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30.06.2016
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Dr. Tobias Kläden (46).

Dr. Tobias Kläden (46).

Interview: Welche Perspektiven hat die Beichte?

"Das Bewusstsein wächst, für Fehler geradezustehen"

Erfurt / Bistum. Warum tun sich auch viele aktive Katholikinnen und Katholiken so schwer damit, zur Beichte zu gehen? Warum ist ein Sakrament, das zur Versöhnung einlädt, so wenig anziehend? Hat die Theologie Erklärungen parat – oder gar Wege aus der Krise? Antworten vom Theologen und Psychologen Dr. Tobias Kläden, dem stellvertretenden Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP) der Deutschen Bischofskonferenz in Erfurt.

Kirche+Leben: Wie steht es Ihrer Wahrnehmung nach um die Akzeptanz des Bußsakraments?

Dr. Tobias Kläden: Wir haben ja keine statistischen Erhebungen darüber; anders als etwa über Taufen, Erstkommunionen, Firmungen und Eheschließungen gibt die jährliche Statistik der Deutschen Bischofskonferenz keine Auskunft darüber, wie oft das Sakrament der Versöhnung gespendet wurde. Gleichwohl muss man kein Prophet sein, um zu sagen: Selbst da, wo die Beichte noch regelmäßig angeboten wird, erfährt sie keinen großen Zuspruch mehr. Allerdings sehen wir auch, dass in manchen Kreisen von kirchlich sozialisierten Jugendlichen, die zum Beispiel im Umkreis von Weltjugendtagen zu finden sind, eine neue Offenheit für das Sakrament besteht.

Kirche+Leben: Warum ist das so?

Kläden: Ich denke schon, dass viele mit dem Bußsakrament immer noch das "Abarbeiten" eines Sündenkatalogs verbinden und zudem nicht unbedingt das für Sünde halten, was von der Kirche als Sünde verstanden wird. Das gilt sicherlich vor allem für das sechste Gebot und alles, was mit Sexualität zu tun hat. Da wollen sich die Leute nicht hineinreden lassen.

Kirche+Leben: Für wie chancenreich halten Sie eine Wiederentdeckung des Sakraments, während doch allgemein häufig von Schuldvergessenheit, fehlendem Bewusstsein für Schuld, ja von einem Unschuldswahn in unserer Zeit gesprochen wird?

Kläden: Offenbar gibt es sogar gesellschaftlich einen gewissen Wandel: Es kann beispielsweise weniger nachvollzogen werden, wenn manche Straftaten wegen einer warum auch immer festzustellenden Schuldunfähigkeit des Straftäters nicht geahndet werden. Anders gesagt: Verschiedene Umstände, die womöglich Taten beeinflussen und damit die individuelle Schuld geringer erscheinen lassen, werden in der gesellschaftlichen Bewertung weniger akzeptiert. Dagegen wird die persönliche Freiheit und Verantwortung für solche Taten wieder höher bewertet. Insofern nehme ich wahr, dass das Bewusstsein dafür wächst, für eigene Fehler – aus welchen Gründen sie auch zustande kamen – auch geradestehen zu müssen. Zudem ist womöglich ein Beichtgespräch oder überhaupt ein Gespräch mit einem Priester niedrigschwelliger als der Gang zu einem Therapeuten. Sich einfach einmal mit einem Priester über sein Leben, seine eigenen Anfragen daran, seine Schwierigkeiten zu besprechen, ohne gleich in den Kontext von Erkrankung oder Therapie eintreten zu müssen – das könnte einem Bedürfnis vieler Menschen in einer komplizierter werdenden Welt entsprechen.

Kirche+Leben: Welche Anstrengungen und neuen Ansätze gibt es seitens der Theologie, das Sakrament der Versöhnung "attraktiver" zu machen?

Kläden: So sehr die Zehn Gebote sicherlich eine gute Orientierung dafür sind, sich des Verhältnisses zu seinen Nächsten, zu Gott, aber auch zu sich selbst bewusst zu werden – es sollte schon um mehr als um das Abarbeiten eines Sündenkatalogs gehen. Die Theologie versteht Sünde ja als "incurvatio", also als "Verkrümmung in sich selbst". Demgegenüber gilt es, im Sakrament der Versöhnung und auch in seiner Vermittlung stärker dem einzelnen Menschen dabei zu helfen, wieder aufgerichtet und aufrecht vor dem Nächsten, vor Gott und sich selbst stehen zu können, eine Sache wieder "ins Reine" zu bringen.

Kirche+Leben: Aber selbst Katholiken mit einem recht lebendigen Glaubensleben fragen sich: Kann ich das denn nicht selber im Gebet mit Gott ausmachen? Warum brauche ich dafür einen Priester?

Kläden: Die Seelsorgestudie, die vor einigen Monaten veröffentlicht wurde, zeigt: Selbst unter den Priestern beichten 54 Prozent nur einmal im Jahr oder weniger. Ich glaube auch nicht, dass ein "Einmal im Jahr" zwingend ist; sinnvoll ist es sicherlich, sich in bedeutsamen Lebenszeiten – das müssen nicht immer nur schwere sein – in dieser Form sich selber und Gott zu stellen. Und dann ist es schon etwas anderes, alles Belastende und Verwundete nur mit sich selber auszumachen – und sei es im persönlichen Gebet –, oder es personal einem anderen zu sagen, es hinzuhalten und dann von ihm ebenso personal auch tatsächlich Vergebung, Lossprechung zugesagt zu bekommen. Da kann sicherlich eine gewisse vorgegebene Form helfen, ohne dass es auf einen ganz bestimmten Ablauf oder einen bestimmten Ort ankommen müsste. An einer bestimmten Stelle aber dann gewissermaßen "offiziell" formuliert die Befreiung von dem Schweren zu hören – das dürfte tatsächlich heilende Wirkung haben.

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Auf zwei Seiten befasst sich die Wochenzeitung Kirche+Leben (Ausgabe vom 07.02.2016) mit dem Thema Beichte. Lesen Sie dort exklusiv, warum Pfarrer Siegfried Thesing in Havixbeck ein neues Beichtzimmer einrichtet – trotz des Rückgangs der Beichtenden. Außerdem: Welche ermutigenden Erfahrungen mit der Beichte Seelsorger bei der Wallfahrt der Bistumsregion Borken / Steinfurt nach Santiago de Compostela gemacht haben.

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