
Das Kreuz bleibt im Zentrum: Auf dem Zentralfriedhof in Münster.
Sich zeigen, um gefragt zu werden
Wandel der Bestattungskultur
Bistum. Die klassischen christlichen Rituale in einem Sterbefall werden von den meisten Menschen schon lange nicht mehr genutzt. Doch die Kirche hat im Umgang mit den Toten eine Ausstrahlung, die Ausdruck großer Hoffnung sein und aufmerken lassen kann.
Vielleicht sind gesellschaftliche Veränderungen nirgendwo so deutlich wahrzunehmen wie auf einem Friedhof. Der Umgang mit ihren Verstorbenen und mit ihrer Trauer galt schon immer als Indikator, was die Menschen im Leben bewegt und leitet. Was also geschieht mit unseren Toten in der jetzigen Zeit, in der das Religiöse immer weiter in den Hintergrund tritt, in der Vergänglichkeit und Sterben eher totgeschwiegen denn artikuliert werden, in der immer mehr Menschen im hiesigen Leben die Erfüllung aller Sehnsüchte suchen, weil sie nach dem Tod nichts erwarten?
"Es verändert sich rasant", sagt Ralf Hammecke. Seit etwa einem Jahr ist der ehemalige Banker Geschäftsführer der münsterschen Zentralfriedhofskommission. Ein Jahr, das ihm gezeigt hat, mit welchen Vorstellungen, Unsicherheiten und Nöten viele Angehörigen in einem Trauerfall reagieren. "Klassisch, also religiös tradiert, geschieht immer weniger", weiß der 46-Jährige, der auch Diakon an der münsterschen Stadtkirche St. Lamberti ist. Die Auseinandersetzung mit dem Tod habe im Vorfeld häufig nicht stattgefunden, christliche Rituale in der Bewältigung dieser Situation seien unbekannt. "Dann wird diese Situation schnell bedrohlich, hoffnungslos und nicht zu bewältigen."
"Wer nur auf das schaut, was wir in einem Sterbefall im Hier und Jetzt sehen, kann daran ja nur zerbrechen", sagt Hammecke. Zu sehen seien nur Verlust, Schmerz und Abschied. "Alles, was man liebt, stirbt in diesem Augenblick." Die christliche Sichtweise aber gehe weiter und schaffe im österlichen Versprechen der Auferstehung eine Dimension, die in diesem Moment Druck nehmen könne.
Hammecke treibt seither die Suche nach Möglichkeiten an, den Menschen auf den Zentralfriedhof den Zugang zu dieser Dimension wieder zu eröffnen. Was nicht leicht ist, denn der allgemeine Trend weg von der katholischen Bestattungskultur ist auch in Münster deutlich spürbar. Darauf verweisen Zahlen, die eine deutliche Entwicklung etwa zu den Urnenbestattungen oder zu kostengünstigen Gemeinschaftsgrabfeldern beschreiben. Das zeigt aber auch die steigende Zahl von Menschen, die sich für alternative Bestattungsformen entscheiden, etwa im Friedwald.
"Ich sehe manchmal mit Schrecken auf kommunale Friedhöfe anderer Großstädte", gibt Hammecke zu. Dort nähmen die anonymen Bestattungen rapide zu, die Beisetzung auf Urnenfeldern sei dort oft die Regel, die Erdbestattung die Ausnahme. "Es kommt ein Erdbohrer, der 20 Löcher macht – dann ein Friedhofsmitarbeiter mit einer Schubkarre voller Urnen." Dabei gehe es nur noch um die Technik der Entsorgung – nicht aber um die für die Würde und Trauer so wichtigen Rituale.
Auch wenn es anonyme Bestattungen auf dem ökumenischen Zentralfriedhof nicht gibt, so sind diese Extreme Belege für eine sich wandelnde Einstellung, die sich auch in Münster zeigt. "Wenn früher ein Todesfall ganz automatisch in der Familie und mit der Kirche geregelt wurde, so müssen sich die Angehörigen heute viel bewusster damit auseinander setzen."
Das bringe eine höhere Erwartungshaltung für die Gestaltung der Trauerfeierlichkeiten mit sich, weiß Hammecke. Und einen erhöhten Beratungsaufwand: "Wortgottesdienste, die musikalisch in Szene gesetzt werden, freie Grabredner oder selbst inszenierte Rituale schaffen Gesprächsbedarf."
Gerade aber in dieser Gemengelage aus Unsicherheit und kreativer Auseinandersetzung sieht Hammecke einen zentralen Auftrag für die Kirche. "Sie muss sich an diesem Wendepunkt des Lebens zeigen." Denn an diesem seien die Menschen besonders empfänglich für Glaubensinhalte. "Wir sollten dann von dem erzählen, von dem wir überzeugt sind." Wenn es gelinge, den Angehörigen mit Einfühlungsvermögen zu begegnen und Stütze zu sein, dann kämen automatisch die entscheidenden Fragen an den Christen: "Warum machst du das?" "Warum bist du so?"
Hammecke und das gesamte Team des Zentralfriedhofs sind sehr aufmerksam, um bei den Menschen, die zu ihnen kommen, nicht nur als Organisatoren des Begräbnisses, sondern auch als "christliche Botschafter" präsent zu sein. "Alle von uns, vom Gärtner bis zum Verwaltungsangestellten müssen wissen, womit sie es jeden Tag zu tun haben." Denn gerade in den kleinen Dingen sei es möglich, wichtige Akzente zu setzen. "Etwa in der würdigen Form unserer hauptamtlichen Träger im Umgang mit dem Sarg oder in der Gestaltung der Verabschiedungsräume mit christlicher Symbolik."
Um die Menschen erreichen zu können, müsse man sich in der Gestaltung von Trauerfeiern, Begräbnis und Grabpflege aber auch flexibel zeigen. "Wir dürfen da nicht streng an unseren Ritualen kleben", sagt Hammecke. "Sie können helfen, müssen aber individuell gestaltet werden." Spielraum dafür gäbe es in der christlichen Bestattungskultur zu genüge. "Texte, Musik, die Biografie des Verstorbenen – eigentlich gibt es so viele Möglichkeiten, wie es Menschen gibt."
Die Zeit auf dem Zentralfriedhof soll so zu einem Erlebnis werden, das aufhorchen lässt. Der Ort soll sich so darstellen, dass er dabei hilft, den Umgang mit dem Tod aus der verschwiegenen Ecke herauszuholen. So plant die Friedhofskommission den Bau eines Begegnungszentrums. Man folge damit einem Trend, erklärt Hammecke: "Auf dem Friedhof soll es nicht nur um Technik und Organisation gehen, sondern es soll auch ein geschützter Raum für Emotionen sein." In unmittelbarer Nähe zum "Totenacker" soll deshalb dieser Treffpunkt für die Lebenden entstehen.
Auch im Umfeld machen sich Hammecke und sein Team dafür stark, dass das Thema Tod aus der Nische geholt wird. So sind demnächst 150 Theologie-Studenten eingeladen, um Berührungsängste abzubauen. "Viele von ihnen wollen Seelsorger werden und haben doch Vorbehalte vor so einem Ort", beschreibt er eine "Entfremdung vom Tod selbst im Milieu katholischer Theologie". Weitere Informationsveranstaltungen und Aktionstage sollen helfen, Barrieren abzubauen.
"Wir wollen mit unserer Botschaft weiter tröstend ausstrahlen", sagt Hammecke. Denn die Kraft der christlichen Perspektive im Moment des Todes bleibe von allen gesellschaftlichen Entwicklungen unberührt. Das große Kreuz am Ende der langen Allee auf dem Zentralfriedhof hat er deshalb noch einmal neu bepflanzen lassen. Denn es bleibe auch in Zukunft eine "unglaublich Chance, auf einem Friedhof das Evangelium in Wort und Tat zu verkünden".
Veränderung in Zahlen:
Urnenbestattungen:
Anfang der Achtzigerjahre waren es auf dem Zentralfriedhof in Münster nur etwa fünf Prozent der Bestattungen, die mit einer Urne vorgenommen wurden. Heute liegt der Anteil bereits bei etwa 40 Prozent. In einigen Großstädten in Deutschland liegt der Anteil der Urnenbestattungen bereits bei über 80 Prozent. (mib)
Sterbefälle:
Vor 300 Jahren erlebte ein Mensch im Durchschnnitt etwa alle vier Jahre einen Sterbefall in seinem unmittelbaren familiären Umfeld. Durch den demografischen Wandel und durch medizinische Fortschritte hat sich diese Zeitspanne heute auf 16 Jahre erhöht. (mib)
Trost und Trauer:
Nach einer Erhebung der Gesellschaft für Kommunikationsforschung in Nürnberg wissen mehr als die Hälfte der Deutschen nicht, wie sie jemanden trösten sollen, der einen geliebten Menschen verloren hat. Mehr als 56 Prozent der Befragten gaben zudem an, keine Erfahrung mit "Sterben und Tod" zu haben, weil dies heutzutage fast nur in Krankenhäusern und Altenheimen stattfinde. (pd)
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
Interview mit Pfarrer Winzeler zur Bestattungskultur
VIDEO: Das Grab gibt Lebensenergie
Dossier: Tod und Trauer
Text: Michael Bönte | Fotos: Michael Bönte in
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