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26.05.2016
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Schwester Johanna Eichmann.

Schwester Johanna Eichmann.

Schwester Johanna schlug sich als Halbjüdin durch die NS-Zeit

"Fragt uns, wir sind die Letzten"

Dorsten. Schwester Johanna hat das linke Bein hochgelegt. "Mit 89 Jahren kommt eben die Thrombose", sagt sie und streicht das weiße Haar aus ihrem Gesicht. Die Ordensfrau erzählt mit ruhiger Stimme die Geschichte, die sie schon so oft geschildert hat. "Fragt uns, wir sind die Letzten."

Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1945, wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit. Schwester Johanna ist der Deportation und dem KZ entgangen. Dennoch hat sie den "Judenhass" in ihrer Kindheit nicht vergessen.

Sie kam im Februar 1926 als Ruth Eichmann in Recklinghausen auf die Welt. Mutter Jüdin, Vater Katholik. Sie erzählt von ihren Eltern, den "guten Zeiten". Und weil es so praktisch war, besuchte sie den katholischen Kindergarten gegenüber - als Jüdin. Die heile Welt hielt jedoch nicht lange. Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, wussten die Mitschüler schnell, dass man mit Juden nicht befreundet sein darf. "Jude, Jude" riefen sie ihr auf dem Pausenhof hinterher. "Die Jungs waren die schlimmsten." Einer stellte ihr mal ein Bein, was sie ein paar Zähne kostete. Fast jeden Tag kam sie weinend aus der Schule.

Heimlich Christin geworden

Der Judenhass wurde immer stärker. "Unser Rüthchen bleibt ein Jüdchen", hatte ihre Großmutter immer gesagt. Doch auf dem Sterbebett fleht sie die Familie an, die Kleine taufen zu lassen, "denn für die Nazis war die Taufe wichtiger als die Rasse". Wenige Wochen später wurde sie heimlich Christin. Tagsüber ging sie in den Kindergarten der Kirche, am Sabbat mit dem Großvater in die Synagoge.

Eigentlich hätte sie nach der Grundschule in das Lyzeum im Süden der Stadt gesollt. Aber der lange Schulweg wäre für die Jüdin zum Spießrutenlauf geworden. Also folgte sie einer Mitschülerin zur Ursulinenschule im nahen Dorsten. Die damalige Oberin und Direktorin kannte die getaufte Jüdin und Philosophin Edith Stein und hatte viel Verständnis für Ruth.

"Die Zeit in Dorsten war für mich eine Schutzzeit." Nur die Schwestern wussten von der jüdischen Mutter. Niemand rief ihr mehr "Jude, Jude" hinterher. Niemand stellte ihr ein Bein. In der sechsten Klasse aber änderte sich wieder alles. Die Klöster wurden verstaatlicht. Das Lyzeum bekam eine "Nazidirektorin", wie sie Eichmann nennt. Gleich am ersten Tag ließ sie die Schülerinnen auf Hitler schwören: "Wir kennen von nun an nur noch einen Weg, den Weg den uns der Führer vorgezeichnet hat." Eine "Perversion des Credos", das die katholischen Schülerinnen so gut kannten: "Wir kennen nur einen Weg und das ist Jesus Christus."

Keine Deportation

Die Direktorin setzte alles daran, dass die Schülerinnen dem Bund Deutscher Mädel (BDM) beitreten. Doch der nahm die Halbjüdin Ruth nicht auf. "Daraufhin hat die Direktorin nicht geruht, bis sie mich von der Schule verweisen konnte", sagt Eichmann. Die Mittelschule schloss sie noch ab, die Oberstufe blieb ihr verwehrt.

Als Halbjüdin wurde Ruth zwar nicht deportiert, dennoch musste sie sich einen Platz in der Nazi-Welt suchen. Aus dem Unterricht kannte sie Französisch. Also bewarb sie sich bei einer privaten Dolmetscherschule in Essen. "Dort fragte niemand nach einem Arierausweis." Später übersetzte sie in Berlin - ausgerechnet für das nationalsozialistische Deutschland. "Wir betrieben die Kommunikation zwischen Deutschland und dem besiegten Frankreich."

In Berlin erlebte sie, wie die Kriegsfronten immer näher rückten. Die Nächte verbrachte sie im Luftschutzbunker. Als russische Streitkräfte im Frühjahr 1945 die Stadt einnahmen, entging sie nur knapp einer Vergewaltigung. "Ich wollte nur noch heim", sagt Eichmann. Sie floh über Erfurt nach Recklinghausen. Dort angekommen, fand sie nur noch die Ruine ihres Elternhauses. Ihre Eltern hatten aber überlebt, die Mutter als Zwangsarbeiterin.

Die Zeit mit den Ursulinen prägte Ruth Eichmann so sehr, dass sie bei ihnen eintrat. Sie wurde Direktorin an der Schule, in der sie einst Schutz fand. Später gründete sie auch noch das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten. Jetzt ist sie eine der wenigen Zeitzeugen. "Fragt uns, wir sind die Letzten."

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  1. undefinedEhrenbürgerwürde für Schwester Johanna (02.05.2012)

Text: KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH | Foto: Johannes Bernard
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