Dokumentiert:
Erklärung zum Erntedankfest am 2. Oktober 2011
Bistum. Das Bistum Münster sowie die Diözesen Essen und Paderborn, die Evangelische Kirche von Westfalen, die Lippische Landeskirche und der Westfälische-Lippische Landwirtschaftsverband haben eine gemeinsame Erklärung zum Erntedankfest am Sonntag (02.10.2010) veröffentlicht. Für das Bistum Münster wurde der Text von Bischof Felix Genn unterzeichnet. - kirchensite.de dokumentiert die Erklärung:
Erntedank in einer Zeit drängender Probleme
Die Feier des Erntedankfestes hat in unserem Land eine lange und gute Tradition. Sie ist und bleibt ein Höhepunkt im Jahresverlauf einer jeden Bauernfamilie, gibt Anlass zu Dank und Besinnung auf das, was uns durch den Schöpfer und unserer Hände Arbeit geschenkt wurde. Auch in diesem Jahr können wir Gott dankbar sein für eine Ernte, die wie immer regional unterschiedlich ausgefallen ist, im Ergebnis aber zufriedenstellen kann. Erntedank ist für viele Menschen in unserer Heimat ein Anker der Hoffnung in einer Welt, die sich schneller dreht als je zuvor und deren Probleme immer drängender werden.
Unsere Landwirtschaft – ein Sektor mit Grenzen
Viele Bauernfamilien in Westfalen-Lippe freuen sich über das gestiegene Interesse an der Landwirtschaft, die zur Lösung der großen Fragen unserer Zeit einen beachtlichen Beitrag leisten kann. Dabei soll und muss die Ernährung der Menschen weiter im Mittelpunkt stehen. In diesem Jahr ist die Zahl der Erdenbürger auf 7 Milliarden gestiegen. Trotzdem hungern heute über 1 Milliarde Menschen, die meisten davon Bauern. Die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika erinnert uns schmerzhaft daran, welche verheerenden Konsequenzen das Zusammenspiel von Dürreperioden, Klimawandel, Misswirtschaft, Bürgerkrieg und dem Versagen staatlicher Organe haben kann. Die hungernden Menschen brauchen schnelle Hilfe, auch aus Deutschland. Langfristig aber brauchen sie vor allem rechtsstaatliche Verhältnisse und eine starke heimische Landwirtschaft, um sich selbst versorgen zu können. Auch vor diesem Hintergrund lehnen wir die weltweite Spekulation mit Nahrungsmitteln als ethisch nicht vertretbar ab. Ernährung sichern, heißt Frieden sichern – an diese Botschaft werden wir im laufenden Jahr dringlich erinnert.
Neue Herausforderungen: Klimaschutz und Energieversorgung
Nach dem Ausstieg aus der Kernenergie ist die Landwirtschaft mehr denn je gefordert, einen wesentlichen Beitrag zur heimischen Energieversorgung zu leisten. Klimaschutz heißt auch Schutz der Schöpfung, der Welt, die uns anvertraut ist. Heute gilt es, Konzepte zu entwickeln, welche die Interessen von Mensch, Tier und Umwelt, der ländlichen Räume ebenso berücksichtigen, wie die Strukturen innerhalb der Landwirtschaft. Die Ziele der Politik sind ehrgeizig, die Ressourcen jedoch begrenzt. Zu viele Ansprüche an eine schrumpfende Nutzfläche drohen die Landwirtschaft zu überfordern. Viele Bauernfamilien blicken daher mit Sorgen auf die Fülle von Aufgaben, die sie schultern sollen. Wir brauchen in der Öffentlichkeit eine ehrliche Diskussion über die Frage, welchen Zwecken unser Boden dienen soll. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln, die Bekämpfung des Klimawandels mit erneuerbaren Energien und der gleichzeitige Verlust wertvollen Acker- und Grünlandes durch den Ausbau von Infrastrukturen (neue Stromtrassen, Bau von Straßen und Gewerbegebieten plus deren Ausgleichsflächen) führen zu einem Zielkonflikt, der nach neuen Antworten verlangt.
Unsere Landwirtschaft – ein Sektor in der Kritik
Dioxin in Futtermitteln und der EHEC-Erreger waren die Skandale des Jahres. Bauern hatten schwere wirtschaftliche Verluste zu tragen, diese aber nicht zu verantworten. Dennoch hatten Teile der Medien und Politik die Landwirtschaft schnell als Urheber ausgemacht. Die arbeitsteilige Landwirtschaft und selbst die schlichte Tatsache, dass Bauern Tiere halten, Milch und Fleisch produzieren, werden zunehmend kritisiert. Wir sehen die Sorge, die aus mancher Kritik an den aktuellen Tierhaltungsformen spricht und stellen uns der Diskussion. Gleichzeitig appellieren wir an alle Beteiligten, dem Anderen mit Maß und Respekt zu begegnen, und den Dialog darüber zu suchen, was machbar ist und was besser werden muss. Denn die Landwirtschaft in Westfalen-Lippe lebt von der Tierhaltung, sie ist das Rückgrat unserer ländlichen und stadtnahen Räume.
Kirchen und Landwirtschaft vor dem demografischen Wandel
Viele Menschen fragen sich, welches Wachstum unsere Landwirtschaft braucht, um den Anforderungen der Zukunft zu genügen und gleichzeitig die Akzeptanz der Bevölkerung zu erhalten. Die Kirchen in Westfalen- Lippe und der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband sind bereit, sich engagiert an der Suche nach Antworten zu beteiligen. Unsere Landwirtschaft und die Kirchen stehen gemeinsam vor der großen Herausforderung, den demografischen Wandel mitzugestalten. Das Schrumpfen der Dörfer und die Abwanderung junger Menschen in die Städte bedrohen die Stabilität der Strukturen auf dem Lande. Viele Menschen sorgen sich um die Zukunft der medizinischen Versorgung, den Erhalt von Schulen und die Sicherstellung einer lebendigen Seelsorge vor Ort. Kirchen und Landwirtschaft haben gemeinsam das Ziel, die Lebensqualität in den Dörfern zu erhalten und diese für die Zukunft zu stärken. Das Erntedankfest ist ein guter Anlass, sich dieses Zieles neu bewusst zu werden.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
Kirche von A bis Z: Erntedank
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