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Seite: Aktuelles  >  Dokumentiert: Predigt von Bischof Genn bei der Wallfahrt der Glatzer Katholiken am 27.08.2011
17.11.2018
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn bei der Wallfahrt der Glatzer Katholiken

Telgte. Am Samstag (27.08.2011) feierte Bischof Felix Genn die Abschlussandacht bei der Wallfahrt der Glatzer Katholiken in Telgte.  kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Pilgerinnen und Pilger aus der Grafschaft Glatz! An diesem Nachmittag, hier in der Wallfahrtskirche St. Clemens, in unmittelbarer Nähe des Gnadenbildes von Telgte darf ich zum ersten Mal in Ihrer Mitte sein als Bischof von Münster. Zwar haben wir im vergangenen Jahr schon miteinander feiern können anlässlich der Seligsprechung Ihres großen Landsmannes, des Priesters Gerhard Hirschfelder, aber heute darf ich hier bei Ihnen sein zu diesem Treffen, das in Ihnen viele Heimatgefühle weckt, das Ihnen immer wieder, Jahr für Jahr, die Möglichkeit gibt, sich auszutauschen, zu begegnen, Erinnerungen lebendig werden zu lassen und Festigung im Glauben und in unserem christlichen Bekenntnis zu erfahren.

Ich komme heute nicht als Gast zu Ihnen, sondern als jemand, der zu Ihnen gehört, weil er mit Ihnen den Spuren Christi folgen will. Aber ich komme auch als jemand, der sich von innen her zunächst einmal gedrängt weiß, ein ausdrückliches und aufrichtiges Wort des Dankes zu sagen. Das ist mein erstes, was ich heute Nachmittag zu Wort bringen will, dass ich danke, danke Ihrem Großdechanten Franz Jung, den ich schon aus früheren Zeiten her kenne durch die Mitarbeit in der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Danken will ich ihm deshalb, weil er in unermüdlicher Treue die Gläubigen aus der Grafschaft Glatz gesammelt hat, weil er für Sie zur Verfügung gestanden hat, weil er immer wieder das Anliegen Ihrer Heimatverbundenheit auch über den Bereich des Bistums Münster hinaus in die Bischofskonferenz eingebracht hat. Er ist derjenige, der immer wieder anklopft und deutlich macht, dass hier gläubige Menschen, die ihre Heimat verloren haben, sich versammeln, miteinander ihren Glauben leben möchten und dazu beitragen, aus diesem Glauben Friede und Versöhnung zu stiften. Ich danke ihm auch deshalb ganz persönlich, weil er – seit ich Bischof von Münster bin – mir Ihre Heimat plastisch erschlossen hat: Durch das, was er mir erzählte, was er mir an Literatur vermittelte und was er mir an Einladungen überbrachte, so dass ich eine ganze Reihe von Reisen ins Glatzer Bergland unternehmen könnte, so oft hat er mich schon eingeladen; und ich hoffe, dass ich dem wenigstens einmal nachkommen kann.

Zumindest habe ich, liebe Schwestern und Brüder, eben, als ich über den Platz ging, gemerkt: Hier sind die Glatzer; denn hier gibt es Mohnkuchen. Das hatte ich nach der Feier der Seligsprechung auf dem Domplatz in Münster schon erfahren können.

Liebe Schwestern und Brüder, danken will ich aber auch Ihnen für die Treue, mit der Sie seit 65 Jahren, unmittelbar nach dem Krieg beginnend, diese Wallfahrt hier durchführen. Das Glatzer Bergland ist ja geprägt durch eine wechselvolle Geschichte auch des Glaubens und der Kirche, durch eine Fülle von Auseinandersetzungen und dadurch, dass der Glaube immer wieder neu lebendig gemacht wurde, weil es sich als Marienland verstanden hat. Deshalb haben Sie Orte gewählt, an denen Sie die Identität Ihrer Heimat ganz besonders verdichtet erfahren und erleben können: Werl und Telgte. 65. Wallfahrt der Glatzer nach Telgte! Was ist das ein Strom von Gebet, von Treue, von Bekenntnis! Dafür möchte ich Ihnen danken. Das zeigt mir, wie tief verwurzelt der Glaube in Ihrer Heimat, in Ihren Familien und Gemeinschaften ist.

Als eine ganz kostbare Frucht dieser Glaubensgeschichte durften wir im vergangenen Jahr die Seligsprechung eines Märtyrers feiern, der aus der Tradition seiner Heimat, die ohne den Glauben an Christus und die Verbundenheit mit der katholischen Kirche, nicht denkbar ist, der aus dieser Tradition heraus einem menschenverachtenden und gottlosen Regime widerstanden hat und als junger Priester sein Leben gegeben hat.

Aber auch Sie haben in den zurück liegenden Jahren und Jahrzehnten versucht, aus der Kraft des Glaubens heraus den Schmerz zu leben, heilen zu lassen, der Ihnen durch Vertreibung zugefügt wurde, das Verlassen der Heimat, das Unrecht, das Sie dabei erfahren mussten. Aber Sie haben nicht den Weg von Rache und Vergeltung gewählt, sondern – ich kann mir vorstellen, was das für Einzelne auch bedeutet hat – Sie haben sich durchgerungen, damit aus dem Glauben Versöhnung und Friede neu wachsen kann. Aber Sie konnten es auch deshalb, weil Sie sich zusammen fanden, Ihr Miteinader, Ihren Glauben geteilt haben, Ihr Ringen ausgetauscht und es der Frau anvertraut haben, die als Schmerzensmutter vor Ihnen stand und auf diese Weise Ihnen deutlich machte, dass diese Fruchtbarkeit des Glaubens nicht ohne das Kreuz zu erringen ist. Wenn wir das Gnadenbild von Telgte anschauen, dann sehen wir die Mutter mit dem toten Sohn auf dem Schoß und trotzdem nicht in sich gekehrt, nicht verbittert, auch nicht bloß starren Blicks auf Ihn schauend, sondern einladend, als hätte auf diesem Schoß und an ihrem Herzen noch manch einer Platz. Und deswegen, weil sie diesen Raum bietet, kommen Sie hier her, um von Neuem die Kraft zu finden, Gerechtigkeit und Friede durchsetzen zu können.

Liebe Schwestern und Brüder, Sie haben in diesem Jahr die Wallfahrt unter das Motto gestellt: "Den Spuren Christi folgen." Das ist ein Aufruf, aber zugleich darf ich es auch werten als eine Aussage über das, was sich in 65 Jahren in Ihrer Landsmannschaft zugetragen hat. Sie haben versucht, den Spuren Christi zu folgen. Obwohl Sie Ihre Heimat verloren haben, wussten Sie: "Es gibt  noch Spuren, auf denen wir gehen können, die wir mitnehmen, die wir in uns tragen und die wir an Ort und Stelle, wo wir neu uns verwurzeln möchten, ausbreiten und gehbar machen wollen." Den Spuren Christi folgen, das bedeutet ja, genau das zu tun, was der selige Gerhard Hirschfelder in seinem pastoralen Wirken durch Predigt, Pastoral und Sakramentenspendung getan hat, nämlich dem treu zu bleiben, was der Herr uns anvertraut hat.

Und deshalb passt auch der Text, liebe Schwestern und Brüder, der heute Nachmittag als Lesung für diese Schlussandacht ausgewählt worden ist. Es ist ein Abschnitt aus der Gebetstradition des Volkes Israel. Der 85. Psalm enthält den bemerkenswerten Satz: "Hören will ich, was Gott redet" (Ps 85,9). Hören will ich, was Gott redet - nur wenn man diesen Satz von ganzem Herzen aufnimmt, beherzigt, kann man intensiver den Spuren Christi folgen: Hören will ich, was Gott redet.

Liebe Schwestern und Brüder, will ich das hören? Ist das ein Leitwort, das wir mitnehmen, wenn wir Telgte verlassen und wieder in unsere Familien und Gemeinden zurück kehren? Ist das etwas, was in uns Spuren hinterlässt, die wir auch dann  noch zum Gehen bringen, wenn wir nicht mehr in dieser landsmannschaftlichen Intensität zusammen sind? Hören will ich, was Gott will! Welch eine Herausforderung, gerade in unseren Tagen. Was klingt uns alles in den Ohren, was tönt alles um uns an Stimmengewirr? Und dann zu sagen: "Hören will ich, was Gott redet." Das ist ja gar nicht so einfach unter der Fülle der Stimmen, unter dem Lärm der Musik und der Massen die Stimme Gottes zu vernehmen, dieser inneren Intention weiter zu folgen. "Hören will ich, was Gott redet." Deshalb ist diese Stunde heute Nachmittag eine großartige Möglichkeit, diesen Willen in uns zu festigen. "Ich will hören, was Gott redet." Das kann ich Ihnen nur vorleben, in Ihrem Herz muss es sozusagen greifen.

Liebe Schwestern und Brüder, es ist noch kaum eine Woche her, dass ich mit vielen tausenden jungen Menschen in Madrid gewesen bin. Natürlich ging es dort auch laut zu. Wo junge Menschen sind, muss das auch so sein. Das gehört gewissermaßen zum Vorrecht der Jugend zu jubeln, zu singen, zu tanzen und das nicht einfach mit leisen Melodien zu tun. Aber all diesen Jugendlichen ging es darum zu hören, was Gott redet. Das habe ich in ganz besonders intensiver und dichter Weise in den drei großen Katechesen, die ich zu halten hatte, erfahren dürfen. Andere bischöfliche Mitbrüder haben mir das ähnlich erzählt, seien sie aus unserem Land oder aus anderen Ländern der Erde. Mitten in der brüllenden Hitze von Madrid stundenlang auszuharren und zu hören, was Gott redet: Das gibt Hoffnung und Zuversicht, dass die Stimme Gottes aufnahmebereite Herzen auch heute noch antreffen kann! Ich möchte Sie einladen, sich in diesen Strom hineinzustellen oder einfach zu sagen, da bin ich schon drin, ich mache weiter mit. Es ist der Strom, in dem mittendrin auch die Frau steht, die hier in Telgte in besonderer Weise verehrt wird, denn ohne ihr offenes Ohr, ohne ihre Bereitschaft zu hören, was Gott redet, wären wir nicht Christen, wäre der Sohn Gottes nicht in die Welt gekommen. Hätte sie sich dem Anruf Gottes verweigert, dann stünden wir leer da. Deshalb ist die Verehrung der Gottesmutter immer auch ein Zeichen der Dankbarkeit, und in dieser Dankbarkeit liegt zugleich die Bitte, dass sie uns unterstütze in dem festen Willen: "Hören will ich, was Gott redet."

Und dann heißt es in dem Psalm, liebe Schwestern und Brüder, "Frieden verkündet der Herr seinem Volk und seinen Frommen, den Menschen mit redlichem Herzen" (Ps 85,9). Was Gott redet, ist Friede und bringt Frieden. Das ist eine Herausforderung für das eigene Herz, das nicht immer friedvoll ist. Das ist eine Herausforderung für unsere sozialen Beziehungen in Familie, Gesellschaft, Kirche, Staat. Das ist eine Herausforderung für Europa und für die gesamte, mittlerweile globalisierte Welt. Was Gott redet, ist Frieden und kann Frieden schaffen. Wenn ich also hören will, was Gott redet, dann bin ich herausgerufen, die Bereitschaft, Bote des Friedens zu sein, in mir weiter entwickeln zu können. Aber er gibt mir die Kraft dazu, denn wenn von Ihm der Friede ausgeht, dann ist dieser Friede sicher, sicherer als all das, was Menschen zu bieten haben. Und in diesem Frieden liegt Heil, in diesem Frieden liegt das Offenbarwerden Seiner großen Güte und Liebe. Dann können Huld und Treue sich begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen!

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Text aus dem Gebet des 85. Psalms verbindet Himmel und Erde. Wenn jemand bereit ist zu hören, was Gott redet, dann wird in ihm die Kraft wachsen zu einer großen Treue – diesem Gott treu zu sein. Denn das ist ja schon ein Geschenk an sich, dass er überhaupt zu uns redet, dass wir ihn vernehmen können, dass wir ihn nicht blind suchen müssen, sondern dass er ein Wort für uns hat. Ja, dass dieses Wort Gestalt geworden ist in Jesus von Nazareth, dass er unser Friede ist, wie der Apostel Paulus im Epheserbrief sagt, weil er an seinem Kreuz all die unterschiedlichen Spannungsmomente versöhnt hat und es ihm ins Herz gegangen ist, weil er uns treu sein wollte (vgl. Eph 2,15). Er, der sozusagen vom Himmel her kommt und uns die Gerechtigkeit Gottes bringt, nämlich dass Er richtet, dass Er alles in Ordnung schafft, und zugleich aus der Erde, nämlich Maria, hervor spross und darin am deutlichsten die Treue Gottes bekundet, gibt die Möglichkeit, dass auch wir treu sein können, dass auch wir in allem Ringen um Versöhnung und Frieden, um Gerechtigkeit und Heil unsere Schritte wagen können. Sie haben das als Glatzer in der Versöhnung mit Polen und Tschechien getan. Tun Sie es auch weiterhin, denn Sie sind damit ein lebendiges Zeugnis, dass Christen die Welt umgestalten können, mitten in den Verwirrungen von soviel Unrecht.

Liebe Schwestern und Brüder, hören will ich, was Gott redet, bedeutet Friede, Heil, Gerechtigkeit Treue. Was heißt das aber auch für unsere Lebensgestalt in Staat und Gesellschaft heute? Sie wissen, dass wir als Christen, wenn wir der Spur des Herrn folgen, es nicht immer leicht haben, weil nämlich der mainstream in unserer Gesellschaft ganz andere Wege und Spuren geht. Denken Sie an die Auseinandersetzung um die Präimplantationsdiagnostik. Es ist nicht so gekommen, wie wir es als Christen verantwortlich gesehen haben. Das zeigt, dass in unserer Gesellschaft die Notwendigkeit wächst, dass Christen aufstehen, so wie es Kardinal Clemens August von Galen oder Gerhard Hirschfelder vor 70 Jahren getan haben. Es ist für mich schon erschütternd zu sehen, dass 70 Jahre nach den großen Predigten unseres Kardinals ein Buch erscheint, in dem er sehr negativ dargestellt wird, ihm unsittliche Dinge nachgesagt werden. Da müssen wir uns gegen erheben. Und wenn Sie das können, kaufen Sie solche Bücher nicht. Sagen Sie denen, die es lesen und meinen, das sei wahr, dass das Schundliteratur ist.

Liebe Schwestern und Brüder, es gibt so viele Möglichkeiten. Mich hat das berührt, dass Ihr seliger Gerhard Hirschfelder es damals wagte zu sagen: "Wer Christus aus den Herzen der Jugendlichen reißt, ist ein Verbrecher." Und mit diesem einen Satz hat er sein eigenes Todesurteil gesprochen. Wo stehen wir auf, dass Gerechtigkeit und Friede von Gott her kommen? Das sind die Aufgaben, die uns gestellt sind. Sie können nur bewältigt werden, wenn wir ein Herz haben, das aus der Bereitschaft lebt, auf Gott zu hören. Deshalb können wir nicht Christen sein ohne Gebet und sonntägliche Eucharistie, ohne Bußsakrament und das immer wieder neue Sich-Bekehren.

Liebe Schwestern und Brüder, wir dürfen gewiss sein, dass dieses christliche Zeugnis, Ihr Zeugnis, auch heute für den Humus dieser Erde Fruchtbarkeit bringen wird. "Hören will ich, was Gott redet. Frieden verkündet der Herr auch heute. Treue sprosst aus der Erde hervor, Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder. Dann spendet der Herr Segen und unser Land gibt seinen Ertrag. Gerechtigkeit geht vor ihm her und Heil folgt der Spur seiner Schritte."

Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. Amen.

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Text: Bischof Felix Genn
27.08.2011

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