Dokumentiert
Beitrag von Bischof Genn im Forum beim Weltfriedenstreffen
München. Vom 11. bis 13. September 2011 fand das 25. Internationalen Weltfriedenstreffen der Gemeinschaft Sant`Egidio in München statt. - kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung des Beitrags von Bischof Felix Genn zum Thema "Die Armen als Freunde der Gläubigen" im Forum.
Liebe Schwestern und Brüder, ich freue mich sehr, heute am Gedenktag des hl. Johannes Chrysostomus zu diesem Thema einen Beitrag sagen zu können. Der hl. Johannes Chrysostomus verbindet uns auch durch die Teilnehmer auf diesem Podium, aber noch mehr durch den Geist, der dem Geist von Sant’Egidio ähnlich ist. Deshalb ist es schön, gerade heute darüber zu sprechen, dass die Armen die Freunde der Gläubigen sind.
Ich möchte mit meinem Beitrag Zeugnis geben von dem, was ich von Sant’Egidio empfangen habe. Ich habe es empfangen nicht durch Lektüre über die Gemeinschaft, sondern durch Begegnung und Zeugnis. Zunächst will ich grundsätzlich benennen, was ich als Fundament unseres Themas ansehe, indem ich kurz einen Blick in meine Biographie werfe. Ich habe nämlich die 68er Jahre erlebt, in der in sehr eindrücklicher Weise immer wieder von einem revolutionären Umbruch, ja von einer permanenten Revolution die Rede war, die zu sozialen Veränderungen und Umbrüchen führen sollte, damit den Armen und den am Rand der Gesellschaft Stehenden ein anderes Leben ermöglicht wird. Es war die Zeit, in der vom Prinzip Hoffnung aus marxistischer Sicht gesprochen wurde. Die Begriffe, die ich hier gebraucht habe, waren auch für Theologen anziehend, ließen sich aber aus Quellen speisen, die dem Geist des Christentums nicht ähnlich waren, sondern sich von ganz anderen Ideologien bestimmen ließen. Andrea Riccardi beginnt anders.
Er beginnt mit dem Leben aus dem Wort, und dieses Wort ist revolutionär, weil es eine dauernde Konversion bedeutet, und weil es Zuwendung zu allen Menschen ist und so eine Veränderung der Herzen bewirkt und somit auch Veränderung der Zustände bringen kann. Es ist ein anderer Ansatz, weil es Hoffnung gibt, die trägt, Leben spendet und nicht zerstört. Leben aus dem Wort, so habe ich erfahren, führt in die Welt und in die Tat zu den Armen. Aber sie ist nicht einfach bloß eine gute Tat, nicht ein Werk, mit dem wir Verdienste erringen können, sondern es ist eine Haltung – eine innere Haltung. Der Andere, auch der Arme und gerade der Arme, ist nicht Objekt meiner Nächstenliebe, sondern Geschenk.
Johannes Paul II. hat das in seinem Schreiben zur Jahrtausendwende in die wunderbare Formulierung gebracht: "Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet die Fähigkeit, den Bruder und die Schwester im Glauben in der tiefen Einheit des mystischen Leibes zu erkennen, d. h. es geht um ‚einen, der zu mir gehört’, damit ich seine Freuden und seine Leiden teilen, seine Wünsche erahnen und mich seiner Bedürfnisse annehmen und ihm schließlich echte, tiefe Freundschaft anbieten kann. Spiritualität der Gemeinschaft ist auch die Fähigkeit, vor allem das Positive im anderen zu sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen: Nicht nur ein Geschenk für den anderen, der es direkt empfangen hat, sondern auch ein ‚Geschenk’ für mich" (NMI 43).
Dass der andere für mich zum Geschenk wird - das zu leben ist ein besonderes Merkmal von Sant `Egidio, gerade im Kontakt und in der Begegnung mit den Armen. Die Armen werden zu Freunden und zwar in der Ferne und in der Nähe. Deshalb ist der Geist von Sant`Egidio auch weltweit, globalisierend, katholisch nicht im konfessionalistischen Sinn, sondern in der weiten und ursprünglichen Bedeutung.
Noch einmal anders gesagt: Ich schenke dem Armen nicht etwas in einer herablassenden Geste, sondern ich tue, was zu tun ist, nehme Kontakt auf und lasse mich beschenken. Ich stehe nicht oben und der Arme unten, sondern wir stehen auf derselben Ebene, ja, vielleicht muss ich mich sogar bücken, weil ich erfahre, dass der Arme viel reicher ist als ich in meinem Reichtum. Es ist letztlich die Haltung, die wir eben im Zeugnis von Ricardo De Segni erfahren haben, ein Zeugnis, das aus dem Geist des Volkes Israel spricht, dem Geist, den Jesus gelebt hat.
Aber Er hat es zugespitzt, da Er das Endgericht davon abhängig macht, dass wir, wenn wir die Hungernden speisen, die Durstenden tränken, also den Armen begegnen, Ihm begegnen, weil Er sich mit ihnen identifiziert. Die Armen werden zu unseren Freunden, weil wir darin dem Herrn selber begegnen, so wie Mutter Teresa es einmal gesagt hat: Der Leib Christi in der Eucharistie und der Leib Christi in den Armen, das ist derselbe.
Ich möchte noch ein Wort zur konkreten Praxis sagen. Wir haben in unseren Gemeinden - ich spreche hier als Bischof – in vielfältiger Weise ein Engagement für die Armen. Da ist die Tat des je Einzelnen, der einem anderen hilft, einem Bettler, einem, der in Not ist usw. Wir haben das Wirken auf der Ebene der Gemeinden für die Armen, die es dort gibt, wenn man sie denn entdeckt, und wir haben die konkrete verbandliche Arbeit im Caritasverband, in der konkreten Praxis der vielen Einrichtungen, in denen mit Kompetenz und Sachverstand gedient wird. Aber, auch wenn man allen ein Lob sagen muss – ohne Einschränkungen -, das Entscheidende ist, dass alle diese einzelnen Felder der Aktivitäten lernen, in die Haltung der Freundschaft zu den Armen zu kommen und da hineinzuwachsen. Das ist eine Haltung, die man nicht einfach besitzt und hat, sondern eine Haltung, in die man hineingehen, hineinwachsen, die man lernen muss.
In unseren Gemeinden erlebe ich oft, dass auf der einen Seite die seelsorgliche Arbeit gesehen wird, der Dienst an den Armen aber - wie in einem Outsourcing -, an den Caritasverband abgegeben wird. Ich betone immer bei meinen Besuchen in den Gemeinden, wie notwendig es ist, dass eine Gemeinde nicht sagt, für die Armen sei ja die Caritas als Verband, als Einrichtung, als Institution da. Ich fordere auf: Entdeckt selber die Armen in euren Gemeinden und seht zu, dass sie euch zu Freunden werden. Das ist nicht immer einfach, die Armen zu entdecken, einen Blick dafür zu haben, ohne sie zu beschämen, die Armen zu sehen in höchster Diskretion und ihnen zu begegnen als Freunde.
Als Bischof von Essen habe ich eine große Arbeitslosigkeit in dieser Region erlebt, gerade auch bei Jugendlichen. Jetzt bin ich in einem Bistum, in dem es kaum Arbeitslosigkeit gibt. Die Gemeinden in unserer Diözese müssen geradezu sensibilisiert werden, damit sie einen Blick für die Armen bekommen. Als ich Bischof von Essen wurde, erlebte ich vor meiner Haustür die Drogenabhängigen, gerade junge Menschen, viele Bettler. Ich habe mich gefragt: Was tust du? Ich habe dann jemanden von der Caritas um Rat gebeten, der mir gesagt hat: "Es ist völlig falsch, wenn Sie denen etwas zu essen geben, und es ist zugleich völlig richtig. Es ist falsch, weil es viele Institutionen gibt, die ihnen helfen; aber es ist völlig richtig, weil sie erleben: Der Bischof und die Kirche werden zu ihren Freunden". Da war z. B. ein junger Mann, der mit einer Ratte kam. Ich habe von Sant`Egidio gelernt: Ich muss ihn nicht direkt fragen, wie er heißt, was er tut, um ihn zu verändern, sondern ich muss ihn erst als Freund gewinnen. Dann kam ich in ein Gespräch mit ihm und habe ihm gesagt, dass ich an ihn glaube. Er hat mich dann gefragt: "Glauben sie wirklich, dass mit mir noch etwas zu machen ist? Wie kommen sie darauf?" Dann habe ich gesagt: "Aus Ihren Augen spricht ein Herz, das etwas bewirken kann. Gehen sie diesen Weg!" Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Irgendwann hat er mir einmal den Namen gesagt, und seitdem begleite ich ihn jeden Tag in der Messe mit meinem Gebet.
Ich habe auch einmal erlebt - das darf ich noch erzählen -, dass eine unserer Mitarbeiterinnen sich mit diesem Engagement so direkt nicht identifizieren konnte. Sie sagte: "Diese Bettler sind so dreckig, so schmutzig, sie sollen arbeiten." Eine andere Mitarbeiterin erwiderte ihr: "Vielleicht begegnet Ihnen in diesen Armen Jesus." Darauf antwortete sie wiederum: "Jesus ist immer sauber und hat Arbeit". Sie hat es also nicht verstanden, aber allmählich hat sie sich diesem Einsatz geöffnet und vielen geholfen.
Kurzum: Wenn die Armen zu unseren Freunden werden, wenn wir sie als unsere Freunde sehen und das als innere Haltung leben, dann erneuert sich die Kirche von unten her, sozusagen vom Boden her – Boden heißt Humus -, denn sie wird demütig, und das heißt lateinisch humilis. Selbst wenn die Kirche nicht weiß, wohin ihr Weg in Deutschland gehen wird, selbst wenn sie machen Reichtum verlieren mag, sie beginnt dann da, wo Jesus am Kreuz uns am meisten ähnlich wurde, weil Er in dieser Situation des ohnmächtigen Leidens am Boden war, der wirklich Arme geworden ist. Ich danke Ihnen.
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Text: Bischof Felix Genn
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