Dokumentiert:
Predigt von Bischof Genn bei der Weihe der Ständigen Diakone
Bistum. Am Christkönigssonntag (20.11.2011) weihte Bischof Felix Genn in der Überwasserkirche zehn Ständige Diakone. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Predigt.
Verehrte, liebe Mitbrüder, die Sie sich heute der Kirche als Diakone zur Verfügung stellen wollen, liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, vor allem auch Ihr, liebe Kinder und Jugendliche,
ein sehr eindrückliches Bild haben wir soeben gehört. Jesus hat es uns erzählt. Die kirchlichen Insider werden sagen: Treffend für einen solchen Anlass wie eine Diakonenweihe. Viele von Ihnen, die der Kirche eher nicht so tief verbunden sind, werden dieses Bild in seiner ganzen Ernsthaftigkeit zugleich auch als sympathisch ansehen. Da schildert Jesus die Situation des Endes. Damit sagt Er: Unser Leben läuft nicht ziellos, es ist nicht eine Summe von Zufällen, sondern es geht auf ein Ende zu, und an diesem Ende geht es um Rechenschaft und Verantwortung. Sehr ernst, wenn wir an die Konzeptionen unseres Lebens denken. Und von welcher Verantwortung erzählt Er? Da sitzt der Richter auf seinem Thron und scheidet in zwei Gruppen, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken trennt. Auf der einen Seite diejenigen, die den Hungrigen, Durstigen, Nackten, Obdachlosen, Kranken, Gefangenen, also all den Menschen haben Hilfe zuteil werden lassen, die dieser Hilfe ganz besonders bedurft haben. Man kann sich das vorstellen: Die Schmutzigen, Obdachlosen, die lästigen Drogenabhängigen, all die, die gar nicht so ins Schema passen, die wirren Alten. Viele Bilder werden Ihnen jetzt einfallen: Denen haben sie gedient, und die anderen haben es unterlassen, es nicht getan. Der Dienst an den Ärmsten der Armen, die Zuwendung zum Menschen, vor allem zum Menschen in Not und in seiner vielfältigen Not, das ist das entscheidende und scheidende Kriterium. Nach dieser Verantwortung werden wir am Ende befragt.
Dieses Motiv, liebe Schwestern und Brüder, durchzieht die ganze jüdisch-christliche Glaubensgeschichte. Es war ein ganz besonderes Moment des israelitischen Königtums, sich gerade für die Verlorenen einzusetzen, die Schwachen zu kräftigen, natürlich auch die Starken zu behüten, aber vor allen Dingen denen zu helfen, die sozial am Rande stehen. Der Prophet Ezechiel blickt zurück auf eine Geschichte des Volkes Gottes, in der genau darin die Könige, die man wie Hirten ansah, versagt haben. Deshalb, so hörten wir es in der ersten Lesung, verkündet er einen Hirten, nämlich Gott selbst, der sich um Seine Herde und um diese Armen kümmert, der Recht schafft, Gerechtigkeit walten lässt, die Verlorenen wieder zurückführt, die Starken und Kräftigen behütet und die Schwachen aufrichtet. Gott selbst will es tun.
Wenn wir von diesem Bild her noch einmal auf die Erzählung Jesu schauen, dann spüren wir: Er spricht dort noch von einer Intensivierung dieses Gedankens; denn diejenigen, die den anderen gedient haben, erhalten als Antwort auf ihre Frage, wo sie denn Ihm, dem Menschensohn, dem Richter der Welt, begegnet seien: Was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan (Mt 25, 40). Dieser Richter, der Menschensohn - und die christliche Glaubensgeschichte hat gesagt: Das ist dieser Jesus selbst - identifiziert sich mit den Niedrigsten, den Schwächsten.
In den Schwächsten begegnen wir unserem Richter, also dem Bettler vor der Tür - ist uns eigentlich kaum bewusst, dass wir darin unserem Richter begegnen! So muss ich doch das Wort, das Er sagt, verstehen: Was ihr dem Geringsten getan habt, habt ihr mir getan bzw., was ihr ihm nicht getan habt, habt ihr auch mir nicht getan. Nur dann ist Gott alles in allem (vgl. 1 Kor 15, 28), um das Wort des Apostels Paulus aufzugreifen, wenn das vollzogen ist, liebe Schwestern und Brüder. Dieser Menschensohn ist ja ein Hungriger, Durstiger, Ausgestoßener, Nackter, geworden, als Er am Kreuz kein Obdach mehr hatte und als Gefangener ausgeliefert wurde. Da hat Er sich bis in die Niedrigkeit mit uns identifiziert, und nur so kann Er das Recht in Anspruch nehmen, unser Hirte und unser König zu sein.
Unsere Mitbrüder, die sich heute zum Diakon weihen lassen, haben diesen gesamten Gedanken in ein Bild und in ein Wort gefasst, das Ihnen auf der Einladung und in dem Textheft heute zugestellt worden ist. "Jetzt stehe ich auf, dem Verachteten bringe ich Heil" (Psalm 12, 6). Das ist ein Wort aus dem 12. Psalm, liebe Schwestern und Brüder, und wenn Sie diesen Psalm lesen, dann könnten Sie meinen, er sei gerade eben geschrieben. Er zeichnet die Situation der Menschheit heute oder Ihre, in der Nachbarschaft oder in der Gemeinde. Dort klagt nämlich der Beter, dass mit den Menschen nichts mehr anzufangen ist: "Sie lügen einander an, einer den andern, mit falscher Zunge und zwiespältigem Herzen reden sie" (Ps 12, 3). Wie oft haben Sie das schon erlebt. "Sie sagen: Durch unsre Zunge sind wir mächtig; unsere Lippen sind unsere Stärke. Wer ist uns überlegen?" (ebd. 5). Und dann heißt es in der Antwort Gottes: "Jetzt stehe ich auf, dem Verachteten bringe ich Heil" (ebd. 6 b). Das Bild zeigt: Ich lese es wie eine offene Blüte oder ein Samenkorn oder eine Flamme. Es zeigt aufstehende Menschen, es zeigt die Schrift "Jetzt", und es zeigt den Blick der Menschen auf den verachteten Gottes- und Menschensohn. In Ihm bekommen sie die Kraft, jetzt aufzustehen und dem Verachteten Heil zu bringen, gegen all die vermeintliche Überlegenheit von Lippen, Zungen, von Hand und Gewalt. Das ist die Botschaft dieser Stunde, dass das unsere Verantwortung als Christinnen und Christen ist, und dass wir daran gemessen werden.
Im Dienst des Diakons wird das ganz intensiv und dicht und zwar deshalb, weil mit diesem Dienst charakterisiert ist: In die Amtsstruktur der Kirche hinein gehört unweigerlich und fundamental der Liebesdienst. Das ist nicht nur etwas, was man auch noch so tun soll als Christin und Christ, sondern daran misst sich die Kirche als Ganzes, daran misst sich vor allen Dingen das kirchliche Amt. Das ist eingestiftet – strukturell -, so dass Sie gewissermaßen die Kirche personal vertreten und zugleich Bischöfe und Priester, und alle Gläubigen, an diese Grunddimension unseres Christ-Seins erinnern, ob wir auf dieser Spur geblieben sind. Deshalb, so habe ich es Ihnen in unseren Gesprächen, den Skrutinien, sehr eindringlich ans Herz gelegt: Greifen Sie, liebe Brüder, ein Wort auf, das mir seit meiner Diakonenweihe unvergessen geblieben ist. Es ist ein Wort aus einer altchristlichen Schrift, vielleicht irgendwo aus einer Gemeinde in Nordafrika, wo es heißt: Der Diakon ist derjenige, der am Strand entlanggeht und die Gestrandeten aufliest. Und wie viele gibt es heute, auch geistig Hungernde und Durstende, Orientierungs- und deshalb Obdachlose, Menschen, denen vieles fremd geworden ist! Das ist Ihr Grunddienst. Natürlich sind Sie auch in der Verkündigung und in der Liturgie tätig, aber das ist die erste Dimension Ihres Tuns in der Kirche.
Es gibt eine kleine Geste in der Liturgie, da sind Sie ganz stumm. Sie halten nur den Kelch, während der Priester singt: "Durch Ihn" – nämlich Christus – "und mit Ihm und in Ihm ist Dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes, alle Herrlichkeit und Ehre". Sie halten das Blut des verachteten Gottes- und Menschensohns. Sie halten die Liebe. Diese Geste ist keine Spielerei, sondern in dieser Geste bringen Sie zum Ausdruck, was Sie ganz in Ihrem Leben tun.
Ich danke Ihnen, dass Sie diesen Dienst übernehmen möchten. Ich möchte Sie bitten, dass Sie aus dieser Grundgeste selber Ihr Leben gestalten, immer sensibler werden, um andere zu sensibilisieren. Sie, liebe Schwestern und Brüder, bitte ich, dass Sie aus dieser Feier gestärkt hervorgehen, weil es sich lohnt: Ich brauche keine Angst zu haben, wenn ich liebend mich verbrauche. Ich begegne dem Gottes- und Menschensohn. Ich wünsche mir, dass aus dieser Stunde für uns alle wahr wird, was auf diesem Bild steht: Eine lebendige Flamme, die jetzt brennt. Jetzt stehe ich, Du, ich, wir alle, auf - dem Verachteten bringen wir Heil und derer gibt es leider immer noch genug. Amen.
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Text: Bischof Felix Genn
20.11.2011
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