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23.05.2012
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Trier

Blick auf den Trierer Dom (links) und die Liebfrauenkirche.

Der Heilige Rock – Bild für die ungeteilte Christenheit

Bistums-Wallfahrt nach Trier

Seit der Heilig-Rock-Wallfahrt 1959 wird im Trierer Bistum dieses Gebet in den Gemeinden zu verschiedenen Anlässen, nicht zuletzt im Rahmen der Bitte um die Einheit der Christen gesprochen. Es ist kurz, prägnant und eingängig, sodass ich mir vorstellen könnte, Gemeinden aus unserem Bistum greifen es für die diesjährige Weltgebetsoktav auf. Vom Mittwoch (18.01.2012) bis Mittwoch (25.01.2012) wird dieses Anliegen, das von Jesus selbst stammt, im Beten der Kirche besonders akzentuiert.

Ein Grundanliegen Jesu

Im 17. Kapitel berichtet der Evangelist Johannes, dass Jesus nach dem Zusammensein mit Seinen Jüngern im Abendmahlssaal und nach der Fußwaschung, bevor Er mit ihnen zum Ölberg geht, ein intensives Gebet an Seinen Vater gerichtet hat. Darin bringt Er zum Ausdruck, worum es Ihm Zeit Seines irdischen Lebens und Wirkens gegangen ist.

Er möchte vor allem eines: dass Seine Jüngerinnen und Jünger eins sind. Diese Einheit aller, die an Ihn glauben, soll so tief sein, wie sie die Einheit zwischen Ihm und Seinem Vater ist. Wenn diese Einheit vor der Welt sichtbar wird, ist sie das eindrücklichste Zeugnis, dass die Botschaft Jesu stimmt, sodass die Menschen an Ihn glauben können.

Ausdrücklich vermerkt Jesus, dass Er nicht nur für die, die im Augenblick Seines aktuellen Betens bei Ihm sind, betet, sondern "auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben" (Joh 17, 20). Dann fährt Er fort: "Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast" (ebd. 21).

Zeugnis ist verdunkelt

Wir wissen, wie sehr diese Bitte Jesu im Lauf der Geschichte immer dringender und notwendiger geworden ist. Denn: Die Jünger sind nicht eins geblieben. Schon Paulus muss in der Auseinandersetzung mit der Gemeinde in Korinth eindrücklich mahnen: "Seid alle einmütig, und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung"  (1 Kor 1, 10). Sein pastorales Wirken zielt darauf ab, dass dieses Zeugnis der Einheit nicht verdunkelt wird.

Die Geschichte der Christenheit ist eine Geschichte auch der Spaltungen, der Zwistigkeiten und Streitereien. Besonders schmerzlich berührt die Spaltung zwischen der Ost- und der Westkirche, die sich seit dem 11. Jahrhundert nicht hat heilen lassen, und erst recht für uns hier im Westen, in Deutschland zumal, die Spaltung, die sich durch die Reformation ergeben hat. Wie sehr sind wir heute darum bemüht, diese Spaltungen zu überwinden, und wie sehr müssen wir zugleich feststellen, dass immer wieder die Gefahr besteht, dass sich auch heute neue Spaltungen bilden!

Bitte um die Einheit

Umso mehr dürfen wir es als ein Zeichen des Heiligen Geistes ansehen, dass er Frauen und Männer aus allen christlichen Kirchen und Gemeinschaften im vergangenen Jahrhundert bewegt hat, die Einheit miteinander zu suchen.

Im Blick auf die Heilig-Rock-Wallfahrt 1959, die ich noch als Kind erlebt habe, kann ich sagen: Mich hat damals schon beeindruckt, dass Papst Johannes XXIII. diese Wallfahrt in den Zusammenhang der Vorbereitungen des Zweiten Vatikanischen Konzils gestellt hat und ausdrücklich bei seiner Botschaft an die Trierer Kirche davon sprach, das Bild des Heiligen Rockes als ein Bild für die ungeteilte Christenheit zu sehen. Er bezog sich dabei auf die Theologie der Kirchenväter, die in dem ungeteilten Leibrock Christi, um den die Soldaten unter dem Kreuz gelost hatten, weil sie ihn nicht auseinander reißen wollten, ein Bild für die Einheit der Kirche gesehen ­haben.

Aus diesem Impuls des Papstes hat sich auch das Gebet entwickelt, das seither in den Gemeinden des Bistums Trier immer wieder gebetet wird. Bei der Heilig-Rock-Wallfahrt 1996, die ich mit vorbereiten durfte, habe ich es als ein besonderes Geschenk erfahren, dass Christinnen und Christen aus verschiedenen Konfessionen, Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften schon im Vorfeld der Wallfahrt in Trier einen Kongress über das Zusammenwirken in der Ökumene veran­staltet haben.

Mir steht immer noch vor Augen, wie der damalige Präses der Rheinischen Kirche, Peter Beier, bei einer Predigt im Trierer Dom sagte: "Wenn der Trierer Bischof eine Christus-Wallfahrt ausruft und einlädt, sich um den Herrn zu versammeln, dann können wir evangelische Christen nicht abseits stehen."

Zu dieser Wallfahrt versammelten sich dann auch am 30. April 1996 die verschiedenen Vertreter der christlichen Kirchen in der evangelischen Kirche Triers, um von dort gemeinsam durch die Stadt zum Dom zu gehen und am Heiligen Rock vorbeizuziehen, betend für die Einheit aller, die an Christus glauben.

Peter Beier dichtete damals ein Lied zur Wallfahrt, in dem sich die markanten Sätze finden: "Der Zwietracht deiner Christenheit setz deine Lieb entgegen, Herr Christ, und wehr dem schlimmen Streit, zieh an dein Herz, was sich entzweit, so stehen wir im Segen."

… und führe zusammen

Das kleine Gebet wendet sich an Christus als den Heiland und Erlöser. Hinter diesen schlichten Titeln und Anrufungen verbirgt sich das Bekenntnis des Glaubens: Durch seinen Tod am Kreuz ist Jesus von Nazaret zum Erlöser der Welt, zum Heiland aller Menschen geworden. Der Evangelist Johannes sieht diese Rettungstat ausdrücklich in der Einigung aller zerstreuten Gotteskinder.

Als der Hohepriester Kajaphas dem Todesbeschluss des Hohen Rates zustimmt, begründet er es mit den Worten: "Es ist besser für euch, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht" (Joh 11, 50). Der Evangelist kommentiert dieses Wort als "prophetische Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde", und fügt hinzu: "Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln" (ebd. 51-52).

Deshalb wendet sich das Trierer Christusgebet zu Recht mit der Bitte an Ihn, sich über uns und über die ganze Welt zu erbarmen, aber auch Seiner Christenheit, Seiner Kirche zu gedenken und zusammenzuführen, was getrennt ist. Es greift die Bitte auf, die Jesus selbst formuliert hat, dass alle eins seien, die an Ihn glauben, und legt sie in Seine Hände zurück, Er möge doch dafür sorgen, dass diese Einheit geschieht.

Private Zerrissenheiten

Die Weltgebetsoktav nimmt dieses Ur-Anliegen Jesu auf. Im Jahr der Heilig-Rock-Wallfahrt 2012 nach Trier könnte auch für die Gemeinden unseres Bistums Münster dieses kleine Gebet eine Konkretisierung dessen bedeuten, was wir vom Mittwoch (18.01.2012) bis Mittwoch (25.01.2012) in unseren Gottesdiensten und im persönlichen Gebet Jesus vortragen.

Es kann zugleich auch an all die Trennungen denken lassen, die es in Familien, Gemeinschaften und Gemeinden gibt. Das Motiv, dass der Herr zusammenführt, was getrennt ist, kann uns auch angesichts mancher Zerrissenheiten in unserem persönlichen Umfeld unmittelbar berühren.

Es wäre schön, wenn sich viele Gläubige aus unseren Gemeinden zur Wallfahrt vom 13. April bis zum 13. Mai nach Trier aufmachen, vor allem im Rahmen der Gruppen, die sich in der ersten Mai-Woche zusammen mit den Weihbischöfen und mir in Trier aufhalten. Herzlich lade ich ein, das Gebet "Er führe zusammen, was getrennt ist", mit mir in der Feier der Eucharistie am 5. Mai in Trier zu einem mächtigen Chor unserer Münsteraner Bistumskirche werden zu lassen.

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Text: Bischof Felix Genn | Fotos: pd in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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