Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn zum 100-jährigen Bestehen des IIMF
Bistum. Am Sonntag (06.11.2011) feierte Bischof Felix Genn das 100-jährige Bestehen des Internationalen Institut für missionswissenschaftliche Forschungen e. V. (IIMF) in der Dominikanerkirche in Münster. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Verehrter Herr Kardinal, liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Die Feier des 100-jährigen Bestehens des Internationalen missionswissenschaftlichen Instituts an unserer Fakultät gibt dieser Eucharistie am heutigen Sonntag einen eigenen Akzent und betont eine ganz besondere Dimension unseres Christ-seins. Auch die Anwesenheit von Ihnen, verehrter Herr Kardinal, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, gibt dieser Feier eine ganz besondere Würde. Sie zeigt nämlich diesen Akzent und diese Dimension der Mission unter dem besonderen Aspekt von Gerechtigkeit und Frieden und dem Einsatz dafür.
Nun, liebe Schwestern und Brüder, jede Eucharistie sendet uns hinaus, denn am Ende wird immer wieder gesagt "Gehet", und mit diesem schlichten Wort ist der Auftrag des Herrn an Seine Jüngerinnen und Jünger betont: Hinauszugehen aus der Verbindung und Gemeinschaft mit Ihm, aus dem Hören des Wortes hinauszugehen und Frieden zu bringen. Zweifellos, wie so vieles in unserem menschlichen Leben, ist uns diese Dimension nicht immer aktuell bewusst und steht im Vordergrund unseres Denkens und Tuns. Aber sie ergibt sich aus der Feier der Eucharistie "Geht, ich sende Euch".
Liebe Schwestern und Brüder, 100 Jahre haben Verantwortliche hier an unserer Fakultät diesen Missionsauftrag Jesu bedacht, in Lehre und Forschung, in der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Religionen, mit dem, was auch in der Missionsgeschichte nicht dem Auftrag Jesu entsprochen hat. Dieser Auftrag des Instituts wie der Zeitschrift wird auch in Zukunft weiter gepflegt werden können mit dem Blick auf die aktuellen Auseinandersetzungen, gerade in der viel unmittelbareren Begegnung auch hier bei uns mit den unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen, und im Blick auf das, was sich außerhalb unseres Landes und unseres Kontinents in der Theologie bewegt.
Mission – mit Blick auf die Texte, die wir an diesem Sonntag hören, werden Sie zurecht sagen: Von Mission ist da keine Rede. Da ist die Rede von der Weisheit, die spricht und einlädt, umher geht und Hörerinnen und Hörer sucht, solche, die sie einlassen, weil sie unmittelbar vor der Tür ihres Hauses ist. Da ist die Rede von der Auferstehung der Toten, die Paulus, auf seiner Missionsreise freilich, der Gemeinde von Thessalonich nahe gebracht, und durch die er sie gewinnen konnte, die er nun noch einmal betont und ins Zentrum stellt, damit man in dieser Botschaft einander tröstet (vgl. 1 Thess 4,18).
Liebe Schwestern und Brüder, das sind Texte, die gleich zu Beginn, als die Apostel und alle, die sich Jesus verbunden wussten und von Ihm gesandt waren, aufmachten und gingen, um den Menschen zu verkünden, was es mit diesem Jesus von Nazareth und mit Gott, den Er verkündet hat, ist. Insofern sind immer in den Texten der Liturgie die Missionspredigten derer anwesend, die uns den Glauben geschenkt haben. Das gilt auch für die Gemeinde, der Matthäus diese Gleichnisrede des Herrn übermittelt. Gerade in den letzten Sonntagen des Kirchenjahres richtet die Liturgie der Kirche ihren Fokus auf diese Reden von der Endzeit und dem, was sich für die Gegenwart daraus ergibt. Es sind bei Matthäus fünf Texte: Vom wachsamen Hausherrn, vom treuen und nutzlosen Knecht, von den fünf klugen und den fünf törichten Jungfrauen, von dem anvertrauten Gut und vom Endgericht, bei dem entschieden wird, ob jemand in der Liebe gelebt und deshalb Jesus getroffen hat.
In der Mitte steht dieses Gleichnis, in dem Jesus Seine Sendung, Seine Mission entfaltet, in dem er den Menschen nahe bringt, wie Er das Reich Gottes sieht – nicht nur in diesen praktischen Bildern vom Knecht und vom Hausherrn, in dem praktischen Tun der Liebe, sondern im Bild von der Begegnung mit dem Bräutigam, vom Zugehen auf die Hochzeit, von der Spannung, die das Zugehen im Jetzt auslöst und bewirkt. Es steht also vor uns das Bild, dass Gottes Reich, das anzukündigen und aufzubauen er sich gesandt weiß, dass dieses Reich sich am tiefsten in der persönlichen Begegnung zeigt, wenn der Bräutigam zur Hochzeit kommt, dass wir da erwartet werden, dass das Reich Gottes da sozusagen seinen Zielpunkt erhält, wo Gott wirklich mit mir sich verbündet, einigt mit seinem Volk und mit sich jedem Einzelnen, dass er dazu einlädt und die Menschen zu gewinnen versucht.
So versteht Jesus seine Sendung, fast möchte ich sagen, wie die Weisheit, die zu uns gesprochen hat in der ersten Lesung, die umher geht und Menschen sucht, die ihrer würdig sind, deren Freundlichkeit auf allen Wegen erscheint und jenen entgegen kommt, die an sie denken (vgl. Weish 6,16) und sie aufnehmen. Diese Weisheit, von der ein anderer Text aus dem selben Buch sagt, sie sei voll Unsterblichkeit (ebd. 3,4), voll Hoffnung und voll Leben, weil es eben um den inneren Bund Gottes mit seinem Volk geht. Wenn der Apostel Paulus den Thessalonichern die Botschaft der Auferstehung noch einmal neu vor Augen stellt, dann schließt er seine ermahnende Rede mit den Worten "Dann werden wir immer beim Herrn sein" (1 Thess 4,17). Das ist das Ziel, dann werden wir mit ihm verbunden werden, dann ist Hochzeit für jeden einzelnen.
Und das ist nicht nur ein Zukunftsbild, mit dem man vielleicht die Leiden der Gegenwart übergehen und eine falsche Tröstung vermitteln will, sondern das greift in die Gegenwart hinein, weil es eine Spannung auslöst und eine Sensibilität weckt und Wachsamkeit erfordert. Lebe ich aus diesem Glauben, aus dieser Hoffnung, aus dieser Erwartung, dass sie für mich selbst einen hohen Wert darstellt und dass davon auch andere berührt werden, wenn sie mir begegnen, und ich ihnen Rede und Antwort stehe, wenn ich nach der Hoffnung gefragt werde, die mir auf das Gesicht und in die Hände geschrieben steht (vgl. 1 Petrus 3,15)? Das ist unsere Sendung, freundlich auf allen Wegen der Menschen ihnen entgegen zu kommen und ihnen von dieser Weisheit Gottes zu erzählen, die sich in Jesus als Person zeigt.
Liebe Schwestern und Brüder, "Gehet hin Frieden", auch heute werden wir in diese Sendung hinein gestellt, auch heute sind wir herausgefordert zu schauen: Wo ist vielleicht dieses Potential unseres Glaubens nicht mehr vorhanden, weil wir zuviel mit uns beschäftigt sind, weil dieses Öl des Wortes Gottes ausgegangen ist, so dass der Ruf mich nicht mehr treffen kann. Ein Kriterium, gerade für die Wachheit, ist meines Erachtens, ob ich bereit bin, den Ruf des Bräutigams in den Armen zu hören.
Vor 500 Jahren im Angesicht der Kolonialmacht Spanien hat ein Dominikaner - deswegen sind wir auch hier in der Dominikanerkirche – Antonio Montesinos, gespürt, dass seine Verkündigung fruchtlos wird und konterkariert, wenn die indigene Bevölkerung keine Würde zugesprochen bekommt, und dagegen protestiert. Da hat er in dieser Stunde den Ruf gespürt, der vom Bräutigam ausgeht, der sich im Gesicht dieser Armen zeigt, und in großer Wachsamkeit, Sensibilität, aber auch mit Herz und Kraft, voll Geist und Kraft dagegen Stellung genommen. Das gehört auch, gottlob, zur Missionsgeschichte.
Zu meiner persönlichen Biographie zähle ich die Begegnung mit Reinhold Schneiders "Las Casas vor Karl V." Es ist, das darf ich hier sagen, ein Buch, das mich auch motiviert hat, Priester zu werden. Die Auseinandersetzung dieses Dominikaners Las Casas mit Karl V. und den Spaniern, die der Bevölkerung Lateinamerikas ihre Würde nicht zusprachen, hat ihn dazu geführt, ihm immer mehr bewusst zu machen, dass er zwar ausgezogen war, um das Kreuz zu predigen, es aber nicht kann, wenn er nicht selber von diesem Kreuz durchdrungen wird. Es war das Kreuz der Armen, darin war am meisten für ihn der Bräutigam sichtbar. Die tiefste Hochzeit geschieht ja gerade am Kreuz, wenn Gott sich verbindet mit uns Menschen bis ins tiefste Leid hinein.
Das wollen wir jetzt feiern, so dass wir gestärkt das Wort aufnehmen können: "Gehet hin in Frieden." Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
06.11.2011
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