seinen rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschäftigt sich Offizial Kurt Schulte größtenteils mit so genannten Ehenichtigkeitskeitsverfahren.

Regionen

Cosfeld / Recklinghausen.

Wallfahrtsorte

Vinnenberg: Muttergottes vom Himmelreich.

Kirche von A bis Z

Marienerscheinung: Mittlerrolle der Mutter Jesu

Geistlicher Impuls

"Gehet hin in Frieden!"

Verbände

Christliche Arbeiter-Jugend.

Marienmonat

Als schönster Monat des Jahres soll der Mai der "schönsten aller Frauen" geweiht sein. Maialtäre und Maiandachten entstammen einer barocken Frömmigkeitstradition.

Glaubens-ABC

Marienverehrung: Magd des Herrn

Heiligenlexikon

30. Mai: Heilige Johanna von Orléans.

Mit der Bibel leben

Ich bin das A und O.

Sterbebegleitung

Wann beginnt das Sterben? Was erwartet mich auf meinen letzten Wegen vor dem Tod? Kann ich mich und meine Verwandten auf diese Wege vorbereiten?

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