
Weihbischof Hegge: "Maria sagt ganz Ja zum Willen Gottes. Und so kommt Gott zur Welt. Und diese Sehnsucht Gottes, im Menschen zur Welt zu kommen, wiederholt sich in gewisser Weise in allen Generationen, wo Menschen sich bedingungslos Gott zur Verfügung stellen."
"Mach es wie Maria!"
Interview mit Weihbischof Hegge: Maiandachten sind beliebt
Bistum. Viele tausend Mal sind bislang die Gestaltungsvorschläge für Maiandachten im Online-Magazin kirchensite.de herunter geladen worden. Offenkundig ist gerade diese Frömmigkeitsform bei den Menschen im Bistum Münster besonders gefragt. Warum das so ist, erläutert Weihbischof Christoph Hegge im Interview mit kirchensite.de.
kirchensite.de: Herr Bischof, nach wie vor gehören Maiandachten zu den gern gepflegten Andachtsformen – nicht zuletzt in ländlichen Gemeinden. Wie erklären Sie diese Beliebtheit?
Weihbischof Christoph Hegge: Im Mai bricht die Schöpfung in aller Schönheit und Kraft auf. Der Mai ist Marienmonat, weil das, was in der Natur geschieht, ein Sinnbild für Maria ist. In ihr kündigt sich der Frühling des Heils für alle Menschen an. Die Natur steht als Symbol für die neue Schöpfung in Jesus Christus, die durch Maria aufbricht, weil sie Ja sagt zum Willen Gottes. Sie bringt den Sohn Gottes zur Welt. Dadurch kommt der Welt das Heil nah, und die Schöpfung blüht auf ganz neue Weise auf. Dafür steht der Maimonat. Intuitiv spüren das die Menschen: der Frühling der Natur – und der Frühling des Heils. Und das feiern die Gläubigen in den Maiandachten – teilweise auch in Gottes freier Natur.
kirchensite.de: Seit wann gibt es die Maiandachten?
Hegge: Die Maiandachten selbst sind eine Frömmigkeitsform, die in der Barockzeit entstanden sind und sich in unseren Breiten im 19. Jahrhundert verbreitet haben. Parallel dazu blühten auch die Wallfahrten zu den Marienwallfahrtsorten auf.
kirchensite.de: Ist diese Form der Marienverehrung eher nostalgisch bedingt oder doch auch heute eine zeitgemäße Form?
Hegge: Ich finde, dass diese Form der Marienverehrung zeitgemäß ist. Denn wir brauchen immer wieder die Erinnerung daran, was es eigentlich bedeutet, dass wir Menschen neue Schöpfung in Christus sind. Diejenige, die am nächsten dran war und ist, ist Maria. Sie zeigt uns, wie wir immer wieder neu zur Blüte unseres Lebens kommen können, indem wir ganz uneingeschränkt Ja sagen zu Gott und uns so durch ihn beschenken und bereichern lassen. Das ist nach wie vor aktuell für uns Christen. Dem Staunen über die Schönheit der Natur entspricht das Staunen über den Reichtum Gottes, der uns im Glauben geschenkt wird.
kirchensite.de: Welche Aussage steht hinter den Maiandachten?
Hegge: Maria sagt ganz Ja zum Willen Gottes. Und so kommt Gott zur Welt. Und diese Sehnsucht Gottes, im Menschen zur Welt zu kommen, wiederholt sich in gewisser Weise in allen Generationen, wo Menschen sich bedingungslos Gott zur Verfügung stellen. Die Maiandachten laden uns ein: Mach es wie Maria! Im Grunde bedeutet das, die Lebensform Mariens anzunehmen. Es geht also - mehr als die äußere Verehrung - um die Lebenshaltung, sich Gott gegenüber zu öffnen und ihn ernst zu nehmen. Es geht wirklich um den Glauben, dass Gott in unserem Leben Größeres vermag, als das, was wir uns vorstellen oder vollbringen können.
kirchensite.de: Die offenkundige Beliebtheit der Maiandachten und auch die nach wie vor hohen Pilgerzahlen stehen im Kontrast zu den sonst rückläufigen Zahlen des kirchlichen Lebens. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Hegge: Lassen Sie mich zunächst etwas zum Rückgang des kirchlichen Lebens sagen: Dies hat seine Ursache darin, dass immer weniger Menschen intensiv und ausdrücklich eine Beziehung zu Jesus Christus suchen und sie auch leben wollen. Wenn man heute Christ sein will, dann braucht es eine innere Einsicht in den Glauben. Christ kann ich heute sein, wenn ich wirklich berührt bin von der Suche nach Gott, vom lebendigen Christus. Daher sind die rückläufigen Zahlen aktiver bekennender Christen auch damit zu erklären, dass ein säkularer Geist in unserer Gesellschaft einzieht, der den Zugang zum Glauben verdunkelt.
Weihbischof Christoph Hegge. |
kirchensite.de: Aber andere Formen – etwa die Maiandachten oder Wallfahrten – boomen. Warum?
Hegge: Dies zeigt die andere Seite, die es ebenfalls in unserer Gesellschaft gibt: ein verstärktes Suchen nach klaren und starken Formen und nach glaubwürdigem Glaubenszeugnis. Da hinein gehören auch die Wallfahrten zu besonderen Gnadenorten der Muttergottes, die Wallfahrt nach Santiago de Compostela oder etwa die Weltjugendtage. Menschen suchen solche Hochorte des Glaubens auf, wo sie Gleichgesinnte treffen und ihren Glauben feiern und einander im Glauben bestärken können. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass viele Menschen in ihren Gemeinden häufig dieses existentielle Angesprochen-Sein und diese Form des Glauben-teilens oft nicht finden.
kirchensite.de: Vermitteln Maiandachten dies im Kleinen?
Hegge: Ja. Ob im Kleinen – in Bauerschaften, in Stadtteilen, in Familien – oder in Kirchen zeigen die Maiandachten: Unser Glaube braucht Beziehung. Maria führt Menschen zusammen. Die häusliche Atmosphäre oder auch die Schönheit in der Natur und das Erleben von Gemeinschaft begünstigen die Erfahrung, dass der auferstandene Christus in uns und unter uns lebendig ist.
kirchensite.de: Es gibt glühende Marienverehrer – aber auch viele, die der Verehrung der Gottesmutter skeptisch gegenüber stehen. Woran liegt das?
Hegge: In bestimmten Formen der Marienverehrung droht die Verehrung Jesu Christi aus dem Blick zu geraten. Wir verehren ja in Maria vor allen Dingen das Heilswerk Gottes, das er getan hat durch die Mitwirkung Mariens an der Menschwerdung Jesu Christi. Wir erkennen ihr Mitgehen mit Jesus auf dem Weg bis hin zum Erlösungsereignis am Kreuz und in der Auferstehung. Maria führt uns zu einer richtigen Christusverehrung. Wo dies aus dem Blick gerät, kommt es zu berechtigter Skepsis.
kirchensite.de: Was empfehlen Sie denjenigen, die Probleme mit der Marienverehrung haben?
Hegge: Ich möchte Skeptikern empfehlen, nah an den Schrifttexten zu bleiben und die biblischen Berichte über Maria zu meditieren. So lässt sich am besten ein Zugang zu Maria finden. In den Etappen des Lebens und Mitleidens Marias mit ihrem Sohn Jesus Christus, können wir auch unsere eigene Lebensbewegung wieder entdecken.
kirchensite.de: Ist Maria wichtig für den Glauben?
Hegge: Maria ist wichtig für den Glauben, weil sich ohne sie die Menschwerdung Gottes nicht hätte ereignen können. Gott hat geradezu in seiner unendlichen Liebe zu den Menschen in Maria die Menschheit herausgefordert zu einer Liebesantwort. Das zeigt die Sehnsucht Gottes: Gott möchte auf die Liebe der Menschen angewiesen sein. Er wartet auf unsere Antwort als Mensch, und ohne Maria hätte sein Heilswerk nicht stattfinden können. Maria verkörpert in ihrem Leben auf einzigartige Weise die Grundhaltung des Glaubens. Sie zeigt uns als Erste der neuen Schöpfung, wie Gott wirkt, wenn wir uns ihm ganz öffnen.
kirchensite.de: Wie halten Sie es persönlich mit der Marienverehrung?
Hegge: Mir ist das regelmäßige Rosenkranzgebet wichtig. In diesem Gebet habe ich gelernt, mich selbst und meine Anliegen - wie Maria - wirklich Gott zu überlassen und daran zu glauben, dass er meine Anliegen hört und daraus Großes machen oder sie verwandeln kann, wenn es sein Wille ist. Dabei habe ich gemerkt, dass die Mutter Jesu auch die Mutter der Jünger Jesu und so die Mutter aller Glaubenden ist. – Wichtig ist mir überdies die Wallfahrt – etwa nach Telgte oder Kevelaer, aber auch nach Eggerode in meiner Region.
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