
Für Bischof Felix Genn ist die Fastenzeit ein "Geschenk".
Bischof Felix Genn im Interview
Fastenzeit: "Nicht entgehen lassen ..."
Bistum. Ob Profitgier der Reichen oder Geiz der Normalbürger: Im Großen wie im Kleinen ist eine Änderung des Denkens notwendig. Das meint Bischof Felix im Gespräch mit Kirche+Leben zur bevorstehenden österlichen Bußzeit. Er bezeichnet sie als ein "Geschenk".
Kirche+Leben: Die Gier hat die Weltwirtschaft vor einiger Zeit in eine große Krise gestürzt. Der Dioxinskandal, der zuletzt viele Bauern in Existenznöte trieb und die Verbraucher verunsicherte, zeugt davon, dass schwarze Schafe unter den Futtermittelproduzenten keine Scheu davor haben, aus Profitgier Tiernahrung zu verunreinigen. – Eigentlich müsste der Ruf zur Mäßigung in der Fastenzeit auf offene Ohren stoßen, oder sind Sie da weniger optimistisch, Herr Bischof?
Bischof Felix Genn: Ich würde mich freuen, wenn er bei vielen auf offene Ohren stieße – nötig wäre es. Umkehr ist unbedingt angesagt angesichts einer von Profitgier strotzenden Gesellschaft, wie wir mit Blick auf solche Skandale spüren. Aber Umkehr fängt beim Einzelnen an.
Kirche+Leben: Die schier unstillbare Gier von Reichen ist das eine, eine "Geiz-ist-geil"-Mentalität vieler Normalbürger ist das andere. Unser Lebensstandard muss bezahlt werden – durch Billiglöhne hier und anderswo. Was muss sich bei den Menschen hierzulande ändern?
Genn: Ich gebe Ihnen vollkommen Recht: Es reichen nicht Parolen gegenüber irgendwelchen Konzernen. Veränderungen beginnen beim Einzelnen, zumal die Politik in der Demokratie nur begrenzte Möglichkeiten hat, weil sie auf Mehrheiten angewiesen ist. Mehrheiten entstehen aber dadurch, dass sich im Bewusstsein der Menschen etwas ändert, damit auch Politiker etwas tun können. Darum ist es gut, dass uns die Kirche Jahr für Jahr das Geschenk der Fastenzeit macht. So kann jeder Einzelne für sich prüfen: Wo fange ich an, meinen Lebensstil zu ändern?
Kirche+Leben: Haben Sie ein praktisches Beispiel?
Genn: Jeder stelle sich die Fragen nach seinem Umgang mit der Schöpfung.
Kirche+Leben: Es geht also um die Frage des konkreten persönlichen Lebensstils?
Genn: Genau. Es geht noch weiter. Die Frage, die sich jeder in der Fastenzeit stellen kann, ist folgende: Wovon bin ich abhängig? Ein Beispiel: Kann ich eigentlich ohne Handy leben? Das könnten sich etwa Jugendliche fragen.
Kirche+Leben: Die christliche Botschaft zur Fastenzeit meint aber nicht nur eine Freiheit von etwas, sondern auch eine Freiheit für etwas. Jesu Botschaft beginnt mit dem Aufruf zur Umkehr (Mk 1,15). Im Griechischen steht dafür das Wort "Metanoia" und meint "Umdenken" und "Sinnesänderung". Wo setzt Jesus an, wenn er seine Predigttätigkeit mit dieser Forderung beginnt?
Genn: Ich finde es bemerkenswert, dass Jesus seine Predigttätigkeit beginnt mit den Worten "Kehrt um!". Dieses "Kehrt um!" meint eine wirkliche Änderung des Denkens und des Sinnes. Dies bedeutet: Ist Gott in meinem Leben eine Realität, oder ist er nur ein Etikett? Darf er so in mein Leben eingreifen, dass ich ihm zutraue, dass er mir nichts nimmt, sondern der Förderer meines Lebens ist? Glaube ich wirklich, dass er auch mit seinen Geboten Einfluss haben darf auf meinen Lebensstil: auf Essen, Trinken, Besitz, auch auf meine Sexualität? Glaube ich, dass Gott meinem Leben nichts nimmt? Diese Sinnesänderung ist als Erstes nötig. Es geht also nicht nur um die Frage von Abhängigkeiten, sondern um die Offenheit für die Herrschaft Gottes, die mir eine viel größere Freiheit schenkt.
Kirche+Leben: Warum ist die Ausrichtung auf das Reich Gottes auch heute erforderlich?
Genn: Weil ich glaube, dass – salopp gesagt – einzig und allein das Reich Gottes es bringt, weil einzig und allein das Reich Gottes den Menschen wirklich zur Freiheit verhilft. Wie gesagt: Gott nimmt meinem Leben nichts, deswegen habe ich nicht weniger Lebensfreude und deswegen kann ich schöne Dinge wie ein Glas Wein auch genießen. Die Bibel sagt uns, das Reich Gottes ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Dann werden die Dinge dieser Welt ein anderes Gesicht bekommen, weil ich nämlich merke: Ich kann sie in Freiheit genießen und gebrauchen, ohne dass dies abhängig macht oder den anderen zerstört.
Kirche+Leben: Ist der Verweis auf die göttliche Wirklichkeit nicht eine ungeheure Provokation in der heutigen gottvergessenen Welt?
Genn: Aber eine nötige Provokation! Wenn die Welt Gott vergisst, dann hat sie auch keinen letzten Sinn mehr für das, was dem Menschen dient. Dann ist mir der Mensch egal, der für einen Hungerlohn meine Kleidung fertigen muss.
Kirche+Leben: Gerade zum Ende der österlichen Bußzeit kommen mit der Passion Christi auch das Leiden und Sterben in den Blick. Das will so gar nicht in das Bewusstsein der nach Perfektion strebenden Gesellschaft passen. Warum ist es dennoch heute notwendig?
Genn: Auf zwei Dinge möchte ich in diesem Zusammenhang hinweisen: Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten davon entfernt, ein Vollkommenheits-Ideal aufzuzeigen. Zugleich stellen wir fest, dass unsere Gesellschaft hingegen großen Wert auf höchste Perfektion legt. Da stimmt doch etwas nicht. Dieser Wunsch nach Perfektion befördert einen Leistungsdruck, den etwa auch Schüler und Lehrer empfinden. Genauso ist es vielfach im Arbeitsleben: Der Druck wird immer größer und macht Menschen kaputt.
Kirche+Leben: Leiden und Tod haben bei dieser Auffassung keinen Platz mehr?
Genn: Eine Gesellschaft, die sich nicht wirklich mit Sterben und Tod auseinander setzt, wird auf Dauer aus diesem Perfektionsstreben heraus den Sterbenden keine Chance mehr geben, sondern sie in der Logik dieses Denkens entsorgen. Darüber hinaus wird alles, was behindert ist, was schwach ist, als Belastung bewertet und als Schadensfall deklariert. Dabei ist eine Gesellschaft wirklich stark, wenn sie auch mit Leiden und Sterben menschenwürdig umgehen kann ...
Bischof Felix Genn bei der Karfreitagsliturgie im Paulusdom. |
Kirche+Leben: … und dies nicht an Experten delegiert.
Genn: Es gibt das Entsorgen der Toten durch die Anonymisierung einer Leistungsgesellschaft. Mir erzählte ein Priester aus dem Ruhrgebiet, er sei von einem Mann angerufen worden: Der Mann sagte ihm, er habe gehört, seine Mutter sei gestorben, deshalb solle der Geistliche ihm die Rechnung schicken. Aber es geht auch anders: Das lässt sich heute noch am Leben im Münsterland, am Niederrhein und im Oldenburger Land erleben. Die Strukturen, die Familien und Nachbarschaften tragen die Trauernden. Es ist im Leid niemand allein. – So kann die Erinnerung an Jesu Leiden und Sterben auch hier eine Anfrage an unser Bewusstsein und unseren persönlichen Umgang mit diesen Fragen sein.
Kirche+Leben: Wie Sie bereits sagten, wiederholt sich der Ruf zur Umkehr alljährlich. Warum muss sich auch der "fromme Christ" immer wieder der Umkehr stellen?
Genn: Wer sich selbst kennt, der weiß, wie viel Egoismus in ihm lebt – Eitelkeit, Neid, Ehrgeiz, Gier, Missgunst, Misstrauen, falsch gesteuerte Aggressivität. Man kann eigentlich nie damit aufhören, umzukehren.
Kirche+Leben: Der heilige Ignatius empfiehlt in seinem Exerzitienbuch, den "Geistlichen Übungen", die Haltung der "Indifferenz". Was meint der Begriff, und wie kann er in der Fastenzeit helfen?
Genn: Das ist ein schwieriger Begriff. Es geht bei der Haltung der Indifferenz nicht darum, dass mir alles egal ist; es geht nicht um Gleichgültigkeit. Die Haltung der Indifferenz erwächst aus dem inneren Vertrauen: Gott, du bist der Einzige, der mein Leben überblickt und der deshalb am besten weiß, was für mich gut ist. Darum soll man sich allem gegenüber so verhalten, dass man auch mit dem Gegenteil leben könnte, weil ohnehin nur entscheidend ist, dass man Gott sein Leben anvertraut. Das ist eine enorme Provokation. Es geht um eine innere Unabhängigkeit, weil nur Gott entscheidend ist. Auch dies könnte man in der Fastenzeit probieren.
Kirche+Leben: Es geht also um das Festmachen in Gott?
Genn: Letzten Endes geht es um das tiefste Vertrauen: Ich kann mich Gott völlig überlassen, ich falle nicht durch. Das muss man ein Leben lang lernen, und dafür ist das Kirchenjahr und natürlich auch die Fastenzeit eine großartige Hilfe. Die sollte man sich nicht entgehen lassen.
Kirche+Leben: Wie kann der Mensch zu dieser Haltung kommen?
Genn: Relativ einfach ist ein erster Schritt: Wenn jemand bereit wäre, von seiner Zeit eine Viertelstunde abzuzweigen, die er vor dem Fernsehen unnötig verbringt, weil er herumzappt, oder während er ziellos im Internet surft. Diese Zeit könnte er nutzen, um morgens und abends zu beten – das wäre ein guter Schritt. Und ist es wirklich eine Überforderung, sich einmal in der Woche eine Stunde Zeit für den Sonntagsgottesdienst zu gönnen? Dem Alltag diese Struktur zu geben und sich auf Gott auszurichten – auch dazu lädt die Fastenzeit uns ein.
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