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23.05.2012
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Dokumentiert:

Bischofswort zur Österlichen Bußzeit 2011

Bistum. In den Gottesdiensten am ersten Fastensonntag (13.03.2011) wendet sich Bischof Felix Genn mit einem Wort an die Gläubigen im Bistum Münster. - kirchensite.de dokumentiert das Wort zur Fastenzeit.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Herzlich grüße ich Sie zu Beginn der Österlichen Bußzeit, die uns jedes Jahr die Möglichkeit schenkt, uns intensiv auf die große Feier des Ostergeheimnisses vorzubereiten. In diesem Jahr kommt mir eine Anregung unserer evangelischen Schwestern und Brüder zu Hilfe, die das Jahr 2011 zum "Jahr der Taufe" erklärt haben. Ich betrachte es als ein schönes Zeichen ökumenischer Verbundenheit, wenn wir gemeinsam auf dieses Grundsakrament schauen, das uns über alle Grenzen der Konfessionen hinweg verbindet. Gerne möchte ich daran anknüpfen und Ihnen einige grundsätzliche Überlegungen vorstellen, die für mich auch im Hintergrund stehen, wenn wir in den kommenden Monaten und Jahren die Veränderungen unserer Strukturen mit geistlichem Leben füllen wollen.

I. Gott bekannt machen

Vor einigen Wochen habe ich in einer kleinen Gruppe einen Austausch erlebt über die Frage, was uns in dieser Zeit der Kirche besonders wichtig ist, und wie wir unsere Sendung als Christen umschreiben sollen. Jemand sagte, er wünsche sich von Herzen, dass wieder mehr Menschen den Schatz entdecken, der in der Gemeinschaft der Kirche liegt. Mehrere Teilnehmer äußerten sich, es käme ihnen darauf an, dass wir in unserer Gesellschaft dafür sorgen, die Frage nach Gott wach zu halten. Es wäre sicherlich interessant, wenn Sie sich in Ihrer Gemeinde einmal mit dieser Frage beschäftigen: "Worin liegt unsere Sendung als Christen heute? Worauf kommt es wirklich an?"

Die Betrachtung der Texte des ersten Fastensonntages haben in mir die Erinnerung an diesen Austausch wach gerufen. Mir fällt nämlich auf, dass Jesus bei den drei Versuchungen, von denen der Evangelist berichtet, immer wieder zurückgreift auf das Wort Gottes: "In der Schrift heißt es" (Mt 4,4.7.10.). So hält Jesus dem Versucher entgegen und zitiert Stellen, in denen es ausdrücklich und zentral um Gott geht: Dass der Mensch nicht nur vom Brot, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund lebt, dass der Mensch Gott nicht auf die Probe stellen soll, und dass er allein und nur vor Gott sich niederwerfen und ihm dienen soll.

Jesus hält also die Frage nach Gott wach, mehr noch: Er hält den Anspruch Gottes aufrecht. Mich provoziert das zu der Frage, ob ich damit Menschen für die Kirche gewinnen kann. Von Gott zu sprechen bedeutet nämlich, ihm den ersten Platz einzuräumen, zu akzeptieren, dass ich Zweiter bin, anzuerkennen, dass der Mensch ein geschaffenes Wesen ist, sich Gott ganz und gar verdankt. Ja, es bedeutet sogar, dass der tiefste Hunger unseres menschlichen Lebens nur von Gott und seinem Wort gestillt werden kann.

In der ersten Lesung haben wir gehört, wie das Gottesvolk Israel, aus dem Jesus stammt, seinen Glauben an diese Wirklichkeit in eine bildhafte Sprache gebracht hat: Gott schafft den Menschen und haucht ihm den Lebensatem ein (vgl. Gen 2,7). Gott schenkt den Menschen die Natur und die gesamte Schöpfung, wünscht aber zugleich, dass er seine Grenzen beachtet und sich nicht anmaßt, wie Gott sein zu wollen. Genau das wird dem Menschen zur Versuchung – von Anfang an bis heute. Jeder von uns kennt die Überlegung, ob Gott nicht der Konkurrent unseres Lebens ist, ob wir nicht, wenn Gott in unser Leben eintritt, auf die Verliererseite geraten, weil Gott uns das Leben mit seinen Schönheiten und Möglichkeiten beschneiden will, ob wir nicht besser dran sind, ja sogar klüger und weiser werden, wenn wir Gott außen vor lassen. Die technischen Möglichkeiten, die uns heute gegeben sind, und die den Bereich des menschlichen Lebens, vor allem am Anfang und am Ende, berühren, sprechen in diesem Zusammenhang eine deutliche Sprache. Wir spüren: Hier ist Entschiedenheit und Entscheidung angesagt.

Von Karl Marx stammt das Wort, dass der Mensch erst dann wahrhaft frei ist, wenn er sich niemandem mehr zu verdanken braucht. Die Grundentscheidung des Christen ist genau das Gegenteil. Jesus lebt es uns vor, wenn wir den Versuchungen, die der Evangelist Matthäus heute beschreibt, nachgehen. Es geht ihm nicht darum, nur auf sich selbst und das eigene Wohlergehen zu achten. Es geht ihm nicht darum, dass sich alles um ihn dreht, dass alle, auch die Engel, um ihn kreisen. Es geht ihm nicht darum, sich alle Dinge zu Nutze zu machen und die Welt zu beherrschen. Seine Freiheit besteht darin, dem Wort Gottes Raum zu geben, sich von ihm zu nähren, sich an ihm zu orientieren, und Gott Gott sein zu lassen.

II. Taufe vollzieht die Grundentscheidung Jesu nach

Liebe Schwestern und Brüder, wenn Menschen sich taufen lassen, stellen sie sich mit Jesus auf seinen Standpunkt. Sie entscheiden sich so, wie er sich damals in der Wüste entschieden hat. Sie sehen die Welt aus der Perspektive Gottes. Sie möchten mit ihrer Entscheidung dazu beitragen, dass die Welt nicht zur Wüste wird, weil sie Gott außen vor lässt. Gerade das vergangene Jahrhundert hat uns allen gezeigt, wie dies geschehen kann, wenn der Mensch nicht mehr auf die Stimme Gottes hört, sondern seine Freiheit darin sieht, sich niemandem mehr zu verdanken. Dann wird der Garten Gottes, von dem die erste Lesung spricht, wahrhaftig zur Wüste.

Ich sehe einen tiefen Zusammenhang zwischen der Rede vom Paradies und der Erzählung von der Versuchung Jesu in der Wüste. Sie zeigt uns, dass Jesus als der Sohn Gottes bewusst in diese Abgründe geht, die der Mensch dadurch geschaffen hat, dass er sich von Gott abwendet. Er stellt sich in die Situation der Versuchung hinein, Gott auf die Probe zu stellen. Er ist in der Tat gekommen, um Gottes Reich in dieser Welt aufzurichten. Nun macht er die Versuchung durch, sich ganz und gar von Gott abzuwenden, sozusagen die Tiefen des Bösen auszukosten, und ungehorsam gegenüber seiner Sendung zu sein. Aber er widersteht. Er lässt Gott Gott sein, behält so den Geschmack am Guten, zeigt so auf, dass die wirkliche Freiheit des Menschen genau darin besteht, sich von Gott beschenken zu lassen.

Liebe Schwestern und Brüder, in sehr komplizierten Worten hat der Apostel Paulus uns das heute in der zweiten Lesung aus dem Römerbrief vor Augen gestellt. Er zeigt uns Jesus als den, der wirklich der Sendung treu bleibt, die ihm vom Vater aufgetragen ist, der dessen Willen erfüllt und nicht der Versuchung erliegt, sich von Gott zu entfernen, Gott als Konkurrent oder sogar als Feind anzusehen. Mag auch die Abwendung von Gott in der Welt noch so groß sein, Jesu Widerstand gegen die Versuchung und sein vollkommener Gehorsam bis zum Tod am Kreuz, haben eine unübertreffliche Kraft. Diese ermöglicht uns, frei zu werden von allen Zwängen, sich selbst zu behaupten. Sie ermöglicht uns, im Geist Gottes zu leben, mit ihm in Gemeinschaft zu sein und so die wirkliche Freiheit zu erfahren. Die Taufe schenkt uns diese Gaben. In ihr wird uns die Frucht zuteil, dass Jesus nicht umsonst versucht wurde, nicht umsonst gelitten hat. Im Gegenteil: Es ist das Umsonst seiner Liebe, das wir einfach und schlicht empfangen können. Darin sind wir mit allen verbunden, die den Namen Christi tragen.

III. Was ist unsere Sendung als Christen?

Liebe Schwestern und Brüder, in unseren Gemeinden streiten wir uns oft, wie die zukünftigen Strukturen der Pfarreien aussehen. Wir verwenden viel Energie darauf, die heimatlichen Orte und Beziehungen zu bewahren. In ihnen steckt zweifellos ein Wert; denn die Gemeinschaft des Glaubens leben wir nicht im luftleeren Raum. Aber mitunter verschieben sich die Akzente, so dass die äußere Struktur wichtiger erscheint als das innere Leben.

Je mehr wir uns bewusst sind, welches Geschenk die Taufe bedeutet, umso mehr wird uns klar, dass wir als Christen herausgerufen sind zum Bekenntnis: "Ohne Gott kann es in dieser Welt nicht gut gehen." Mit dem Gott, den Jesus gezeigt hat, der sich in Jesus uns ganz geschenkt hat, kann die Welt zu einem Ort werden, an dem Menschen ihrer Würde gemäß leben können. Das zu erklären ist nicht mehr selbstverständlich. Es führt zu Reibungen mit gesellschaftlichen Tendenzen, gängigen Meinungen, oft auf den ersten Blick sehr einsichtigen Lösungen. Wer von Gott spricht, wer sich in die Entscheidung Jesu hinein begibt, wer aus dem Geschenk der Taufe lebt, wird immer in einer gewissen Weise quer stehen zu dem, was vermeintlich als gut angesehen wird.

Dieser Auseinandersetzung können wir uns als Christen nicht entziehen. Für diese Auseinandersetzung aber brauchen wir eine innere Kraft. Sie wird uns Sonntag für Sonntag in der Feier der Eucharistie, im gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes, im persönlichen Gebet, im Austausch in Glaubensgruppen und nicht zuletzt auch durch den Empfang des Bußsakramentes erschlossen. Fastenzeit bedeutet, dass wir uns diesen Quellen wieder zuwenden. Fastenzeit bedeutet, in allen Diskussionen um Strukturen und Reformen in der Kirche auf diese innere Mitte zu schauen und sich von ihr her zu Christen formen zu lassen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass die Österliche Bußzeit bei allem Ernst Ihnen die Freude darüber schenkt, Christ zu sein. In der Osternacht werde ich mich mit Ihnen allen verbinden in der Erneuerung des Taufbekenntnisses und in der Dankbarkeit, mit Ihnen Christ sein zu können.

Für diesen gemeinsamen Weg und unser gemeinsames Suchen segne Sie der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Ihr Bischof Felix Genn

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Text: Bischof Felix Genn
12.03.2011

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