
In Erinnerungen gewühlt: Andreas van Bebber war 1991 das einzige Mal auf einem Weltjugendtag.
Mit 18 Jugendlichen vom Niederrhein in Polen
Andreas van Bebber erinnert sich an den WJT 1991
Geldern. Das waren noch Zeiten: Die Jeans der jungen Leute durfte auch mal ein Karo-Muster haben, in ihrer Hitparade fanden sich Gruppen wie "Milli Vanilli" oder ein "Dr. Alban" wieder, und der erste weltweite Internet-Browser wurde vorgestellt. Es waren die Zeiten, als der Weltjugendtag noch laufen lernte. Wirklich tiefe Fußspuren hatte er bei den vorangegangenen Treffen in Rom, Buenos Aires und Santiago de Compostela nicht hinterlassen. Das sollte 1991 anders werden: In der südpolnischen Stadt Tschenstochau warteten mehr als eine Million jugendliche Pilger auf die Festtage mit "ihrem" Papst. Johannes Paul II. kehrte mit seiner Idee der weltweiten Jugendtreffen in seine polnische Heimat zurück. Zum ersten Mal wurde der Weltjugendtag zur großen Massenveranstaltung.
Nicht so für Andreas van Bebber. Der damals 22-Jährige brach zwar in jenem Sommer auch nach Polen auf. Den Weltjugendtag aber hatte er dabei kaum im Blick. Was sicher auch an der fehlenden Medien-Präsenz des Ereignisses lag. "Man hörte kaum etwas davon." Im Angebot für die Sommerfreizeit des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) vom Niederrhein stand die Begegnung mit polnischen Jugendlichen im Vordergrund. "Da tat sich viel nach der Öffnung der Grenzen", erinnert sich der heutige Wohnheimleiter einer Behinderteneinrichtung in Geldern. "Und genau daran hatte ich Interesse."
Eine Woche wollten die 18 Teilnehmer in einem Kloster wohnen und die Umgebung erkunden. In der zweiten Woche wollten sie dann mit polnischen Jugendlichen zu Fuß nach Tschenstochau aufbrechen. "Mit Rucksack, Zelt und Luftmatratze." Das war für den begeisterten Pfadfinder genau das Richtige: "Eine kleine Gruppe, viele Begegnungen, viel Natur."
Und so fuhren sie mit zwei Kleinbussen gen Osten – Polen im Blick, den Weltjugendtag aber kaum vor Augen. "Wir wussten eigentlich gar nichts von den Hintergründen dieser Veranstaltung." Natürlich war eine Begegnung mit dem Papst auch schon damals spannend. Wie so etwas ablaufen sollte, konnte sich aber keiner vorstellen. "Viel wichtiger war uns das Gespräch mit Menschen aus Polen, Diskussionen über Glaubensthemen, die gemeinsame Feier des Glaubens."
Kritisch seien sie damals gewesen, darauf aus, Dinge des religiösen Lebens in Frage zu stellen. "Auch mal mit provokanten Aktionen in unserer Pfarrgemeinde", erinnert sich van Bebber. "Wir wollten aufrütteln, mit unseren Fragen öffentlich werden." So war das auch auf der Fahrt nach Polen. Das Transparent "Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung" wurde so oft ausgerollt, wie es ging. Und auch in der Kleidung "outete" man sich ein wenig: "Birkenstocksandalen waren in der Überzahl."
In Polen lernte man eine andere Jugend kennen. "Eher konservativ fromm", sagt van Bebber. Das sei besonders auf dem gemeinsamen Pilgerweg deutlich geworden. Nicht nur das Liedgut der polnischen Jugendlichen sei eher aus älteren Büchern gewesen, auch die Intention des Aufbruchs nach Tschenstochau war eine andere: "Sie wollten sich aus ihrem Glauben heraus quälen." Eine Woche standen jeden Tag acht Stunden Fußmarsch bei glühender Sommerhitze auf dem Programm. "Die Polen machte das ohne Trekking-Schuhe oder andere Hilfsmittel – für sie hieß Pilgern Leiden."
Morgens das Zelt abbauen und schultern, tagsüber laufen, abends das Zelt aufbauen und schlafen. An ein anderes Rahmenprogramm kann sich van Bebber nicht erinnern. "Nur an viele gute Gespräche mit den Polen, auf Englisch und mit Händen und Füßen." Und an ein persönliches Highlight: "Auf einem Rastplatz trafen wir Bischof Franz Kamphaus aus Limburg." Ein in der Jugendarbeit damals beliebter und bekannter Autor. "Ich hatte viel von ihm gelesen, an diesem Abend aber saß er plötzlich bei uns auf einem Strohballen und erzählte."
Die abendlichen Lagerplätze seien von Tag zu Tag immer voller geworden, bis schließlich das Ziel in Tschenstochau erreicht wurde. "Ein Riesenzeltplatz, aber ganz ohne Organisation oder Verpflegung – ein wenig wie Rock am Ring." Andere Nationalitäten habe man dabei aber kaum getroffen. "Es schien nur uns Deutsche und die Polen zu geben."
Am nächsten Morgen brach die kleine Gruppe dann zur Papst-Messe auf. Oder zumindest zu dem, was sie davon mitbekommen sollte. Keine Vigil, keine aufwändige Bühne, keine Licht-Show, nur "ein kleines Podest mit einem Altar irgendwo in weiter Ferne". Auch der Papst fuhr nicht durch die Menge, und die Beschallung war kaum ausreichend. So blieben andere Dinge in Erinnerung: "Der intensive Einsatz für die ganzen Hitze-Geschädigten im Sanitätszelt nebenan." Oder: "Die Bäume am Rand des großen Feldes, die wohltuend Schatten spendeten."
Natürlich blieb vom einzigen WJT, an dem van Bebber teilnahm, viel mehr bei ihm hängen. "Aber das war weniger die große zentrale Aktion als vielmehr die vielen kleinen Dinge zwischendurch." Und das ist in den Jahren danach immer so geblieben: "Ich brauche keine Million Leute, um etwas zu erleben." Das kleine Sommerlager der Pfadfinder, der Gottesdienst in der kleinen Gruppe, die Gruppenstunden in der Gemeinde sind ihm viel lieber. "Die kleine Kerze in der Hand hat für mich viel mehr Ausstrahlung als die große Lichter-Show eines WJT."
Die weitere Entwicklung der Weltjugendtage habe er deshalb auch immer skeptisch gesehen. Mit dem großen Event der heutigen Zeit könne er gar nichts anfangen. "Zu aufgebläht, zu touristisch, zu spektakulär." Auch den Personenkult um den Papst könne er nicht nachvollziehen. Der WJT in dieser Form ist für van Bebber deshalb auch "kein wirkliches Erfolgsmodell". "Nur die Teilnehmerzahlen zu sehen, wäre kurzsichtig – es geht um Nachhaltigkeit." Die Gruppe vor Ort, mit kontinuierlichen Angeboten und prägnanten Persönlichkeiten, unmittelbar ansprechbar, seien für ihn viel wichtiger. Und das weiß er aus eigener Erfahrung: "Ohne diese Arbeit in den Gemeinden und Verbänden würde ein Weltjugendtag erst gar nicht funktionieren."
Geschichte der WJT - Die bisherigen Weltjugendtage:
- 1986 in Rom (Italien)
- 1987 in Buenos Aires (Argentinien): Eine Million Teilnehmer
- 1989 in Sanita de Compostela (Spanien): 0,5 Millionen Teilnehmer
- 1991 in Tschenstochau (Polen): 1,2 Millionen Teilnehmer
- 1993 in Denver (USA): 0,6 Millionen Teilnehmer
- 1995 in Manila (Philippinen): Vier Millionen Teilnehmer
- 1997 in Paris (Frankreich): 1,1 Millionen Teilnehmer
- 2000 in Rom (Italien): Zwei Millionen Teilnehmer
- 2002 in Toronto (Kanada): 0,8 Millionen Teilnehmer
- 2005 in Köln (Deutschland): 1,2 Millionen Teilnehmer
- 2008 in Sydney (Australien): 0,45 Millionen Teilnehmer
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Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte
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