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Seite: Aktuelles  >  Dokumentiert: Predigt von Bischof Genn zum Domweihfest am 02.10.2011
23.05.2012
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Dokumentiert:

Predigt von Bischof Genn zum Domweihfest

Münster. Am Sonntag (02.10.2010) beging Bischof Felix Genn im münsterschen St.-Paulus-Dom die äußere Feier des Domweihfestes. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder, dieses Gebet der Kirche wird anschaulich in der Geschichte, die wir soeben gehört haben, und die ausgewählt wurde im Blick auf das Gedächtnis der Weihe dieses Gotteshauses. Da ist einer, der genau das erfährt, dass Gott ihm mehr gibt, als er verdient, und Größeres, als er sich je ausdenken kann. Er nimmt von ihm weg, was sein Gewissen belastet und schenkt ihm den Frieden, den nur Gottes Barmherzigkeit geben kann. Dieser kleine Zachäus!

Liebe Schwestern und Brüder, lassen wir uns dieses Bild noch einmal etwas näher vor Augen und in unser Herz treten. Es ist ein Bild für Kirche. Jesus ist auf dem Weg zur Stadt Jerusalem, zum Gottesberg Zion. Darauf schreitet er zu. Dabei durchquert Er eine Stadt mit dem Namen Jericho. Er geht durch diese Stadt hindurch und erlebt, dass ihm viele  Menschen folgen. Die einen werden vielleicht deshalb kommen, weil sie manches von ihm gehört haben und nun sehen möchten, was das denn für ein Mensch ist, von dem man so viel erzählt. Manche werden es mit einer inneren Bereitschaft tun, von Ihm etwas zu erfahren, das ihr Leben bereichert, das bestätigt, was viele andere mit Ihm erfahren durften. Andere werden sehr skeptisch zuschauen, was das denn für ein Volksauflauf ist, der hinter diesem Mann aus Galiläa hergeht. Unterschiedlich sind die Motivationen der Menschen, die sich in dieser Stadt um Ihn scharen.

Einer hat eine ganz besonders tiefe Sehnsucht. Der Evangelist bemerkt: „Er sucht Jesus zu sehen“ (Lk 19, 3). Deshalb nimmt er es auf sich, auf den Baum zu steigen, auch wenn ihm das möglicherweise Hohn und Gelächter einbringt. Sie kennen ihn ja alle, diesen Betrüger Zachäus, der so viel in die eigene Tasche sammelt. Er kann gar nicht damit rechnen, dass Jesus ihn sehen kann bei diesem Lärm und bei der Schar der Menschen. Ihm aber geht es darum, dass seine Suche zu einer Erfüllung kommt, diesen Mann zu sehen. Vielleicht weiß er selber gar nicht in seinem Herzen, was in dieser Suche noch mehr mitschwingt. Er erfährt: Er ist im Blick Jesu. Jesus hat ihn im Blick. Ausgerechnet ihn. In dieser großen Zahl schaut Er auf diesen Betrüger, der das gar nicht verdient hat, dessen Gewissen belastet ist. Den ruft Er an. Er geht in seine Suchbewegung hinein, als ob Er ihn gesucht hätte und ruft ihm zu, herabzusteigen und mit Ihm zu kommen. Ja, er sagt ihm zu: „Ich muss heute in deinem Haus bleiben“ (Lk 19, 5). Es gibt einen inneren Drang, die innere Notwendigkeit, die nur aus der Liebe kommen kann, bei dir zu bleiben, bei dir, ausgerechnet dem Oberzöllner.

Liebe Schwestern und Brüder, werfen wir von dieser Szene einen kurzen Blick auf  die beiden Lesungen, die dem Evangelienbericht von heute vorangehen. Das Volk Israel macht zunehmend die Erfahrung, dass die Nähe Gottes, die ihm geschenkt ist, allen Völkern gelten soll, nicht exklusiv nur für dieses eine Volk bestimmt ist. Ein Prophet bringt es in das Bild, dass die ganze Menschheit hinpilgert zur Stadt Jerusalem, zum Gottesberg Zion, sich also auf den Weg macht, den gerade Jesus hier geht, damit der Tempel - das Haus Gottes - ein Haus für alle Völker wird. Hier in dieser Szene aus dem Leben Jesu beginnt diese Vision des Propheten Wirklichkeit zu werden. In diesem Zug Jesu nach Jerusalem nimmt er ausgerechnet den mit, der es gar nicht verdient hat. Dem sagt er nicht: „Heute musst du bei mir im Hause sein, damit wir gemeinsam im Haus Gottes sind“, sondern: „Mein Haus ist dein Haus, da will ich meine Bleibe haben“ (vgl. ebd.).

Jahrzehnte nach der Auferstehung des Herrn verkündet ein biblischer Schriftsteller einer Gemeinde, die diese ganze Überlieferung des Gottesvolkes Israel kennt, was es eigentlich heißt, dass Gott uns in Jesus Seine Nähe geschenkt hat: Dass Er die Menschen aller Völker versammeln will, und dass Er deshalb auf dem Berg Golgotha, in der Stadt Jerusalem, Sein Blut gegeben hat. Dieser biblische Schriftsteller greift darauf zurück, was das Volk Israel schon seit Jahrhunderten als Überlieferung kennt. Damals wollte Gott dem Volk nahe sein am Berg Sinai. Aber diese Nähe hatte eine solche Wucht und Gewalt, dass dem Volk die Grenze gesetzt werden musste. Es hätte sonst die Gegenwart Gottes nicht ertragen können. Die Worte, die Gott am Sinai spricht, wären für die Ohren des Volkes zu stark gewesen. Und jetzt: Gott spricht ganz nahe. Seine Worte sind keine Worte, die erschlagen; Seine Nähe ist keine Nähe, die erdrückt: „Zachäus, komm schnell herunter/ Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein“ (Lk 19, 5). Diese Erfahrung fasst der Schriftsteller des Hebräerbriefes in das Wort: „Denn ihr seid nicht zu einem sichtbaren, lodernden Feuer hingetreten …. Zum Klang der Posaunen und zum Schall der Worte, bei denen die Hörer flehten, diese Stimme solle nicht weiter zu ihnen reden. Ihr seid viel mehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, zum himmlischen Jerusalem …. Zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind …“ (Hebr 12, 18-19. 22-23). Das Erstgeburtsrecht, das dem Sohn zusteht, gilt jetzt allen, die Gott ruft. Auch die Namen derer, die mit Sünde und Schuld beladen sind, sind verzeichnet in seinem Buch: Du und ich, wir sind diese Erstgeborenen, dieser Zachäus. Oder: Wo gehöre ich hin? In die große Schar, die mit Jesus heute durch die Stadt der Welt zieht? Wo ist mein Platz? Bei den Neugierigen? Bei den Skeptikern, bei den Interessierten, oder bei denen, die sich ansprechen lassen in ihrer Suche nach Leben von dem Wort „Heute muss ich bei dir in deinem Hause bleiben“ (ebd.). Kirche ist das Haus derer, in deren Haus Er bleiben will.

Liebe Schwestern und Brüder, oder gehören wir vielleicht zu denen, die skeptisch sind und dem Herrn Vorwürfe machen, weil Er Menschen etwas vergibt, was sie gar nicht verdient haben? Wo sind die Suchenden heute, die wir mitnehmen und nicht ablehnen? Papst Benedikt hat am letzten Sonntag davon gesprochen, wer die Zöllner und Dirnen heute sind. Sind es vielleicht die Agnostiker, die sagen, Gott nicht zu kennen und ihn trotzdem mehr suchen, als diejenigen, die glauben, in der Kirche Ihn schon gefunden zu haben, und die Ihn wie einen Besitz festhalten, sich aber letztlich doch schon von Ihm gelöst haben, die gar nicht mehr zu schätzen wissen, welche Nähe Er uns zuteil werden lässt?

Viele Menschen sagen mir: In unserer Gemeinde fühle ich mich nicht mehr zu Hause. Sie suchen woanders ihre kirchlichen Plätze. Aber sie suchen. Sie steigen vielleicht nicht auf einen Baum, aber sie gehen woanders hin, weil manche Gemeinden sich so verschlossen haben, dass sie für die Suchenden gar keinen Platz mehr bereithalten. Vielleicht, weil die Suchenden Anfragen stellen, die wir kaum beantworten können, oder deren Fragen bei uns etwas auslösen, das unsicher macht und Ängste hervorruft? Zachäus heißt: Gott denkt an dich. So kann man diesen Namen übersetzen. In diesem Augenblick, da Jesus ihm begegnet und ihn ruft, erfährt Zachäus die Erfüllung seines Namens. Wir könnten es uns auch zu Eigen machen, Zachäus zu sein: Gott denkt an mich - erstgeborener Sohn, erstgeborene Tochter zu sein - in meinem Haus seine Bleibe zu haben.

Liebe Schwestern und Brüder, lassen wir uns gerade durch das Fest der Weihe dieses Hauses anregen, in Dankbarkeit auf das zu blicken, was wir durch die Kirche empfangen haben und daraus die Bereitschaft zu entwickeln, offen zu sein für das, was Er uns zutraut, auch durch Menschen, die uns fern sind, denen Er aber auch geben will, mehr als sie verdienen und Größeres als sie erbitten, und der gibt, was nur seine Barmherzigkeit schenken kann. Amen.

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  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Bischof Felix Genn
  2. undefinedDomweihfest mit Bischof Felix Genn (02.10.2011)

Text: Bischof Felix Genn
02.10.2011

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