Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn in der Christmette 2011
Bistum. Bischof Felix Genn hat in der Nacht zum Sonntag (25.12.2011) die Christmette in der Überwasserkirche in Münster gefeiert. - kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt:
Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und Diakonenamt,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
In dieser Nacht sind Sie aus Ihren Familien und Häusern aufgebrochen, um hierher zu kommen und mit der Kirche das Geburtsfest Jesu Christi zu feiern. Hoffentlich konnten Sie einen schönen Abend miteinander verbringen, sich gegenseitig beschenken, bei einem festlichen Mahl und in guten Gesprächen Ihre Beziehungen, Freundschaften, die Gemeinschaft in Ihrer Familie stärken und selbst bei vielleicht heftigen Diskussionen erleben, dass Sie zusammengehören. Das Weihnachtsfest bietet einen solchen Raum an. Vielleicht haben Sie aber auch allein, möglicherweise in einer gewissen Einsamkeit, aber auch in Zufriedenheit diesen Abend verbringen können und sich auf die Feier der Liturgie vorbereitet und gefreut. Die schöne Musik, der festliche Rahmen der Liturgie können die Stimmung eines solchen Abends fortsetzen und einladen, den Weihnachtstag und die kommende Woche aus einer anderen inneren Einstellung, als wir es gewöhnlich im Alltag erleben, zu gestalten. Die Kirche bietet mit ihrem Festkalender einen solchen Rahmen an und hilft uns so, in Distanz zu treten zu dem, was uns gewöhnlich bedrängt und bedrückt. Aber sie kann es nur, weil sie mit ihrem Bekenntnis davon überzeugt ist: Es ist wahr, dass Gott Mensch geworden ist in Jesus von Nazareth. Darüber können wir uns freuen. Das kann uns Zuversicht, tiefen Frieden und großen Trost schenken. Ja, diese Botschaft kann uns hinausführen in die größere Dimension unseres Lebens, in eine Tiefe und Weite, die davon geprägt ist, dass wir hineingestellt sind in den Horizont der Ewigkeit, in den Horizont einer ewigen und uns alle umfassenden Liebe.
Liebe Schwestern und Brüder, aber genau hier wird es problematisch. Kann man das wirklich glauben? Kann man dem trauen?
„Da sind Hirten auf den Fluren von Bethlehem, auf freiem Feld halten sie Nachtwache bei ihrer Herde“ (vgl. Lk 2, 8). Es ist vielleicht kalt, auf jeden Fall dunkel. Vielleicht kommt der eine oder andere nicht zur Ruhe, weil ihn etwas vom Tag vorher bedrängt, weil ein Schaf in der Herde krank ist und die Sorge besteht, dass sich diese Krankheit ausbreitet, oder weil in der Familie etwas nicht stimmt, Leid, Tod, mancherlei Kummer herrschen. Da halten sich in dem Ort Bethlehem zu dieser Zeit viele Menschen auf, die von überall herkommen, weil sie sich in Steuerlisten eintragen lassen sollen. Sie aber, die Hirten, gehören nicht zu der bevorzugten Klasse von Menschen, sondern eher zu denen, die von den normalen Bürgern verachtet werden. Genau diese Hirten, genau diese Menschen, machen in dieser Nacht eine Licht-Erfahrung. Sie erleben etwas vom Einbruch des Göttlichen, werden erschüttert, aus ihrem Schlaf und aus ihren trüben Gedanken gerissen, und sie hören eine Botschaft, die die Furcht vertreibt und Freude bereitet. Sie hören: Es gibt Rettung, und auch sie, die Erniedrigten und Verachteten, sollen davon wissen. Sie machen die Erfahrung, dass die größte Herrlichkeit Gottes sich mit ihrer Niedrigkeit verbindet. Oben und unten scheinen sich zu entsprechen, widersprechen sich nicht. Was von oben gesagt wird, will gerade in diese Tiefe, in dieses Dunkel. Von dem schlesischen Dichter Angelus Silesius habe ich einmal das Wort gelesen: „Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht“. Also mitten in der Nacht, wo das Tageslicht am weitesten entfernt, die Finsternis besonders groß und mächtig ist, da soll das Licht der Herrlichkeit scheinen? Hier darf ich die Frage wiederholen: Kann man dem trauen, kann man das wirklich glauben?
Ich denke in diesem Augenblick an die vielen Menschen, denen Weihnachten nur schwer ist, von denen das Tageslicht im Augenblick weit weg ist. Ich frage mich, wie es den Eltern der verunglückten Jugendlichen von Nottuln gehen mag, wie andere Familien mit dem plötzlichen Tod eines lieben Menschen nicht nur in dieser Nacht zurecht kommen. Vor mir stehen die Opfer des Amoklaufes in Lüttich. Vielleicht sind Sie in dieser Nacht auch hierher gekommen mit einer solchen Last, die Sie persönlich bedrückt, oder die Sie mit anderen teilen. Können Sie dieser Botschaft, die der Klang der Melodien und der Glanz der Liturgie, die Festtagsfreude und Festtagsstimmung verbreiten, etwas anfangen? Oder suchen Sie sogar danach, dass das Göttliche Oben und Ihr Unten sich entsprechen? Für viele Menschen bleibt die Botschaft der Engel, dass Gott in der Höhe verherrlicht ist und dadurch den Menschen Friede wird, weit weg.
Was tun die Hirten? Genau das, was Sie in dieser Nacht getan haben: Sie brechen auf. Der Evangelist Lukas erzählt, dass die Hirten nach diesem Einbruch des Göttlichen zueinander sagen: „Kommt, wir gehen nach Bethlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ“ (ebd. 15). Es ist erstaunlich, dass sie aufbrechen; denn als einziges Zeichen für diese Rettungsbotschaft war ihnen verheißen, ein Kind zu finden: „ein Kind zu finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“ (ebd. 12). Vielleicht konnten nur solche, einfachen, in den Augen vieler vielleicht sogar naiven und etwas simplen Menschentypen dieser Botschaft folgen. Möglicherweise hätten andere gesagt, solchen Halluzinationen würden sie keine Bedeutung beimessen. Aber die Hirten tun es. Seit Jahrhunderten brechen Menschen in dieser Nacht auf, weil sie – und sei es nur von Ferne – diese Nacht doch als Weih-Nacht empfinden und ansehen. Die Hirten finden das Kind, das in der Krippe liegt. Sie treffen auf Maria und Josef, die man übrigens auch auf das freie Feld gelassen hatte, „weil in der Herberge kein Platz für sie war“ (ebd. 7b).
Liebe Schwestern und Brüder, offensichtlich hat diese Botschaft der Heiligen Nacht, die Botschaft dieses Festes, deshalb so eine anziehende Kraft, weil das Göttliche es fertig bringt, sich mit dem armselig Menschlichen zu verbinden, mit der Krippe, mit den armseligen Hirten, mit den Ausgestoßenen, den Bedrückten und Beladenen.
Während Seines öffentlichen Wirkens spricht Jesus einmal davon, dass Er es nicht mit den Menschen hat, die sich als weise und klug bezeichnen, weil sie nämlich alles schon wissen, die also gar kein offenes Herz, vor allem auch nicht für Seine Botschaft haben. Wohl aber spricht Er Seine Einladung an die aus, die Er die „Unmündigen“ (ebd. 25) nennt. Ich kann es auch mit dem Wort des schlesischen Dichters sagen: „Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht. Wer kann es seh’n? Ein Herz, das Augen hat und wacht“. Das sind die Unmündigen, die wache Augen haben, weil sie mit dem Herzen sehen. Es können durchaus Menschen sein, die schwere Lasten zu tragen haben. Auch sie lädt Er ein, zu Ihm zu kommen (vgl. ebd. 25.28-30); und wir wissen aus Seinem irdischen Leben, wie diese Leute aussahen: Lahme, Blinde, Krüppel, Aussätzige, Prostituierte, Zöllner und Sünder jedweder Art. Sogar in Seiner letzten Stunde verheißt Er dem, der neben Ihm hängt und um Vergebung bittet, das Paradies. Das ist die Botschaft, um die es in dieser Nacht geht, dass der Einbruch des Göttlichen nicht eine gewaltige Erscheinung mit Donner, Schwefel und Feuer ist, sondern in Niedrigkeit, in Armut. Gott will sich in dem Kind von Bethlehem, in Jesus von Nazareth offenlegen; und Er offenbart sich den Unmündigen, denen, die wie die Hirten aufbrechen, die bereit sind, ihr Herz zu öffnen, weil sie einfach sind, einfach Gott zutrauen, dass bei Ihm nichts unmöglich ist (vgl. Lk 1, 37). Das heißt nicht, dass diejenigen, die intelligent, klug, weise sind, bei Ihm keine Chance hätten, aber es heißt sehr deutlich, dass auch die Klugen, die Intelligenten, die Weisen der Aufklärung bedürfen, die dieses Licht mitten in der Welt aufgesteckt hat. Es ist nämlich das Licht der großen Liebe, die jede Intelligenz weitet, jede Klugheit milde macht und jede Weisheit zur Tiefe führt, weil alle Formen der Erniedrigung, alle Situationen, in denen ein Mensch „unten“ ist, von dem angenommen werden, der sich für die Krippe nicht zu schade war.
Liebe Schwestern und Brüder, aus diesem Grund konnte einer der großen Prediger der zweiten christlichen Generation, dessen Stimme wir in der Lesung vernommen haben, als wir die Worte aus dem Titusbrief hörten, sagen: „Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. Er hat sich für uns hingegeben, um uns von aller Schuld zu erlösen“ (Tit 2, 11.14a.). Deshalb auch hat der Glaube der Kirche in diesem Ereignis von Bethlehem, zu dem die Hirten aufgebrochen waren, eine Erfüllung dessen gesehen, was der Prophet Jesaja schon viele Jahrhunderte vor Christus verkündet hat: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jes 9, 1). Das Kind, von dem der Prophet spricht, das all diese Rettung, dieses Licht, diesen Frieden bringt, das ist uns geboren, dieser Sohn ist uns geschenkt. Auf der Schulter dieses Kindes liegt die Herrschaft, weil es bereit ist, am Ende Seines Lebens alle Last der Welt im Kreuz auf Seine Schultern zu nehmen. Nur deshalb ist Seine Herrschaft groß, und ist wirklich Friede ohne Ende möglich (vgl. ebd. 5.6).
Liebe Schwestern und Brüder, die bischöfliche Aktion ADVENIAT, die immer an Weihnachten unseren Blick auf die Kirche in Lateinamerika richtet, hat in diesem Jahr als Leitwort die Bitte aus dem ‚Vater Unser’ gewählt, die dieser Aktion übrigens auch den Namen gibt: Adveniat regnum tuum – Dein Reich komme. Damit wird deutlich: Die Botschaft, die die Hirten aufgenommen haben, ist eine Botschaft für die ganze Welt, für alle Kontinente, für jeden Menschen. Deshalb wehrt das Christentum jeder Abgrenzung, die durch nationales Denken entsteht. Deshalb wehrt der christliche Glaube allen Versuchungen, die eigene Nation als etwas besonders darzustellen und Fremde auszugrenzen, ja sie sogar mit Gewalt zu vernichten. Wir haben in den letzten Wochen erfahren müssen, wie sehr solches Denken Menschen besetzt halten kann, und welche zerstörerische Macht davon ausgeht, so dass das Bild des Propheten vom Stiefel, der dröhnend daher stampft und vom Mantel, der mit Blut befleckt ist, auch bei uns grausame Realität werden konnte (Jes 9, 4). Wer aufbricht und die Feier der Weihnacht begeht, wird innerlich bestärkt, solchem Denken und Fühlen in sich nie Raum zu geben. Im Gegenteil: Er wird ein Mensch, der trotz allen persönlichen Leids alle Menschen als seine Schwestern und Brüder ansehen kann, ob in der eigenen Nachbarschaft oder in Lateinamerika.
Liebe Schwestern und Brüder, die Hirten brachen auf, weil sie das Ereignis sehen wollten, das ihnen der Herr verkünden ließ (vgl. Lk 2, 15). In der Urfassung dieses Berichtes steht für das Wort „Ereignis“, eine Vokabel, die wir auch mit „Tatsache“ oder einfach mit dem Begriff „das Wort“ übersetzen können. Ich möchte Ihnen wünschen, dass Sie Ihren Weg von Zuhause nach hier in dieser Nacht ähnlich sehen können: Kommt, wir gehen, um das Wort zu sehen, das uns der Herr in dieser Nacht verkünden lässt, ein Wort, das zum Ereignis, zur Tatsache geworden ist. Es ist eine Bewegung, die weiter gehen kann, die eine Dynamik in sich enthält, immer tiefer in diese Wahrheit des Wortes hineinzuwachsen – das Jahr hindurch. Dazu möchte ich Sie einladen, erfahren zu können, dass der Herr sich in die Krippe Ihres Herzens legt, in Ihr Leben, dass somit das Wort bei Ihnen zum Ereignis und zur Tatsache wird. So kann auch der Raum der Kirche mit der Feier der Gnade Gottes, die allen Menschen erschienen ist, um uns zu retten, zum neuen Bethlehem werden. Bethlehem heißt ja nichts anderes als „Haus des Brotes“.
Die Hirten bekennen am Schluss der Begegnung mit Maria, Josef und dem Kind, dass „alles so gewesen war, wie es ihnen gesagt wurde“ (ebd. 20). Im Lebensweg mit dem Wort, das der Herr verkünden lässt, kann jeder von uns auch diese Erfahrung machen: Es ist so, wie es uns von Ihm gesagt worden ist.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, auch im Namen von Bischof Reinhard und den Mitbrüdern im Domkapitel, eine gnadenreiche, gesegnete Weihnacht, für Sie persönlich, für Ihre Familien, für Ihren Lebensweg – mit dem Herrn.
Amen.
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