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07.12.2016
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Thomas Frings, Pfarrer von Heilig Kreuz Münster und Vorsitzender der Kunstkommission.

Thomas Frings, Pfarrer von Heilig Kreuz Münster und Vorsitzender der Kunstkommission.

Interview mit Pfarrer Thomas Frings, Leiter der Kunstkommission

Die Schwäche fürs Edle ist menschlich

Bistum. In der Ausstellung "Goldene Pracht" in Münster ist mittelalterliche Kunst von unschätzbarem Wert zu sehen. Wie verträgt sich der Prunk mit dem heutigen Glaubensverständnis? Pfarrer Thomas Frings, Leiter der Kunstkommission des Bistums, gibt Antworten.

Kirche+Leben: Ist es zeitgemäß, den goldenen Reichtum der Kirche heute so zu präsentieren?

Thomas Frings: Man hat gar nicht den Anspruch, zeitgemäß zu sein. Hier wird nicht Kunst aus unserer Zeit ausgestellt, sondern aus vergangenen Zeiten. Es werden Gegenstände einer anderen Epoche präsentiert, die vielleicht etwas Überzeitliches haben. Viele Ausstellungsstücke werden heute noch im normalen liturgischen Geschehen gebraucht.

Kirche+Leben: Die liturgischen Geräte kommen aus einer Zeit eines naiven Glaubensverständnisses von "Gabe und Gegengabe". Wird das heute noch verstanden?

Frings: Die Menschen heute denken doch noch genauso. In dem Denken "Ich gebe und bekomme dafür eine Gegenleistung" hat sich auch im Glauben wenig geändert. Die Menschen handeln immer noch mit Gott. Wenn jemandem ein Unglück zustößt, lautet die erste Frage: Warum ich? Was habe ich falsch gemacht? Es muss eine Ursache geben. So sind wir Menschen. Wir suchen nach einer Ursache-Wirkungs-Kette. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Kirche+Leben: Ist solche "Naivität" akzeptabel?

Frings: Es wäre wahrscheinlich unmenschlich, anders zu sein. Natürlich müssen wir in der Kirche an einem solchen Verständnis arbeiten, damit wir dort nicht stehen bleiben. Aber wir müssen auch damit leben. Denn die Kirche sind Menschen, und in ihnen ist dieser Wesenszug.

Kirche+Leben: Wie lässt sich "Goldene Pracht" in der Kirche mit Blick auf die Armut des Gottessohns rechtfertigen?

Frings: Wir essen Brot, aber wir leben vom Glanz, hat die verstorbene Lyrikerin Hilde Domin gesagt. So ist das mit dem Leben. Jede Kultur lebt davon, dass sie Phasen hat, in denen das Übermäßige einfach seinen Platz hat. Wenn Menschen noch so arm sind – sie wollen Feste feiern. Sie sparen sich diesen Glanz vom Mund ab, verschulden sich sogar. Das kann ich nicht in jedem Punkt nachvollziehen. Aber es drückt sich sehr Menschliches darin aus.

Kirche+Leben: Aber Kirche setzt sich mit Blick auf die Worte Jesu gerade für die Armen und Hungernden ein. Wie verträgt sich das?

Frings: Pracht und Feiern dürfen nicht auf Kosten der Armenfürsorge gehen. Das wäre eine falsche Entwicklung. Aber als erfahrener Pfarrer sage ich, dass diejenigen, die für die Pracht in der Kirche etwas geben, oft auch diejenigen sind, die für die Armen geben.

Kirche+Leben: Gibt es eine Obergrenze, die man einhalten sollte?

Frings: Zunächst muss man sagen, dass diese goldene Pracht im liturgischen Gerät vorhanden ist. Kein Kritiker wird auf die Idee kommen, zu sagen, der Kelch aus dem Mittelalter muss eingeschmolzen werden. Eine Gemeinde, die schon zehn solcher Kelche hat, sollte sich aber nicht noch für viel Geld ein elftes, zeitgenössisches Exemplar aus Gold erstellen lassen.

Kirche+Leben: Gilt eine solche Überlegung auch für die moderne Kunst und Ausstattung der Kirchen?

Frings: Wenn ein Mensch etwas liebt, ist es ein natürliches Empfinden, dieser Liebe einen würdigen, glanzvollen, wertschätzenden Rahmen zu geben. Wer sein Haus liebt, der pflegt, schmückt und gestaltet es. Nichts anderes gilt für uns Christen. Wir zeigen sowohl in der Kunst als auch in der Ausstattung, was uns die Liebe Gottes bedeutet, wie wir es auch in der Caritas vor Ort und in der Welt tun.

Kirche+Leben: Können Nicht-Christen das nachvollziehen?

Frings: Sie können darin erahnen, welchen Wert der Glaube für uns hat. Wenn sie erleben, dass unsere Kirchen nicht allein der Praktikabilität geschuldet sind, sondern auch Aspekten von Schönheit, dann können sie etwas von der Anziehungskraft des Glaubens nachvollziehen. Auch Nicht-Christen gehen in schöne Kirchen und Schatzkammern und erfreuen sich an der Kunst.

Kirche+Leben: Aber auch moderne Anschaffungen kosten Geld. Wie muss Maß gehalten werden?

Frings: Da hat sich in unseren Breiten einiges verändert. Eine Maßlosigkeit wie in früheren Epochen gibt es nicht mehr. Der Kölner Dom etwa wurde so groß gebaut, dass mehr Menschen hineinpassten, als damals in der Stadt lebten. Heute sind wir da anders. Es werden zwar immer noch Werte geschaffen, aber es wird Maß gehalten und geschaut, wie viele Menschen den Raum nutzen werden.

Kirche+Leben: Geht es denn immer um den materiellen Wert?

Frings: Auch da sind wir wieder Menschen. Viele lassen sich von Summen beeindrucken. Ein und dasselbe Gemälde lockt mehr Besucher in eine Ausstellung, wenn sein Preis viel höher ist. Das ist sicher eine menschliche Schwäche für das Teure. Wir schauen nach dem materiellen Wert und nicht nach der Bedeutung. Das Ah und Oh ist lauter, je höher der Preis ist. Das ist in der Kunst leider so, dass Material und künstlerische Darstellung konkurrieren. Nur: Ein Haufen voll Diamanten ist noch keine Kunst! Hören Sie mal im Kölner Dom, was viele Menschen als Erstes sagen, wenn sie über das Fenster von Richter sprechen: "Das ist der teuerste Künstler der Welt!" Er hat dieses Fenster übrigens gestiftet.

Kirche+Leben: Wo sollte sich Kunst in der Kirche "einpendeln"?

Frings: So lange Menschen die Kirche bilden, werden menschliche Schwächen ihren Platz darin finden. Wir müssen von dieser Menschlichkeit ausgehen und dürfen sie nicht ausschließen. Wenn es uns wichtig ist, auch in edlen Materialien zu zeigen, was uns das wert ist, dann können wir das tun. Aber wir müssen mit Augenmaß handeln. Kunst ist immer auch die Kunst des Weglassens und nicht des maßlosen Dazufügens.

Kirche+Leben: Was geschähe ohne Maß?

Frings: Es kommt immer etwas Künstliches dabei heraus, wenn man viel Geld und wenig Geschmack hat. Schauen Sie sich doch jene Luxus-Hotels an, die mit Marmor und Blattgold vollgestopft sind. Jedem mit nur ein bisschen Kunstempfinden wird schlecht, wenn er das sieht. Die Gefahr, dass wir durch die Kunst das uns Wichtige nicht mehr feiern, sondern verdecken würden, wäre groß. Zudem muss das Maß gehalten werden, um keine Parallelwelten zwischen Not in der Welt und Pracht in der Kirche zu schaffen.

Kirche+Leben: Warum hat dieser Anspruch gerade in der Kirche Platz?

Frings: Die Kirche muss sich die Frage deutlicher stellen als jeder andere. Aber das fängt bei jedem einzelnen Christen an. Denn wir als Menschen bilden die Kirche. Wir sollten uns nicht erst die Fragen stellen, wenn wir neuen Kirchenschmuck kaufen, sondern die gleichen Fragen stellen, wenn wir ein Auto kaufen oder eine Reise buchen. Bei der Diskussion um Kirchenausstattungen habe ich manchmal den Eindruck, dass das Thema der Solidarität mit den Armen gern delegiert wird an einen Ort, der mich weniger betrifft, als wenn ich die Solidarität in meinem Alltag leben soll. Wenn die Kirche, also ihre Mitglieder, ihren Alltag solidarischer leben, dann ist den Menschen in Not mehr geholfen als wenn an der Kirche, also am Gebäude, gespart wird. Für die Linderung der konkreten Not der Menschen in der Welt springt dabei bestimmt mehr an Hilfe heraus.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. undefinedKatalog und Film zur Ausstellung erschienen (23.03.2012)
  2. undefined"Goldene Pracht" eröffnet am Wochenende (23.02.2012)
  3. undefinedPeter Bolg arbeitet die Kunstwerke für die "Goldene Pracht" auf (24.02.2012)
  4. undefinedMittelalterliche Kunst im modernen Gewand (17.02.2012)

Mehr zum Thema im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.goldene-pracht.de

Interview: Michael Bönte | Fotos: Michael Bönte in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
15.04.2012

    1. Stifter verewigten sich auf ihren Werken
    1. Goldene Pracht: Werkstatt und Infopunkt

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