
Annette Höing: Glaubensweitergabe ist nicht alleinige Aufgabe der Hauptamtlichen, sondern aller Christen.
Katechese-Referentin Höing: "Die Kunst der individuellen Begleitung"
Die meisten katholischen Kinder gehen zur Erstkommunion
Bistum. Etwa 90 Prozent der katholischen Kinder in Deutschland gehen zur Erstkommunion. Für die Pfarrgemeinden hat dies zur Folge, dass immer wieder neue Katechetinnen und Katecheten gefunden werden müssen, die sich aktiv an der Vorbereitung auf das Sakrament beteiligen.
Über neue Wege in der Sakramentenkatechese, eine stärkere Einbeziehung der Familien und die wachsenden Herausforderungen für Ehrenamtliche sprach kirchensite.de mit Annette Höing vom Referat für Katechese im Bischöflichen Generalvikariat Münster.
kirchensite.de: Das Referat Katechese im Bischöflichen Generalvikariat Münster setzt mit Blick auf die Sakramentenkatechese gegenwärtig unterschiedliche Schwerpunkte. Welche sind das?
Annette Höing: Wir bearbeiten in unserem Referat derzeit verschiedene Themenfelder. Da ist etwa die Elementarkatechese, also die Arbeit, die mit der Taufe und der Katechese im Kindergarten beginnt. Hier haben wir zuletzt vor zwei Jahren eine Handreichung publiziert. Natürlich geht es in erster Linie immer wieder darum, die Hauptamtlichen fortzubilden. Aber gerade bei der Erstkommunion sind wir zunehmend auf ehrenamtlich engagierte Kräfte angewiesen, zumeist natürlich Eltern. Deren Engagement muss wertgeschätzt und gefördert werden, damit wir auch in Zukunft in den Gemeinden unserer Diözese ein tragfähiges Netz haben.
kirchensite.de: Wo liegen derzeit die größten Schwierigkeiten?
Höing: Es gibt keine standardisierten Wege mehr, wie man Christ wird. In den 1950er Jahren gab es die christliche Biographie ohne Brüche. Heute ist das ganz anders. Alles ist individualisierter. Infolgedessen kann man in der Katechese nicht mehr mit einem Programm versuchen, alle Menschen mitzunehmen. Es geht um die Kunst der individuellen Begleitung. Manche Kinder treten bei der Erstkommunion in einen Erstkontakt mit dem Glauben, andere haben schon bestimmte Inhalte des Glaubens in den Familien kennen gelernt. Auch unter den Erwachsenen können die Erfahrungswerte massiv divergieren.
kirchensite.de: Können Sie von konkreten Entwicklungen aus den Pfarrgemeinden darüber berichten, ob das numerische Verhältnis der Kommunionkinder gegenüber den Katecheten noch ausgewogen ist?
Höing: Das ist sehr unterschiedlich. Da gibt es Fälle von Gemeinden, in denen uns eine ungeheure Aktivität begegnet. Aber allgemein betrachtet wird es immer schwieriger. Mit dem Ende der Volkskirche schrumpft auch der Anteil der aktiv an der Katechese Beteiligten. Heutige Erwachsene sind im Vergleich zu früheren Generationen schon distanzierter. Da gab es dann möglicherweise Brüche in den sozialen Netzen und der Kinderglaube trägt nicht mehr. Strikte Atheisten sind allerdings auch die Wenigsten. Etwa 90 Prozent der katholischen Kinder gehen zur Erstkommunion. Da gibt es dann aber oftmals die Erwartung: Kirche macht das schon. Die Glaubensweitergabe ist aber nicht alleinige Aufgabe der Hauptamtlichen, sondern aller Christen.
kirchensite.de: In welchem Ausmaß können Katechetinnen und Katecheten für ihre Arbeit mit Erstkommunionkindern vorbereitet werden?
Höing: Zuerst geht es darum, den Katechetinnen und Katecheten zu sagen: Ihr habt eine Geschichte mit Gott. Erzählt davon und lasst andere daran teilhaben. Es geht schließlich ganz wesentlich darum, Zeugnis abzuliefern für den Glauben. Nur wenn das den Erwachsenen gelingt, können die Kinder ein Gespür dafür bekommen, was den christlichen Glauben ausmacht. Dazu zählt natürlich auch der Gottesdienstbesuch. Die Kinder sollten die Atmosphäre eines Gottesdienstes ganz bewusst wahrnehmen können.
kirchensite.de: Welchen Dienst leistet das Bistum Münster dabei?
Höing: Wir bieten gezielt Fortbildungen an. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass die größeren Gemeinden auch neue Schwerpunksetzungen erfordern. Wir lassen uns dabei natürlich auch durch einen regen Austausch mit Modellen aus anderen deutschen Diözesen inspirieren. Die Unterschiede in den verschiedenen Gegenden Deutschlands sind bisweilen sehr groß. Wir möchten in unseren Fortbildungen und Handreichungen zeigen, dass es darum geht, dass wir eine einladende und gastfreundliche Kirche sind. Wir möchten dazu ermutigen, sich theologisch zu interessieren und dabei die eigene Biographie zu reflektieren.
kirchensite.de: Der Tübinger Theologieprofessor Albert Biesinger publiziert bereits seit dem Jahr 2005 sein Konzept der Familienkatechese, in dem insbesondere die Eltern mit in die Katechese einbezogen werden sollen. Wie sieht diese Beteiligung konkret aus?
Höing: Das Entscheidende an Biesingers Konzept ist eine sehr starke Einbeziehung der Eltern. Nach seinem Modell kann die Arbeit mit den Kindern nur fruchten, wenn die Eltern den Weg von Anfang an mitgehen. Es ist daher keine ausschließliche Kinder-Katechese, sondern eine Familienkatechese. Der Schwerpunkt für die Hauptamtlichen liegt in der Begleitung der Eltern. Biesinger erhofft sich durch dieses Modell mehr Nachhaltigkeit über die Feier der Erstkommunion hinaus. Ich bin allerdings sehr skeptisch, wie sehr dieses Modell wirklich flächendeckend funktionieren kann. Die Eltern werden über einen sehr langwierigen Zeitraum sehr stark eingespannt. Mein Eindruck ist, dass viele sich dadurch abschrecken lassen. Darüber hinaus kann man die Eltern möglicherweise auch überfordern. Viele sind selbst noch in einem Lernprozess.
kirchensite.de: Gibt es vergleichbare Ansätze im Bistum Münster?
Höing: In Sendenhorst arbeitet die Gemeinde nicht strikt nach dem Modell Biesingers, aber es handelt sich dort um ein ähnliches Konzept. Die Vorbereitung auf das Sakrament beginnt in den Familien. Drei bis sechs Familien schließen sich dann zu einer Kommuniongruppe zusammen. Unterstützt und begleitet werden die Familien von der Pastoralreferentin und einer eigens zusammengestellten Projektgruppe aktiver Gemeindemitglieder. Vor Ort sind sie sehr überzeugt von dieser Form der Sakramentenkatechese.
kirchensite.de: Welche alternativen Modelle gäbe es?
Höing: Ich denke zum Beispiel an eine Gemeinde in Gescher. Dort werden dank des großen Engagements vieler Gemeindemitglieder drei verschiedene Wege zur Vorbereitung auf die Erstkommunion angeboten, zwischen denen Eltern und Kinder wählen können. Es gibt dann zum Beispiel eine Woche von Palmsonntag bis zum Gründonnerstag mit der ganzen Familie in einem Bildungshaus. Ein solches zeitlich reduziertes Programm kann inhaltlich sehr fruchtbringend sein.
kirchensite.de: Welche Veränderungen erleben Sie ganz konkret im Bereich der Katechese in den Gemeinden mit Blick auf das vielfach postulierte Ende der Volkskirche?
Höing: Zuerst einmal wird es zusehends komplizierter Katecheten zu finden. Ferner erleben wir schon, dass das Glaubenswissen rückläufig ist. Die Erstkommunion ist für viele Familien ein Projekt mit einem Anfang und einem Abschluss. Was Bindung betrifft, erleben wir eine sehr starke Selbstbestimmung der Familien. Sie möchten selbst darüber entscheiden, welchen Grad der Kirchenbindung sie eingehen. Damit müssen wir dann aber auch wertschätzend umgehen.
kirchensite.de: Gegenwärtig sind die Strukturveränderungen in den Gemeinden in aller Munde. Welche Chancen und Gefahren sehen Sie für den Bereich der Sakramentenkatechese?
Höing: Zuerst einmal sehe ich Chancen. Große pastorale Räume bieten neue Möglichkeiten. Die Ressourcen Anderer etwa können so genutzt werden. Es gibt ja Gemeinden mit einer ganz geringen Anzahl an Erstkommunionkindern. In größeren Räumen kommen mehr Kinder zusammen. Zudem bieten größere Räume auch mehr Möglichkeiten für die inhaltliche Gestaltung der Katechese. Die Gefahr besteht natürlich vor allem darin, dass Ehrenamtliche, die verantwortlich die Katechese in einem Gemeindeteil organisieren, der keinen "eigenen" Pfarrer oder Pastoralreferenten mehr hat, allein dastehen. Für Hauptamtliche in großen pastoralen Räumen wird es eine große Herausforderung sein, die Begleitung dieser Ehrenamtlichen sicher zu stellen. Der Ausfall von Gottesdiensten kann darüber hinaus natürlich zu einem Gefühl der Heimatlosigkeit führen.
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