Gedanken zum Osterfest von Bischof Felix Genn
Der Tod ist tot, weil Christus lebt
Bistum. Bischof Felix Genn hat in der Bistumszeitung Kirche+Leben Gedanken zum Osterfest veröffentlicht. kirchensite.de dokumentiert den Text.
Verehrte Leserinnen und Leser, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir uns in der Osternacht Jahr für Jahr dankbar an unsere Taufe erinnern, dann wird uns je neu bewusst, wie tief unser Leben seit der Taufe verbunden ist mit Jesus Christus. So hat unser Leben in seinem Leben, in seinem Leiden und Sterben und in seiner Auferstehung jene Grundform gefunden, der wir zugestaltet und eingeprägt werden.
Der Apostel Paulus hat dies im Römerbrief zum Ausdruck gebracht: "Wenn wir nämlich zusammengepflanzt werden mit der Gleichgestalt seines Todes, werden wir es auch in der Auferstehung" (Röm 6, 5), so heißt es da wörtlich übersetzt. Das ist der tiefste Punkt unseres Christseins: Zusammengewachsen zu sein mit der Gleichgestalt seines Todes und in der Hoffnung zu leben, die Gleichgestalt seiner Auferstehung zu erfahren.
Was kann unserem Leben geschehen, da wir mit der Gleichgestalt seines erlösenden Todes verwachsen sind!? Auf diese Hoffnung hin sind wir gerettet!
Anhand von drei Versen aus den Psalmen und aus dem Buch Hosea möchte ich in das Geheimnis der Heiligen Drei Tage hineingehen, in das Geheimnis des Ganges zum Kreuz, wie es am Gründonnerstag bedacht wird, in das Geheimnis des Kreuzes selbst und das der Tötung des Todes – die Brücke von Karsamstag nach Ostern, Schnittstelle von Leben und Tod und Prüfstein des Glaubens.
Gründonnerstag: Hingabe
"Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat gegen mich geprahlt" (Ps 41, 10). Dieses Psalmwort verwendet der Evangelist Markus im Zusammenhang des Abendmahlberichtes. Kurz und prägnant erzählt er, dass Jesus, nachdem einige schon das Mahl vorbereitet hatten und da er mit den Zwölfen bei Tisch war, sagte: "Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern, einer von denen, die zusammen mit mir essen" (Mk 14, 18).
Markus zitiert ausdrücklich den Psalmvers und stellt das Geschehen des Verrates an den Anfang seines Berichtes über die Hingabe von Leib und Blut in der Eucharistie.
Im Dritten Hochgebet hat die deutsche Übersetzung das lateinische Wort "tradere", das mehrere Bedeutungen hat, nur mit der einen Variante übersetzt: "In der Nacht, in der er verraten wurde, nahm er das Brot." Eucharistie, die Feier des Gründonnerstages, die Feier der Messe, konfrontiert uns mit der Hingabe des Herrn an den Vater und die Menschen, konfrontiert uns auch immer damit, dass in dieser Hingabe, in diesem Sich-Überliefern, auch das Überliefertwerden, ja der Verrat durch Menschen eingewoben ist. Bei Judas ereignet sich das ausdrücklich im Zeichen des Kusses, auf das Jesus, wie wir wissen, entsprechend mit einer Rückfrage reagiert hat.
Die hohe Theologie von Eucharistie und Passion ist hier in einer ganz brutalen Weise erdverbunden. Sie zeigt uns bereits an dieser Stelle, am Beginn des Passionsberichtes, ja am Beginn des Abendmahles: "Ecce homo – seht den Menschen!" – "Schau dich an."
In der Gestalt des Erlösers Christus wird den Menschen kund, was es um den Menschen ist, um die Tiefe des Geheimnisses seiner Berufung von Gott her, aber auch um den Abgrund des Bösen, der sich dann eröffnet, wenn er sich von Gott entfernt.
Es gibt den Verrat, selbst im Zeichen der Liebe. Es gibt den Verrat, selbst bei den Freunden, denen ich vertraut habe, die das Brot mit mir gegessen haben. Die Abweisung Gottes durch den Menschen war für Jesus nie Theorie, sondern praktisch gelebte Erfahrung. Sie gehört mit hinein in das "Tradere", in die Überlieferung, vom Vater den Menschen gegeben zu sein, hinabzusteigen, um die Menschen zu erlösen.
All das gehört auch zum Geheimnis der Eucharistie. Wir können nicht immer, jeden Tag, auch auf diese Finsternis und Belastung schauen, aber es ist gut, gerade in der Heiligen Woche, die Mühsal auf sich zu nehmen und die dunkle Seite, an der wir Menschen bis zur Stunde mitstricken, zu bedenken.
Karfreitag: Verlassenheit
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Ps 22, 2) Jesus ist zunächst verlassen von seinen Freunden – es war ja nicht nur Judas, der ihn verlassen hat, sondern die Jünger sind allesamt geflohen. Die Erfahrung jedoch, vom Vater verlassen zu sein, ist eine weitaus dunklere, die wir kaum zu ermessen vermögen.
Aber die Liturgie des Karfreitags ist lichtvoller, als wir auf den ersten Blick denken. Schon in den Laudes blitzt das Geheimnis des Kreuzes wie ein Strahlen auf (fulget crucis mysterium), weil eine Antiphon in den Laudes den Lobpreis der Liturgie am Nachmittag bereits vorwegnimmt und singt: "Dein Kreuz, o Herr, verehren wir, und deine heilige Auferstehung preisen und rühmen wir; denn siehe, durch das Holz des Kreuzes kam Freude in alle Welt." Die herbe Liturgie des Karfreitags ist mehr als Trauer, sie ist bereits durchsättigte Hoffnung. Aber diese Hoffnung gründet darin, dass der Herr den Weg zum Kreuz gegangen ist – in seinem furchtbaren Leiden.
Gibt es etwas Schwereres auf dieser Welt, als die Sünde der Welt hinwegzutragen? Ist das etwa eine Kleinigkeit? Wir brauchen uns doch nur das Meer von Sünde und Schuld vorzustellen, das Menschen immer wieder an den Abgrund führt, der ausruft: Davon kann es keine Erlösung geben. Wie soll das geschehen, dass die ungezählten Opfer des Unrechts in der Geschichte je gesühnt werden? Das schafft nicht einmal ein Gott!
Aber "Er hat das Werk getan" (Ps 22, 32). Er hat es vollbracht, weil er nicht von fern mit einem Zauberstab an dieses Leiden und an diese Schuld gerührt und sie verwandelt hat, sondern indem er selber gelitten und Schuld getragen hat – in einem unvorstellbaren Maß. Der grauenhafte Schrei seiner Verlassenheit von Gott wird dabei zum zärtlichen Ruf nach dem Vater, und führt ihn betend zu einem unerschütterlichen Vertrauen und zu jener Hoffnung, die nicht zu Schanden werden lässt. So können auch unsere Verlassenheit und unser – zumeist inneres – Aufschreien zur Bitte werden und zum Ausdruck eines grenzenlosen Vertrauens in den Vater, der seinen einzigen Sohn für uns hingab.
Karsamstag: Stille
"O Tod, ich bin dein Tod. Totenreich, ich bin dein Untergang" (Hos 13, 14). Dieses Wort aus dem Propheten Hosea – die Kirche betet es als Antiphon zum ersten Psalm der Vesper am Karsamstag – verbirgt eine eigene Übersetzungsgeschichte.
Ursprünglich heißt es: "Aus der Gewalt der Unterwelt sollte ich sie befreien? Vom Tod sollte ich sie erlösen? Tod, wo sind deine Seuchen? Unterwelt, wo ist dein Stachel?" In einer auf Hieronymus zurückgehenden Übersetzung wird daraus: "Dein Tod werde ich sein, o Tod, dein Biss werde ich sein, Unterwelt." In der Liturgie spricht Christus dieses alttestamentliche Wort bei seinem Abstieg in die Unterwelt, dorthin, wo der Tod, das Nichts, die Macht hat.
Zum Geheimnis der Verlassenheit des Herrn gehört die Verlassenheit, wirklich hinabzusteigen in das Reich des Todes. Christus ist nicht nur gestorben, sondern er ist tot geworden. Er hat die ganze Macht des Totseins erlitten, nicht nur seine Verlassenheit von Gott herauszuschreien, sondern wirklich tot zu sein, also das Gegenteil von Leben, fern und fremd von Gott, der nicht tot ist, sondern das Leben selbst. Dieses Geheimnis verbirgt sich hinter der Stille des Karsamstags. Die Kirche feiert keine Eucharistie, sondern wacht im Stundengebet gleichsam mit Maria und den Frauen vor dem Grab des Herrn. Jedoch wir halten das kaum aus, weshalb der Karsamstag meist so voller Hektik ist. Unsere Zeit strotzt scheinbar vor Leben, dabei ist vieles von innen hohl und leer.
Die Gottverlassenheit und Stille des Karsamstags gehören zur Geburtsstunde der Kirche, weil hier gerade das Tiefste, was menschliche Gemeinschaft zerreißt, nämlich der Tod und damit die absolute Kommunikationslosigkeit, überwunden wird. Die Kirche ist in einer gewissen Weise immer im Karsamstag begriffen, jedenfalls steht sie immer am Übergang von Karfreitag und Ostern. Aber gerade so gehört sie als Zeugin der Erlösung mitten in die Zeit.
Diese Erlösung zu verkünden ist uns anvertraut. Wir dürfen den Menschen sagen, dass der Tod tot ist, weil Christus lebt! Und wir müssen es tun – für die Welt.
Wir haben einen Erlöser, der es vermag, die Nacht der Untreue und des Verrates, den Schrei der Verlassenheit, ja den Abgrund des Todes auszuhalten und die darin Gefangenen zu befreien, weil er selbst all das angenommen, getragen und durchmessen hat – bis zuletzt. Nur so konnte er Leiden und Tod durchschreiten und ins Leben gehen. Das ist das Pascha des Herrn, unser Ostern!
Ostern: Begegnung
Der Introitus der Messe am Ostertag legt dem Auferstandenen das folgende Wort in den Mund: "Auferstanden bin ich und nun immer bei dir. Halleluja." Dieser Vers kommt mir in den Sinn, wenn ich nun in den ersten Tagen nach meiner bewegenden Amtseinführung hier in Münster über den Domplatz gehe und dabei die Darstellung des auferstandenen Christus, wie sie den Südgiebel des Querhauses der Hohen Domkirche krönt, immer wieder meinen Blick auf sich zieht: Über Grab und Tod ragt die Gestalt des Erlösers in den Himmel.
In der Linken die Siegesfahne, grüßt und segnet er mit seiner Rechten alle, die im Laufe der Geschichte vorbeiziehen, die – gleich Ihm – das ihnen Aufgegebene tragen und es hingebungs- und vertrauensvoll durchschreiten. Bei jedem Aufblick tröstet, ermutigt und erfreut uns der Herr: "Auferstanden bin ich und nun immer bei dir."
Mögen wir alle durch die Feier dieser heiligen Tage dem Auferstandenen in der Tiefe unseres Herzens wahrhaft begegnen und Seine Stimme hören.
In der Bitte um Seinen österlichen Segen für Sie und unser ganzes Bistum wünsche ich Ihnen und Ihren Familien ein frohes Osterfest!
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