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Seite: Aktuelles  >  Dokumentiert: Predigt von Weihbischof Geerlings am Stephanustag
23.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Weihbischof Geerlings am Stephanustag

Bistum. Weihbischof Dieter Geerlings hat am zweiten Weihnachtstag (26.12.2011) in der Überwasserkirche in Münster ein Pontifikalamt zum Fest des heiligen Stephanus gefeiert. - kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, ist Stephanus, der erste Märtyrer der jungen Kirche, der Haken des Weihnachtsfestes? So nach dem Motto: da ist doch noch ein Haken am Weihnachtsfest!

Jedenfalls scheint seine Gestalt nicht zu dem so genannten Frieden des Weihnachtsfestes zu passen, - wo sogar die Finanzämter in diesen Tagen die Bürger schonen. Und jetzt schon am 2. Weihnachtstag dies!

Die Steinigung des Stephanus scheint geradezu der Beweis dafür zu sein, dass bald etwas schief gehen muss, wenn es zu lange schön war.

Solche Sichtweise prägt ja manchmal auch unser Leben: Ich darf dem Glück nicht trauen. Es scheint nur Vorbereitung zu sein für den nächsten Schlamassel.

Ist Stephanus solch’ ein Haken am Weihnachtsfest? Vielleicht. Vielleicht aber eher ein besonderer Lichtpunkt, der etwas Wichtiges an Weihnachten beleuchtet für unsere Existenz als Christen überhaupt.

Ich möchte das einmal so sagen: An Weihnachten, am Geburtsfest Christi feiern wir: Gott hat in Jesus Christus definitiv Ja zur Welt und zum Menschen gesagt. Er hat nicht Nein dazu gesagt. An Ostern wird dieses Ja Gottes endgültig bestätigt, trotz aller Kreuze, trotz allen Leidens in dieser Welt, das damit noch nicht abgeschafft ist. An Pfingsten feiern wir, welche positiven Auswirkungen dieses Ja Gottes in der Geschichte hat bis heute.

Was heißt das für unseren Glauben, für uns als Christen? Unser christlicher Glaube ist keine Verneinung. Glaube bedeutet, dieses Ja Gottes zum Menschen und zur Schöpfung dankbar anzunehmen, sich schöpferisch anzueignen – und zwar: dass Gott zu allen Menschen Ja gesagt hat, zu allen Völkern – ohne Ausnahme. Ja, dieses Ja-Wort Gottes gilt grundsätzlich auch dann, wenn Menschen sündig sind, wo sie gottlos sind, ja gottunfähig sind. Gott nimmt den Menschen an ohne Vorleistung – trotz aller Schuld.

Das ist wohl – auf den Punkt gebracht – die Predigt des Stephanus gewesen, – die bei den Gesetzestreuen das Fass zum Überlaufen brachte. Jetzt vom Ereignis Jesu Christi her dazu Ja sagen, dass Gottes Gnade – also sein liebendes Wirken im Menschen – allen menschlichen Erlösungsund Befreiungsbemühungen voraus liegt. Dieses Bemühen des Menschen wäre ja sonst selbstherrlich.

Unser Glaube ist also primär als Kraft zu verstehen, die der Welt- und Menschengeschichte grundsätzlich zustimmt. Das ist die Zustimmungskraft des Glaubens, wie es einmal jemand treffend ausgedrückt hat.

Ja, da ist aber doch ein Haken dran! Ja, irgendwie – irgendwie schon. Dafür steht Stephanus mit seinem Leben, mit seiner Predigt, mit seinem Zeugnis, mit seinem Martyrium. Dafür steht im Grunde genommen jeder Zeuge des Glaubens.

Was ist denn jetzt der Haken? In der grundsätzlichen Zustimmung zur Welt – wenn man von Weihnachten nichts weiter sagen würde – da liegt die Gefahr, einfach zu allem dann Ja und Amen zu sagen: wie die Menschen miteinander umgehen, wie sie sich das Leben auf Kosten anderer gestalten, wie sie sich Freiheiten herausnehmen, mit denen sie andere niederzwingen, wie man die einen ausschließt und die anderen nicht, wie man gnadenlos mit Flüchtlingen umgeht und ihnen Zukunftsperspektiven auch in unserem Land einfach abschneidet, indem man nicht in der Lage ist, wirklich ein Bleiberecht zu formulieren, wie die Menschen mit der Schöpfung, mit der Umwelt umgehen, wie sie sich einander bekriegen und sich schwer tun, die Konflikte beizulegen. Zu all dem das Ja des Glaubens!?

Dann hätte dieses Ja Gottes mit der wirklichen Gestalt dieser Welt eigentlich nichts mehr zu tun. Tatsächlich spricht Gott sein Ja in Jesus Christus, an Weihnachten, nicht spannungslos an den Fakten vorbei. Das sehen wir allein schon daran, wie Jesus auf die Welt kommt. Im Ja Gottes ist immer noch ein Nein vorhanden, wenn auch auf einer anderen Ebene als dieses grundsätzliche Ja.

Christsein würde doch in dem Maße erschlaffen und in den Ausverkauf geraten, wenn nicht auch Gottes Nein zur tatsächlichen Menschheitsgeschichte zu Wort käme. Die Gnade würde verbilligt, der Glaube würde zum Suchtmittel, aus dem Schöpfer und Herrn der Welt würde bloß der liebe Gott. Der liebe Gott, der ist ja nicht unbedingt der Gott der Liebe. In dem Wort vom lieben Gott, da wird Gott zum Kuschelfaktor gemacht, bei dem eigentlich alles erlaubt ist.

Ja: Gott hat nur Ja zur Welt und zum Menschen gesagt – das feiern wir am 1. Weihnachtstag – freilich in der konkreten Geschichte Jesu Christi. Diese impliziert das Kreuz. Dafür steht Stephanus am 2. Weihnachtstag. Damit das Ja wahr ist und wahrhaftig gesprochen wird, auch von uns.

Nicht zufällig ist das griechische Wort für Bekennen und Martyrium dasselbe. Nicht zufällig gerät der Glaube, wenn er konkret wird, in den Prüfstand – und in Konsequenz unter Anklage.

Wer bekennt, steht vor einer Öffentlichkeit gegenüber Bestreitern, Gegnern und Feinden für eine Wirklichkeit ein, die ihm lebenswichtig geworden ist und für die er andere nach Kräften gewinnen will. Und wo christlicher Glaube keinen Widerspruch erführe und selbst zu Widerspruch nicht fähig wäre, da stünde er im Verdacht, konformistisch zu sein.

Wo das Ärgernis des Glaubens verloren ginge, verblasste die Überzeugungskraft des Glaubens. Allerdings ist nicht jedes Ärgernis, das Christen und Kirchen geben, schon ein solches Ärgernis des Glaubens. Da sollten wir uns nichts vormachen.

Vom Ärgernischarakter des Glaubens zu reden, das kann auch eine Ideologie sein. Man kann sich mit diesem Wort gegen notwendige Entwicklungen und Reformen der Kirche sperren. Man kann mit dem Wort Ärgernis Traditionen verteidigen, die eigentlich obsolet geworden sind und den Zugang zum Glauben eher versperren als dass sie ihn fördern.

Der selige Papst Johannes XXIII. sagte in seiner Eröffnungsansprache zum letzten Konzil, dass unser Glaube sich in allen gesellschaftlichen, geistigen, politischen Krisenzeiten und Umbruchsituationen immer dadurch bewährt hat, dass er einerseits an bestimmte Phänomene der Umgebung anknüpfte – kulturell, organisatorisch, gedanklich – und sogleich gegen herrschende Plausibilitäten durch ein eigenes Profil widerständig blieb. Die Kirche soll also ihre Aufmerksamkeit nicht vom Schatz ihrer Wahrheit abwenden. Aber sie müsse dem Rechnung tragen, dass neue Umweltbedingungen und neue Lebensverhältnisse geschaffen sind. Und die müssen im Glauben mitbedacht werden.

Wir leben hier in einer missionarischen Grundsituation. Wir haben die Gnade, dass wir frei sprechen können aus dem Glauben heraus. Wir werden hier Gott sei Dank nicht verfolgt. Bei uns lebt es sich sehr leicht als Christ. Das ist in vielen Weltregionen nicht der Fall. Christen erleben Verfolgung aus unterschiedlichen Gründen. Das wird hier leider kaum zur Kenntnis genommen. Aber wir brauchen auch in unserer Situation der Mission Zeugen des Glaubens. Und Mission heißt zeigen, was man liebt.

Gerade der Gottunfähigkeit mancher heutiger Menschen kann Kirche nur in dem Maße gerecht werden, in dem sie die Geister unterscheidet und Alternativen öffnet und anbietet. Deshalb ist der Dialogprozess so wichtig.

Wenn wir abschließend noch einmal in die Szene mit der Steinigung des Stephanus hineinschauen, wird noch dies deutlich: Stephanus erfährt eine innere Gewissheit, ja göttliche Ermutigung: es stimmt, was ich glaube und sage. Dafür steht seine Rede vom geöffneten Himmel.

Er stirbt nicht im Hass auf seine Gegner, sondern im Verzeihen. Er braucht die selben Worte wie Jesus am Kreuz: "Herr, rechne ihnen die Sünde nicht an." So auch die letzte Tagebucheintragung des Seligen Karl Leisner. So etwas ist ein Glaubwürdigkeitsbeweis christlicher Zeugen.

Oder ich denke an den jüngsten der vier Lübecker Märtyrer, die in diesem Jahr selig gesprochen worden sind, an Vikar Hermann Lange, 31 Jahre alt - also in einem Alter, in dem man normalerweise nicht ans Sterben denkt und sich noch weniger aufs Sterben freut. Doch er zitiert am Tag seiner Hinrichtung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper: "Freut Euch, nochmals sage ich Euch, freut Euch … heute kommt die größte Stunde meines Lebens."

Wir fragen: Wie ist es möglich, im Angesicht der Hinrichtung so zu schreiben? Es gibt eigentlich nur eine Antwort. Wer so schreibt, der weiß sich mit Gott eins und sagt Ja zu ihm. Und er ist frei vom Hass gegen die Menschen.

Man sollte schließlich nicht übersehen, dass der Apostel Paulus als Saulus bei der Steinigung des Stephanus vorkommt. Da kommt ein Mann in den Blick, der noch abseits steht, der Gefallen hat an der Steinigung des Stephanus und dessen Leben sich aber eines Tages radikal ändern wird. Während der erste Zeuge Jesu als Märtyrer stirbt, hat Gott schon seine Pläne, einen weiteren Zeugen zu berufen, auch wenn der noch zur Gegenseite gehört! Offensichtlich überliefert die Apostelgeschichte es so, um deutlich zu machen, dass nichts Gottes Plan aufhalten kann, diese Welt und den Menschen zu bejahen. Und dass Gott im vermeintlichen Niedergang schon längst die Zeichen des Neubeginns und des Aufbruchs setzt. Dafür sollen wir Zeugen sein. Hakt es? - Amen.

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Text Weihbischof Dieter Geerlings
26.12.2011

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