Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn aus Anlass der Weihe von Ständigen Diakonen
Bistum. Am Christkönigsonntag (22.11.2009) hat Bischof Felix Genn neun Männer im St.-Paulus-Dom zu Ständigen Diakonen geweiht. In dem feierlichen Pontifikalamt im münsterschen St.-Paulus-Dom predigte er auch. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt:
Liebe Mitbrüder im Bischöflichen, Priesterlichen und Diakonen-Amt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, verehrte, liebe Mitbrüder, die Sie jetzt die Diakonenweihe empfangen werden!
Manchmal tut es Not und gut, ein paar Schritte zurück zu treten. Sie kennen das alle, wenn Sie in Ihren Alltag schauen. Im Abstand sieht sich manches besser, differenzierter, genauer an. So ist das nicht nur im Textilladen, wenn Sie ein neues Kleid oder einen neuen Anzug anprobieren. Sie machen es auch, wenn Sie ein Kunstwerk betrachten. Und mitunter tut der Abstand auch gut, wenn Sie unmittelbar von einer Sache betroffen sind und nicht wissen, wie Sie darauf reagieren sollen.
Auch in dieser Stunde möchte ich jetzt mit Ihnen einen Schritt zurück treten; denn Sie sind unmittelbar betroffen, liebe Mitbrüder, mit Ihren Familien, Ihren Frauen und Kindern, Sie stecken mittendrin in dem, was jetzt geschieht. Aber was geschieht denn hier? Und Sie, die Sie aus den Heimatgemeinden und aus den Gemeinden kommen, in denen diese Männer demnächst ihren Dienst als Diakon versehen werden, Sie sind mehr oder weniger davon berührt. Vielleicht gibt es unter Ihnen auch Menschen, die diesen Brüdern hier vorne ganz tief verbunden sind, aber eigentlich auch schon in einem Abstand zu ihnen stehen. Sie haben sie vielleicht zu Freunden oder verstehen sich auf vielen Ebenen mit ihnen; aber was sie jetzt tun, das bleibt Ihnen fremd, und aus Respekt mögen Sie das zurück halten. Aber in Ihnen kann durchaus auch die Meinung sein: Der ist normal, aber in dem Punkt ist er ein bisschen "abgedreht". Wir treten ein Stück zurück, um das anzuschauen und vielleicht auch Ihnen die Möglichkeit zu geben, das nicht als etwas zu sehen, bei dem man abdreht, sondern das unmittelbar den Boden und die Erde unseres Lebens berührt und gleichzeitig öffnet und weitet in andere Dimensionen hinein, die freilich an der Oberfläche kaum gespürt werden.
Liebe Schwestern und Brüder, wir können vielleicht als Glaubende Menschen verstehen, die sich mit dem, was wir bekennend feiern und singen, nicht so einverstanden erklären. Da haben Sie auf dem Heft für diese Stunde das Bild eines Gekreuzigten – ohne Arme. Es macht die Drastik des Kreuzesgeschehens noch deutlicher. Auf diesen Jesus von Nazareth, der so in seinem irdischen Leben geendet ist, blicken wir. In der Erklärung finden wir das wunderbare, für uns Glaubende wunderbare Wort, dass Christus keine anderen Hände hat als unsere und die Aufforderung der neu zu weihenden Diakone: "Lasst uns seine Hände sein".
Kann man das so sagen? Wollen wir die Hände eines Gekreuzigten sein? Kann man eine solche Aufforderung einem Menschen von heute zumuten, oder muss das nicht abgedreht wirken? Dann lesen wir dieses Leitwort der Weihe da, dass die Erfüllung von allem die Liebe ist. Jeder von uns kann Gegenargumente bringen, wie wenig geliebt wird, wie unsere Welt durchsetzt ist von ganz anderen Gesetzen, denken wir nur an den letzten Skandal im Fußball, unserem hoch geliebten Hobby. Wie viele Christen zerbrechen an dieser Wirklichkeit, zu lieben bis ins Äußerste, und Menschen, die nicht glauben, bemerken es vielleicht viel eher als andere. Und dann, liebe Schwestern und Brüder, diese Texte! Da wird das Bild gezeichnet, dass am Ende der Welt jemand wieder kommt mit großer Macht und Herrlichkeit und trotzdem Wundmale trägt, aber als solcher derjenige ist, der alle Völker richtet, also der mit den abgeschlagenen Händen vorne auf dem Deckblatt dieses Liederheftes. Kann man das sagen?
Schließlich: Da steht dieser Jesus vor dem weltlichen Herrscher seiner Zeit. Man muss sich ein wenig einmal in diese Szene hinein begeben. Man hat ihn in der Nacht gefangen genommen, hat ihn bereits vorverurteilt und stellt ihn nun dem römischen Statthalter vor. Der bringt es aus seiner Perspektive auf den Punkt: "Bist Du der König der Juden? Bist Du ein politischer Rebell?" – "Nein, aber ich bin ein König, denn dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen" (Joh 18, 33.37). Vielleicht hat Pilatus, der im Anschluss an dieses Wort fragt "Was ist Wahrheit?" (ebd. 38), auch gedacht: Der ist abgedreht.
Was ist schon Wahrheit? Kann es Wahrheit geben? Wird die Wahrheit beim Fußball-Skandal herauskommen? Wird man sich nicht mit Lügereien am Schluss doch noch abfinden müssen? Was ist Wahrheit? Ist es die Wahrheit, dass dieser Verurteilte die Wahrheit ist? Wenn man die Szene weiter liest, die Johannes in seiner Passionsgeschichte aufgezeichnet hat, dann wird es noch dramatischer. Dann steht er schließlich als Gegeißelter mit der Dornenkrone und einem Purpurmantel – Spottbild eines Königs – vor der Menge und Pilatus lässt ihn auf dem Richterstuhl Platz nehmen und alles schreit: "Kreuzige ihn!" (ebd. 19, 6). Und doch bekennt der Evangelist auf dem Höhepunkt dieses Dramas mit der Inschrift über dem Kreuz in den damals gängigen Sprachen: "Das ist der König der Juden. Das ist der König der Welt" (ebd. 19, 19). Wollen wir einen solchen zum König? Soll der das Sagen haben, über uns bestimmen, der so endet?
Und vor uns hier diese neun Männer. Sie stellen sich in den Dienst dieses Königs, dieses Königs Jesus Christus, der aus seiner innersten Intention und deshalb die Wundmale tragend zum Diener, zum Diakon aller geworden ist. Liebe Schwestern und Brüder, diese Brüder sollen das alles verkünden, sollen den Menschen sagen, dass das die Wahrheit ist, dass die Wahrheit nicht darin besteht, dass zwei und zwei vier ist oder dass Zeugenaussagen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, sondern dass Gott die Welt so liebt, dass er diesen Jesus von Nazareth als seinen Sohn hingibt bis in die Nacht von Tod und Kreuz. Sie sollen in ihrem Dienst durch das Sakrament der Taufe Menschen genau mit diesem Ereignis in Berührung bringen, so dass es für das Leben eben dieser Menschen von fundamental ewiger Bedeutung ist. Sie sollen Brautleuten sagen, dass ihre Beziehung nicht einfach das Zufallsprodukt von irgendwelchen Ereignissen ist und Stimmungen, sondern hinein gehört in dieses Geschehen einer Liebe, die sich bis zum Letzten gibt. Und sie sollen es Menschen gerade in Not und Bedrängnis, solchen, die am Ende so aussehen wie dieser vorverurteilte und gepeinigte Jesus, sie sollen es gerade den Ärmsten der Armen bringen. Wollen wir diese Botschaft annehmen, und sind wir dankbar dafür, dass Christus seiner Kirche Dienste schenkt, die sie sich gar nicht selbst gibt, damit diese Botschaft, Zeuge der Wahrheit zu sein, weiter geht?
Liebe Schwestern und Brüder, es mag durchaus Menschen geben, für die die Gottesfrage gar kein Problem ist. Wenn es auch andere gibt, die das, gerade in jüngster Zeit verstärkt sich diese Tendenz, heftigst bestreiten. Aber der entscheidende Punkt ist, dass Gott uns so nahe kommt, wie dies in Jesus von Nazareth geschieht und dass Er die Mitte unseres Lebens sein will, dass Er alles umdrehen kann, so dass man eine Ahnung davon bekommt, wie gut es sich lebt ohne Sünde, ohne Böses, ohne Hass.
Liebe Schwestern und Brüder, merken Sie, wie provokant das Christliche ist, und wie sich unser Glaubensbekenntnis am Ende des Kirchenjahres noch einmal bündelt, wenn wir Christus als unseren König feiern?!:
- Dass wir eine Hoffnung haben ist Inhalt der Botschaft unserer Brüder, dass wirklich der Gekreuzigte mit den Wundmalen das Ziel der Geschichte ist – auch unseres eigenen Lebens.
- Dass wir sterben und es danach besser haben, uns nach dem Tod verbessern - sagen Sie das mal jemanden! Vielleicht kommen Sie beim Frisör zufällig ins Gespräch über Sterben und Tod, und dann sagen Sie dem Frisör als Ihr Glaubensbekenntnis: "Man kann sich nach dem Tode nur verbessern." Es ist möglich, dass dem Frisör die Schere aus der Hand fällt.
- Dass wir als Christen aus diesem Glauben und aus dieser Hoffnung intensiv auch die Schwestern und Brüder lieben, die es nach unserer Meinung vielleicht gar nicht verdient haben, und wir sogar der Meinung sind, dass Liebe bis zum Letzten geht, und dass es nicht stimmt, wenn Menschen behaupten: Das mit der Liebe ist nur ein egoistischer Trick, weil man auf diese Weise am Ende doch besser hin kommt. Das wäre eine Perversion.
- Schließlich bekennen wir, dass diese Brüder gerade als amtlich Beauftragte uns Bischöfen, den Priestern und den Gemeinden durch ihren Dienst als Diakon leibhaftig vorleben: "Vergesst die Leidenden nicht. Nehmt die Fremden auf. Redet nicht bloß theoretisch über Asylbewerber, sondern wenn es konkret wird, lasst sie im Dorf, nehmt sie auf und gebt nicht einfach den Hartz IV-Empfängern die Botschaft, wer sich irgendwie anstrengt, kommt doch weiter." Wo sind die Armen, die Gestrandeten in unseren Gemeinden? Sie sind die Bilder desjenigen, der da vor Pilatus steht, des Geschundenen, des Gegeißelten, des raus Geworfenen.
Liebe Schwestern und Brüder, wir haben als christliche Gemeinde ein großartiges Potential, das wir dieser Welt schenken können. Gerade dadurch, dass Männer sich in den Dienst des Diakons hinein begeben, die Kirche sie weiht und sendet, wird uns sehr deutlich bewusst: Wir alle können dazu beitragen, dass dieser Christus als die Wahrheit erkannt wird, weil auch wir Zeugen dieser Wahrheit sind. Vielleicht haben Sie gespürt: Die Bitte unserer Diakone am Ende der Erklärung auf den ersten Seiten Ihres Heftes "Lasst uns seine Hände sein" ist gar nicht abgedreht, sondern packt an, erdet. Deswegen wünsche ich Ihnen, liebe Mitbrüder, in großem Dank, weil Sie sich zur Verfügung stellen, dass Sie die Liebe zum Herrn, dem Gekreuzigten, der sein Blut gibt, das Geheimnis unseres Glaubens, dass Sie diese Liebe niemals verlieren, sondern täglich neu nähren durch das Gespräch mit Ihm, durch das Gebet und durch die immer wache Sensibilität, wo sein geschundenes Antlitz in den Gestrandeten unserer Zeit zum Vorschein kommt.
Beten wir jetzt, liebe Schwestern und Brüder, miteinander, dass dieses Feuer des Geistes unsere Brüder erfüllt und dass es uns alle in unseren Gemeinden ergreift und ermutigt, sagen zu können: "Christus, du kannst wirklich in meinem Leben das Sagen haben."
Amen.
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