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28.06.2016
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"Publikum wünscht schöne Bilder und große Events"

Umfrage: Wie denken Journalisten über Kirche und Religion?

Münster. Führende deutsche Journalisten halten Ideologiekritik an den christlichen Kirchen laut einer neuen Studie mehrheitlich für überholt. "Die meisten Meinungsmacher sehen eine kulturelle Renaissance der christlichen Religion – in Abgrenzung zum Islam", heißt es in der Untersuchung "Religion bei Meinungsmachern" von Wissenschaftlern des Exzellenzclusters "Religion und Politik" der Uni Münster.

Die befragten Chefredakteure und Kommentatoren betrachten nach Angaben des Exzellenzclusters das Christentum, unabhängig von ihrer eigenen Religiosität, als legitime Kraft zur Sicherung der öffentlichen Moral und der gesellschaftlichen Integration. "Negative Bewertungen von Religion gelten dagegen der ‚Fremdreligion’ des Islams, der oft mit Gewalt in Verbindung gebracht wird." Alle Befragten sehen eine beträchtliche Zunahme der öffentlichen Sichtbarkeit von Religion.

"Zivilgesellschaftliche Kraft"

Bis Ende der 1990er Jahre sei unter Journalisten und Intellektuellen eine ideologische Abwertung des Christentums "als Hemmschuh der Moderne oder als Aberglauben" verbreitet gewesen, schreiben die Autoren der Studie, die Soziologin Christel Gärtner und die Theologen und Sozialethiker Professor Karl Gabriel und Professor Hans-Richard Reuter. "Die Kirchen wurden als gesellschaftliche Randerscheinung betrachtet. Diese Haltung ist unter Meinungsmachern nicht mehr zu finden. Sie sehen die Kirchen als wesentliche zivilgesellschaftliche Kraft in einer Situation des Umbruchs."

Durch die Globalisierung, die wachsende Vielfalt der Religionen und einen radikalisierten Islam sei viel Verunsicherung entstanden, so die Wissenschaftler, auf deren Buch auch die aktuelle Ausgabe der ZEIT-Beilage "Christ und Welt" hinweist. "Aus Sicht der Journalisten können die Kirchen Orientierung geben, indem sie helfen, die eigene religiös-kulturelle Identität zu stärken". Ihre individuelle Religiosität, Weltdeutung und ihr moralisches Handeln definieren die befragten Journalisten jedoch meist in Spannung zu den institutionellen Vorgaben des kirchlich verfassten Christentums.

Religion und Gewalt

Die Autoren haben für die qualitative Studie, die im VS-Verlag in Wiesbaden erschienen ist, nicht-standardisierte, später anonymisierte Interviews mit 18 Chefredakteuren und Ressortleitern von überregionalen Printmedien sowie TV und Radio geführt. Sie befragten sie detailliert über den Nachrichtenwert von Religion, über Gründe für die Zunahme der Berichterstattung sowie über die eigenen religiösen und normativen Orientierungsmuster. Insbesondere die Bedeutung von Religion für das berufliche

Handeln von Journalisten wurde bislang kaum untersucht, heißt es in der Mitteilung. Die Daten wurden 2007 erhoben, als die medial breit vermittelte Papstwahl noch stark im Bewusstsein war, und vor Beginn des Missbrauchsskandals in der Kirche. "Die Daten können dadurch positiver ausgefallen sein, als wenn wir sie heute erheben würden", erklären die Forscher. "An den gesellschaftlichen und religionspolitischen Umständen hat sich aber wenig geändert."

Religiös motivierte Gewalt

Die befragten Journalisten sehen das Thema Religion auch im Zusammenhang mit religiös motivierter Gewalt und politischen Konflikten, wie die Befragung ergab. Daraus leiten sie einen hohen Nachrichtenwert für die Berichterstattung ab. Als Zäsur betrachten die Medienmacher die Attentate des 11. Septembers 2001. "Wenn Religion unter führenden Journalisten negativ bewertet wird, betrifft das also vornehmlich den Islam", schreiben die Autoren. Viel mediale Aufmerksamkeit erlange Religion auch durch Veränderungen im Mediensystem: "Die Chefredakteure stellen beim Publikum ein stetig wachsendes Bedürfnis nach schönen Bildern und großen Events fest. Papst Johannes Paul II. hat dieses Potenzial von Religionen für mediale Inszenierungen besonders aufgezeigt."

Die Chefredakteure messen der Religion im Mediengeschehen keine Sonderstellung bei, wie aus den Interviews hervorgeht. Vielmehr folge die Berichterstattung üblichen journalistischen Auswahlkriterien wie Neuigkeit, Nähe, Konflikt und Tragweite. Letzteres Kriterium führt der Studie zufolge dazu, dass Medien vor allem über Religion als Massenphänomen in kirchlichen Kontexten berichten, "weil Millionen von Menschen den Kirchen angehören und kirchliche Feste ihren Jahreskreis strukturieren". Der in den 1980er Jahren üblichen Berichterstattung über eine frei flottierende, nicht-institutionalisierte Religiosität, etwa über Esoterik, messen die befragten Journalisten kaum Bedeutung zu.

Religiosität der Befragten

Die persönliche Religiosität der Befragten ähnelt den Mustern, die die Journalisten für die Berichterstattung formulieren: Die neue religiöse Vielfalt mit einem großen muslimischen Bevölkerungsanteil motiviert sie, die Wurzeln der eigenen Kultur im Christentum zu suchen und sich der eigenen kulturellen Identität zu vergewissern. "Diese sehen die Meinungsmacher in einer geglückten Verbindung aus Christentum, Humanismus und Aufklärung", schreiben die Autoren. "Für eine solche Verbindung machen sie im Islam im Unterschied zum Christentum prinzipielle Hindernisse aus."

Text: göc, pd
18.05.2012

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