Dokumentiert:
Ansprache von Bischof Genn zur Einführung von Regens Niehues
Bistum. Am Sonntag (06.11.2011) führte Bischof Felix Genn Herrn Regens Hartmut Niehues in sein neues Amt im Bischöflichen Priesterseminar Collegium Borromaeum ein. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung seiner Ansprache.
Verehrte Festgäste, liebe Schwestern und Brüder, insbesondere Sie, lieber Herr Regens Niehues, liebe Mitbrüder, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier im Priesterseminar, liebe Seminaristen! Zunächst möchte ich mit großer Dankbarkeit und in herzlicher Freude den neuen Regens Hartmut Niehues willkommen heißen. Ich danke ihm noch einmal ganz ausdrücklich für seine Bereitschaft, in einer schwierigen Situation die Pfarrgemeinde St. Andreas in Cloppenburg verlassen zu haben, in der er sich mit Herzblut in den zurückliegenden drei Jahren eingearbeitet und mit der er sehr schwierige, aber auch verheißungsvolle Wege gehen konnte.
Ich danke ihm, dass er sich darauf eingelassen hat, eine ganz andere Aufgabe im Dienst unserer Ortskirche von Münster zu übernehmen. Sie werden, lieber Herr Regens, in Zusammenarbeit mit dem Subregens, den Spiritualen und den übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Ausbildung Männern helfen, eine Klärung für ihren Lebensweg im Blick auf den priesterlichen Dienst zu finden. Sie werden mit ihnen unterstützend und korrigierend ringen und suchen, um herauszufinden, was der Herr für den je Einzelnen bereit hält. Herzlich begrüße ich Sie, lieber Mitbruder Hartmut Niehues. Noch einmal versichere ich Sie meiner Unterstützung, unserer Zusammenarbeit im Kreis der Bischöfe, der Mitbrüder im Domkapitel und der Mitglieder unserer Personalkonferenz.
Verehrte Festgäste, liebe Schwestern und Brüder, die Feier des Karls-Festes, des Patrons unseres Priesterseminars, wird hier in unserem Hause neben dem Gebet der Vesper und der Möglichkeit zu herzlicher Begegnung immer wieder auch als Gelegenheit gesehen, mit einem geistlichen, theologischen oder pastoral-theologischen Impuls Anregungen zu geben für das gemeinsame Sorgen um die Kirche in unserem Bistum und ihren seelsorglichen und missionarischen Auftrag für die Menschen. Ich habe gerne die Idee aufgenommen, aus Anlass der Einführung und öffentlichen Vorstellung des neuen Regens einige Gedanken vorzutragen, die Akzentsetzungen für die Priesterausbildung aus meiner Perspektive als Bischof von Münster darstellen.
1. Ein spontaner Einwurf: Der Priester ist jemand, der die Menschen von Herzen liebt, weil er Gott liebt.
Wenn ich gefragt werde, was ich für wesentlich wichtig im priesterlichen Dienst halte, und was sich daraus für die Ausbildung ergibt, antworte ich immer spontan: Ein Priester ist jemand, der die Menschen von Herzen liebt, weil er Gott liebt. So selbstverständlich das klingt, und so einfach es auf den ersten Blick scheinen mag, so wird jeder beim zweiten Nachdenken spüren: So einfach geht das nicht. Jeden Menschen, wie er ist, anzunehmen und zu lieben, ihm mit Geduld zuzuhören, seine Eigenheiten zu ertragen, diejenigen auszuhalten, die einem lästig werden – das will gelernt sein! Es wirklich ernst meinen mit den geistigen Werken der Barmherzigkeit, die Sünder zurechtweisen, die Unwissenden lehren, den Zweifelnden recht raten, die Betrübten trösten, die Lästigen geduldig ertragen, denen, die uns beleidigen, gern verzeihen und für Lebende und Tote beten – da werden wir schon manche Unterscheidung zu machen verstehen, was leicht ist, und was wir gerne überhören. Also: Liebe und lieben – das will auch geübt und gelernt sein. Und man kann es lernen und sich dabei von Christus führen lassen!
Ganz unabhängig von jeder theologischen Differenzierung gilt doch: Wenn ein Priester nicht liebt – und das spürt man – dann hat er seinen Beruf verfehlt. Dieses Globalziel kann durch viele Teilziele ausdifferenziert werden. Es ist ein geistliches Ziel, es ist ein Ziel menschlicher Reifung, es ist ein Ziel sozialen Handelns, es ist ein Ziel pastoral-theologischer Befähigung. Es ist vor allen Dingen auch ein Ziel in der Beziehung zu sich selbst; und dies ist ein schwieriger Prozess, sich selbst zu lieben und anzunehmen, sich als ein Geliebter zu wissen und dies dankbar zu empfangen.
Hier möchte ich inne halten: Das alles klingt nach Anstrengung, und in einer gewissen Hinsicht ist es das auch. Ja, es kann sehr anstrengend sein, sich auf einen Weg zu begeben, sich selbst anzunehmen und lieben zu lernen. Deshalb ist es notwendig, die zweite Hälfte meines spontanen Einwurfs zu bedenken: Der Priester ist jemand, der die Menschen von Herzen liebt, weil er Gott liebt. Und Gott lieben, das kann der Christ nur, weil er sich selbst schon geliebt weiß. Das ist nämlich die Pointe des Glaubens. Ich sage es am besten mit den Worten des 1. Johannesbriefes: "Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat" (1 Joh 4,10). Sich das schenken zu lassen, dass Gott sich an uns freut, dass er uns liebt, dass er uns annimmt! Das kann alle Anstrengung nehmen. Das hilft auch, sich heilen und erlösen zu lassen, wenn ich spüre, wie schwer es mir fällt, mich selbst und die anderen anzunehmen. Gerade eine Institution wie ein Priesterseminar erweist sich in diesem Zusammenhang als sehr sinnvoll. Es fordert immer wieder heraus, nicht nur die Fernsten, sondern die Nächsten zu lieben, oder, wie ich es gerne im Anschluss an ein Wort des heiligen Franz von Assisi auszudrücken pflege: "Die Brüder zu lieben, die der Herr mir gegeben hat, also diejenigen, die ich mir nicht ausgesucht habe." Und es schenkt die Möglichkeit, hinein zu wachsen – Seminarium heißt Pflanzstätte -, sich von Gott lieben zu lassen.
Wir Christen dürfen glauben, dass Gott sich in der Gestalt Jesu von Nazareth gezeigt und uns darin einen Bruder geschenkt hat, mit dem wir immer wieder neu durch sein Wort und durch die Feier der Sakramente, besonders der Eucharistie, in Kontakt treten können. Wer sich damit auseinandersetzt, Priester werden zu wollen, wird in der Pflege der persönlichen Beziehung zu Christus einen Schwerpunkt seiner persönlichen Formation setzen. Die gottesdienstlichen Feiern, das Einüben des Stundengebetes der Kirche, das Hineinwachsen in die tägliche Feier der Eucharistie, die Pflege des Bußsakramentes, die Exerzitien und die geistliche Begleitung sind wertvolle Hilfen, ohne die ein Priesterseminar nicht denkbar ist.
Sich von Gott lieben zu lassen, in der Beziehung mit Jesus Christus in der Liebe zu wachsen, berührt auch den tiefen Zusammenhang von Person und Amt und deren Differenz: Auf der einen Seite haben wir genau diese Liebe immer wieder zu bezeugen – und dies gilt für jeden Christen, und erst recht gilt es für den Priester. Zugleich dürfen wir uns daran erinnern, dass wir zuerst Geliebte sind und darauf mit ganzem Herzen antworten. Wir werden allerdings, gerade als Priester, erfahren: Wir sollen zwar andere daran erinnern, dass sie zur Liebe berufen sind, dass sie sich selbst geliebt wissen. Wir sollen dazu anleiten, worin diese Liebe bestehen kann und wie das geht, Gott und die Menschen zu lieben. Zugleich werden wir immer wieder von vielen Christinnen und Christen in diesem Zeugnis überholt, weil wir erfahren können: Sie sind viel weiter in der Liebe als wir.
Sie spüren, dass der spontane Einwurf, der Priester sei derjenige, der die Menschen von Herzen liebt, weil er Gott liebt, es in sich hat: Er zeigt Mühe und ist zugleich müh-selig. Er spricht von Anstrengung und offenbart zugleich Entlastung. Er fordert kein elitäres Über-Ich, sondern Bescheidenheit und Demut.
So möchte ich die erste Überlegung zusammenfassen und abändern: Der Priester ist jemand, der die Menschen von Herzen liebt, weil er sich geliebt weiß. Noch schlichter: Es geht um die alltägliche Befähigung, in Kontaktfreude zu bleiben, in Kontakt mit Gott und den Menschen und darin froh zu werden.
2. Eine bleibende Grundentscheidung der nachkonziliaren Entwicklung in der Priesterausbildung: Die Verbindung von geistlichem Leben und menschlicher Reifung.
Je mehr ich die Zeit meiner eigenen Tätigkeit in der Priesterausbildung überschauen kann, und aus der Distanz ist das weitaus leichter als aus der Nähe, und je mehr ich mit den konkreten Fragen von Personalentwicklung und Personalführung sowie Personaleinsatz betraut bin, ja, je näher mir Personalprobleme in konfliktiven Situationen unserer Gemeinden rücken, um so deutlicher erfahre ich, dass die Kirche nach dem Konzil eine grundlegende Entscheidung getroffen hat, die auch für unser Heute grundlegend bleibt, zumal dieses Heute von veränderten Rahmenbedingungen der Kirche geprägt ist. Es ist die Entscheidung, mit der selbstverständlichen theologischen Ausbildung von Priesteramtskandidaten und dem Bemühen um ihre pastorale Befähigung, ohne die ein seelsorglicher Dienst nicht vorzustellen ist, die Verbindung von menschlicher Reifung und geistlicher Bildung als großes Lernziel zu setzen und diese beiden Wirklichkeiten nicht in zwei Teilziele auseinander zu nehmen, sondern sie miteinander zu verbinden.
Jeder, der von außen ein solches Institut wie ein Priesterseminar anschaut, wird als spontane Reaktion auf die Frage, was denn da wohl gelehrt wird, vernünftigerweise an eine gute theologische Ausbildung und die Befähigung zum pastoralen Dienst denken, wird aber, weil er sofort die gedankliche Verbindung mit einem wahrscheinlich frommen Haus herstellt, auch davon sprechen, dass man in einem solchen Hause beten lernt, ja vielleicht sogar es gar nicht lernt, sondern ständig übt und tut.
Aber das ist eben das Entscheidende: Frömmigkeit stellt sich für jemanden, der aus dem Geist Jesu Christi lebt und deshalb ein geistlicher Mensch werden will, immer inkarnatorisch dar. Gebet und Einüben in die Nachfolge sucht die jeweils konkrete Gestalt des einzelnen Menschen. Die Gnade übergeht die Natur nicht, sondern setzt sie voraus, vollendet sie. Die Gnade tut ihr Werk nicht unabhängig von der Natur.
Meines Erachtens ist dies eine der wichtigen Voraussetzungen, um das von mir eben spontan genannte Ziel zu lernen, nämlich die Menschen zu lieben. Liebe ist ein Reifungsprozess - das weiß jeder, der sie ernst nimmt, in guten menschlichen Beziehungen lebt und sie zu gestalten versucht. Wie viel mehr gilt das für denjenigen, der die Botschaft von einem die Menschen liebenden Gott zu verkünden hat, ja, der sie sogar feiert und vollzieht, wenn er in der Eucharistie vom hingegebenen Leib und vergossenen Blut kündet. Hier wird das Sprechen vom Priester als demjenigen, der in der Person Christi handelt, ganz konkret geerdet, existenziell durchformt und geprägt.
Das will gelernt sein, in einem langen und mitunter schwierigen Reifungsprozess. Dazu gehört die Bereitschaft, sich seiner eigenen Wirklichkeit, seiner Biographie, seinen Charakterzügen und all dem zu stellen, was als ungeordnet erfahren wird, zum Beispiel dem geheimen Streben nach Macht. Das Hineinwachsen in eine auch sexuell reife Persönlichkeit, die fähig ist, sich dem Herrn im Dienst an den Menschen in der ehelosen Lebensform zu schenken, ordne ich diesem Zusammenhang zu. Das Seminar als Lerngemeinschaft stellt eine große Hilfe dar, die eigene Identität zu finden und zu einer erwachsenen Persönlichkeit heranzureifen.
Im vergangenen Sommersemester haben sich unsere Seminaristen in einem umfassenden Austausch mit den Verantwortlichen hier im Haus und vielen anderen Gläubigen die Frage gestellt, wie sie noch besser diesem Reifungsziel innerhalb der Ausbildung gerecht werden können. Ich bin sehr dankbar dafür und möchte von meiner Seite aus herausstreichen, nie aufzuhören, das wertschätzende Miteinander und eine gute Feedback-Kultur zu stärken. Dazu gehört auch die Bereitschaft, im Blick auf die Anforderungen einer Gemeinschaft die eigenen Wünsche zu ordnen, Verzicht, Rücksichtnahme zu lernen, um nicht der Gefahr zu erliegen, sich Schwierigkeiten zu entziehen. Am Widerstand lässt sich besser Wachstum entfalten.
Ein Leben zu führen, das Menschen ex officio lieben will, bedeutet, das eigene Ich zu adeln angesichts der immer wieder erfahrenen Neigung, auf sich selbst fixiert zu bleiben. Wer den priesterlichen Dienst ausfüllen soll, von dem ist ein hohes Maß an Großmut, an Großherzigkeit, an Geduld, an Ausdauer und Beharrlichkeit, an Flexibilität, sich auf unterschiedliche Personen einzustellen, gefordert. Im Laufe der Jahre muss sich ein Stil herausbilden, der spüren lässt: Hier ist die menschliche Persönlichkeit gereift und so zur Form geworden, dass sich das Evangelium Jesu Christi und die Kraft Seines Geistes hat eingießen können, um zu einem glaubwürdigen Zeugnis zu werden.
In diesem Zusammenhang möchte ich ausdrücklich die Überlegungen unterstützen, die im vergangenen Sommersemester getroffen wurden, ein zusätzliches vierwöchiges Industrie- oder Betriebspraktikum einzuführen und eventuell sogar das Gemeindejahr während des Theologiestudiums einzufügen. Der konkrete Umgang mit Menschen auch außerhalb der Lerngruppe Priesterseminar trägt gerade für das Lernziel menschlicher Reifung große Möglichkeiten in sich, ja scheint mir dazu unbedingt notwendig zu sein.
Ich möchte noch auf einen Gesichtspunkt hinweisen, der sich aus der Kombination von menschlicher Reifung und geistlicher Bildung ergibt. Die Verbindung macht nämlich deutlich: Menschliche Reifung wird ebenso dadurch gefördert, dass jemand sich in die Jüngerschule Jesu begibt. Das Leben in der Nachfolge Christi zu lernen geht nicht vorbei an den menschlichen Strukturen der jeweiligen Person, sondern dringt in sie ein, fordert sie heraus, wandelt sie, gestaltet sie um und lässt sie so heranwachsen zu dem, was Paulus dann in einer sehr steilen Formulierung "den vollkommenen Menschen" nennt (Eph 4, 13). Der Apostel übrigens sieht den Weg zu diesem Ziel "Christus in seiner vollendeten Gestalt darzustellen" beziehungsweise "zu wachsen, bis wir ihn erreicht haben" (ebd. 13.15) dadurch gegeben, dass wir Ihn immer mehr erkennen, uns von der Liebe leiten lassen und an die Wahrheit halten (vgl. ebd. 4,13).
Ich erwähne das ausdrücklich, weil hier die menschliche Reifung, die geistliche Bildung und die theologische Formung ineinander verwoben sind. Auch die theologische Bildung kann nicht losgelöst von diesen beiden Zielen, einer geistlichen Ausformung und eines menschlichen Wachstums, geschehen. Die theologischen Lehren und Wahrheiten haben es an sich, bloß angeschaute Theorie und bedachte Ideenwelt zu bleiben, wenn sie sich nicht zugleich inkarnieren in die konkrete Lebensgestalt oder zumindest den Weg dahin bahnen.
Damit aber ist auch das dritte Lernziel verknüpft, nämlich die pastorale Befähigung. Je mehr jemand zu einem geistlich reifen Menschen herangewachsen ist, umso fähiger wird er sein, in der Pastoral angemessen dem Dienst am Wort, der Feier des Gottesdienstes und dem Dienst an den Menschen und für sie und mit ihnen zu begegnen.
Deshalb gehört in diesen Zusammenhang für mich unabdingbar die Fähigkeit, ein sozialer Mensch zu sein, nicht in dem Sinne, dass er immer wieder neu beweist, wie gut er die Werke der Nächstenliebe ausübt, sondern dass er als solcher jedem Individualismus wehrt und sich als gemeinschaftsfähig erweist. Zur menschlichen Reifung eines Jüngers Christi, der sich um die Klärung der Frage bemüht, ob der Herr ihn zum priesterlichen Dienst berufen hat, gehört die Fähigkeit zur Kooperation und zum Leben in einer Communio. Ja, für mich ist es geradezu eines der entscheidensten Kriterien, ob ich als Bischof im Namen der Kirche die Bereitschaft eines Menschen, Priester zu werden, annehmen kann oder nicht.
3. Klarheit über den priesterlichen Dienst
Selbstverständlich, liebe Schwestern und Brüder, kann ich viele Dinge hier nur andeuten. Jede aufgezeichnete Dimension birgt in sich wiederum neue Anfragen, die zu weiteren Ausführungen entfaltet werden könnten. Ich beschränke mich und tue das vor allen Dingen auch deshalb, weil jede Darlegung eines Bischofs über das, was er im Rahmen der Priesterausbildung als notwendig erachtet, sowohl für Ausbilder wie für Auszubildende, ob gewollt oder nicht, Druck ausübt.
Die Seminaristen werden sich fragen, ob sie je diesen Ansprüchen und Zielen gerecht werden. Jede Lektüre der Rahmenordnung für die Priesterausbildung während meiner Zeit als Verantwortlicher in der Priesterausbildung hatte oft den Effekt, dass sich Leute fragten, ob sie nicht besser die Koffer packen und direkt ausziehen sollen, weil sie diese Ziele niemals erreichen könnten. Umgekehrt werden sich die Ausbilder fragen, ob sie diesen Zielen wie den Kandidaten je gerecht werden können.
Mir geht es um einen Rahmen, besser gesagt um einen Horizont, der ermöglicht, zum Ringen mit dem Einzelnen und seiner Persönlichkeit in Distanz zu treten und zu schauen, ob bezogen auf diesen Horizont bei aller Relativität gesagt werden kann: "Das Volk und die Verantwortlichen wurden befragt, und ich bezeuge, dass sie für würdig gehalten werden."
Auf diesem Hintergrund möchte ich schließlich davon sprechen, wie wichtig es ist, sich um eine klare Theologie des priesterlichen Dienstamtes zu bemühen. Nun ist dies zweifellos eine dornige Frage, in der sehr viele Aspekte theologischer, dogmatischer, exegetischer Natur, aber auch konkreter Praxis und Erfahrung zusammenlaufen. Ich kann hier nur andeuten, ohne zu umfassenden Antworten zu kommen. Aber ich denke in diesem Zusammenhang an die Frage, wie jemand heute angesichts unserer Strukturveränderungen sich als Priester im Zusammenwirken der verschiedenen Dienste sehen und einordnen soll. Ich denke an die Herausforderungen, nicht nur in den größeren Einheiten zu wirken, sondern auch den wachsenden individualisierten Anforderungen der Menschen gerecht zu werden. Ich denke an Erfahrungen mit Priestern, die sich auf der einen Seite überfordert fühlen, weil sie ständig neuen Aufgaben gegenüberstehen, andererseits aber auch von Unterforderung sprechen, weil sie in den spezifisch priesterlichen Bereichen von Verkündigung, Sakramentenspendung und seelsorglicher Begleitung gar nicht so angefragt sind, wie sie es von ihrem Herzen her wollen. Was hilft? Ich benenne nur drei Aspekte, die mit der Klarheit des theologischen Profils zusammengehen müssen:
3.1 Hilfreich bleibt es, sehr klar die Motive zu klären, die den Einzelnen dazu bewogen haben, sich überhaupt mit der Frage der priesterlichen Berufung auseinanderzusetzen. Hier sehe ich eine wesentliche Aufgabe vor allem auch des Spirituals: In allem Auf und Ab des Alltags, des Studienbetriebs, der vielen Beschäftigungen, die ein studentisches Leben füllen können, immer wieder neu darauf hinzuweisen. Es gilt, nach der inneren Triebfeder zu suchen, die Anlass war, ins Priesterseminar einzutreten und auf diesen Beruf zuzugehen, und sie nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Unterscheidung der Geister bleibt grundlegend, damit Berufung, wenn sie denn vom Herrn her echt und rein ist, wirklich erkannt werden kann, und alle Motive, die nicht lauter sind, weil es um Macht, Ansehen, ästhetisches Gehabe geht, abgelegt oder zumindest klar angeschaut und zu einer reifen Gestalt geführt werden. Im Alltag des Lebens wird sich dann die Befähigung auswirken, die mit dem schlichten Wort zu charakterisieren ist: Stabilität.
3.2 Der andere Aspekt, den ich benennen will, betrifft die Theologie des priesterlichen Dienstamtes. Sie kann hier nur im Kern aufgezeigt werden: Beim Priestertum geht es um ein Sakrament, um das Zeichen, dass Gott, dass der Herr der Kirche ein anderer ist als wir, und dass der Priester den Menschen etwas gibt, was wir alle selbst nicht von uns aus haben und besitzen. Wir sind Zeugen dafür: Neben all den Lösungen, die die Welt für viele Fragestellungen bereithält, und über alle Lösungen hinaus gibt es Erlösung, ein Angenommensein, eine Freiheit, die wir als Menschen uns und anderen nicht geben können.
Priester sein heißt, Zeichen und Werkzeug für das von Gott Geschenkte zu sein. Das der Kirche Aufgetragene und Anvertraute ist nicht ihr Werk, sondern Gabe im voraus, gratia gratis data. Dass das immer wieder zu der unreifen Vorstellung verführen kann, die Hände in den Schoß zu legen, sich nicht anzustrengen und Gelassenheit mit Faulheit zu verwechseln, sehe ich auch. Aber hier geht es um den inneren Kern: Der Herr will mich verwenden, mich zum Werkzeug nehmen, das Größere Seiner Gabe, das Werk Seiner Liebe darzustellen und weiterzugeben. Deshalb ist das größte Werk menschlicher Reifung und theologischer Bildung das Erlernen von Demut, die dann schließlich gar nicht um sich weiß, sondern einfach da ist. Demut hat es aber mit humus zu tun - humilis kommt von humus -. Ich erinnere daran, dass "Humilitas" das Wappenwort des heiligen Karl Borromäus und übrigens auch von Papst Johannes Paul I. gewesen ist.
Mir hat in meinen Studien über das Amtsverständnis des hl. Augustinus geholfen zu sehen, dass das Amt eine relative Größe ist, relativ im Sinne einer Bezogenheit auf Christus und von Christus her für die Menschen. Deshalb ist das Amt eine Größe, die gar keine Größe darstellt, sondern klein und demütig Dienst sein will, und Dienst will gelernt sein, ist wirklich Drecksarbeit, Bodenarbeit, unbedeutend, weil ein anderer wirkt, mich benutzt und der Welt dokumentiert, dass gerade der Gekreuzigte und Auferstandene der Erlöser ist. Hier hat das Wort von der armen und dienenden Kirche seine Berechtigung, das wir immer wieder in den letzten Monaten gehört haben. Besser als das Sprechen von einer armen und dienenden Kirche ist es, sie zu sein. Dann sind wir in der Demut.
Mit diesem Kernwort unseres Dienstes könnte, wenn einer bewusst darauf zugeht und sich darin einübt, große Entlastung verbunden sein: Nicht ich tue das Entscheidende, sondern der Herr. Die zölibatäre Lebensform, und damit natürlich auch die Erziehung zu ihr, formt mich immer tiefer hinein in eine Fruchtbarkeit, die von Ihm her kommt, und die über alles menschliche Machen und Tun hinaus geht. Es ist ein lebenslanges Lernen, weil man diese Haltung niemals so erreicht, dass man sagen könnte: Ich bin demütig.
3.3 Im Blick auf die größeren Gebilde der Pfarreien kann mitunter für einen Kandidaten der Eindruck entstehen, dass er von vorn herein überfordert ist mit der Aufgabe, die später auf ihn zukommt. Vielleicht hilft ihm dabei auch nicht einmal der Blick auf diesen inneren Kern der priesterlichen Sendung und Berufung. Er sieht, dass er vielleicht sehr schnell an seine Grenzen kommt, ihm nicht die hohen Gaben einer Leitungskompetenz gegeben sind, er sich nicht unbedingt zum Manager und Verwaltungsspezialisten ausbilden lassen möchte. Das kann ein Bischof auch gar nicht von einem zukünftigen Priester als erste Aufgabe erwarten. Erst recht kann ein Bischof nicht beim Einsatz der zukünftigen Priester von jedem dasselbe erwarten. Es gilt, die unterschiedlichen Charismen der Einzelnen zu bedenken und sie nicht in eine Rangordnung einzufügen, als ob nur derjenige für die Kirche von Münster Fruchtbares bringen könne, der mit der Gabe der Leitung besonders gut umgehen kann.
Grundsätzlich gilt, dass wir nur soviel tun sollen, wie wir können. Aber es gibt ja auch noch die Kunst des Heiligen Geistes, der in die Hingabe einführt und davor bewahrt, sich selbst zu wichtig zu nehmen und damit zu überlasten. Deshalb möchte ich einen ganz wesentlichen Gesichtspunkt noch benennen, der in Zukunft in der Ausbildung mehr akzentuiert werden sollte: Wir brauchen gar nicht alles zu tun, weil wir in aller Demut und deshalb in großer Dankbarkeit auf die unterschiedlichen Charismen vieler Frauen und Männer schauen dürfen. Mit ihnen zusammen können wir das eine große Werk tun. Deshalb wird gerade von denen, die als Priester ihre eigene Sendung in der Kirche haben, zu erwarten sein, diese Charismen zu entdecken, sie zu hegen und zu fördern. Je mehr wir uns als Diener an allen, die durch die Taufe zum gemeinsamen Priestertum gerufen und deshalb zur Sendung befähigt sind, verstehen, um so dankbarer können wir sein, weil wir das Wirken des Herrn in und durch die anderen erfahren dürfen. Umso mehr werden wir uns aber auch anstrengen, das, was wir tun sollen, auch gut zu tun.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder, vielleicht denken Sie, dass an die Priesterausbildung hohe Ansprüche gesetzt werden. In der Tat - und doch dürfen wir sagen: Wer sich dem Anspruch stellt, die Menschen zu lieben, weil er von Gott geliebt ist, und ihnen zu dienen, weil er sich vom Herrn gerufen weiß, der tut, wie es Papst Benedikt XVI. in seiner Freiburger Rede gesagt hat, "das Einfachste und das Schwerste zugleich, weil es nicht mehr und nicht weniger verlangt, als sich selbst zu verschenken." Dafür lohnt es sich, eine Ausbildung auf sich zu nehmen zu einem Beruf hin, die den in der Welt präsent macht, der "als guter Hirte", um ein Bildwort des heiligen Augustinus anzuwenden, "zum Lamm wurde, damit wir in Seiner Herde von Ihm durch den Dienst der Hirten genährt werden, den Er uns in Wort und Sakrament reicht."
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und ich wünsche dem Regens ein gutes Zusammensein, eine gute Kooperation mit denen, die ihm jetzt anvertraut werden, und Ihnen, liebe Seminaristen, ein tiefes Vertrauen darin, dass der Regens sich als Erster an das hält, was ich von einem Priester erwarte: Er zeigt, dass er die Menschen liebt, weil er Gott liebt und sich von Gott geliebt weiß.
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