
Der Wind und die "Welle": Während das Strandgras im Nordsee-Sturm tanzt, steht die neue St.-Marien-Kirche fest in den Böen.
Freude an diesem Neubau
Raue Frische für die Seele in Schillig
Schillig. Die Bäume neigen ihre Zweige gen Südosten. Nur so halten sie der Wucht des Windes stand, der nach Kräften über die Deiche des Wangerlandes bläst. Nord-West – aus dieser Richtung bringt er häufig die salzig-schwere Seeluft der offenen Nordsee über das Wattenmeer zur Deutschen Bucht. Manchmal so stark, dass die aufgelaufene Flut nicht mehr richtig ablaufen kann und sich das nächste Hochwasser darüber setzt. Dann kriecht das Wasser nah heran an den großen Deich zwischen Horumersiel und Schillig am nördlichen Zipfel des Bistums Münster.
Nicht nur deshalb haben die Urlauber mit ihren Wohnwagen das riesige Areal des Campingplatzes, der zwischen Deich und Wasserkante liegt, in den Wintermonaten geräumt. Das Klima wäre in diesen Tagen für einen ausgedehnten Erholungsurlaub kaum einladend. Die Urlaubsorte der Umgebung schlafen ihren Winterschlaf, die Betreiber des Campingplatzes tanken Kraft für die mehr als eine Million Übernachtungen in den wärmeren Jahreszeiten.
Größe der Schöpfung
Doch das Gefühl dieses Ortes bleibt auch jetzt – voll mit jenen Eindrücken, die jeder von der Nordsee kennt: das metallische Klicken der Tampen und Drähte an Schiffen und Fahnenstangen im Wind, die grellen Schreie der Möwen, die Wolken, die hier schneller als anderswo zum weiten Horizont getrieben werden, oder der markante Geruch des Schlicks im Wattenmeer. Rau ist es hier. Und wunderbar weit: Nichts hindert den Blick hinaus in die Größe der Schöpfung Gottes. Wer hier seine Zeit findet, hat nicht nur die Chance, sich zu erholen. Er hat auch die Chance, sich berühren zu lassen. Die Seele wird aufgeraut, die Weite schafft Platz für tiefe Gedanken.
Es ist also kein Zufall, dass in einer Zeit von Kirchenschließungen und -abrissen genau hier eine neue Kirche entstanden ist: Der Neubau von St. Marien duckt sich in Wellenform hinter den Deich und lässt ihre "Wellenkämme" weit sichtbar über den Deichfirst "schwappen". Das reiche Gefühl ihrer Umgebung haben die Architekten aufgegriffen. "Mit Bildern und Metaphern, wohin man nur sieht", sagt Pfarrer Lars Bratke. Er weiß nur zu genau, für wie viele Urlauber der Weg entlang der Wasserkante nicht allein im Liegestuhl endet. Die eigene "Spiritualität der Landschaft" sei ein großes Gottesgeschenk. "Wir müssen nicht mehr viel dazu tun, wenn die Menschen hier zur Ruhe kommen." Seine kleine Kern-Gemeinde aus Wangerländern wachse dadurch in den Sommermonaten oft auf mehr als 500 Gläubige an.
Viele Bilder
Auszeit, Abstand, Ruhe – "Was früher der Sonntag war, ist für viele heute der Urlaub", sagt Bratke. Und wer sich dann von den fließend runden Linien der St.-Marien-Kirche einladen lasse, der könne genau dem Gefühl folgen, das ihn an der Wasserkante zum Nachdenken gebracht habe. "Die untergehende Sonne lässt die dunklen Steine der Fassade wie die Schuppen eines Fisches schimmern", schwärmt der 41-Jährige, der seit sechs Jahren Seelsorger in Schillig ist. Ein Bild von vielen, zu dem immer neue hinzu kämen, sagt er. Die Momentaufnahme der bewegten Wellen etwa, in der sich die Kirche zeige, habe jemanden aus der Gemeinde zum Nachdenken gebracht. "Ich kenne eigentlich keine Wellenkämme, die voneinander wegfließen", habe der gesagt. "Nur als Moses auf der Flucht aus Ägypten das Rote Meer teilte, muss es so ausgesehen haben."
Wer das Gotteshaus betritt, verliert den Kontakt zum maritimen Lebensgefühl nicht. Das etwa 250 Quadratmeter große Glasdach, das die Wellenführung aufgenommen hat und sich in der Mitte des Kirchenschiffs zur Andeutung eines Kreuzes weitet, lässt das Licht der Nordsee hinein. "Warum beim Hören von Gottes Wort nicht auch die Augen in seiner Schöpfung haben?", fragt Bratke, der den Blick auf Wolken und Meer von den Teilnehmern seiner Strand-Gottesdienste kennt. Und wer in der Kirche nach unten schaut, findet auch zu seinen Füßen Moment-Aufnahmen aus dem Meer: In den Kalkbodenplatten zeichnen sich deutlich die Einschlüsse von Muscheln und Fischen ab.
Viel gelernt
Auch Weihbischof Timmerevers hat in vielen Predigten von seiner "Freude an diesem Neubau" berichtet. Er habe nach der Entscheidung, den marode gewordenen Altbau der Kirche an gleicher Stelle durch einen Neubau zu ersetzen, "viel Geistliches von den Bauleuten und Handwerkern gelernt". Etwa bei der Diskussion über den Erhalt der Bodenplatte der alten Kirche. "Wir bauen keine neue Kirche, wenn wir nicht sicher sind, dass die Fundamente tragen", sei die Antworten der Fachkräfte gewesen. "Welch ein Bild für den Umbau unserer Kirche insgesamt", sagt Timmerervers. "Wir errichten und erreichen nichts Neues, wenn die Grundlagen dafür nicht gegeben sind."
Die Arbeiten für den festen Grund des Neubaus gestalteten sich enorm schwierig. Bei Flut stießen die Arbeiter schon nach wenigen Metern auf eine Mischung aus Grundwasser, Fließsand und Morast. Es waren 49 Grundpfeiler notwendig, die 23 Meter tief in der Erde verankert werden mussten. "Das ist mehr als die Höhe der Kirche", sagt der Weihbischof dazu. 20 Meter reicht der westliche "Wellenkamm" in die Höhe. "Wenn wir also mit unserer Kirche in die Höhe wollen, müssen wir vorher umso mehr in die Tiefe – die Höhe muss von der Tiefe getragen sein."
Leuchtturm
Viele Bilder von einem Projekt, das dem Bistum Münster die Investition von 4,7 Millionen Euro wert ist. Eine Art "Leuchtturmprojekt", weil es gegen viele Trends Altes nicht nur erhält, sondern sogar erneuert. Ohne das Alte zu vergessen. Noch ein Symbol: Das Baumaterial der abgerissenen alten Kirche wurde geschreddert und für den neuen Untergrund wiederverwendet. "Das Neue ruht und wächst auf dem Alten", sagt Timmerevers dazu.
Wenn sich Pfarrer Lars Bratke an die Orgel der neuen Kirche setzt, ist das sogar zu hören. Denn das Musikinstrument stammt aus der abgerissenen St.-Ludgerus-Kirche in Waltrop. "Sie ist also einen ähnlichen Weg gegangen wie viele Urlauber hier, von denen einen Großteil aus Nordrhein-Westfalen kommen." Die Glocken von St. Marien in Schillig stammen aus der verkauften Pauluskirche in Oldenburg.
Es ist kein architektonischer Leuchtturm, der entstanden ist – kein Protz-Bau, kein Zeigefinger Richtung Himmel, kein Signalturm. Der Funkmast ein Stück weiter den Deich herunter ist viel höher. Und auch einige Hotels am Deich messen mehr Meter als die neue St.-Marien-Kirche. Die hat eine andere Strahlkraft entwickelt. Sie spricht in vielen Details von einem Aufbruch, von einem festen Grund, von Sicherheit und Freude. Und sie zeigt mit aller Deutlichkeit, von welcher Schönheit sich die Menschen hier leiten lassen: von der Schöpfung, die gerade an diesem Fleckchen Erde eine besondere Intensität hat. St. Marien ist ein Leuchtturm. Aber keiner, der in Metern gemessen wird.
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