
Die Piraten sind los: Die Kinder aus Dorsten genießen abenteuerliche Ferien an der Nordseeküste des Bistums.
Mit Bedacht handeln, um "Lähmungen" zu vermeiden
Sommerfreizeiten auf dem Prüfstand
Dorsten. Links bläst der Wind Wellen in das Weizenfeld, rechts tanzt der Mais in der frischen Nordseebrise. Und die jungen Kälber kommen bis zum Zaun des Freizeitheims bei Carolinensiel in Ostfriesland. Große Wiesen drumherum laden zum Toben ein, und bis zum Deich sind es nicht einmal 20 Minuten mit dem Rad. Die 50 Kinder aus St. Agatha in Dorsten sind angekommen im "Ferienlager-Feeling". Heute ist Piratentag – Augenklappen und Kopftuch inklusive.
An den Zutaten hat sich nichts geändert. Das "Feeling", das Gefühl der Ferienfreizeit, lebt immer noch vom Erlebnis der Gemeinschaft, vom bunten, fantasievollen Programm, von Freiheit und Abenteuer in der Natur. Es lebt aber auch weiterhin vor allem von den Menschen, von Beziehungen und von Zuwendung. Genau das aber musste nach den Diskussionen um die sexuelle Gewalt in katholischen Einrichtungen der vergangenen Jahre auf den Prüfstand. Es musste eine durchdachte Zurückhaltung entwickelt werden, ohne dabei das wichtige Zwischenmenschliche zu vernachlässigen.
"Es gelingt immer noch", sagt Christina Rentmeister vorweg. "Und es ist nichts verloren gegangen." Die 24-jährige Studentin der Theologie sitzt nach vielen Jahren als Betreuerin zum ersten Mal in der Lagerleitung. Gemeinsam mit Pastoralreferent Stefan Biesterfeld, der ihre Einschätzung teilt: "Es musste nichts gestrichen werden, was uns jetzt schmerzlich fehlt." Wohl habe man sich im Vorfeld genau Gedanken gemacht, wie die Brisanz dieser Diskussion gezielt thematisiert werden könne. "Um Sicherheiten zu schaffen – für Kinder, Betreuer und Eltern."
Unsicherheiten nehmen
Kern war eine Schulung zum Thema "sexualisierte Gewalt" für alle Betreuer. Ein solche, wie sie in den vergangenen Monaten von vielen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern in der katholischen Jugendarbeit im Bistum wahrgenommen wurde – allein 1500 bei der Abteilung Kinder- und Jugendseelsorge im Bischöflichen Generalvikariat Münster. Die Gruppe aus St. Agatha setzte sich drei Stunden mit einer Vertreterin des Dorstener Jugendamts zusammen. Auch um den 17- bis 20-jährigen Betreuern Unsicherheiten zu nehmen. "Die gab es durchaus", weiß Rentmeister. "Allein durch die offensive Medienberichterstattung über das Thema."
Denn ihre Fragen für diese Schulung lagen auf der Hand, wissen die beiden Leiter: "Was darf ich noch an Nähe zulassen?" "Wo muss ich Distanz wahren?" Gibt es Dinge, die ich unbedingt vermeiden muss?" Viele Fallbeispiele seien besprochen worden. Man sei in spezielle Situationen gegangen und habe mögliche Folgen diskutiert. Mit vielen Erkenntnissen, sagen die Leiter. Etwa über die unterschiedliche Wahrnehmung: "Wenn ein Kind daheim von einer unverfänglichen Situation berichtet, kann es bei den Eltern durchaus als Belästigung interpretiert werden."
Lagerleitung: Stefan Biesterfeld und Christina Rentmeister. |
Im Grund sei es darum gegangen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der solche Situationen erst gar nicht in den Verdacht kommen, falsch gemeint zu sein. "Wir haben einen zehnjährigen Jungen, der schlecht Anschluss findet", nennt Rentmeister ein Beispiel. "Er kommt deshalb sehr oft zu den Betreuern, will sich auf den Schoß setzen, will getröstet werden." Ganz verbieten könne man dem Jungen diese Zuwendung sicher nicht. Aber man könne auf diese Situation immer wieder sensibel eingehen. "Es ist zum Beispiel Thema in der abendlichen Besprechung der Betreuer.Das eigene Verhalten wird damit reflektiert, die Situation bleibt im Hinterkopf, Entwicklungen werden beobachtet." Dabei ginge es auch darum, "Eckpfeiler" zu setzen. "Wir sprechen von Dingen, die wir auf jeden Fall vermeiden sollten, weil sie die Atmosphäre in die falsche Richtung beeinflussen." Vom Programmpunkt der Lagerhochzeit hat man sich verabschiedet, die Fernsehsendung "Herzblatt" wird nicht mehr nachgespielt. "Die Kinder sollen sich selbst mit Sonnenmilch eincremen", erklärt Rentmeister weitere Maßnahmen. "Das gegenseitige Massieren des Rückens steht nicht mehr auf der Tagesordnung."
Zudem habe man sich bei der Zuteilung der Betreuer und Betreuerinnen genau Gedanken gemacht, erklärt Biesterfeld: "Etwa beim Zu-Bett-Gehen, einer sehr sensiblen und privaten Situation in den Schlafzimmern." In diesem Rückzugsbereich gehe man konsequent geschlechtergetrennt vor: "Die Betreuerinnen sind für die Mädchenzimmer zuständig, die Betreuer für die Jungen."
Bei allen Anstrengungen, die Grenzen den Kindern deutlich zu signalisieren, bliebe es in der Praxis häufig ein Abwägen, sagt Rentmeister. "Das kleine Mädchen, das zum ersten Mal Heimweh erlebt, kannst du nicht wie in der Theorie auf die andere Seite des Tisches setzen, um die Situation zu klären." Sie brauche die Umarmung, Nähe und Trost. Denn gerade auch um die emotionale Entwicklung gehe es in einem Ferienlager, weiß sie. "Die Kinder erleben hier oft eine neue Situation und entdecken dabei auch neue Gefühle." Dann sei es wichtig, angstfrei auf die Kinder zugehen zu können, Nähe zuzulassen, um danach aber wieder auf Distanz zu gehen. "Sonst wären wir gelähmt und könnten gleich daheim bleiben."
Alle Anstrengung lohne sich, sagen die beiden Lagerleiter. "Weil das Ferienlager eine einzigartige Erfahrung für die Kinder bleibt und eine Riesenchance, Kontakt zum Glauben und zur Kirche zu bekommen und zu halten."
Das glaubt man gern, wenn man die Stimmung erlebt, als es nach den Fischstäbchen zum mittäglichen "Piratenessen" zur Schatzsuche geht und der Pfarrer zu Besuch kommt, der einen Korb voll selbstgebackenem Kuchen der Mütter daheim mitbringt. Man sieht strahlende Kinderaugen – zumindest die, die nicht hinter den Augenklappen versteckt sind.
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Text: Michael Bönte | Fotos: Michael Bönte in
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