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20.01.2019
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Norbert Wilbertz.

Am Samstag (24.09.2011) wird Norbert Wilbertz, seit 1987 Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) im Bistum, in den Ruhestand verabschiedet.

24 Jahre Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung

Norbert Wilbertz: Der Beratung ein Gesicht gegeben

Bistum. Nach 24 Jahren wird Norbert Wilbertz als Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum am 24. September 2011 verabschiedet. Wilbertz hat tiefe Spuren hinterlassen. Seinem beharrlichen Wirken ist es zu verdanken, dass die Beratung von immer mehr Ratsuchenden in Anspruch genommen wird.

Kirche+Leben: Mit welchen Gefühlen scheiden Sie nach 24 Jahren aus dem Amt des Leiters der EFL?

Norbert Wilbertz: Mit ganz Gemischten: Da ist erst einmal die Erleichterung, die Verantwortung für eine so große Einrichtung mit 30 Beratungsstellen und 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abgeben zu können. Man wird ja nicht jünger, und so ein Unternehmen zerrt schon ganz schön an den Nerven. Da ist Wehmut und Traurigkeit, sich von so vielen lieben Menschen verabschieden zu müssen: Von den Ratsuchenden, die einem immer wieder Vertrauen entgegen brachten, von den Kolleginnen und Kollegen, den Kooperationspartnern im eigenen Bistum und in anderen Bistümern, bei den Städten und Kreisen, beim Land und auf der Bundesebene. Da ist ganz viel Dankbarkeit darüber, dass man eine privilegierte Tätigkeit so lange ausüben durfte, die sinnvoll war und bei der man sich mit zentralen Fragen der Lebensgestaltung beschäftigte; bei der man in hohem Maße das Vertrauen der Mitarbeiter und der Bistumsleitung genoss. Und da ist auch eine gehörige Portion Angst davor, was sein wird, wenn man nicht mehr so wie früher gefragt ist.

Kirche+Leben: Was waren Highlights Ihres beruflichen Lebens?

Wilbertz: Da gab es spektakuläre und eher verborgene Highlights. Zum Beispiel die Postkarte eines Paares, das von der Silberhochzeitsreise grüßte und anmerkte, ohne die Beratung wohl nicht mehr zusammenzusein, oder die Geburtsanzeige nach langer ungewollter Kinderlosigkeit. Von ganz anderer Art waren politische Erfolge wie z. B. die Überschreitung der Eine-Million-Euro-Grenze bei der kommunalen Förderung oder die uneingeschränkte Unterstützung im Diözesanrat. Andere Highlights betrafen das Erleben der Gemeinschaft der Mitarbeiter, etwa bei der Feier des 40-jährigen Jubiläums der Einrichtung oder bei den Konzerten des Eheberater-Chores.

Kirche+Leben: Inwieweit haben Sie die Entwicklung der EFL beeinflussen können?

Wilbertz: Bei meinem Dienstantritt fand ich bereits ein flächendeckendes Netz von 25 Beratungsstellen vor, das mein Vorgänger Dr. Köhne aufgebaut hatte. Mir ist es gelungen, die Städte und Kreise für eine Bezuschussung der Arbeit zu gewinnen und damit den Ausbau der Beratungsstellen voranzutreiben. Inzwischen ist die EFL-Beratung im Bistum Münster bundesweit die größte Einrichtung in diesem Beratungssegment. Es konnte die Zahl der Diplom-Psychologen erhöht werden, die Aus- und Fortbildung wurde intensiviert; in allen Bundesfachausschüssen der EFL sitzen Vertreter unserer Einrichtung; "Blickpunkt Beratung", die Fachzeitschrift des Eheberaterverbandes, wird fast ausschließlich von Münsteraner Mitarbeitern gestaltet.

Kirche+Leben: Bei welchem Thema/Aspekt haben Sie sich nicht durchsetzen können?

Wilbertz: Trotz aller Anstrengungen des Bistums um einen Ausbau des Beratungsangebotes klafft die Schere zwischen Angebot und Nachfrage immer weiter auseinander. Obwohl das Bistum in den letzten 18 Jahren der Stundenumfang verdoppelt hat, werden die Wartelisten immer länger, da sich die Nachfrage im selben Zeitraum verdreifachte. Wirksame Abhilfe erscheint nur möglich, wenn das, was die Gesellschaft gelingender Paarbeziehung verdankt, auf die politische Tagesordnung kommt und der Betrag, mit dem die öffentliche Hand das Gelingen der Paarbeziehung unterstützt, an dem gemessen wird, was die öffentlichen Haushalte jährlich als Folge des Scheiterns der Beziehungen finanzieren. Dies zu einem politischen Thema zu machen, ist uns hier und da gelungen, aber nicht in dem Maße, wie ich es mir gewünscht hätte.

Kirche+Leben: Warum haben viele Paare heute so große Schwierigkeiten, eine lebenslange Beziehung durchzuhalten?

Wilbertz: Die Ehen unserer Vorfahren waren zweifellos stabiler als heute, aber die Qualität der Paarbeziehung war keineswegs besser. Viele Ehen wurden früher insbesondere durch ethisch-religiöse Normen und wirtschaftlichen Druck zusammengehalten; Faktoren, die mit der Qualität der zwischenmenschlichen Beziehung nur wenig zu tun hatten. Heute dagegen entscheidet immer stärker der Grad der Zufriedenheit mit der Ehe über ihre Stabilität. Etwas, was auf Dauer angelegt ist, beruht heute auf einem Gefühl und damit auf etwas sehr Irritierbarem und Flüchtigem. Hinzu kommt der gesellschaftliche Gegenwind, dem Ehe und Partnerschaft heute ausgesetzt sind: Mobilität, Flexibilität, Schnelllebigkeit und Konkurrenz bestimmen weite Teile unseres gesellschaftlichen Lebens, während Ehe gerade vom Gegenteil dieser Werte lebt, vom Schenken ohne zu fragen, was ich dafür zurückerhalte, von Treue und Beständigkeit.

Kirche+Leben: Warum lohnt es sich andererseits auch heute noch, dieses Ziel anzustreben?

Wilbertz: Nach der Shell-Studie ist die Sehnsucht nach verlässlicher Paarbeziehung immer noch ungebrochen. Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, spricht von einem dreifachen Hunger der Menschen: Dem Hunger nach Struktur und Zugehörigkeit, dem Hunger nach Reiz und Abwechslung sowie nach Liebe und Zuwendung. Es hat den Anschein, als könne dieser dreifache Hunger nirgendwo so nachhaltig gestillt werden wie in der verbindlichen Paarbeziehung. Im Übrigen erhält die anschaulichste Antwort auf Ihre Frage, wer an den Segenstagen für die Ehejubilanten den Dom besucht und in die Gesichter der Jubilarinnen und Jubilare schaut. Es gibt nichts, was uns immer wieder so zu persönlicher Veränderung und Weiterentwicklung herausfordert, wie die Paarbeziehung. Das Andersartige des Partners konfrontiert uns immer wieder mit unserer eigenen Einseitigkeit und fordert uns heraus, Neues in unser Leben zu integrieren und uns auf das einzulassen, was der Andere uns vorlebt. Konflikte in der Paarbeziehung lassen sich nur lösen, wenn ich bereit bin, meinen eigenen Anteil an ihrer Entstehung zu sehen und entsprechende Verantwortung zu übernehmen. Die Paarbeziehung bringt uns in Berührung mit unseren Träumen vom Leben und lädt uns ein, dem Ungelebten Raum zu geben. Natürlich hinterlassen Krisen, Streit und Verletzungen häufig auch schmerzhafte Spuren und Narben, führen zu einem Verlust an Innigkeit und lassen die Partner im Umgang miteinander vorsichtiger sein. Aber sie geben im nachhinein der Bindung eine größere Tiefe, der Partnerschaft sozusagen ein höheres spezifischen Gewicht. Gleichzeitig bewahren sie die Paare davor, sich zum Richter über diejenigen zu machen, deren Ehe gescheitert ist!

Kirche+Leben: Nach Ihrer Ansicht lässt sich die Geburtenrate nicht allein durch finanzielle Anreize und Betreuungsangebote für Kinder beeinflussen. Sie fordern, die Qualität der Paarbeziehung in die Diskussion mit einzubeziehen.

Wilbertz: Befragt nach dem, was bei einer positiven Entscheidung zum Kinderwunsch für sie ausschlaggebend sei, verweisen 80 Prozent der in der Allensbach-Studie befragten 18- bis 44-jährigen auf die Stabilität der Paarbeziehung, während ein gesichertes Familieneinkommen nur in 60 Prozent der Fälle genannt wird und ausreichende Kinderbereuungsmöglichkeiten nur in 25 Prozent der Fälle. Der Heidelberger Soziologe Thomas Klein zeigt auf, dass ein Paar, das wenigstens zehn Jahre zusammen ist, auch heute noch zu 80 Prozent zur Gründung einer Familie bereit sind. Die Gesellschaft, die den Rückgang der Geburtenrate beklagt, muss sich fragen, ob sie nicht durch extreme Mobilitäts- und Leistungsanforderungen jungen Menschen den Aufbau stabiler Paarbeziehungen massiv erschwert und damit der Grundlage des Kinderwunsches den Boden entzieht. Wer die Geburtenrate positiv beeinflussen möchte, sollte überlegen, wie die Gesellschaft die Qualität und Stabilität der Paarbeziehung fördern könnte.

Kirche+Leben: Sind Politiker überhaupt in der Lage, diese gesellschaftliche Entwicklung zu beeinflussen?

Wilbertz: Grundsätzlich ja, wenn sie sich unvoreingenommen den Sorgen und Nöten der Menschen stellen, wie es im übrigen in Bezug auf die Eheberatung viele Politikerinnen und Politiker im Münsterland und am Niederrhein tun.

Kirche+Leben: Scheiternde Beziehungen haben Ihrer Auffassung nach nicht nur eine persönliche Tragik, sondern auch eine gesellschaftliche Dimension. Was sind die Auswirkungen?

Wilbertz: Das Scheitern der Beziehung hat seinen Preis, zu zahlen von den Betroffenen selbst, von ihren Kindern und der Gesellschaft als ganzer. So trägt die Qualität der Paarbeziehung entscheidend dazu bei, ob und in welchem Maße Kinder sich sicher und geborgen fühlen. Oft lade ich dazu ein, einmal für einen Moment die Augen zu schließen und sich an eine Szene zu erinnern, in der die Eltern sich gern hatten. Kein großes Ereignis, vielleicht nur eine kleine Geste, eine kurze Bemerkung. Auf die Frage, wie man sich damals als Kinder gefühlt habe, berichten die meisten von einem Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit. Wenn Kinder erleben, dass ihre Eltern sich mögen, fühlen sie sich unbeschwert und sie leben gern. Dies ist für die Kinder von schicksalhafter Bedeutung! Wenn die Eltern jedoch gegeneinander agieren und in der Erziehung der Kinder gleichzeitig die ungeliebten Eigenschaften des Partners bekämpfen, werden Erziehungsprobleme unlösbar. Ähnliches gilt, wenn die Eltern im "Partnerschaftskrieg" alles daran setzen, sich einseitig die Freundschaft und Solidarität der Kinder zu sichern. Darüber hinaus ist das Scheitern der Beziehung der Eltern der Hauptgrund für den Bezug der Sozialhilfe von Kindern und Jugendlichen: Lebt ein Kind im Familientyp "Ehepaar mit Kindern", beträgt das Risiko, Sozialhilfe zu beziehen drei Prozent. Lebt es in einer Alleinerziehendenfamilie, steigt das Risiko des Sozialhilfebezugs um das neunfache auf 28 Prozent. Schließlich hat die Qualität der Paarbeziehung nicht unerhebliche Folgen für unser Gesundheitswesen und seine Kosten: Die Zufriedenheit mit der Paarbeziehung korreliert in hohem mit persönlichem Wohlbefinden, Lebensfreude und Sinnerfahrung. Daher sind Auswirkungen auf die körperliche und seelische Verfassung der Betroffenen nicht weiter verwunderlich. Partnerschaftsstress hat einen nachgewiesenen Einfluss auf Herz-/Kreislauferkrankungen, Immunerkrankungen und psychische Erkrankungen wie etwa Depression. Schließlich würden die Pflegekosten ins Uferlose steigen, würde es die Pflege im Rahmen der familiäreren Solidarität nicht geben.

Kirche+Leben: Hat sich der Stellenwert der EFL-Beratung im Laufe Ihrer Tätigkeit im Bistum gewandelt?

Wilbertz: Grundsätzlich nicht, aber praktisch schon! Von Anfang an hatte die EFL-Beratung im seelsorglichen Konzept des Bistums eine große Bedeutung; mit den Jahren wuchs dann auch der finanzielle Einsatz für diese Aufgabe. Kein anderer Bereich der Seelsorge wurde in den letzten 20 Jahren so ausgebaut wie die EFL-Beratung und dementsprechend wurde das Beratungsangebot auch bei den Sparmaßnahmen der letzten Jahre ausgeklammert. Das Bistum schwimmt damit gegen den Strom. Es setzt mit seinem Engagement für die EFL-Beratung seine Finanzmittel antizyklisch ein und investiert in einen Aufgabenbereich, der immer wieder aus den Finanzierungsüberlegungen der öffentlichen Hand ausgeklammert wird. Mit dem Ausbau und Sicherung der EFL-Beratung legt das Bistum gleichzeitig ein Bekenntnis zum Wert der Ehe als der Grundlage für Familie ab. Familie erfreut sich inzwischen einer wachsenden Lobby, doch diese erstreckt sich leider nicht auf deren Grundlage, auf die Paarbeziehung. Mit dem Festhalten des Bistums an der EFL als eigener Einrichtung wird vor allem aber auch ein Drittes ins Bewusstsein gerufen: Der Wert der Verbindlichkeit. Gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist ein Bekenntnis zum Wert eines verbindlichen "Ja’s ohne Wenn und Aber" eine zentrale Botschaft.

Kirche+Leben: Warum wenden sich so viele Rat suchende Paare trotz der so genannten Krise an eine kirchliche Eheberatung?

Wilbertz: Es ist schon eine paradoxe Situation: Während derzeit viele Menschen aus verschiedensten Gründen der Kirche und ihren Angeboten den Rücken zuwenden und die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe vielfach als antiquiert zurückgewiesen wird, erlebt die von der selben Kirche angebotene EFL-Beratung bundesweit eine stetig wachsende Nachfrage. Allein in unserem Bistum erhielten im vergangenen Jahr 13.000 Ratsuchende 51.000 Beratungsstunden. Aneinandergereiht ergibt dies einen Zeitraum von 6 Jahren ununterbrochener Beratungstätigkeit rund im die Uhr. Die Nachfrage hängt mit dem wachsenden Problemdruck in der Bevölkerung zusammen, aber sicherlich auch mit dem Vertrauen, dass der hohe Stellenwert, den Kirche der Ehe beimisst, sich in der Qualität des Beratungsangebotes widerspiegelt.

Kirche+Leben: Welchen Einfluss hat ihr Beruf auf ihre eigene Ehe?

Wilbertz: Die Professionalität des Eheberaters wirkt sich auf die eigene Ehe unterschiedlich aus, und zwar so, dass positive und negative Auswirkungen einander oft aufheben. Es ist gewiss ein Vorteil, die Kommunikationsregeln zu beherrschen und darin geübt zu sein, Wünsche und Bedürfnisse bei sich und dem Gegenüber zu erspüren und zu benennen. Und wenn der Eheberater ständig dazu rät, auch den jeweils eigenen Anteil an der Entstehung des Konfliktes in den Blick zu nehmen, dann mag dies dem Eheberater bei Konflikten in der eigenen Ehe vielleicht auch leichter gelingen. Nur lässt sein Expertentum seine Ansprüche an den anderen ähnlich wachsen und verführt ihn vor allem immer wieder dazu, in die Rolle des Lehrmeisters für den Partner zu schlüpfen, und dies lässt sich der andere  in der Regel und mit Recht nicht gefallen. Im übrigen, wenn es zum Wesen der Ehe gehört, einander mit den eigenen Einseitigkeiten zu konfrontieren, von einander zu lernen und sich gegenseitig zur Veränderung und Weiterentwicklung herauszufordern, dann steht für jeden Partner immer wieder auch an, über den eigenen Schatten zu springen, und dabei hat niemand automatisch einen Vorteil, auch nicht der Psychologe.

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