Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn beim Ordenstag
Bistum. Am Samstag (01.10.2011) fand in Münster der diesjährige Ordenstag statt. Bischof Felix Genn feierte mit den Ordensleuten einen Gottesdienst. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder
aus den verschiedenen Ordensgemeinschaften und Säkularinstituten unseres Bistums,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
sicherlich steht jedem von Ihnen noch irgendein Bild vor Augen aus den ereignisreichen Tagen der vergangenen Woche, in denen Papst Benedikt XVI. unser Land besucht hat. Ich kann mir vorstellen, dass viele von Ihnen daran teilgenommen haben, sei es bei irgendeinem der großen Gottesdienste direkt oder vor allem durch die großen Möglichkeiten, die uns die Medien bieten. „Wo Gott ist, da ist Zukunft“ - über alle Bilder hinaus, über alle Diskussionen, die es vorher gab und die auch jetzt mit einer anderen Akzentuierung ihren Lauf nehmen, über all das, was sich an Unmittelbarem eingedrückt hat in unsere Seele und in unser Herz, will das die Botschaft sein, mit der diese Tage vorbereitet wurden und unter denen Papst Benedikt diese Tage selbst mit der Vielzahl seiner Ansprachen gestaltet hat. Darin sieht der Heilige Vater den Schlüssel für die Erneuerung von Welt und Kirche und für jeden Einzelnen von uns - Gott in die Mitte zu stellen, die Gottesfrage wachzuhalten oder um es mit einem Wort aus der Präambel, die der Diözesanrat unseres Bistums kürzlich verabschiedet hat, zu sagen: „Der Vorrang Gottes.“
Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich heute Nachmittag mit Ihnen die Eucharistie feiere, dann blicke ich in das Leben von vielen Frauen und Männern, für die es klar ist: „Gott steht in der Mitte“ und „Wo Gott ist, da ist Zukunft.“ Deshalb haben Sie sich entschieden, Ihr Leben in dieser Gestalt auszuprägen; ganz unterschiedlich in den einzelnen Gemeinschaften, Orden, Kongregationen, Instituten. Aber das Gemeinsame ist: Weil es Gott gibt, deshalb kann ich dieses Leben wagen, kann ich Ihm dieses Leben schenken, habe ich sogar die Zuversicht, dass Er mir vergibt, wenn ich meine Schwachheit und Gebrechlichkeit, meine Sündhaftigkeit erfahre; und ich blicke in die Zukunft, weil Gott ist und bleibt. Wer sich Ihm hingibt, geht auf den Gott der Ruhe zu, so wie es Schwester Regina Pacis heute Morgen als Resümee des Vortrags von P. Daniel formuliert hat. Ein Gott, der unsere Ruhe will, aber nicht unsere Grabesruhe, sondern die Ruhe, die aus der Liebe kommt und die gelassen, zuversichtlich, voll Vertrauen die vielen Fragen, Schwierigkeiten, Stürme unseres Lebens angehen lässt.
Liebe Schwestern und Brüder, gerade Sie als Ordenschristen sind der lebendige Beweis für diesen Satz. „Wo Gott ist, da ist Zukunft.“ Das rührt an zur Dankbarkeit, vor allen Dingen aus der Perspektive meines Dienstes als Bischof, aber es ist auch zugleich für Sie eine je neue Herausforderung: Ist Gott meine Zukunft, ist Er in der Mitte meines Lebens, ist Er die Mitte meines Alltags, ist Er das Leben für mich?
Liebe Schwestern und Brüder, das bedeutet, immer wieder neu an die Quellen zu gehen, von denen die Lesung heute spricht, dass wir uns satt saugen an der Fülle des göttlichen Lebens und Reichtums. Der Prophet fordert in dieser Lesung seine Hörer auf, sich hinzuwenden an die Stadt Jerusalem, weil er in ihr das Bild sieht von Gottes Gegenwart unter uns und dem Ursprung, aus dem wir leben, aus dem wir immer wieder neu Leben schöpfen können. „Saugt Euch satt an der Quelle des göttlichen Trostes“ (vgl. Jes 66,11). Das Großartige unseres Christenglaubens ist es, dass das nicht einfach ein Satz ist, der schön klingt, an dessen Worten man sich vielleicht berauschen kann, dass es auch keine Theorie ist, von Gott zu sprechen, sondern Wirklichkeit, in Jesus Christus verdichtet geworden ist. In Seinem Wort, das je neu Licht für unseren Lebensweg ist, in Seinem Wort, das wir immer wieder neu betrachten, in unserem Herzen erwägen, bewahren, hin und her drehen können, um je Neues zu entdecken und erst recht in der verdichteten Form des Wortes, wenn Er sich uns gibt mit Fleisch und Blut, wenn Er uns seine Seite öffnet, aus der Blut und Wasser in der Stunde des Kreuzes hervorgeströmt sind. „Saugt Euch satt an dieser Quelle göttlichen Trostes“ (vgl. Jes 66,11). Dann wird Euch klar und in Eurem Herzen fest, ob im Ruhe- oder Unruhezustand: „Wo Gott ist, da ist Zukunft.“
Liebe Schwestern und Brüder, gerade in unserer Zeit braucht dieses Zeugnis für Gott lebendige Gesichter. Wie zu allen Zeiten ist dieser Glaube nur greifbar, anschaulich in konkreter Gestalt. In der Urgestalt zeigt sich, dass Gott Mensch wird, Menschengestalt annimmt, die Gestalt eines Lebens in Jesus von Nazareth ausprägt. Wir sind Seine Zeugen und das eigentlich Ungeheuerliche an dieser Botschaft ist es, dass Gott auf uns schwache Menschen setzt, dass wir in unseren Tagen in der je eigenen Gegenwart des Einzelnen bezeugen können, dass Er mit uns rechnet, sich denkt und sagt: „Die machen das schon. Ob sie alt oder krank sind, sie zeigen: Es gibt mich, und es lohnt sich, auf mich Zukunft zu bauen.“ Zwei Gestalten dieses heutigen ersten Oktober machen uns das noch einmal in ganz besonderer Weise plastisch deutlich; zwei Figuren aus der französischen Kirche zu ganz unterschiedlichen Zeiten.
Das eine ist der große Bischof von Reims, Remigius, der im Jahre 496 am Weihnachtsfest den Frankenkönig Chlodwig getauft hat und so die Initialzündung setzte, dass die Franken Christen wurden. Dieser Bischof wird als Patron in vielen Kirchen meines Heimatbistums verehrt. Neben dem Heiligen Martinus und natürlich der Gottesmutter sind ihm die meisten Kirchen des Bistums Trier geweiht. Auch meine Heimatgemeinde trägt dieses Patrozinium. Deshalb habe ich in meinem Bischofsstab diese kleine Plastik, wie Remigius den Frankenkönig tauft. Liebe Schwestern und Brüder, seit meiner Kindheit habe ich gelernt, was er damals bei dieser Taufe zu diesem mächtigen Herrscher gesagt hat: „Beuge Dein Haupt, Du Stolzer, verbrenne, was Du bisher angebetet und bete an, was Du verbrannt hast.“ Ein eindrückliches Wort, das sich mir schon als Kind eingeprägt hat. Was heißt das heute? Den Stolz gibt es auch. Was beten wir an? Was beten Menschen unserer Tage an? Was beten Ordensfrauen an? Vielleicht das eigene Ich. Was tun Ordensmänner, um Macht und Einfluss zu gewinnen? Was sind auch unsere Götzen? Die Suche nach Ehre, nicht übersehen zu werden, Anerkennung zu finden, nicht zu kurz zu kommen, den Anderen gegenüber bevorzugt zu werden. Ist dann Gott in unserer Mitte, oder gilt es nicht, das Haupt zu beugen und dem den Garaus zu machen und anzubeten, was unsere eigentliche Mitte ist, Christus, dem wir in der Taufe zutiefst eingepflanzt sind?
Liebe Schwestern und Brüder, die andere Gestalt ist die kleine Therese, eine erstaunliche Person. Eine Frau, die im Karmel die Gottesfinsternis unserer Zeit durchleidet, so dass sie einmal gesagt hat - sinngemäß -, wenn man wüsste, was sie für eine Gottesfinsternis erleidet, dann könnte man verstehen, was es heißt, Atheist zu sein. Aber sie hält daran fest, Ihm trotzdem zu trauen, dass Er hinter dieser dunklen Wand doch da ist und die Sehnsucht ihres Herzens nicht ins Leere läuft. Das tut sie schlichtweg in der Haltung des Kindes, der Empfänglichkeit. Einfach auf Ihn zu vertrauen: Du bist mein Gott! Deshalb findet sie die Kraft zu sagen, dass sie mitten im Herzen der Kirche die Liebe sein will, weil sie dann alles ist. Das ist keine Verstiegenheit, sondern das sprudelt aus dieser Quelle, dass Gott ist und dass sein Sein stärker ist als die Verborgenheit. „Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt Ihr nicht in das Himmelreich eingehen“ (Mt 18, 3). Nur wenn Ihr in der Haltung des Kindes bleibt - und das heißt Einübung -, dann seid Ihr Zeugen: „Wo Gott ist, da ist Zukunft.“
Herzlich danke ich Ihnen, dass Sie sich darum mühen, dass Sie das zu leben versuchen und in Ihrem Leben dem Gestalt geben, in den unterschiedlichen Diensten. Es wird fruchtbar sein für eine Zeit, in der wir manchmal den Eindruck haben, dass Gott sich verbirgt, dass Er keine Zukunft mehr hat. Es wird fruchtbar sein, und die Menschen anderer Generationen werden von dieser Gabe leben, die wir ihnen jetzt schon bereithalten: „Wo Gott ist, da ist Zukunft“; denn Er kommt auf uns zu, jetzt ganz leibhaft, in Seinem Fleisch und Blut. Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
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